Alle zwei Jahre – während der Biennale – wird Venedig zum Zentrum der Kunstwelt. Eine große Anzahl von Länderpavillons unterschiedlicher Qualität ist zu besichtigen. Überdies gibt es eine thematische Hauptausstellung. Diesmal von Massimiliano Gioni kuratiert, steht die Biennale unter dem Motto »Der enzyklopädische Palast«. Thomas Rothschild hat sich die 55. Ausgabe der Weltkunstschau in Venedig angesehen.

Kunst-Biennale

Die Reviere der Kuratoren

Allerlei Brimborium und gelegentlich auch Kunst bei der Biennale in Venedig

Von Thomas Rothschild

Wenn man in den USA ein Museum besucht, so fallen einem die Namen der Sponsoren und Leihgeber schneller und deutlicher auf als die Namen der ausgestellten Künstler. So arg viel hat sich nicht verändert seit den Zeiten, als Maler, Musiker und sogar Dichter Bedienstete von Mäzenen waren, stets im Schatten derer, die das Geld besaßen. Es ist nicht weit her mit einer Demokratie, in der jene, die Kunst erst produzieren, als zweitrangig gelten gegenüber jenen, die sie kraft des Geldes ermöglichen. Fast schlimmer freilich als die Sponsoren sind jene Medienvertreter, die sich zu deren unkritischen Lautsprechern machen lassen und die Privatisierung der Kultur für gottgewollt halten. Zwischen die Geldgeber und die Künstler sind heute die Kuratoren geschaltet. Sie drängen sich penetrant in den Vordergrund – so auch bei der Biennale in Venedig. Dabei fragt man sich, wenn man durch die Pavillons geht, zunehmend, wozu man diese Kuratoren benötigt. Kaum einer hinterlässt eine bemerkenswerte Spur. Sie tun nicht mehr, als jeder halbwegs aufgeweckte Museumsleiter und Ausstellungsmacher aus der ganzen Welt jahraus jahrein tut: Sie suchen Künstler aus, denen sie die Teilnahme an der Biennale verschaffen, und steuern vielleicht noch die eine oder andere Idee zur Gestaltung seines Arrangements bei. Dass sie dabei besonders einfallsreich wären, lässt sich in Venedig nicht feststellen. Eher gewinnt man den Eindruck, dass persönliche Freundschaften oder der erhoffte Dank für Protektion ausschlaggebend waren. Vielleicht sind die Kuratoren um ein Quäntchen kenntnisreicher und objektiver als die Kunstbeamten in den Ministerien, aber eigentlich könnte man sich die Ausgaben für sie sparen. Würde man die Teilnahme an der Biennale verlosen, wäre das Ergebnis auch nicht schlechter, und man könnte das ersparte Geld an die Künstler selbst verteilen.

Traditionell litten die bildenden Künste, die Malerei, die Grafik, die Skulptur, unter zwei Defiziten gegenüber der erfahrbaren Wirklichkeit: Sie hatten keinen Ton – das verband sie mit dem Stummfilm, der jedoch immerhin mit einem Pianisten oder sogar einem Orchester als Begleitung rechnen durfte –, und sie hatten darüber hinaus keine Bewegung. Dieses Manko war aber zugleich eine Herausforderung, eigene, nur der bildenden Kunst adäquate Gestaltungs- und Ausdrucksmittel zu entwickeln. Das auffälligste Phänomen auf der Biennale ist die Omnipräsenz von Videos und von diversen Spielarten der Geräuschproduktion – bis hin zu Ravels „Klavierkonzert für die linke Hand“. Die Realisierungen sind jedoch zu einem großen Teil armselig. Verglichen damit wirken die Werke von Calder oder Tinguely immer noch avantgardistisch. Die meisten Videos in den verdunkelten Kojen der Biennale hätten bei den renommierten Kurzfilmfestivals in Oberhausen, Krakau oder Tampere keine Chance – so schlicht und anspruchslos sind ihre Einfälle und ihre visuellen Umsetzungen.

Der Verzicht auf Ästhetisierung, die Annäherung an Phänomene des Alltags hält nun schon recht lange an. So häufen sich im buchstäblichen Sinne Reminiszenzen an Felsbrocken, Geröll, Vulkanlava. Das kann reizvoll sein, verbraucht sich aber wie ein Witz, den jemand immer wieder aufs Neue erzählt. Da ist keine Pointe mehr, die überraschen könnte. Das Stichwort der diesjährigen Biennale lautet „Enzyklopädie“, und enzyklopädisch sind in der Tat zahlreiche Werke und Werkkombinationen. Aber auch das ist nicht eben eine neue Erfindung. Claes Oldenburgs „Maus-Museum“ macht Schule – und das war immerhin vor 41 Jahren auf der documenta zu sehen. Sehr viel weiter ist zum Beispiel Michael Schmidt mit seiner Serie „Lebensmittel“ aus den Jahren 2006-2010 nicht gekommen. Bei solchen Anhäufungen mag man an Jacques Préverts Gedicht „Inventaire“ denken. Darüber geht es selten hinaus.

In Venedig kann man den Eindruck gewinnen, dass nur noch der Einfall zählt, nicht die Ausführung. Und diese Einfälle bleiben aphoristisch oder wiederholen nur Vertrautes. Etwa dass in unserer Gesellschaft Geld das höchste Gut sei. Mit einem oberflächlichen Bezug auf die Geschichte von Danaë regnet es im russischen Pavillon nach dem Willen des Künstlers Vadim Zakharov Geld. Frauen – und nur sie – dürfen, mit einem Schirm ausgestattet, Münzen einsammeln und in einen Eimer werfen. Die Öffnung der Kunst zum Happening, die Beteiligung der Zuschauer, die symbolische Aktion: in Venedig begegnet man auch den aktuellen Theatermoden.

Einzelne Exponate fallen aus dem Konsens dessen, was gerade als zeitgemäß gilt, dadurch heraus, dass sie an ältere Kunstströmungen anschließen. So knüpft der Pole Jakub Julian Ziółkowski, Jahrgang 1980, an den Surrealismus etwa eines Dali, aber auch an Hieronymus Bosch an, ohne deren Oberflächenglätte und malerische Perfektion zu imitieren. Auf eine sympathische Weise aus der Zeit gefallen wirkt auch der schwarz-weiße mit Tinte auf Papier gezeichnete umfangreiche Comic Strip „The Book of Genesis“ von Robert Crumb aus dem Jahr 2009. Und endgültig historisch, deshalb aber nicht weniger interessant sind die in ihrer Motivik und ihrer Gestaltung, in Farbe und Form skurrilen, ideenreichen, verblüffenden Arbeiten von Friedrich Schröder Sonnenstern, der schon 31 Jahre tot ist. Hingegen könnte man auf Carl Gustav Jungs symbolistische Ornamentik unter dem Titel „The Red Book“, an prominenter Stelle unter einer Kuppel ins Zentrum gerückt, gerne verzichten. Zu den Klassikern gehören auch Richard Serras Stahlblöcke von 1985 mit dem rätselhaften Namen „Pasolini“ (er sieht in Serras Interpretation Chaplin zum Verwechseln ähnlich).

Manche Objekte fallen vor allem durch ihre raumgreifende Ausdehnung auf – so zum Beispiel die „Venetians“ des Polen Pawel Althamer. Seine Figuren aus Polyethylen, Acrylharz, Metall und grauer Farbe wenden die Verzerrungen Giacomettis ins Katastrophale. Sie stehen oder sitzen einzeln oder paarweise, im Raum gruppiert, mit heilen Gesichtern, aber mit geschlossenen Augen, über Körpern aus Sehnen und Strängen.

Der beschädigte, eingezwängte Mensch taucht in vielerlei Gestalt auf. So auch in der unbetitelten Installation von Cathy Wilkes, in der armlose Figuren von Krügen, Flaschen, Scherben in einem suggestiven Arrangement umgeben sind wie in einer Kreuzung aus Edward Gorey und Samuel Beckett, oder in den irritierenden Plastiken des Niederländers Mark Manders.

Reizvoll gibt sich auch der lettische Pavillon, der die Multimediakünstler Kaspars Podnieks und Krišs Salmanis zusammenspannt. An den Wänden sieht man Projektionen von stehenden, sich kaum merklich bewegenden Menschen, die vor Schneelandschaften einkopiert sind. Von der Decke des abgedunkelten Raums hängt mit der Krone nach unten ein heftig schwankender kahler Baum.

Dunkle Räume sind auf dieser Biennale überhaupt sehr beliebt, nicht nur dort, wo Videos in Endlosschleifen ablaufen. Sie verschließen sich ostentativ der Außenwelt und erzeugen zugleich eine mysteriös weihevolle Atmosphäre. So etwa für die transparenten Fotoplatten des vom Moskauer Museum für Moderne Kunst (!) präsentierten Amerikaners (!) Bart Dorsa, die zusammen mit einigen Bronzeskulpturen die Geschichte des Mädchens Katja nachempfinden. Die Bilder scheinen in der Luft zu schweben, die Entfernungen und Größenverhältnisse lassen sich nicht abschätzen, die Orientierung fällt schwer.

Die Rumänen mussten offenbar sparen. In einem leeren Raum bewegen sich, bedeutungsschwanger, fünf Mitglieder eines Tanztheaters, das aber wiederum, wie die Videos, künstlerisch nicht satisfaktionsfähig ist. Soll man dafür nach Venedig reisen?

Genau genommen erwiesen sich die Exponate der Kandidaten für den Future Generation Art Prize im Palazzo Contarini Polignac am Canale Grande im Vergleich mit jenen etablierter Künstler in den Länderpavillons und den begleitenden Events als origineller, vielfältiger, anregender.

Deutschland hat diesmal mit den Franzosen den Pavillon getauscht und ihn Künstlern überlassen, die nicht in Deutschland geboren wurden oder ausländische Vorfahren haben. Das zeugt zunächst von der Weltoffenheit des heutigen Deutschland, belegt aber auch, dass die Gegenwartskunst keine nationalen Züge mehr trägt. Sie ähnelt sich zwischen Tokio und Seattle. Ihre Sprache ist wie die der Wirtschaft global. So gesehen erweisen sich die insgesamt 88 Länderpavillons, die nur zu knapp einem Drittel in den berühmten Giardini, mit 24 Teilnehmern in den Riesenhallen des pittoresken Arsenals und in der Überzahl in stimmungsvollen verfallenen Palazzi oder angemieteten Räumen mit Patina über die ganze Stadt verteilt sind, als anachronistisch. Die überdimensionale Skulptur von Ai Weiwei aus alten dreibeinigen Stühlen, die für die chinesische Vergangenheit stehen und die ins Zentrum der deutschen Schau gerückt wurden, ist eher eine Solidaritätserklärung mit dem verfolgten chinesischen Künstler als eine ästhetische Offenbarung. Völlig ad absurdum wird die Verwechslung von Installation und Film bei der Projektion von Romuald Karmakars „Hamburger Lektionen“ aus dem Jahr 2006. Die Lesung der Reden eines Hasspredigers durch den Schauspieler Manfred Zapatka dauert mehr als zwei Stunden. Es ist kaum anzunehmen, dass irgendjemand im deutschen Pavillon so lange stehend vor dem Film verharrt. Entweder also ist diese Länge begründet und notwendig, dann ist die Übernahme in die Biennaleausstellung Unsinn, oder es reicht, ein paar Minuten zuzuhören und zuzusehen, dann ist der Film misslungen und seine Länge pure Willkür. Sie wollen auf allen Hochzeiten tanzen und verraten dabei ihre künstlerische Integrität.

Dass die Regierenden auch in Venedig auf Einmischung nicht verzichten wollen, macht der argentinische Pavillon augenfällig. Dort wurde eine vielfältige kritische Installation „Unfinished Rhapsody“ über Eva Perón durch einen offiziellen „Gedenkraum“ ergänzt. Der Künstler Nicola Costantino und der Kurator Fernando Fárina distanzierten sich von diesem Diktat durch eine Handschrift auf der Wand. Oder ist auch das Teil der Installation?

Kommentare


Diez - ( 20-06-2013 12:21:14 )
Die Künstler sind leider schon sehr lange nur die Farbe auf der Palette der Ausstellungsmacher.

Kommentar eintragen









erstellt am 17.6.2013

Französischer Pavillon – Biennale di Venezia  © Institut français
Französischer Pavillon – Biennale di Venezia © Institut français
La Biennale di Venezia

Il Palazzo Enciclopedico / The Encyclopedic Palace
01. Juni – 24. November 2013
Venedig, Italien

Biennale von Venedig

Deutscher Pavillon

Deutscher Pavillon © Martin Weigert
Deutscher Pavillon © Martin Weigert

Vadim Zakharov. Danaё. Russischer Pavillion, Venedig, 2013
Installationsansicht: Photo by Daniel Zakharov

Lettischer Pavillon: North by Northeast. Installationsansicht. Venedig, 2013. Photo by Valts Kleins

Der deutsche Beitrag zur 55. Kunst-Biennale von Venedig, Installationsansicht, 2013. Ai Weiwei, Bang, 2010-2013, 886 antiquarische Stühle, 11 × 12 × 6.7 m, courtesy of Ai Weiwei and Gallery neugerriemschneider, Berlin. © Roman Mensing, artdoc.de in Zusammenarbeit mit Thorsten Arendt

Die Kuratorin des deutschen Pavillons 2013: Susanne Gaensheimer. Fotograf: Mauricio Guillén
Die Kuratorin des deutschen Pavillons 2013: Susanne Gaensheimer. Fotograf: Mauricio Guillén