Buchkritik

Idiopathie. Ein Roman über Liebe, Narzissmus und kranke Kühe

Von Ruthard Stäblein

Es gibt Sympathie und es gibt Antipathie. Und es gibt auch Idiopathie. Ist das ein Leiden von Idioten oder ein Mitleid mit Idioten? – Jedenfalls steckt in diesem griechischen Idio unser Idiot. Das ist einer, der nur sich selbst kennt und nichts Fremdes; also ein Unwissender, ein Schwachsinniger. Aber auch einer, der an sich selbst leidet. Und um solche Personen dreht sich der Roman von Sam Byers. Um Mittdreißiger, die keinen rechten Weg zu anderen Menschen finden, sondern nur um sich selbst kreisen.

Als medizinische Diagnose ist Idiopathie eine Krankheit, die spontan entsteht, deren Ursache unbekannt ist. Im Untertitel und am Ende des Romans tauchen kranke Kühe auf.

Nicht nur in England denkt man dabei an BSE, an Rinderwahn. Man vermutet als Ursache, dass Rinder statt mit körperfremdem Heu mit Ersatzfutter aus tierischem Eiweiß gemästet werden. Auch die Figuren im Roman von Byes schmoren gleichsam im eigenen Fett. Die Generation der Mittdreißiger, die der 33-jährige englische Autor beschreibt, erkrankt an sich selbst.

Da ist die überempfindliche Katherine, eine Art Klapperschlange, die, sobald sich ihr Freund nur rührt, sofort in Angriffsstellung übergeht. Sie analysiert und kritisiert die kleinsten Eigenheiten, aus ihrer Sicht also Fehler des Freundes. Sie bringt ihn zur Weißglut. Er zieht sich genervt in sich selbst zurück. Die Beziehung geht auseinander.

Der dritte im Bunde, Nathan, ein Einzelkind, wird von der Liebe seiner Eltern erdrückt, hasst die Eltern und sich selbst, findet sich hässlich. Sehnt sich nach Anerkennung. Nur einmal wäre es fast zu einer Begegnung gekommen, mit Katherine. Das geht schief. Er versucht Hand an sich zu legen. Landet in der Psychiatrie. Die eigene Mutter beutet die Krankheit von Nathan für ein Buch aus. Als Nathan nach einem Jahr entlassen wird, wollen sich die Drei treffen.

Sam Byers erzählt aus einer distanzierten Außenperspektive wie dieses Treffen in der Wohnung von Daniel vonstatten geht.

Daniel hat eine neue Freundin gefunden, das Gegenbild der alten. Angelica ist dozil, putzt die Wohnung, zeigt Verständnis. Das scheint dem Ruhebedürfnis von Daniel entgegen zu kommen. Aber irgendwie sehnt er sich nach der alten Nervensäge zurück. Da war das Leben noch spannend.

In Norwich, im mittelenglischen Osten. Die die trinken und nehmen Drogen, fallen in die alten Beziehungsfallen zurück, öden sich an, die Spannung steigt, aber die Konflikte werden nicht gelöst.

Die Diagnose des distanzierten Beobachters und Autors Sam Byers lautet: Selbstmitleid, Narzissmus.

Die Diagnose ist alt, sicher. Aber wie sie Sam Byers umschreibt, ist neu und originell. Und v.a. gesalzen mit sarkastischem Humor. Ein Beispiel. Ausgerechnet die hyperkritische Katherine hat sich in ihrer Firma Keith geangelt, einen sexsüchtigen Aufreißer. Sie wird von ihm schwanger. Beim Treffen mit ihren alten Freunden in Daniels Wohnung ruft nun dieser Keith die schwangere Katherine an. Er erzählt ihr, wie er gerade im Fernsehen Bilder über die Ausbreitung von BSE in England sieht. Beim Anblick der kranken Kühe überkommt ihn eine Sinnkrise. Er will sein Leben ändern, eine Familie gründen. Mit Katherine. Die sitzt mit dem Handy auf der Toilette, die die neue Freundin von Ex-Liebhaber Daniel so beneidenswert sauber geputzt hat und sie antwortet ihm: „Ich will das Kind nicht.“ – Das ist bitterer Humor und die Pille, die Sam Byers seinen Lesern verabreicht. Es kommt in diesem Roman „Idiopathie“ zu weiteren Szenen mit anders verrückten Kühen. Wie z.B. eine kranke BSE- Kuh gerettet werden soll, das will ich aber nicht verraten, sondern zur Lektüre empfehlen.

Mir hat Idiopathie von Sam Byers sehr gut gefallen. Ich habe mich beim Lesen amüsiert. Witzige Dialoge, aberwitzige Begegnungen, präzise, detaillierte Beobachtungen einer englischen Krankheit, die nicht nur Mittdreißiger in der ostenglischen Provinz befallen hat. Eine Seuche, die nur das Spiegelbild und der Humor bannen können.

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erstellt am 17.6.2013

Sam Byers: Idiopathie

Sam Byers
Idiopathie
Ein Roman über Liebe, Narzissmus und kranke Kühe
Gebunden
ISBN: 978-3608501285
Tropen bei Klett-Cotta, Stuttgart 2013

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