Im Juni 1953, als die Rosenbergs auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet wurden, ist Sylvia Plath in New York. Der Gedanke, mit Strom verbrannt zu werden, macht sie krank. So beginnt ihr einziger Roman »Die Glasglocke«, der vor 50 Jahren erstveröffentlicht wird. Vier Wochen danach begeht sie Selbstmord. Jan Wilm hat das einzigartige Buch wiedergelesen.

Silvia Plath
Wiedergelesen

Sylvia Plath »Die Glasglocke«

Von Jan Wilm

Für jene Leser, die ein Buch nicht mit den Augen, sondern mit dem Zeigefinger lesen und in den Sprachweben eines literarischen Textes nach den Wirklichkeitskokons der Autoren und Autorinnen forschen, für jene Leser ist der Roman „Die Glasglocke“ von Sylvia Plath ein gesuchtes und gefundenes Fressen, wie für den Affen die Laus im Fell seines Artgenossen. Der vor fünfzig Jahren 1963 erschienene Roman der amerikanischen Dichterin folgt der neunzehnjährigen Esther Greenwood auf ihrem Weg durch ein Praktikum bei einer Modezeitschrift im Manhattan der 1960er Jahre, auf dem Weg, Lyrikerin zu werden und auf ihrem Weg nach innen, der auch ein Weg ist in einen Selbstmordversuch hinein und wieder heraus, zurück in ein anderes Leben.

Ja! Sylvia Plath verübte selbst einen Suizidversuch, vielleicht neunzehnjährig, vielleicht saß sie selbst eines Tages am Meer „mit Rock und hohen Absätzen“ und mit ein paar Rasierklingen in der Handtasche. Ja! Sylvia Plath ertrug selbst vielleicht die Elektroschocktherapie, die der jungen Esther als ein gräßliches Allheilmittel gegen ihre Weltmelancholie verordnet wird, wie ein Jahrhundert zuvor den Leidenschaftlichen, Brennenden der Aderlaß. Ja! Sylvia Plath nahm sich kurz nach Veröffentlichung ihres einzigen und einzigartigen Romans das Leben. Das vergangene halbe Jahrhundert seit der Erstveröffentlichung fiel allzu häufig das Wort Schlüsselroman, als läge in der jungen Esther auch die junge Sylvia verborgen und die Lektüre des Romans öffne uns die Türe in die Geheimnisse der Autorin Sylvia Plath. Pah! Was diese Betrachtung der Lektüre als Schlüsselroman hauptsächlich leistet, ist dem Leser die Lektüre vor der Nase zu verschließen.

Ein Buch ist kein Affe. Man sollte darin vielleicht nicht nach dem Leben der Autorin lausen und mehr auf das Leben der Figuren horchen. Ganz besonders, wenn wir es mit einer solch humorvollen und intelligenten und eigensinnigen Heldin zu tun haben, wie Esther es ist. Der Roman begleitet zunächst ein gewöhnlich anmutendes Leben einer jungen Amerikanerin in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. Die junge Ich-Erzählerin berichtet von ihren Manhattanerfahrungen in der „verruchten Großstadt“, springt umher zwischen Eindrücken aus der Metropole und dem Leben am ländlichen College davor. Es gab einen jungen Mann namens Buddy, es gab Heiratspläne, bis Esther in einer traurigen Epiphanie erkennen muss, welch ein Heuchler er war und wie wenig Respekt für ihn heute übrig geblieben ist. Während Esther von ihrem Leben berichtet, begibt sie sich in Wahrheit auf die Suche nach einem Leben. Und auf die Suche nach einer Sexualität, die über die noch in der Verklemmung feststeckende amerikanische Prüderie der Prokreation der frühen Sechziger Jahre hinausgeht.

Auf der Suche nach ihrer eigenen Sinnlichkeit findet Esther eine Sprache für die Welt ihrer Umgebung und Erfahrung, die explodiert mit einer Erotik des Wortes und Bildes, einer leidenschaftlichen wie zärtlichen Nähe zum Sein. Man glaubt mitzuerleben, wie diese junge Frau zur Dichterin wird. Wenn sie erzählt, vereinigt sie sich mit der beschreibbaren Welt – und das auf eine wunderschöne und komplizierte Weise, wie die körperliche Nähe zu einem anderen Menschen. Das Buch ist voller unglaublicher Bilder, geformt in einer lyrischen Sprache, die unerreicht bleibt. „Ich bin eine Beobachterin,“ sagt Esther sich einmal, und das ist sie, eine genaue Dichterin mit einem liebenden Blick für die Welt. Manchmal sieht sie Dinge ganz nebenbei, „so wie man die Farbe von jemandes Augen wahrnimmt,“ und häufig wirft sie einen aufgeweckten Blick auf die Welt der Winzigkeiten, die sonst übergangen wird. Ihr Blick ist oft auf das Mikroskopische gelenkt und eröffnet erst durch den treffenden Vergleich einen weiten Resonanzraum von Bedeutung und Schönheit: „Der Spiegel über meiner Kommode schien leicht gekrümmt und viel zu silbrig. Das Gesicht darin sah aus wie eine Spiegelung auf einer Kugel Zahnarztquecksilber.“

Häufig sind ihre Sprache (und Plaths Sprache in all ihrem Schreiben) voller medizinischer Worte und Stimmungen, sie evozieren Krankenhäuser und die Kälte von Obduktionen und von Tod. In einer beeindruckenden Rückblende des Romans begleitet Esther ihren damaligen Freund Buddy in die medizinische Fakultät, wo Buddy das Arzthandwerk studiert. Esther schaut Buddy dabei zu, wie er Leichen obduziert. Und: „Nachmittags sahen wir uns an, wie ein Baby geboren wird.“ Esthers Beobachtung von Geburt und Tod bleibt einschneidend für ihr Leben und ist inhaltlich verbunden mit einem Moment, der direkt auf die Geburtsbeobachtung an der medizinischen Fakultät folgt, ein Moment mit Buddy, in dem Esther nicht nur erkennt, welch ein Heuchler Buddy war, sondern auch welch heuchlerische Gesellschaften sich zwischen den beiden Buchstützen Geburt und Tod zu jeder Zeit auf der Erde tummelt.

Es ist erstaunlich, wie der Roman impliziert, daß jene tief ernüchternden Momente im Leben Esthers zwar von schmerzvollster Enttäuschung und Verlassenheit getragen sind, wie jedoch Esthers Weg weiter führt, keinen Halt erlaubt. Und wie sie beim Gleiten durch die Welt ihre Umgebung mit Sprache aufschaufelt und umbaut. Gleichzeitig ist der Blickwinkel, aus dem das Erzählen heraus passiert, häufig ein äußerst passiver, als stoße Esther die Welt um sie herum zu, anstatt daß sie die Welt entstehen lässt mit ihrem Blick und ihren Worten. Vielleicht liegt auch in dieser Form, diesem Stil die Zerrissenheit der jungen Frau, die allmählich in der Welt keine Ordnung mehr finden kann. „Was für ein Durcheinander die Welt war!“ Und mit der wachsenden Unordnung in der Welt wächst auch die Sprachkunst dieses Romans, als wäre die Poesie ein Muskel, der sich an der Enttäuschung trainiert.

Esther (und mit ihr der Roman) verliert niemals ihren Humor und die Freude, in Sprache zu gießen, was sie sieht, was sie beobachtet, wovon sie fasziniert ist. Sie berichtet vom „Sopranquietschen von Kinderwagenrädern“ oder von „vollbusigen Ulmen“, und selbst, wenn sie sich in einer Nervenheilanstalt befindet, flackert in ihrer Sprache immer noch die poetische Faszination über das Leben und die Welt selbst mit: Wenn Esther einmal im Garten der Anstalt sitzt, erstreckt sich vor ihr ein grüner Rasen, aber er ist „weiß von Ärzten“. Die Sprache ist, wie Esthers Leben selbst, stets belebt von der existentiellen Dringlichkeit, die in jedem Moment des Romans greifbar wird: „Entweder ich wurde gesund, oder ich stürzte ab, tiefer und tiefer, wie ein brennender Stern.“

Ich suche nicht in Büchern nach Lebensläufen, aber ich verbringe gerne meine Zeit damit, die Lebensläufe von Dichtern zu durchsuchen, ob in ihrem Werk Romane verborgen sind, Romane, in denen die Sprache vollgesaugt ist mit Bildern und Vergleichen, mit der Sprache der Poesie. Die Dichte der lyrischen Sprache Plaths in ihrem Roman fügt sich an ihr poetisches Werk an, als wäre „Die Glasglocke“ die „Fortsetzung der Lyrik mit anderen Mitteln,“ wie Joseph Brodsky einmal anderswo schrieb. Vielleicht ist jedes Gedicht, und ist es noch so verzweifelt, immer auch ein bisschen ein Liebesgedicht, eine sorgsame Annäherung an das Sein, manchmal voller Zaudern oder Zorn, aus Schmerz oder aus Sanftheit, aber niemals von völliger Gleichgültigkeit. Wie Jutta Kaußen in ihrem schönen Nachwort zu den von ihr übersetzten „Liebesgedichten“ Plaths schreibt, „mit jedem Gedicht entdeckt und versteckt die Dichterin die Liebe darin aufs neue.“ Bitte, suchen Sie dort!

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erstellt am 29.5.2013

Sylvia Plath: Die Glasglocke

Sylvia Plath
Die Glasglocke
Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Reinhard Kaiser
Mit einem Vorwort von Alissa Walser
Gebunden, 262 Seiten
ISBN: 978-3-518-42365-3
Suhrkamp, Berlin 2013

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Sylvia Plath: Liebesgedichte

Sylvia Plath
Liebesgedichte
Gedichte. Aus dem Englischen, ausgewählt und einem Nachwort von Jutta Kaußen
Broschur, 111 Seiten
ISBN: 978-3-458-35130-6
Insel, Frankfurt am Main und Leipzig 2009

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