Vierteljährig erscheint eine neue Weltempfänger-Bestenliste, aus der die Chefredakteurin der Zeitschrift LiteraturNachrichten, Anita Djafari, ihren favorisierten Buchtitel auswählt und den Faust-Lesern vorstellt.

Die brasilianische Autorin Patrícia Melo wurde mir ihrem Roman Leichendieb von der Jury der Weltempfänger-Bestenliste mit dem ersten Platz ausgezeichnet. Maliziös und sarkastisch berichtet sie über die Deregulierung moralischer Standards.

Anita Djafaris Buchtipp

Patrícia Melo »Leichendieb«

Weltempfänger 19 – Platz 1

Ein Thriller ohne Mord und Totschlag, ein Held, der keiner ist. Leichendieb ist der Titel des neuen Buchs der Brasilianerin Patricia Melo, nachdem einige Jahre leider von ihr hierzulande nichts zu lesen war. Der Titel verrät allerdings schon, welches perfide Verbrechen der Ich-Erzähler begangen hat. Dieser ist ein Schwächling, einer der sich durchlaviert und abhaut, wenn's brenzlig wird, der die Regeln kennt, intelligent genug ist, um zu wissen, was richtig und was falsch ist. Und dann das tut, was für ihn am bequemsten ist. Nachdem er seinen Job als Manager in einem Callcenter verloren hat, kommt er bei seinem Cousin in der Provinz, im Grenzgebiet zwischen Brasilien und Bolivien unter. „Zufällig”, wie er sagt, und bleibt hängen. Schlägt sich irgendwie durch, geht angeln, auch wenn es gerade verboten ist, da die Fischschwärme zum Laichen unterwegs sind, aber da ist er ja so schön ungestört und macht fette Beute. Und dabei beobachtet er einen Flugzeugabsturz, folgt zunächst dem normalen Impuls, Hilfe zu holen, aber das Handy funktioniert nicht. So stellt er fest, dass der Pilot und einzige Insasse sein Leben gerade ausgehaucht hat und einen ordentlichen Packen wertvollen weißen Stoff, Kokain, dabei hat, und die Armbanduhr kann er eigentlich auch gebrauchen. Also verzichtet er darauf, die Polizei zu verständigen und lässt den Leichnam in den Fluss gleiten. Ab da nimmt seine niederträchtige Existenz ihren niederträchtigen Lauf. Der tote Pilot, offenbar ins große Drogengeschäft verwickelt, ist der einzige Sohn der reichen Hazienda-Besitzer. Unser arbeitsloser „Freund” nimmt dort einen Job als Chauffeur an und bekommt hautnah und tagtäglich mit, wie die Mutter sich vor Kummer um ihren verschwundenen Sohn verzehrt, von dessen illegalen Machenschaften sie nichts ahnt. Zumindest will sie ihn begraben können, wenn er tot ist. Doch der, der ihr helfen könnte, zieht es vor zu schweigen. Er ist beschäftigt mit der heimlichen Affäre, die er mit der Frau seines Cousins begonnen hat, und irgendwie muss er auch seine Freundin, die ihn so gerne heiraten möchte, und deren Familie bei Laune halten. Er hat ja jetzt auch Geld. Sein (immerhin vorhandenes) Gewissen beschwichtigt er damit, dass er schließlich niemanden umgebracht hat. Aber allmählich wird es doch immer enger um ihn herum und „zufällig” ist seine anhängliche Freundin Leiterin des Leichenschauhauses … Mehr wird an dieser Stelle nicht verraten. Ich will ja, dass Sie das Buch lesen, und ich verspreche: Die Geschichte ist spannend bis zur letzten Seite. Man folgt diesem Widerling – wahrhaft keine Identifikationsfigur - gerne beim Lesen, weil die kluge Autorin es versteht, glaubwürdige Charaktere zu schaffen und ohne die üblichen Mittel des Krimis aufzuzeigen, dass die Grenzen zwischen Gut und Böse nicht so einfach zu ziehen sind. Das Schaudern entsteht, weil auf so abgebrühte Weise beschrieben wird, wie charakterloses Mittelmaß letztendlich durchzukommen scheint. Ein ganz und gar universales Thema. Ein ganz und gar überzeugendes Buch.

Entrelinhas – Patrícia Melo

Auszug aus »Leichendieb«

Ohne Netz

Wir suhlen uns in der Hitze. Auf der Galerie höre ich Schritte, aber ich bin zu schlapp, um zu schreien. Sie flüstern, stolpern, machen irgendwas kaputt, lachen. Die Fahrradwerkstatt unten hat geschlossen. Die Kinder im Viertel, eine ganze Bande, machen sich einen Spaß daraus, die Nachbarn auszuspionieren. Steigen auf Dächer, klettern auf Bäume, zwängen sich in Luken. In der Ferne höre ich Seifenkisten über den Asphalt rattern. Sie pfeifen. Diese blöden Möchtegernindios, sagt Sulamita; steht auf, nackt, und geht ins Bad. Die Alte unten schreit. Die Indiofrau. Gestern noch hat sie mir erzählt, dass sie aus den Fasern der Acuri-Palme etwas flechten könne. Wenn Sulamita bei mir schläft, regt sie sich auf. Behauptet, ich müsse mir eine Arbeit besorgen, hier wegziehen, mir ein anderes Viertel suchen. Diese Scheißindios, sagt sie wieder und wieder.

Mir gefällt es hier. Und in Corumbá. Auch an die Kinder habe ich mich schon gewöhnt, die in meiner Abwesenheit oft in meinen Sachen wühlen. Und ich mag auch die alte Indiofrau und muss an sie denken, wenn ich angeln gehe. Ich höre, wie Sulamita im Bad einen Eimer Wasser volllaufen lässt. Tu es nicht, sage ich, vergebens. Auf Zehenspitzen geht sie zur Tür und überrascht die Kinder, die aufgereiht vor dem Fenster hocken, von hinten. Ich höre, wie sie johlend und lachend davonlaufen. Erst jetzt öffne ich die Augen. Es ist Sonntag.

Der Reporter erklärt: Dreiunddreißigtausend junge Menschen werden in den kommenden vier Jahren ermordet werden. Ich sehe im Geist einen Polizisten vor mir, der das Feuer auf sie eröffnet. Schwarze, hinterrücks erschossen, stelle ich mir vor. Arme Leute. Sehe die an der Wand klebende Hirnmasse am Ort des Gemetzels. Und Wundränder. Der Reporter sagt: Den Statistiken zufolge werden die Toten Schwarze und Dunkelhäutige sein. Irgendjemand muss den Gehweg sauber machen, überlege ich.

Ich liebe es, mich nach einer kalten Dusche und einem starken Kaffee in meinen schrottreifen roten Pick-up zu setzen, das Radio anzuschalten und mich von dem Sprecher über den weltweiten Verfall der Börsenkurse berieseln zu lassen, über Massenmorde, Erdbeben, Angriffe der Taliban, Entführungen, Überschwemmungen, Morde, Epidemien, Vergewaltigungen und kilometerlange Staus. Das beruhigt mich, ist Teil meiner Genesung. Ich höre das alles mit dem guten Gefühl, nicht Zielscheibe von irgendetwas zu sein, ich falle aus den Statistiken heraus, bin nicht reich, bin nicht schwarz, bin kein Moslem, das sind meine Gedanken, ich bin gerettet, geschützt in meilnem Wagen, während ich weiter nach Remédios fahre und in die Estrada Velha, die alte Landstraße, einbiege, immer bei offenem Fenster, um den Geruch der Natur zu spüren, der mir in die Nase steigt.

Manchmal schläft Sulamita bei mir. An den Tagen aktiviere ich mein inneres Antivirusprogramm und höre mir ihre Geschichten über das an, was auf der Polizeiwache passiert, in der sie als Verwaltungsangestellte arbeitet. Beschlag- nahmungen von Drogen, Haftbefehle, Razzien, Korruption und Betrug. Die Leute versauen sich nämlich reihenweise ihr Leben. Heute hat sie mir, während wir frische Brötchen aßen, von einer Frau erzählt, die mit einem Messer im Ohr auf die Wache kam. So hatte dieser Sonntag für mich begonnen. So weit, so gut, sagte ich zu mir selbst. Zumindest habe ich kein Messer im Ohr stecken. Uns geht es gut. Alles unter Kontrolle, Over.

Ich parkte auf der ersten Brücke, stieg hinunter zur Kanalmündung, lauschte eine Weile lang dem Quaken der Frösche und überlegte, wo ich angeln wollte. Ich musste an den Tag denken, an dem Sulamita und ich mit dem Fahrrad zur Grotte gefahren waren. Eine schwachsinnige Idee, sagte Sulamita. Der Weg war aufgeweicht von den Überschwemmungen, der Schlamm reichte uns bis zu den Knöcheln. Sulamita schimpfte den ganzen Weg über, während sie das Rad schob. Dann badeten wir im eiskalten Wasser der Grotte.

Von der Brücke aus war so gut wie kein Tier zu sehen, nicht mal ein Wasserschwein oder ein Alligator, wegen der Fazendas, der Landgüter, in der Nachbarschaft. Einige Tukane und Krähen flogen über das flache Unterholz und suchten in den Wasser- lachen, in denen sich das Sonnenlicht spiegelte, nach Nahrung. Es war so heiß, dass die Viehtransporter der Gegend sich nicht auf die Straße trauten. Mir lief der Schweiß das Gesicht herab. Ich ging zurück zum Wagen und fuhr in den Wald, mitten zwischen den Caranday-Palmen hindurch. Folgte dem Pfad, so weit es ging, mein Angelzeug, die Kühltasche mit dem Bier, Winde, Angelrute, Haken und etwas Erdnusskonfekt hatte ich dabei.

Nachdem ich das Auto unter einem Baum abgestellt hatte, lief ich mit meinem Angelzeug und dem Kescher zu Fuß weiter bis zum Fluss, dem Rio Paraguay. Ich weiß nicht, wie lange ich ging. Mein Kopf dröhnte in der Sonne. Unterwegs legte ich an der Grotte, bei der ich mit Sulamita gewesen war, eine Pause ein. Erschöpft zog ich mich aus und ließ mich lange im Wasser treiben, spürte die Kühle in meinem Körper, bis meine Schläfen aufhörten zu pochen. Ausgeruht ging ich den Pfad weiter bis zum Fluss. Es war Januar, der Monat, in dem die Fischschwärme zum Laichen die Flüsse bis zur Quelle hinaufziehen. Um diese Zeit ist das Fischen verboten, man darf weder Wurfnetze noch Kescher oder Reusen verwenden. Der Vorteil ist, dass man den Ort ganz für sich alleine hat. Ich setzte mich hin und machte ein Bier auf. Es war einer dieser ruhigen, sonnigen Sonntage, an denen die Gedanken ziel- und sorglos vor sich hin schweifen. So verbrachte ich den Nachmittag, halb benommen vom Bier, schaute auf den dahinfließenden Fluss. Eine laue Brise umwehte mich.

Ich angelte so viel, wie ich zu Fuß bis zum Wagen transportieren könnte. Zwei Mühlstein- und drei Schlammsalmler sowie einen Antennenwels, an die zehn Kilo. Dann legte ich mich in den Schatten, aß etwas von dem Erdnusskonfekt, schloss die Augen und wartete mit dem Rückweg, bis es sich etwas abgekühlt hätte. Keine Ahnung, wie lange ich schlief. Ich träumte, ich hätte eine Liste der Nebenstellen anzufertigen und mich über Funk mit den Telefonistinnen abzustimmen,Over. All das war schon enorm lange her, aber das Funkgerät geisterte noch immer durch meine Alpträume.

Ich wachte mit Herzrasen auf, hörte Motorenlärm. Als ich zum Himmel schaute, erblickte ich ein tieffliegendes Flugzeug, dachte, jemand würde Luftaufnahmen machen. Ich weiß nicht genau, wie alles passierte. Plötzlich eine Explosion, und das Flugzeug stieß in den Rio Paraguay wie ein Fischreiher. Die Nase der einmotorigen Maschine war an der engsten und verwinkeltesten Stelle in den Rio Paraguay getaucht, in einem nicht schiffbaren Teil des Flusses. Einer ihrer Flügel hatte sich in sein flaches Bett gebohrt. Aus dem Motor stieg dunkler Qualm.

Ich zog Turnschuhe und Hose aus, watete in den Fluss und schwamm zum Flugzeug. Das Wasser reichte mir kaum bis über die Hüfte. Gleich beim Erklimmen des Rumpfs entdeckte ich den Piloten, einen großen, jungen Kerl mit kantigem Gesicht. Das Blut schoss ihm aus der Wunde an der Stirn. Ich zog die zum Teil aus dem Wasser ragende rechte Tür gewaltsam auf und stieg ins Innere. Erklärte dem Piloten, er brauche sich keine Sorgen zu machen, ich würde ihn zu meinem Wagen bringen, und über mein Handy würden wir Hilfe holen. Sie haben großes Glück, sagte ich, während ich ihn vom Sicherheitsgurt befreite, wirklich großes Glück, vom Himmel zu stürzen und noch am Leben zu sein. Genau in dem Augenblick, als ich ihm sagte, was für ein Glückspilz er sei, verlosch er. Zuvor gab er noch einen unterdrückten Seufzer, fast ein Stöhnen, von sich. Ich überprüfte seinen Puls, Fehlanzeige. Panik packte mich.

Das Flugzeug begann, voller Wasser zu laufen. Ich öffnete die Tür, um zu verhindern, dass wir von der Strömung mitgerissen würden, ohne mir ganz sicher zu sein, ob meine Annahme stimmte. Keuchend und Wasser schluckend schwamm ich zurück zum Ufer, nunmehr voller Angst vor den Piranhas. Versuchte das Handy in meiner Hosentasche anzuschalten, aber es hatte kein Netz.

© Klett-Cotta, Stuttgart 2013

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erstellt am 31.5.2013

Weltempfänger 19

Platz 1 der litprom-Bestenliste

Patrícia Melo
Leichendieb

Thriller, aus dem Brasilianischen von Barbara Mesquita (Original: Ladrão de Caváderes)
1. Aufl. 2013, 208 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50118-6
Verlag Klett-Cotta

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Patricia Melo, Foto: Barbara Mesquita/ Klett-Cotta
Patricia Melo, Foto: Barbara Mesquita/ Klett-Cotta

Patrícia Melo geboren 1962 in São Paulo. Die Autorin und Dramaturgin schreibt Romane, Hörspiele und Drehbücher. Die »Times« kürte Patrícia Melo zur »führenden Schriftstellerin des Millenniums« in Lateinamerika. Außerdem wurde ihr der »Prix Deux Océans« verliehen. Patrícia Melo lebt in der Schweiz.

Siehe auch:
Lusophone Literatur