Persönliche Notizen zu Peter Schneider

»Ein cooler Typ«

Von Martin Lüdke

Zugegeben: ich bin etwas befangen. Und zwar aus guten, wenn auch sehr unterschiedlichen Gründen. Der Mann, der jetzt, nicht mehr der Allerjüngste, auch wenn er noch immer so aussieht, ein schönes, ja ein ergreifendes Buch – auch – über seine Mutter geschrieben hat, war lange Jahre für mich nicht unbedingt ein Idol, doch ganz sicher ein Vorbild.

Es mag Mitte, sicher nicht erst am Ende der siebziger Jahre gewesen sein. Ich war mit Reinhard Lettau, einem damals zurecht berühmten, politisch sehr engagierten Schriftsteller in Berlin unterwegs. Eine Winternacht, schon sehr spät. Wir mussten tanken, irgendwo in Kreuzberg, vielleicht am Halleschen Ufer. Die Tankstelle war, für einen Provinzler aus Frankfurt, noch erstaunlich belebt. Plötzlich rief Lettau, Mensch guck mal. Dann klopften sich zwei, von heute aus gesehen, noch jüngere Männer kräftig auf die Schultern. Ich kannte den Typ, natürlich, von Fotos. Genau so sah er jetzt in Wirklichkeit auch aus, schlank, schmales Gesicht, längere Haare, schwarze, kampferprobte Lederjacke. Lettau stellte uns vor. Peter Schneider. Cooler Typ, wie man heute sagt. Vor allem aber unkapriziös, einfach nett.

Ich kannte seine „Ansprachen“, die politischen Reden, 1970 als Quartheft bei Wagenbach erschienen, seine Aufsätze in Enzensbergers „Kursbuch“, sein Engagement, seinen Mut, und die Folgen. Er hatte formuliert, was ich fühlte, ahnte, vielleicht manchmal auch schon dachte. Und die Konsequenzen getragen.

„Wir haben Fehler gemacht, (…) wir sind nachgiebig gewesen, wir sind anpassungsfähig gewesen, wir sind nicht radikal gewesen.“ Mit dieser Feststellung beginnt eine Rede von Peter Schneider, die mit der Aufforderung endet, „gegen den ganzen Plunder“ der verstockten und versteiften deutschen Nachkriegsgesellschaft dadurch am „sachlichsten zu argumentieren“, dass „wir aufhören zu argumentieren und uns hier in den Hausflur auf den Fußboden setzen. Das wollen wir jetzt tun.“

Das war, im April 1967, vor genau 46 Jahren, vielleicht nicht das erste, sicher aber eines der ersten „sit-ins“ der noch jungen Protest-Geschichte einer neuen, anderen Generation deutscher Studenten. Und Peter Schneider stand in der vordersten Reihe. Er hat damals einiges zur Radikalisierung der Studenten beigetragen. Ich betrachte, ein bisschen pathetisch gesagt, dieses Faktum als ein Verdienst.

Mit einer kleinen Hommage an Kafka beginnt, nur sechs Jahre später, die Büchner-Paraphrase „Lenz“, mit der der Schriftsteller Peter Schneider im Jahre 1973 das Ende der Studentenbewegung eingeläutet hat.

„Morgens wachte Lenz aus einem seiner üblichen Träume auf.“ Wach geworden, sprang er aus dem Bett. Dann heißt es weiter:
„Schon seit einiger Zeit konnte er das weise Marxgesicht über seinem Bett nicht mehr ausstehen. Er hatte es schon einmal verkehrt herum aufgehängt. Um den Verstand abtropfen zu lassen, hatte er einem Freund erklärt. Er sah Marx in die Augen: ‚Was waren deine Träume, alter Besserwisser, nachts meine ich? Warst du eigentlich glücklich?“

Mit diesen Fragen hat Peter Schneider einiges zur Entpolitisierung der politisierten Studenten beigetragen. Diese Erzählung „Lenz“ markiert den Beginn einer neuen Epoche der bundesdeutschen Literaturgeschichte. Mit „Lenz“ wurde die „Neue Subjektivität“ in der Literatur entdeckt. Die Abwendung von einer allwissenden Theorie, die Hinwendung zu den Bedürfnissen des Subjekts. Und damit, in der Konsequenz, ein Stück Entpolitisierung. Auch: ein Verdienst? Peter Schneider hält sich da, das hat sein Gespräch mit dem damaligen Bundeskanzler Schröder vor einigen Jahren gezeigt, offensichtlich einiges zugute. Ich würde diese Frage lieber noch offen lassen.

Beide Zitate zeigen aber immerhin, welche Rolle Peter Schneider damals für seine Generation, die auch meine Generation ist, das heißt damit auch, ganz einfach gesagt: für mich gespielt hat. Er war und, weil er seine Vergangenheit natürlich nicht los werden kann, er bleibt und er ist einer der prominenten 68er.

Diese Bezeichnung ist heute fast schon zum Schimpfwort geworden, wie damals, 1967, bei der Tagung der Gruppe 47, mit Grass, Böll, Walser, Enzensberger & Co., der Begriff „Dichter“, den höhnisch Erlanger Studenten den versammelten Größen der Deutschen Literatur zuriefen, eine Schmäh-Parole geworden war.

Ich glaube, dass ihm diese Tatsache nicht immer nur genutzt hat. Ich fürchte sogar, dass er ein wenig unter diesem Label gelitten hat.

Und eine Zeitlang befürchtete ich, dass der glänzende Essayist Peter Schneider den Erzähler verdrängen könnte. Ich sah diese Gefahr aber schon 1982 schwinden, mit der Erzählung „Der Mauerspringer“. Mit diesen Geschichten aus der Geschichte einer geteilten, zerrissenen Stadt in einem zerrissenen, geteilten Land. Wohlgemerkt: Einige Jahre vor Martin Walser, sieben Jahre vor dem überraschenden Fall der Mauer, war es wieder Peter Schneider, der vorne stand, weit vorne.

Diesem, seinem ersten Berlin-Buch folgten, in jeweils großen Abständen, noch zwei weitere:

„Paarungen“, 1992, und „Eduards Heimkehr“, 1999.

Das war, trotz vieler weiterer Essays, für mich der endgültige Durchbruch des Erzählers Peter Schneider, der nichts mehr demonstrieren, nichts belegen, nichts beweisen, sondern erzählen will, von dem, was er gesehen, erlebt, erfahren hat. Zum Beispiel in seiner frühesten Kindheit. Peter Schneider war gerade mal acht Jahre alt, als seine Mutter starb. Ich fürchte, aus den ganzen Jahren seiner frühen Kindheit gibt es nur ein einziges freudiges Ereignis, das sich – völlig ungetrübt – in seine Erinnerung eingegraben hat. Ein Pfiff, das Erkennungssignal der Familie Schneider – in der Tonfolge B A C H. Ein Pfiff, der die Rückkehr des Vaters aus dem Krieg ankündigte. Der Vater hatte sich bei seiner Flucht aus einem französischen Kriegsgefangenenlager eine Baskenmütze „organisiert“.

„Und immer, wenn ich später einem älteren Mann mit Baskenmütze begegnet bin, habe ich unwillkürlich Vertrauen zu ihm gefaßt.“ (176)

Der Rest: ein Trauma. Sicherlich. Und, schlimmer noch, das fortwährende schlechte Gewissen, nämlich das Bewusstsein, die Mutter verraten zu haben. Deshalb, glaube ich, handelt das Buch nur vordergründig von den Lieben der Mutter, also ihren Liebschaften, allen voran der mit dem besten Freund und Kollegen ihres Mannes. Die praktizierte Offenheit der Beziehungen dürfte nicht nur die alten 68er rätselhaft anmuten. Was vom Leben seiner Mutter geblieben war, hat Peter Schneider, der Sohn, ein Leben lang mit sich herumgeschleppt. Der Erzähler Peter Schneider hat aus diesem Material eine, ja seine Geschichte gemacht.

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erstellt am 07.6.2013

Peter Schneider

Peter Schneider: Die Lieben meiner Mutter

Peter Schneider
Die Lieben meiner Mutter
Roman
304 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-462-04514-7
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013

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