Das halbe Wort

Max Czollek

Bei jedem Dichter, bei jeder Autorin, den/die ich hier vorstelle, lerne ich etwas dazu. Mit Max Czollek habe ich einen neuen Aspekt entdecken dürfen. Er schickte mir Texte, damit ich diese besser zu fassen bekomme:

Ihn interessiere die jüdisch-deutsche, die jüdisch-ostdeutsche Perspektive, das Schweigen zwischen dem ritualisierten Gerede, schreibt mir Czollek in der Email. Es gehe ihm um eine Form der „Gegenwartsbewältigung” (nach Daniel Kahn), schreibt er weiter.

So lese ich seine Texte im G13-Blog und bei samplekanon, die er mir geschickt hat, die von der Trias Politik – Lyrik – Subjekt handeln.

Czolleks lyrische Erkundung ist politisch, aber seine Gedichte sind keineswegs „politisch“. Sie zeugen von einer ganz besonderen Spannung, die aus der sprachlichen Konzentration und der metaphorischen Dichte entsteht. Auch die Kommentare, die unter den Texten zu lesen sind, sind interessant, wie diesen hier, den ich sehr schätze. „In contemporary poetry as well as in the writing of younger German poets one thing is systematically absent: history.“ Das ist wohl auch die Kernthese Czolleks.

Leider kenne ich die jungen Dichter des Kollektivs G 13 nur wenig. Max Czollek ist der erste von ihnen in dieser Reihe. Man merkt ihm den regen online und offline-Austausch, der das Kollektiv auszeichnet, an.

Jannis Plastargias
Gedichte

Von Max Czollek

friedhof weißensee

in allen wipfeln der störton
der vögel es ist so schön
hier sagt ein altes kind
ein echter dinosaurierwald

der gärtner lädt seine
plastikkanne nach geht
steine gießen wenn der
die zum blühen bringt

dahinter liegt eine im
leinen hat sich das aleph
von der stirn gewischt
wird mittags begraben

der wind stellt sich auf
schwenkt den farn sagt
kaddish über den knochen
wuchert fremde höher

er hat einen sternenhimmel

(für björn kuhligk)

er mag lieder
die sich anhören
wie selbstgemacht

unter der dusche
masturbiert er gerne
das ist unkompliziert

er hat gute freunde
wenn es sein muss
denkt er an auschwitz

מושבה הגרמנית

ich frage mich ob diese stadt
so urlaubsgefühl und upfuck
in mein reimschema passt
immer dabei : immer daneben

der frühling liegt in den wehen
ich brauche fast nichts
zum leben bloß einen teller
holz und kein brot auf
dem tisch dort zuckersand
im bett ein paar schuppen
die mir der traum gewetzt

will sagen: ich war ganz wund
gerieben von eichen / denke
in tüchern wenn es heiß wird
schaue ich das meer hinab

es gibt hier keine möwen
die heimweh kreischen

bugs bunny

man erzählt geschichten
über die konstellation
deiner offenen senkel

dass du dir damit
den arm abbindest
an schlimmen tagen

wenn jemand dich bittet
körper zu identifizieren
die du mal geliebt hast

rennst über eine klippe
und fällst immer erst
wenn du den fehler bemerkst

brücke über die drina

auf einer fahrt ist es
herbst geworden
in wischegrad
die häuser tragen
einschüsse wie sommersprossen
felder reifer kreuze
am straßenrand

hol die saat ein

wer jetzt allein ist
weckt erinnerung
in gläser ein dreht wachs
um isolationsdrähte
an den bäumen die granatäpfel
leuchtende kinderfäuste

Alle Texte sind Max Czolleks Debütband „Druckkammern“ (2012, Verlagshaus J.Frank) entnommen.

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Siehe auch:
DAS HALBE WORT

Kommentare


Klausemann - ( 16-11-2013 09:59:46 )
"Sie zeugen von einer ganz besonderen Spannung, die aus der sprachlichen Konzentration und der metaphorischen Dichte entsteht."
Ach. Die sprachliche Konzentration ist also ein Merkmal dieser Gedichte? Und die metaphorische Dichte? Nein wirklich? Das wäre ja fast, als fände man in einem Theaterstück Dialoge!
Liebes Team von Faustkultur, könnt ihr eigentlich erklären, warum diese Kolumne in jeder Ausgabe nur so strotzt vor Platitüden, Klischees und Aussagen wie: "Die Texte sind so gut, weil, sie gefallen mir, ich kann das gar nicht in Worte fassen." Wenn man nicht in Worte fassen kann, warum ein Text oder ein Autor besonders ist, sollte man es halt lassen. "Das halbe Wort" zeugt seit dem ersten Erscheinen auf dieser Seite davon, dass ein Qualitätsstandard offenbar erreicht wird, wenn man einen Namen ins Spiel bringt und sagt, Hey, ist das toll! Diese heiße Luft ist wirklich ärgerlich. Und bevor nun das Argument kommt, dass man eine Kolumne nicht lesen muss, wenn man sie für schwach hält: Stimmt. Und im Gegenzug gilt: Wenn auf einem Portal Blödsinn publiziert wird, muss das Portal Kritik ertragen.

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erstellt am 04.6.2013

Max Czollek
Max Czollek

Max Czollek, geboren 1987 in Berlin. Besuch der Jüdischen Schule Berlin, studierte bis 2012 Politikwissenschaften an der FU Berlin, seit Oktober 2012 Promotion. Januar bis Juli 2013 Forschungsaufenthalt in London. 2009 Gründungsmitglied des Berliner Lyrikkollektivs G13. Gemeinsame Touren durch Deutschland, der Schweiz und Österreich. Czolleks Texte wurden in unterschiedliche Sprachen übertragen. Seit 2013 Deutscher Kurator für das zweijährige Projekt „babelsprech“, welches der Zusammenführung junger deutschsprachiger Lyriker_innen gewidmet ist. Seit Anfang 2013 Gestaltung des „Textton Kombinats“ auf www.kultmucke.de. Veröffentlichungen im Internet, verschiedenen Zeitschriften und Anthologien. 2012 erschien „40% Paradies. Gedichte des Lyrikkollektivs G13“ im Luxbooks Verlag. Czolleks Debütband Druckkammern wurde im März 2012 im Verlagshaus J. Frank veröffentlicht.

Informationen unter:
http://gdreizehn.com/author/rubenmcloop
http://www.fixpoetry.com/autoren/max_czollek.html
http://www.poetenladen.de/max-czollek.htm