Solidaritätsaktion

Weltweite Lesung für den chinesischen Dichter Li Bifeng

Von Alexandra Hartmann

Der chinesische Untergrund-Dichter Li Bifeng wurde im November 2012 in seiner Heimat zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Der 48jährige hatte zuvor bereits zwölf Jahre lang hinter Gitter gesessen. Die chinesischen Behörden verdächtigten ihn, seinem Freund Liao Yiwu 2011, bei dessen Flucht nach Deutschland geholfen zu haben.

Liao, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 2012 und enger Freund des Inhaftierten und das Internationale Literaturfestival Berlin haben gemeinsam am 4. Juni 2013 – der 24. Jahrestag des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking – eine weltweite Lesung für Li ins Leben gerufen und die chinesische Regierung aufgefordert, den Dichter freizulassen.
An der Solidaritätslesung beteiligten sich Künstler, Intellektuelle, Schulen, Universitäten, Radio- und Fernsehstationen, Theater und andere Kulturinstitutionen weltweit – unter anderem in Paris, Tokio, Hongkong, Johannesburg und Toronto.
In Berlin fand sich eine Zuhörerschaft von etwa 50 Leuten im Kinosaal des Martin-Gropius-Baus ein – mit prominenter Unterstützung: So überraschte Literaturnobelpreis-Trägerin Herta Müller mit ihrem Besuch. Die Schriftstellerin ist Liao freundschaftlich verbunden. Auch der bisherige Generalsekretär des deutschen PEN-Zentrums, Herbert Wiesner und seine Nachfolgerin, Regula Venske waren unter den Gästen.
In einer kurzen Einführung in Lis Werk und Biografie verwies Ulrich Schreiber, Direktor des Internationalen Literaturfestivals Berlin, auf die große Zahl politischer Gefangener in China. Die aktuelle Caselist des PEN-Zentrums verzeichnet einen traurigen Rekord: Noch nie waren so viele Menschen aus politischen Gründen inhaftiert wie derzeit. Besonders viele politische Gefangene gibt es in China. Unter ihnen auch Liu Xiaobo, Friedensnobelpreisträger von 2010. Der Systemkritiker und ehemalige Präsident des chinesischen PEN-Clubs verbüßt zur Zeit eine elfjährige Haftstrafe.

Ein halbes Leben im Gefängnis

1989 wurde Li zum ersten Mal zu einer Gefängnisstrafe von zwölf Jahren verurteilt. Er hatte sich im Jahr der Rebellion an den Protestaktionen auf dem Platz des Himmlischen Friedens beteiligt. Als Verfechter der Demokratie unterstützte der damals junge Beamte die Studenten.
1998 wurde er erneut verurteilt. Diesmal wegen angeblicher „Wirtschaftskriminalität.“ Er erhielt sieben Jahre Haft. Er hatte einen Bericht über die mutige Sitzblockade einer Gruppe von Textilarbeitern auf der Autobahn in seiner Heimat Mianyang verfasst, der Menschenrechtsorganisationen im Ausland zugespielt worden war.
2011 wurde er ein drittes Mal eingesperrt. Zwei Monate zuvor war sein Freund Liao heimlich nach Vietnam geflohen. Nach endlosen Geheimverhören wurde er schließlich im November 2012 zu weiteren zwölf Jahren Haft verurteilt. Das Urteil führte zu weltweiten Protesten.
 

Die Beschlagnahmung geistigen Eigentums

Das Gefängnis wird Li zum Hauptquartier seiner Existenz. Er hat einen 17jährigen Sohn – genau drei Jahre war er ihm ein Vater wie jeder andere auch. Die restliche Zeit saß er hinter Gittern und hat Verse, wie diese in seiner Zelle verfasst:

»Wie soll ich Dir das alles erklären
wenn ich suche nach Dir
mein Sohn.«

Die Verzweiflung des Versäumten ist deutlich zu spüren: Der Vater hat den Sohn nicht heranwachsen sehen. Der Sohn musste ohne den Vater groß werden. Weder kleine noch große Freuden, noch Momente der Wut und Ohnmacht eines Heranwachsenden haben beide miteinander teilen und erfahren können.
In seiner Zelle hat Li Tausende von Seiten geschrieben. Die Wärter haben seine Manuskripte immer wieder aufgespürt und ihm weggenommen. Diebstahl geistigen Eigentums – für einen „writer in prison“ in einem chinesischen Gefängnis Routine.
“Ich habe Gedichte geschrieben, Romane, Theaterstücke, ein paar Millionen Schriftzeichen, den größte Teil haben sie mir beschlagnahmt, aber ich habe vor, einen Teil aus dem Gedächtnis neu zu schreiben.”
Mühevoll hat er in den kurzen Phasen außerhalb des Gefängnisses seine Verse und Texte rekonstruiert. Er hat zahlreiche Gedichte, Prosatexte und Theaterstücke und einen Roman geschrieben. Nur wenig davon ist ins Deutsche übersetzt. Die Lesung im Gropius-Bau beschränkte sich somit auf drei Gedichte und mehrere Auszüge aus Lis Prosatexten sowie Teile eines Interviews, das Liao 2005 mit ihm geführt hatte und in Liaos Buch „Die Kugel und das Opium“ (2012) vollständig abgedruckt ist.

Unsere Augen sind zwei trockene Brunnen

Von Li Bifeng

Augen – diese zwei trockene Brunnen

Tief in den verwirrten Blicken

verbarg einmal fruchtbare Schlämme

Die Sämlinge der Liebe wurden

durch das Feuer der Tränen ausgebrannt

Auf dem Jenseits der Trauer wohnen wir

Über die hohe Mauer sehen wir

die Sonne aus der Ferne und

die Berge aus der Ferne

In den nächtlichen Träumen sehen wir

die Menschen aus der Ferne

Mit dem Netz der Sehnsucht retten wir

vereinzelte Erinnerungen und dann lassen wir

die Knochen in den Knochen wachsen.

Freundschaft hinter Gittern

Liao und Li verbindet eine enge Freundschaft. Sie lernten sich im Gefängnis Nr.3 der Provinz Sichuan kennen, wo mit ihnen nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens vom 4.Juni 1989 noch zwanzig weitere politische Häftlinge eingepfercht waren.
Die beiden waren dort die einzigen, die sich für Literatur interessierten. Liao schreibt: „So ließen sie sich in aller Heimlichkeit viel Wärme zukommen; jene Art von Wärme, die sich Ratten zuteilwerden lassen, wenn sie ihr Fell aneinander reiben.“
Beide Dichter eint, dass sie ihre Freiheit und Jugend der chinesischen Demokratiebewegung geopfert haben. Und beide zahlen dafür einen hohen Preis: Der eine, Li, führt ein Leben hinter Gittern. Sein literarisches Potential wird er so wohl nie ausschöpfen können.

Auszug aus Li Bifengs Tagebuch im Gefängnis: „Die Waffen der Mücken“

12. Juni 1998, sonnig
Wer hat die Waffen der Mücken erfunden? Hier erlebe ich eine gewaltige Attacke der Mücken wie noch nie in meinem Leben. Die Hände und die Füße finden keinen Deckschutz. In einer leeren Gefängniszelle ist jeglicher Schutz ausweglos. Mutwillig fliegende Mücken attackieren uns so, dass wir wie Ratten durcheinander herum huschen. Aber wir finden keinen Ausweg. Sind es die Mücken, die uns stechen und unser Blut brennend gern saugen? Oder sind wir es selber, die freiwillig die Mücken stechen und unser Blut saugen lassen? Oder gibt es eine andere Kraft in uns, dass wir gegenüber den Mücken keine Wehr setzen?

Wenn Li seine jetzige Haftstrafe verbüßt hat, wird er 60 Jahre alt sein. Selbst wenn er dann als freier Mann in eine freie Welt hinaustreten kann, wird er dennoch ein Mann sein, der die besten Jahre seines Lebens im Gefängnis verbringen musste.
Der andere, Liao, wählte ein Leben im Exil, um den Repressalien in seiner Heimat zu entgehen. Vier Jahre lang saß auch er im Gefängnis. Im Juni 1989 hatte er das Gedicht „Massaker“ geschrieben. Darin thematisierte er die brutalen Ereignisse auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Da er keinen Weg für eine Veröffentlichung sah, sprach er die Verse auf Tonband. In China machte das Gedicht als Raubkopien die Runde und wurde zudem über einen ausländischen Radiosender ausgestrahlt.
Außerdem erfuhren die Behörden von seiner Arbeit an dem Film „Requiem“, den er den Opfern der blutigen Niederschlagung widmen wollte.
Im Februar 1990 wurde er verhaftet und wegen „Verbreitung konterrevolutionärer Propaganda mit ausländischer Hilfe“ verurteilt.
Im Gefängnis lehnte sich Liao gegen seine Wärter auf. Wiederholt brach er Regeln, so dass er sehr oft Gewalt und Folter erfuhr. Mehrfach erlitt er Zusammenbrüche und unternahm zwei Selbstmordversuche.
Das Manuskript zu seinem Buch „Für ein Lied und hundert Lieder” wurde während seiner Gefangenschaft dreimal beschlagnahmt. Aus dem Gedächtnis heraus schrieb er es immer wieder neu. Der chinesische Geheimdienst drohte ihm, wenn das Buch erscheine, käme er für viele Jahre hinter Gitter. Sicherlich wäre es auch so gekommen. Nach seiner Freilassung stand er unter ständiger Beobachtung, seine Wohnung wurde immer wieder durchsucht.
Schließlich floh er im Sommer 2011 über Vietnam nach Berlin, wo er heute lebt – weit weg von seiner Heimat – in einer fremden Stadt unter Menschen, die nur wenig mit seiner Kultur zu tun haben.
In China sind seine Bücher zwar verboten, aber als Raubdrucke auf dem chinesischen Schwarzmarkt sind sie Bestseller.
 

Fluchtwege ohne Notausgang

Einige Wochen vor Liaos geplanter Flucht lud ihn Li zum Essen ein. Unvermittelt fragte Li an diesem Abend, ob sein Freund Geld brauche. Liao verneinte. Er war fest entschlossen, Li nicht einzuweihen. Li hatte immer eine Art siebten Sinn: Vielen seiner Freund hatte er oft schon vorhergesagt, was sie erwartete. Und tatsächlich war vieles davon eingetreten. Nur in Bezug auf sein eigenes Leben scheint diese Fähigkeit immer wieder zu versagen:
Unzählige Fluchtversuche hatte Li nach dem 4. Juni 1989 unternommen. Alle waren gescheitert – wie hätte da ein Pechvogel wie er, einem Freund gute Ratschläge geben können für das Gelingen eines solchen Unternehmens?
Lis erster Fluchtversuch, unmittelbar nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens, endete nur wenige Kilometer hinter der Grenze von Burma. Kommunistische Grenzbewacher hatten ihn erwischt und lieferten ihn an die chinesischen Genossen aus, die ihn schwer zusammenschlugen. Bis heute leidet Li an den Folgen.
Kurz nach der Entlassung aus seiner fünfjährigen Haft versuchte Li erneut zu fliehen. Diesmal wollte er über die Grenze im Nordosten nach Russland. Er bestach einen Mann, der ihn, in einem Frachtcontainer versteckt, über die Grenze helfen sollte. Als er den Container besteigen wollte, hörte er, wie der Mann einem anderen von dem Plan erzählte, Li als Zwangsarbeiter in die Innere Mongolei verkaufen zu wollen. Der Dichter entkam und durchkreuzte ganz China. Im Süden des Landes wollte er über die Transitstrecke nach Hongkong gelangen. Er fiel dort jedoch Grenzpolizisten in die Hände und wurde verhaftet. Li unternahm später weitere Fluchtversuche, aber auch sie scheiterten.

Das Glück des einen wird zum Unglück des anderen

Liao vermutet, dass seine Rede „Dieses Imperium muss auseinanderbrechen”, anlässlich zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in Frankfurt, Li zum Verhängnis wurde. Li bekam erneut zwölf Jahre Haft – angeblich wegen „Wirtschaftdelikte.“ Es gab weder Beweise noch Geschädigte, die ein solches Urteil gerechtfertigt hätten.
Das hohe Strafmaß mag in strategischen Überlegungen der chinesischen Führung geschuldet sein: Eine neue Polit-Riege hat die politische Bühne betreten – fest entschlossen, Stärke zu demonstrieren. Ihre Strategie, vor allem wirtschaftliche Gründe als Vergehen anzuführen, um Intellektuelle zu verfolgen und hart zu bestrafen, ist immer öfter an der Tagesordnung.
Liao sieht zwar vermehrt Anzeichen dafür, dass sich die Kommunistische Partei in einer Krise befindet. Dennoch habe sie mit der Verurteilung Lis unerbittlich reagiert und signalisiert: Es gibt in China keinen Platz für politische Kompromisse.

Liaos Kampf im Exil für Li

Li soll nicht in Vergessenheit geraten. Dafür sorgt Liao: Er nutzt seine Freiheit für Lesungen wie am 4. Juni und kämpft für Lis Freilassung. Schuldgefühle, weil Liao aus seiner Heimat geflohen ist, hat er nicht. Er spürt aber eine große Verantwortung für seinen Freund.
Liao hat die Lebensumstände in China seiner Leserschaft im Westen vor allem in seinen Büchern und durch Publikationen im »Lettre International« näher gebracht. Kaum in Deutschland angelangt, wurde er geehrt und ausgezeichnet: Zunächst mit dem Geschwister-Scholl-Preis und einer Laudatio von Herta Müller. Danach erhielt er den Ryszard-Kapuściński-Preis und schließlich den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Wenn immer es geht, nutzt er seinen großen Einfluss, um die öffentliche Aufmerksamkeit auf die Situation eingesperrter Intellektuelle und Künstler in China zu lenken.

Li Bifeng (2 v. l.)  und Mitgefangene
Li Bifeng (2 v. l.) und Mitgefangene

In diesem Land dürfen wir nur im Winterschlaf bleiben

Von Li Bifeng

Aber der Winter ist zu früh gekommen

Unsere Bäume beginnen zu trocknen

Wir haben keine Nährstoffe mehr

So werden unsere Haare von dem Schnee der Jahre

eingefroren und vergraut

Unsere Haut sieht aus wie ein Feld voller Risse
Der Winter ist da

Wir fallen gerne in den Winterschlaf

Das Herz ist müde

Das Blut auch

Unterm Schnee bleiben wir im Winterschlaf
 

Weitere Links zu Li Bifeng:

Alexandra Hartmann ist freie Fernsehjournalistin, lebt in Mainz und in Berlin

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 10.6.2013

Li Bifeng
Li Bifeng
Liao Yiwu
Liao Yiwu