Er hat die Gründung des Staates nicht nur miterlebt, sondern auch miterkämpft und wurde zu einem seiner radikalsten Kritikern: Am vergangenen Samstag ist der israelischen Schriftsteller Yoram Kaniuk gestorben.

Zum Tod des israelischen Schriftstellers Yoram Kaniuk

Die beschädigte Seele

Von Stefana Sabin

„Ein Jude ist ein Überlebender … Der Jude ist stärker als der Israeli … Ein Israeli dagegen ist ein Kämpfer.“ Diese reduktionistische Beschreibung stammt aus dem Epochenroman „Der letzte Jude“ von Yoram Kaniuk. Das Verhältnis zwischen Judentum und Israelitum war ein Hauptthema im literarischen Schaffen Kaniuks, der in weitschweifigen Handlungen die Kultur der Diaspora derjenigen Israels gegenüberstellte und Juden als Überlebende und als Kämpfer gleichermaßen überzeichnete.

Denn Kaniuk, 1930 in Tel Aviv geboren, gehörte zu einer frühen Sabra-Generation, also zu einer Generation von in Israel Geborenen, die die Staatsgründung nicht nur miterlebten, sondern auch miterkämpften. Schon als Jugendlicher trat er der jüdischen Untergrundbewegung gegen die englische Besatzung in Palästina bei und kämpfte in einer Brigade unter Führung von Jitzak Rabin. Bei der Belagerung Jerusalems verwundet, diente er fortan auf einem Schiff, das Überlebende der Schoah nach Palästina brachte, und wurde bei der Konfrontation mit ihrem Elend zum Juden: „Diese Menschen aus dem KZ,“ sagte er später einmal, „brachten eine völlig neue Erfahrung mit, das Trauma der Diaspora wurde jetzt spürbar”. Auch in New York, wo er viele Jahre lebte, wurde er mit Emigrantengeschichten und deren Traumata konfrontiert, und nach dem Eichmann-Prozess prägte die Beschäftigung mit der europäischen Judenverfolgung auch sein Verhältnis zur Diaspora – und wurde immer mehr zum Thema seiner Romane und Erzählungen.

Kaniuks erster Roman, „Der hinabsteigt nach oben“, der 1963 in Israel erschien, beschrieb die innere Zerrissenheit eines israelischen Expatriierten und endete mit seiner Rückkehr nach Israel als Heilsversprechen. Die psychologische und metaphorische Überfrachtung und der Wechsel von Dramatik zu Komik machten Kaniuk als einen kühnen Schriftsteller bekannt – und die Anreicherung der Erzählung durch innere Monologe und ausgedehnte reflexive Passagen kündigte die Abkehr der israelischen Literatur vom zionistischen Realismus an.

Von diesem ersten Roman an galt Kaniuks narrative Anstrengung weniger der literarischen Widerspiegelung einer prekären Realität als der Anamnese der beschädigten jüdischen Psyche. Er wollte das Wesen des Judentums zwischen Diaspora, Zionismus und israelischer Realität begreifen. Deshalb waren seine Figuren Schoah-Überlebende oder israelische Kriegshelden – Figuren, die Extremsituationen überstanden hatten und eigene Rettungstaktiken zum Weiterleben (er)finden mussten. In dem Roman „Wilde Heimkehr“ rettet sich Sussez aus der Identitätskrise ins künstlerische Schaffen; in „Adam Hundesohn“ kommt Adam erst über den Umweg der psychotischen Einsamkeit zur sozialen Normalität zurück; in „Bekenntnisse eines guten Arabers“ gestaltet Joseph in der autobiographischen Beschreibung sein Leben neu. Aber immer leiden Kaniuks Figuren an einer Vergangenheit, die sich zwar verdrängen, aber nicht vergessen lässt und einen langen Schatten auf die Gegenwart wirft. Das Grauen der Schoah ist in den meist komplexen Handlungen, in denen sich mehrere Erzählfäden kreuzen, gegenwärtig, so dass Kaniuk, der davon nur durch Erlebnisberichte erfahren hatte, als Vorläufer jener „Literatur der zweiten Generation“ angesehen werden kann, in der Kinder von Überlebenden die Traumata der Eltern verarbeiten.

Für Kaniuk implizierte die Schoah die Gefährdung der jüdischen Existenz – nicht nur in der Diaspora, sondern auch in Israel. So spannte er in seinem größten erzählerischen Entwurf, dem Roman „Der letzte Jude“, einen Bogen von Europa nach Israel und stellte in grotesk verfremdeten Episoden die Schoah, also die Zerstörung jüdisches Lebens und jüdischer Kultur in Europa, dem Aufbau des Staates Israels, also der Neubelebung des Judentums, entgegen. Darin wechseln sich realistische Passagen, die auf Quellenfiktion zurückgehen, mit surrealistischen und fantastischen Episoden ab, und der Erzählton steigert sich zu einer exaltierten Höhe, die für Kaniuks Werk charakteristisch ist. Ob er die Welt als Irrenanstalt darstellte, wie in „Adam Hundesohn“, oder als Lazarett, wie in „König von Jerusalem“, immer hielt er ihr einen verzerrenden Spiegel vor, in dem verborgene psychische Ängste sichtbar gemacht werden sollten. Dennoch war Kaniuk kein psychologischer Erzähler, sondern vielmehr ein expressionistischer Fabulierer von epischem Atem und mit einem Hang zum Absurden.

Die Exaltiertheit, die seine epische Wucht mitbestimmte, war in politischen Diskussionen eher kontraproduktiv. Kaniuk, der schon 1967 nach dem Sechs-Tage-Krieg den vollständigen Rückzug Israels aus den besetzten Gebieten verlangte und mit dem palästinensischen Schriftsteller Emil Habibi ein palästinensisch-israelisches Schriftstellerkomitee gegründet hatte, sah sich angesichts der allgemeinen politisch-korrekten Rhetorik immer mehr von der liberalen Hauptströmung isoliert. Denn er stellte die Rolle der israelischen Linken als moralische Instanz ebenso in Frage wie die Solidarität der deutschen Linken angesichts der Bedrohung Israels im Golfkrieg durch biologische Waffen aus dem Irak: durch „deutsches Gas“! Kaniuks Auseinandersetzung mit Günther Grass 1991 wurde im deutschsprachigen Feuilleton als das Ende eines sowieso unglücklichen Liebesverhältnisses des israelischen Schriftstellers zur deutschen Kultur als seiner ideellen geistigen Heimat stilisiert.

In seiner wirklichen Heimat Israel erfuhr Kaniuk trotz seiner anhaltend kritischen politischen Haltung immer mehr Anerkennung, 2010 erhielt er den renommierten Sapir Preis für seinen Roman „1948“ eine epische, autobiographisch unterfütterte Rückblende auf den Unabhängigkeitskrieg von 1948. So machte Kaniuk, politisch vereinsamt und von schwerer Krankheit gezeichnet, die Gründung des Staates zum Thema seines letzten Romans. Am 8. Juni ist er in Tel Aviv gestorben.

Kommentare


abumidian - ( 12-06-2013 01:50:22 )
Hier etwas Kurzes, das Kaniuk schon vor Jahren, noch vor dem Buch "1948" publiziert hat:
http://abumidian.wordpress.com/ramle/

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erstellt am 10.6.2013

Yoram Kaniuk (1930-2013)
Yoram Kaniuk (1930-2013)

Yoram Kaniuk liest aus seinem Roman „1948”.

Yoram Kaniuks Roman 1948 wurde für Platz 4 der Litprom Weltempfänger-Bestenliste 19 | Sommer 2013 nominiert:

Israels berühmter Schriftsteller erinnert sich an die Gründungszeit seines Landes: Mit 17 Jahren, von der Schule weg, zog er als Palmach-Kämpfer in den Krieg, für einen Staat, den es nicht gab. Er, der Sabre, lernt töten und kann nur ahnen, welche Last Überlebende wie sein Vater mit sich tragen. Ein erschütterndes Anti-Kriegs-Buch mit Erinnerungsbildern, die ins Heute reichen. Unvergesslich.

(Cornelia Zetzsche, Jurymitglied der Weltempfänger-Bestenliste)