Vieles in diesem Büchlein ist umwerfend komisch. Dennoch ist es der Aufklärung über einen ernsten Gegenstand auf eine poetische Weise verpflichtet. Oleg Jurjews »Zwanzig Facetten der russischen Natur« ist eine kleine Kostbarkeit: Ein Geschenk. Ein Kapitel daraus, eine Hommage an des Dichters Heimatstadt Petersburg, ist hier zu finden.

Der Dichter und seine Heimatstadt

»Im Lande der Hyperboreer liegt die Insel Petersburg . . .«

Von Oleg Jurjew

Die Hyperboreer sind übrigens jenseits des Boreas, des Nordwinds, Lebende. In ihrem Land überwinterte bekanntlich Apollo, bis er von Amis zum Mond geschossen wurde. Die Gedichtzeile stammt von Konstantin Waginow (1899-1934), einem der vollkommensten russischen Lyriker, der hierzulande eher durch seine apokalyptisch- humoristischen Petersburger Romane (zuletzt Bockgesang, 1927, dt. 1999 bei Johannes Lang Verlag) mehr oder weniger bekannt ist. Das wundert mich nicht: Sein apollinischer Klang ist schier unübersetzbar, mir ist es auch nicht ganz gelungen da oben, im Titelvers. Eine Insel . . . Sankt Petersburg wurde immer so verstanden, und immer verstand es sich selbst so: als eine Insel im Russischen Meer. Das bedeutet nicht unbedingt: unrussisch – ohne Meer gibt es ja auch keine Inseln. Es bedeutet anders-russisch, eine andere Möglichkeit, russisch zu sein – nicht die bessere, nicht die schlechtere: eine andere eben. Eine neue. Mit dieser Absicht hat Peter der Große diese Stadt vor dreihundert Jahren gebaut – als die Neue Welt, als das Neue Rußland. Selber nannte er sie schlicht und einfach »mein Paradies«. Eine Stadt für die neuen Menschen, so groß wie er oder noch größer. Für die noch nicht geborenen Riesen.

Eines der verbreitetsten und beliebtesten Stereotypen, Petersburg sei eine europäische Stadt in einem asiatischen Land, hat eigentlich nie gestimmt und ist vordergründig ein Produkt intellektueller Faulheit und Wunschdenkens, wobei wir die widerliche und selbstgefällige Gewohnheit, das Wort »europäisch« als Synonym für zivilisiert, fortschrittlich, hygienisch, überlegen usw. zu benutzen, einmal ganz außer acht lassen. Der Wortgebrauch war immer so, schon im 16. und bis hin zum 19. Jahrhundert, in welchem Zeitraum die Westeuropäer ihre spektakulärsten Greueltaten begingen – Vernichtung und Ausrauben unzähliger Völker und Kulturen, welche teilweise kulturell, sozial und sogar technisch (außer waffentechnisch) viel weiter entwickelt waren, wie das Beispiel von Indien und China belegt. Der Gebrauch ist bis heute so geblieben, sogar verstärkt, unbeschadet zweier durch die zivilisierten, fortschrittlichen und hygienischen Europäer verursachter Weltkriege und anderer Kleinigkeiten, doch das ist eine andere Geschichte. Nicht von Petersburg. Petersburg ist keine »europäische« Stadt und ist nie eine gewesen. Nur die wenigsten haben das erkannt, so Lewis Carroll, der Unvoreingenommene, der sich nur für Mathematik, kirchliche Rituale und das Fotografieren von kleinen entkleideten Alices (mit freundlicher Erlaubnis der Eltern, versteht sich) interessierte, für alles andere war er gleichgültig-offen. Im Jahre 1867 fuhr er von London durch Frankreich, Belgien, Deutschland (Köln, Berlin, Danzig, Königsberg) nach Rußland (seine erste und letzte Reise außerhalb Britanniens). In dem Tagebuch einer Reise nach Rußland beschreibt er seinen ersten Eindruck von Sankt Petersburg: »Die enorme Breite der Straßen (von denen die zweitklassigen breiter zu sein schienen als irgend etwas in London). . . die enormen beleuchteten Aushängeschilder über den Geschäften und die riesigen Kirchen mit ihren blaubemalten und sternenbedeckten Kuppeln, das verwirrende Geplapper der Einheimischen – all das trug zu den Wundern unseres ersten Spaziergangs in Petersburg bei.« Und an einer anderen Stelle: ». . . die Entfernungen sind hier enorm: Es ist, als ob man in einer Stadt für Riesen umherginge.«Unser kleiner Gulliver hat in dieser »Stadt für Riesen« nichts gesehen, was er für »europäisch« hätte halten können. Und er ist gerade durch ganz Europa gefahren. Sankt Petersburg war das New York City des 19. Jahrhunderts – befremdlich, neuartig, unbegreiflich, riesig. Eine Stadt für Riesen, eine Stadt für sich.

Für sich – auch im buchstäblichen Sinne. Keine andere Stadt, die ich kenne, pflegt eine derartig einseitige Beziehung zu ihren Bewohnern. Sie werden von Petersburgs Ausstrahlung vereinnahmt, transformiert, zu einem besonderen Menschenschlag gemacht, und zwar innerhalb kürzester Zeit, was im 20. Jahrhundert besonders anschaulich wurde, als die von der Revolution, dem Terror und dem Zweiten Weltkrieg dreimal nahezu ausradierte Stadtbevölkerung dreimal nahezu vollständig durch Menschenmassen von außerhalb ersetzt wurde. Die Stadt selbst ändert sich im Grunde nicht, sie nimmt Einflüsse von ihren Bewohnern nicht auf. Sogar wie wir sie nennen, läßt sie kalt: Sie wurde dreimal innerhalb eines Dreivierteljahrhunderts umbenannt, hat sie das bemerkt? Wohl kaum. Es scheint so, daß sie, wie die Katzen in dem Buch von T. S. Eliot, das zur Vorlage für ein gewisses Musical mißbraucht wurde, einen eigenen, unaussprechlichen Namen für sich hat, den wir nie erfahren werden. Und ihr Einfluß auf uns scheint auch nicht gewollt zu sein, eher ist es ein Nebeneffekt, eine Nebenwirkung ihrer Absonderungen. Diese Stadt interessiert sich nicht für die Menschen, die sie bewohnen, und stellt ihnen frei, sich für sie zu interessieren oder auch nicht. Sie wurde nicht für gewöhnliche Menschen gebaut, sie lebt auch nicht für gewöhnliche Menschen. Wenn sie sie quält, dann allein mit dieser Gleichgültigkeit. Im Prinzip kann sie ganz gut ohne Bewohner auskommen, und in den menschenleeren Zeiträumen wird sie noch schöner, noch größer, noch großartiger. »Der Platz vor dem Winterpalast«, schreibt Joseph Roth (Reise nach Rußland) über das nach dem Bürgerkrieg fast entvölkerte Petersburg, »ist weit, und der Schnee verwischt seine Grenzen. Er ist als Platz so unermeßlich, wie Rußland als Reich unermeßlich ist. Durch die Fensterscheiben, die eine gelbliche Tönung haben, sieht man auf ihn wie auf einen erstarrten See. Eine Wehmut aus Stein und Eis steigt aus ihm auf wie Nebel aus einem lebendigen. Menschen, die ihn überqueren, sehen winzig wie verkleidete Streichhölzer aus.« Ich glaube, diese Stadt empfindet ihre viel zu kleinen Menschen wie ein Wal irgendwelche auf oder unter seiner Haut lebenden Kleinsttiere (juckt es nicht so sehr und gut so); werden sie abgeschüttelt oder zerquetscht, kommen andere. Petersburg ist kein »Wohngebiet«, es ist ein Wesen mit eigenem Bewußtsein, das wir nicht verstehen, und eigenem Willen, den wir nicht kennen. Deshalb kann man nicht in Petersburg leben – nur neben Petersburg. Man steht Schlange auf der sich bewegenden Treppe, um ins Innere Petersburgs zu gelangen, aber die Treppen rollen immer wieder zurück, an die Oberfläche. Dabei ist daran nichts Trauriges, nichts Erniedrigendes, neben etwas, neben jemandem zu leben, das oder der sich einen Teufel um dich schert. Das macht aus einem Petersburger, in erster Linie aus einem Petersburger Dichter, eine stolze Geisel der Ewigkeit. Du weißt, daß sich nach deinem Abgang nichts prinzipiell ändert – die Newa wird weiter durch ihren grauen Pelz goldene Funken jagen, die Paläste werden Schulter an Schulter stehen, dazwischen gibt es keine Löcher für die neuen Paläste, die riesigen Plätze werden riesig bleiben, schwarz-weiß-gelb im Winter, grau-grün-golden im Sommer. Diese Stadt, das dreihundertjährige Kind unter den ewigen Städten, wird in ihrem Äußeren, vom Inneren ganz zu schweigen, entweder immer so bleiben, wie sie ist, oder, Gott bewahre, ganz verschwinden. Moskau oder Berlin oder Paris ändern ihr Antlitz bei jedem Wechsel der Umstände. Menschen ändern die Städte. Wer heute nach Moskau kommt, das er vor fünfzehn Jahren als die sowjetische Hauptstadt kannte, erkennt es nicht wieder, diese wilde Mischung aus Los Angeles und Istanbuler Basar. Wenn du in dreihundert Jahren zurück nach Petersburg kommst, ist das Wesentliche unverändert geblieben. Petersburg bleibt. Deshalb glaubt ein Petersburger Dichter, daß er etwas Bleibendes hinterlassen kann. Und muß. Er hat ein Beispiel, eine (einseitige) Bekanntschaft mit der Ewigkeit. Er weiß, daß sie existiert – aus täglicher Berührung.

Eine Insel? Ja, eine lebendige Insel. Ein Walrücken im Hyperboreischen Meer. Der Rücken eines Wals, der sich weigert, uns Jonas zu schlucken. Ob man so groß wie Peter der Große sein muß, oder noch größer, um verschluckt werden zu dürfen? Ob der Wal irgendwann aufbricht und durch Rußland schwimmt, vom Baltischen Meer bis zum Schwarzen, vom Schwarzen Meer bis zum Pazifik, wie Zar Peter hoffte? Das wissen wir nicht. Petersburg ist noch ein Kind, das in seinem Schaukelbett liegt und am bleiernen Euter des hyperboreischen Himmels saugt.

Abdruck aus: Oleg Jurjew, Zwanzig Facetten der russischen Natur

Mit freundlicher Genehmigung © Insel Verlag

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erstellt am 01.6.2013

Pokal und Zitrone (1922) von Kusma Sergejewitsch Petrow-Wodkin (1878-1939)
Abbildung im Band, Seite 40

Oleg Jurjew: Zwanzig Facetten der russischen Natur

Oleg Jurjew
Zwanzig Facetten der russischen Natur
Mit zehn farbigen Bildern von Kusma Petrow-Wodkin
Pappband, 64 Seiten
ISBN: 978-3-458-19307-4
Insel Verlag

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