Buchkritik von Peter Henning

„Auf und davon“

Es ist eine moderne Forrest Gump-Geschichte, die der 1974 im amerikanischen Illinois geborene Joshua Ferris in seinem zweiten, jetzt auf deutsch vorliegenden Roman „Ins Freie“ erzählt: die Fabel eines notorischen Weg- und Davonläufers, der – wie von fremden, übergroßen Mächten gesteuert und programmiert – bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit kurz entschlossen „ins Freie“ entwischt: Mitten im Gespräch mit einem Klienten, während eines Prozesses vor Gericht, oder wenn ihn zuhause, im Gefängnis seiner luxuriösen Vorstadtvilla, dieser rätselhafte, unwiderstehlich Drang ereilt.

Tim Farnsworth, der Protagonist in Joshua Ferris' in den USA mit Kritikerlob regelrecht überschüttetem zweiten Roman, ist Rechtsanwalt und von Berufswegen vertraut mit Wegläufern, die vor dem langen Arm des Gesetzes Reißaus zu nehmen suchen. Doch in seinem Fall ist die Sache komplizierter, anders gelagert, denn: Farnsworth, dieses mitleiderregende Wesen in der Gestalt des zum Erfolg verdammten modernen Amerikaners, ist auf der Flucht vor den eigenen inneren Dämonen. Und was für Farnsworth mit wachsender innerer Unruhe beginnt, die schließlich so stark wird, dass ihn nichts und niemand mehr daran hindern kann, auszubrechen und wegzulaufen, das ist nicht nur für ihn ein Rätsel, sondern auch für den ihn behandelnden Neurologen, der in seiner Ratlosigkeit zuletzt nicht einmal mehr davor zurückschreckt, Farnsworth einen angeblich speziell für ihn konstruierten Helm zu verpassen, der – über seinen kahl rasierten Schädel gestülpt – dessen Hirnströme messen soll. Damit endgültig als Outcast kenntlich gemacht und dem beißenden Spott seiner Anwaltskollegen schutzlos preisgegeben, erträgt Farnsworth das Ganze dennoch heldenhaft. Bis ihn sein innerer Drang, zu türmen von Neuem ereilt, und er ziellos wie ein Obdachloser durch die Millionenmetropole irrt: ein Moribunder, der – zum Leidwesen seiner längst dem Alkohol verfallenen Ehefrau Jane – ruhelos durch die Tage und Nächte vagabundiert, vor nichts und niemand anderem auf der Flucht als vor sich selbst und seinem medizinisch offenbar nicht entschlüsselbarem Drang. Und so stöbern Jane und ihre gemeinsame Tochter Becka Farnsworth mal in einem Hinterhof zwischen Mülltonnen auf, mal irgendwo zwischen Schutt und Scherben im Graben einer Ausfallstraße. Bis sie beschließen, sich als Teil der Misere zu begreifen, und gemeinsam mit Tim Strategien entwickeln, um ihn am Weglaufen zu hindern: so lässt der sich irgendwann sogar willig ans eigene Bett anketten, um den inneren, auf permanente Flucht programmierten Geistern zu trotzen. Dass sich Farnsworths Drang ins Freie am Ende aber doch als zu groß und zu maßlos erweist, als dass er sich mit ein paar Handschellen bändigen ließe, das ist nur eine der zahllosen tiefer gehenden Erkenntnisse dieses Romans, der vieles gleichzeitig ist: Eheroman, Psychodrama sowie das rabenschwarze Porträt einer Gesellschaft, die aufgehört hat, ihren aus der Spur geratenen Kindern das zu geben, was sie im Moment der Krise am dringendsten benötigen: Halt, Zuspruch und das Gefühl, trotz ihres Anderssein weiter Teil des Ganzen zu sein. Wie es Joshua Ferris, der bereits mit seinem 2007 auch deutsch erschienenen Debütroman “Wir waren unsterblich” international für Aufsehen sorgte und es damit auf die Shortlist des National Book Award schaffte, versteht, das unenträtselbare Laborieren seines Helden als leise Anklage einer Gesellschaft zu formulieren, die das Andersartige bekämpfen muss, um sich in dessen Ablehnung ihrer selbst und ihrer bislang geltenden Werte zu versichern, das ist grandios. Zudem ist ihm, ähnlich wie auch Josh Emmons in dessen großartigem, 2008 bei uns erschienenen und leider kaum beachteten Roman „Leon Meed beschließt zu gehen“, die Geschichte eines in seinem Kopf gefangenen Menschen geglückt, der irgendwann zu akzeptieren lernt, was scheinbar nicht zu ändern ist: Das eigene Anderssein. So ist dem jungen Amerikaner Joshua Ferris unterm Strich eine moderne Sisyphos-Geschichte geglückt, die uns einmal mehr lehrt, uns auch diesen neuzeitlichen Sisyphos am Ende als glücklichen Menschen denken zu müssen. Dass uns Tim Farnsworth, dieser zum Weglaufen verdammte Einzelgänger, gegen Ende des Romans auch in dieser Hinsicht überholt, das ist der eigentliche Clou dieses ebenso nachdenklich machenden wie finster-komischen Romans.

erstellt am 19.10.2010

Joshua Ferris
Ins Freie .Roman.
Aus dem Amerikanischen
von Marcus Ingendaay.
Luchterhand Literaturverlag,
München 2010, 352 S.

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