Peter Kurzeck, Foto: Alexander Paul Englert
Peter Kurzeck, Foto: Alexander Paul Englert

Jemand anderen zu finden, dem das Gedächtnis so dicht auf der Zunge sitzt, dürfte schwer sein. Peter Kurzecks Hirnspeicher scheint sich dennoch nie zu leeren, sondern reproduziert sich offenbar permanent in neuen Erzählvarianten, pausenlos, endlos, Geschichtenkerne einkreisend, insistierend. Zum 70. Geburtstag gratuliert ihm Harry Oberländer, ein anderer Gedächtniskünstler, mit einem Strauß Erinnerungen.

Frankfurt am Main, 10. Juni 2013

Lieber Peter,

einmal, das erste Mal, sah ich Dich an der Ampel im Oeder Weg in Frankfurt stehen, einen dicken Umschlag unter dem Arm. Als die Ampel auf Grün sprang, gingst Du an mir vorbei in die Holzhausenstraße Richtung Verlag Roter Stern, wo ich gerade herkam. Da wir uns nicht kannten, gingen wir wortlos aneinander vorbei. Später konnten wir ermitteln, dass in dem Umschlag das Manuskript von „Der Nussbaum gegenüber vom Laden, wo Du dein Brotzs kaufst“ war. „Der Nussbaum“ hätte bei Suhrkamp erscheinen sollen, aber Siegfried Unseld hatte was dagegen. So erschien er dann bei Roter Stern/Stroemfeld, wo bis heute alle Deine Romane erschienen sind.

Einmal, im vorigen Jahrhundert, sind wir zusammen zu einer Lesung nach Melsungen gefahren, zusammen mit Peter Mosler und Horst Karasek. Es war eine schöne Gruppenlesung, ich durfte moderieren, und weil Hessentag war, kam am Ende ein Melsunger Stadtrat, der uns alle umarmte und eine Ehrenurkunde überreichte. „Seid umschlungen, Millionen!“ sagte der Stadtrat nicht, aber er war genau in dieser Stimmung kosmischer Brüderlichkeit.
Ein andermal habe ich Dir den Dr. Strauß bei Hessischen Rundfunk als Arbeitgeber empfohlen, und ich habe auch versucht, Dir eine Stelle als Logenschließer bei den städtischen Bühnen zu vermitteln. All das hast Du in Deinen Büchern beschrieben, viel ausführlicher natürlich und das Bewerbungsgespräch im Schauspielhaus, bei dem der Hausinspektor an Dir scheiterte, ist eines der Highlights Deiner Erzählkunst geworden.

Einmal habe ich Dich in Uzés besucht, dieser wunderschönen alten Stadt. Darüber habe ich ein Gedicht geschrieben. Die Farben in und um Uzés und auch am Mont Ventoux sind sehr kräftig, ich glaube nur Maler können sie wiedergeben, in Gedichten bleibt alles schwarz und weiß. Unter anderem deshalb heißt das Gedicht Camera Obscura.

Camera Obscura

für Peter Kurzeck

Ein provencalischer Sonntag, am Morgen
findest du das Auto aufgebrochen am Boulevard,
nichts fehlt, weil nichts drin war. Die Farben der
Landschaft erscheinen auf dem Schwarzweißfilm
nicht. Sprache, mein Schatten, fällt in dieses Bild.
Dunkle Stimmen sprechen vom Licht, der Text:
Orpheus immer. Natur war je schon vorhanden,
wie unverschämt die Laubwälder bei den Kurven
zum Mont Ventoux. Jenseits der Baumgrenze beginnt
das Hoheitsgebiet der Gestirne. Attention, danger de mort.
Als warte der Tod geduldig hinter verschlossenen Türen.
Die Natur gibt ihr Wissen nicht preis. Petrarca sehen wir
später in Avignon sitzen vor dem Palast der Päpste. Er
betrachtet einen bunten Hund. Der Hund seinerseits
beobachtet Petrarca und verzieht das Hundegesicht:
Dächt’ er doch gern einen kleinen Gedanken ganz,
indes ihm knapp vor dem Sprung alles entgleitet.
Danach gibt es noch Aquädukte, Zypressen und Reben,
Felsen über dem Fluß, Brücken aus Stein, römische
Scherben im Acker, Ruinen. Drei Ölbäume im Geröll.
Drei Widerstandskämpfer verschollen im Maquis.
Natur weiß schon immer mehr als Gedichte, formuliert
aber nichts, formt nichts zu runden Sonetten.
Theorie, Abbild, Spiegelreflex, schwarzweisse
Provence: in Uzés Arkadengänge, Platanen, Place des herbes.
In alter Vollkommenheit grüßen: Lichtspiele, von Himmeln
sie kommen werden zu Strömen, Feldern, Häusern, Hügeln.
An Straßen Basilikum buschweis, Campanile, abendbesonnt.
Südsilhouetten, Midi. Im kaputten Auto, wolkenhochabwärts,
vorbei.

Peter Kurzeck an der Mosel, Foto: Harry Oberländer
Peter Kurzeck an der Mosel, Foto: Harry Oberländer

Danach haben wir uns noch viele Male getroffen, nicht zuletzt 2008 an der Mosel, bei meiner und Marias Hochzeit (ich weiß, Du kennst sie nur als Irmgard) natürlich auch auf dem Dach des Mousonturms, im Literaturhaus, im Verlag. Soviel Vergangenheit und gute Erinnerungen. Und die Zukunft?
Wenn Siegfried Unseld damals den Nussbaum genommen hätte, wären Deine Werke vermutlich bei Suhrkamp erschienen und Du hättest längst den Büchnerpreis bekommen. Weil das nicht so war, hast Du den Büchnerpreis noch vor Dir. Anders kann ich mir die Zukunft nicht vorstellen, denn wozu sonst hätten wir diese Akademie?

Dein H.

Im Literaturhaus Frankfurt diktierte Peter Kurzeck seinen Roman »Vorabend«. Ein Faust-Video von Harald Ortlieb.

Als Kommentar

Ein Geburtagsgruß von Jamal Tuschick im »Kurzeck-Ton«

Ich kam dann auch nach Frankfurt, und man sagte mir, der Peter Kurzeck ist da und da, war ja eine dunkle Stadt, war immer Nacht, wenn einem so was gesagt wurde, und der Peter Kurzeck war mein Vorgänger. Ich glaube, der Wolfgang Zimmermann ist mit mir über den Alleenring gefahren, der Ring war für mich nur eine Straße, Allee sowieso nicht, ich war von Bäumen verwöhnt als Kernhesse direkt aus den Kasseler Bergen und von Rübezahl & Rotkäppchen so gut wie abstammend. Dann kamen wir dahin, in so eine Frankfurter Wohnung, du weißt schon, dreißig Leute in vier hellen Räumen, wo noch geraucht wurde, der Wolfgang Zimmermann und die Renate Chotjewitz, die ich aus „Rom Blicke“ kannte, das ärgerte sie, sie übersetzt, hieß es, und sie redete auf mich so insistierend und irgendwie auch vorbeugend ein, als müsste ich mir von ihr was Bestimmtes merken, und dabei wurde ich durch Räume geschoben und plötzlich hielt die Bummelbahn vor zwei Männern und der eine Mann von den beiden war Peter Kurzeck und der andere hieß Harry Oberländer. – Und das waren meine ersten Autoren, die mir je leibhaftig vorkamen, der Harry und der Peter in dieser Frankfurter Wohnung, könnte in Bockenheim gelegen haben, doch für mich war nur Nacht und Nebel in Frankfurt, ich kannte mich überhaupt nicht aus.

Siehe auch: TEXTLAND von JAMAL TUSCHICK

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erstellt am 11.6.2013

Peter Kurzeck betrachtet sein Werk. Foto: Harry Oberländer

Peter Kurzeck wurde am 10. Juni 1943 in Tachau (Böhmen) geboren und 1946 aus der Tschechoslowakei vertrieben. Nachdem er sich ab 1971 an wechselnden Orten aufhielt, wohnt er seit 1977 in Uzès (Provence) und Frankfurt.
Für seine autobiographisch geprägten Romane wurde Peter Kurzeck unter anderem ausgezeichnet mit dem Alfred-Döblin-Preis (1991), dem Stadtschreiber-Preis Bergen-Enkheim (2000/2001), dem Preis der Literaturhäuser (2004), dem Kranichsteiner Literaturpreis (2004) und der Goetheplakette der Stadt Frankfurt a. M. (2008).
Im Frühjahr 2011 erscheint „Vorabend“, der fünfte Roman seiner auf zwölf Bände angelegten autobiographisch-poetischen Chronik.

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