Junge Oper

Plädoyer für die Überforderung

„Momo“ als Oper für Kinder und Jugendliche

Von Thomas Rothschild

Wenn Mitglieder des Kinderchors bei der Premiere Blumen und handbemalte Papierherzen an die Regisseurin, den Dirigenten und den Komponisten überreichen, dann liefert das einen Hinweis auf den Doppelcharakter der Jungen Oper in Stuttgart: Ihr Adressat ist auf der Bühne ebenso wie im Zuschauerraum zu lokalisieren.

Bei den Spielplanpressekonferenzen des Staatstheaters Stuttgarts gibt es ein Ritual. Zunächst werden die Pläne der Oper, dann die des Balletts und schließlich die des Sprechtheaters vorgestellt. Das entspricht der traditionellen Hierarchie der Bühnenkünste in der öffentlichen Wahrnehmung. Innerhalb der Präsentation des Opernspielplans kommen die Produktionen für Kinder und Jugendliche stets nach den Premieren für Erwachsene an die Reihe. Aber das täuscht. Die „Junge Oper“ ist in Stuttgart keineswegs zweitrangig, keineswegs ein ungeliebtes Anhängsel, die Kür nach dem Pflichtprogramm. Sie wird vielmehr mit besonderer Hingabe und Großzügigkeit gepflegt. Sie teilt das Prestige mit Wagner, Verdi und Bellini.

„Junge Oper“ meint zwar auch in Stuttgart in erster Linie, dass sie sich an ein junges Publikum wendet. Dieses aber wird ernst genommen. Häufig haben Angebote für Kinder und Jugendliche den Charakter einer Alibiaktion. Sie werden lieblos, beiläufig und vor allem billig produziert. Nicht so in Stuttgart. Hier respektiert man die Tatsache, dass das Publikum von morgen nicht weniger, sondern mindestens ebenso viel Mühe und Qualität verdient wie Erwachsene, die mit der Oper bereits vertraut sind. Seit Jahren präsentiert die Junge Oper Inszenierungen, die jeden Vergleich mit den „großen“ Produktionen aushalten. Gegründet wurde sie 1995 in der Intendanz Klaus Zehelein. Damals hatte Stuttgart als erstes Opernhaus in Deutschland einen Theaterpädagogen eingestellt, der mit Schülern und Lehrern arbeitet. Albrecht Puhlmann und Jossi Wieler haben daran angeknüpft, und es dürfte sie keine Überwindung gekostet haben, denn der Erfolg belohnt den Einsatz.

Wenn Eltern früher darüber nachdachten, womit sie ihre Kinder für die Oper initiieren könnten, fiel die Wahl meist auf die „Zauberflöte“ oder auf „Hänsel und Gretel“. Es galt als ausgemacht, dass zeitgenössische Musik Kindern nicht zuzumuten sei. Wer einmal observiert hat, wie Kinder lustvoll auf die Tastatur eines Klaviers einhämmern, mag bezweifeln, dass es eine angeborene Vorliebe für die Tonalität gibt. Und wer beobachten konnte, mit welcher Konzentration selbst Kleinkinder an der Stuttgarter Oper etwa „Pinocchios Abenteuern“ folgen, die immerhin drei Stunden dauern und musikalisch keineswegs „einfach“ sind, wird nicht vorschnell von Überforderung sprechen.

Nun also ein weiterer „Klassiker“ der Kinderliteratur: „Momo“, Michael Endes Erfolgsroman von 1973, in einer Opernfassung. Bei der Stoffwahl entscheidet man selbst in Stuttgart „kindgemäßer“ als bei der Musik. Vielleicht sollte man auch auf diesem Gebiet mehr riskieren. Das Erstaunlichste an dieser Uraufführung ist der bereits erwähnte Kinderchor, dessen jüngstes Mitglied gerade sieben Jahre alt ist. Dass Laien die keineswegs leicht zu memorierende, weitgehend atonale Musik, die diesmal (wie schon 2007 in Stuttgart bei „Träumer“) von Matthias Heep stammt, überhaupt singen können, dass sie sich zudem die Texte, die Gesten, die Choreographie merken können, grenzt an ein Wunder und verweist die Warnungen vor Überforderungen von Kindern in den Bereich einer weltfremden Pädagogik.

Man muss nicht unbedingt ein Freund von Michael Endes symbolhaltiger Fantastik sein, von seiner Plünderung romantischer Überlieferungen, deren triumphaler Gestus der Vorherrschaft von Realismus und Rationalismus ein nicht weniger dogmatisches Alternativmodell entgegenzuhalten scheint – was die Kontrahenten verbindet, ist die antimodernistische, den Charakter der Komposition eher konterkarierende Vermeidung von Abstraktion und Stilisierung –, um sich, als Kind wie als Erwachsener, an der einfallsreichen Umsetzung auf der Bühne zu erfreuen. Dafür zeichnet als Regisseurin Barbara Tacchini, die engagierte Leiterin der Jungen Oper, verantwortlich. In Uta Materne hat sie eine kongeniale Bühnenbildnerin gefunden, die den unterschiedlichen Handlungselementen variationsreiche Räume anbietet.

Steht bei den Kindern das Spielerische, Vitale, Bewegte im Vordergrund, so dürfen die Grauen Agenten der Zeitsparkasse, die die Menschen um ihre (Lebens-)Zeit betrügen wollen, dargestellt ebenfalls von einem Laienchor, in bedrohlich unheimlichen Formationen die Bühne besetzen wie Gefängniswärter aus dem Universum Kafkas oder Orwells. Die Solisten, allen voran Jeanne Seguin in der Titelrolle, fügen sich, verstärkt durch Marionetten, die als Hora, halb Mann, halb Frau, und als Schildkröte Kassiopeia auftreten, sowie eine Ballettschülerin als Bibigirl, in das Arrangement der Chöre. Auch die Musiker des mittelgroßen Ensembles sind in unterschiedlicher Verteilung vor und nach der Pause auf der Bühne präsent, wo der Dirigent, vervielfacht durch Fernsehmonitore, die Einsätze und den Takt anzeigt. Der Zuschauerraum und mit ihm die Zuschauer werden in die Inszenierung einbezogen. Kurz: es gibt eine Menge zu sehen. Für Kinder, für Jugendliche und natürlich auch für Erwachsene – so sie dafür Zeit aufbringen.

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erstellt am 10.6.2013

Szenenfoto: A.T. Schaefer

MOMO
Komposition Matthias Heep
Nach einem Roman von Michael Ende
Musiktheater für alle ab 9 Jahren
Ein Auftragswerk der Jungen Oper

Musikalische Leitung Till Drömann
Regie Barbara Tacchini
Bühne Uta Materne
Kostüme Mascha Schubert
Video Manuela Hartel
Dramaturgie Martina Stütz, Koen Bollen

Oper Stuttgart

Szenenfoto: A.T. Schaefer

Szenenfoto: A.T. Schaefer

Szenenfoto: A.T.Schaefer