Saul Steinberg: The Americans. Farmers – Middle West, 1958; Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique, Bruxelles © The Saul Steinberg Foundation / VG Bild-Kunst 2013

Ausstellung in Köln

Die Kraft des staunenden Blicks

Saul Steinbergs „Americans“ im Museum Ludwig

Von Eugen El

Immer wieder wird darüber diskutiert, ob Deutschland ein Einwanderungsland ist. Neuerdings ist von einer „Willkommenskultur“ die Rede. Dass andere Länder ihren Erfolg auf der Offenheit gegenüber Einwanderern gründen, spricht sich in Mitteleuropa nur zögerlich herum. In den Vereinigten Staaten von Amerika war und ist das anders. 1942 reiste ein 28-jähriger Jude aus Rumänien, auf der Flucht vor den Nazis, nach New York ein: Saul Steinberg wurde innerhalb eines knappen Jahrzehnts zu einem der gefragtesten Illustratoren und arbeitete unter anderem für das renommierte Magazin „New Yorker“. Für den amerikanischen Pavillon auf der Weltausstellung 1958 in Brüssel schuf er eine monumentale, etwa 74 Meter breite Wandkollage, die er programmatisch „The Americans“ nannte. Nach der Expo wanderten diese Tafeln in das Brüsseler Musées Royaux des Beaux-Arts und gerieten fast in Vergessenheit. Nun ist „The Americans“ zum ersten Mal wieder in vollem Umfang im Kölner Museum Ludwig zu besichtigen.

„The Americans“ ist ein Panorama des amerikanischen Lebens, gesehen mit dem neugierigen, verspielten Blick eines Einwanderers. Groß- und Kleinstädte mit ihren Brücken, Autokolonnen und Cowboys, Polizisten, Arbeitern und verschiedenen Typen werden karikaturistisch dargestellt. Man schreitet diese Wandtafeln förmlich ab. Ausgeführt sind sie in einer Mischtechnik aus Tusche, Zeichnung und Collage. Der Einsatz der Tusche ist typisch für die Illustration jener Zeit, die konsequente Linie lässt den Einfluss Picassos erkennen. Steinbergs Bildern sieht man seine Freude am Typisieren, Karikieren und Geometrisieren der menschlichen Figur an. Alles wird zur Form, manchmal gar zum Ornament. Doch Steinbergs Gestaltung ist stets ironisch, hat nie die Verbissenheit eines George Grosz. Der Einsatz der Farbe ist sparsam und flächig. Steinberg ist vor allem ein Zeichner, er koloriert eher, manchmal collagiert er farbige Papiere. Die zeitbedingte Verfärbung des Papiers verleiht dem Werk einen besonderen, die Kontraste verstärkenden Akzent.

Im Museum Ludwig ist auch ein großes Konvolut an Zeichnungen zu sehen. Auch hier arbeitet Steinberg mit Tusche, wobei er manche Blätter zusätzlich noch zart aquarelliert. Manche dieser Zeichnungen kann man als vorbereitende Studien für „The Americans“ sehen, denn auch sie thematisieren die Vielfalt Amerikas. Auch die Masken, die Steinberg in den frühen 1960er Jahren aus Packpapier angefertigt hat, zeugen von seiner Verspieltheit und beziehen sich zugleich auf die ethnische Vielfalt des Landes und auf den sprichwörtlichen „amerikanischen Traum“: die „Masken des Glücks“,so der Künstler, sollte sich jeder Amerikaner anlegen. Die ironische Eleganz dieser Masken vermitteln die Fotografien von Inge Morath, die ebenfalls in der Kölner Ausstellung zu sehen sind. Und auch Steinbergs eigene Fotografien sind zu sehen: Abzüge, die zeichnerisch verfremdet sind, um witzig-surreale Szenerien zu schaffen. Zeichnungen auf Objekten, die fotografiert wurden, erweitern die Linie in den Raum hinein. Steinberg scheint es hier vor allem um die Verzauberung des Profanen zu gehen.

Dass Steinberg im Zeitalter der Abstraktion so konsequent an der figurativen Zeichnung festhalten konnte, hatte wohl mit seinem (Haupt)Beruf als Illustrator zu tun. Die Illustration erscheint als ein Freiraum jenseits der herrschenden ästhetischen Doktrinen.

Die Freiheit ist ein Versprechen, das nicht nur jeder Künstler, auch jeder Einwanderer einlösen möchte. Saul Steinberg sagte einmal, für ihn werde der Immigrant wieder zum Kind, das die Welt mit einem staunenden Blick betrachtet. Nicht zuletzt darin liegt das Erfolgsgeheimnis des Einwanderungslandes USA: die ständige Erneuerung, die immer wieder von den Immigranten kommt. Die künstlerische Kraft dieser Erneuerung ist noch bis 23. Juni im Museum Ludwig zu besichtigen.

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erstellt am 04.6.2013

Ausstellung

Saul Steinberg. The Americans

Museum Ludwig
Heinrich-Böll-Platz, Köln

Bis 23. Juni 2013

Saul Steinberg
Ausstellungsansicht, Museum Ludwig Köln
Foto: Rheinisches Bildarchiv
© The Saul Steinberg Foundation / VG Bild-Kunst 2013

Saul Steinberg
The Americans. Main Street – Small Town, 1958
Collage; 24 Tafeln je 300 × 90 cm, 1 Tafel 300 × 44 cm; Musées royaux des Beaux-Arts de Belgique, Bruxelles © The Saul Steinberg Foundation / VG Bild-Kunst 2013

Saul Steinberg
Untitled [Four Cats], 1950, Silbergelatineabzug, 25,4 × 22,9 cm; The Saul Steinberg Foundation, New York © The Saul Steinberg Foundation / VG Bild-Kunst 2013

Untitled (from the Mask Series with Saul Steinberg), 1961
Photo: Inge Morath © The Inge Morath Foundation/MAGNUM PHOTOS
Mask: Saul Steinberg © The Saul Steinberg Foundation / VG Bild-Kunst 2013