Höchst uneinheitlich ist die Auswahl der Exponate für die Ausstellung „Faszination Fremde“ im Frankfurter Museum Giersch und auch nicht in sich schlüssig. Und dennoch lassen sich – vielleicht gerade aufgrund mancher Unzulänglichkeit des Ausstellungskonzepts – Entdeckungen machen.

Ausstellung “Faszination Fremde”

Motiv Fernweh

Von Isa Bickmann

Was bleibt übrig von der Kunstproduktion einer Zeit? Diese Frage stellt sich unweigerlich, wenn man die aktuelle Schau im Frankfurter Museum Giersch, einem Haus, das sich der Präsentation der Kunst aus dem Rhein-Main-Gebiet verschrieben hat, durchwandert. Welche Künstlernamen bleiben, welche geraten in Vergessenheit? Oder anders gefragt: Überzeugt das alles, was vor hundert Jahren den Kunstliebhabern gefiel, auch heute noch? Wir wissen, dass Zeitgeschmack und kunsthistorische Wertschätzung oftmals weit auseinanderdriften, wie im Fall der Salonmalerei des 19. Jahrhundert, die, lange verpönt, erst seit kurzer Zeit eine Wiederentdeckung erfährt.

Andererseits gibt es Kunstwerke, die aus zeithistorischen Gründen, also als Zeitdokumente bewahrt werden, wenn auch ihr materieller und künstlerischer Wert gering ist. So gewinnt man den Eindruck, dass einige Bilder nur deshalb in die Ausstellung „Faszination Fremde“ aufgenommen wurden, um der Themenstellung gerecht zu werden. Handwerklich ist den versammelten Künstlern nicht viel vorzuwerfen, auch wenn mal bei August Lucas (1803-1863) Größenverhältnisse misslingen oder bei Eduard Wilhelm Pose (1812-1878) ein Rundtempel über den Wasserfällen bei Tivoli droht, vom Felsen zu fallen. Diese Künstler vereint die Lust an der Dokumentation der fremden Menschen, Trachten und Bräuche, idealisierter Armut und exotischer Natur. Doch gelegentlich beschleicht einen der Gedanke, warum diese damals unendlich beschwerlichen Reisen überhaupt notwendig waren: Wälder, Berge, Menschen, Trachten, Armut hätte man auch zuhause gefunden. Das mag mit der Abgeklärtheit einer in der heutigen globalisierten Welt Lebenden zu erklären sein, führt jedoch zu der Frage, was heißt denn eigentlich „Faszination Fremde“? Was für einen Nerv trafen diese Künstler mit ihren Darstellungen?

Ein weiterer Grund mag auch im Konzept der Ausstellung liegen, das viel zu breit ausgelegt ist, aber nicht umfassend die einzelnen Kapitel erarbeitet, ja mehr noch, auch stilistisch große Sprünge macht zwischen dem Naturalismus des 19. Jahrhunderts, der Romantik, der Orientmode, dem Expressionismus und den Abstraktionen eines sich archaischen Ausdrucksformen bedienenden Willi Baumeisters (1889-1955). Die einzige Beschränkung ist die Reduktion der Künstlerauswahl auf deren Herkunft aus der Rhein-Main-Region. Doch da fragt man sich, ob nicht die hinlänglich bekannten Wellen, wie die Türkenmode, der Orientalismus, die für eine Künstlerausbildung obligatorische Italienreise, die sogenannte Primitivismus-Vorliebe der Post-Gauguin-Epoche und die Entdeckerreisen auf andere Kontinente nur unzureichend das illustrieren, was bekanntere Künstler vorbildhaft dargestellt haben. Oder lässt gar etwas Besonderes die Künstler aus dem Rhein-Main-Gebiet hervortreten? Bearbeiten sie diese Themen anders? Ist der Blick ein anderer, wenn man z.B. die Vertreter der Orientmalerei vergleicht mit den zum Teil 40 Jahre früheren Darstellungen eines Gerôme oder eines Delacroix? Was unterscheidet Adolf Schreyer (1828-1899) und Eugen Bracht (1842-1921) von den französischen Vorbildern? Im Katalog schreibt Susanne Wartenberg richtig, dass die Orientmode nach dem napoleonischen Feldzug für die Motivwahl ausschlaggebend war (S. 87). Doch bei Delacroix ist es auch ein künstlerisches Anliegen, was sich in Pinselführung, Perspektive, Bildkomposition zeigt, nicht allein die Lust am Exotismus des Orients, was man am ehesten noch bei Schreyer nachspüren kann.

Überzeugend wird die Präsentation erst, wenn sich die Künstler dem Alltag der Menschen anhand von Studien und Skizzen widmen. Auch wenn man weiß, dass die um 1865 entstandene Fotografie „Makkaroniesser“ im neapolitanischen Atelier von Giorgio Sommer (1834-1914) wegen der langen Belichtungszeiten „gestellt“ wurde, sie also eine Inszenierung des fremden Alltags ist, so birgt sie doch eine starke unterhaltsame Komponente (Abb.). Die Fotografien des gebürtigen Frankfurters erfreuten sich bei Reisenden großer Beliebtheit, „bedienten sie doch den Souvenirbedarf der Touristen, die die Eigenheiten des neapolitanischen Volkes als pittoreske, idyllische, ja gar heitere Folklore verstanden“, wie Manfred Großkinsky im Katalog schreibt (S. 31). In Anbetracht dessen, dass das Museum Giersch im Herbst eine Schau über Künstlerinnen plant („Künstlerin sein! Ottilie W. Roederstein, Maria von Heider-Schweinitz, Emy Roeder, 15.9.2013-26.1.2014) erscheinen in der aktuellen Ausstellung weibliche Künstler stärker als üblich präsentiert: Erna Pinner (1890-1987), die bei Lovis Corinth, Félix Vallotton, Maurice Denis und Paul Sérusier studiert hatte, erfasste ihre Eindrücke auf Reisen nach Afrika und Südamerika vor Ort zeichnerisch und übertrug sie nach der Heimkehr in den Lithostein. Die Blätter wecken Interesse, mehr über die Künstlerin zu erfahren, die zuletzt vor fast 10 Jahren in der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main in einer kleinen Ausstellung vorgestellt wurde. Ihre eleganten Darstellungen vermitteln durch die formale Reduktion etwas, das sehr von der Tracht und Haltung der namenlosen Portraitierten lebt und denkbar weit weg ist von den typisierten Scherenschnitten in der Art des „Negermädchens“ von Ernst Moritz Engert (1882-1986) aus dem Jahre 1911, eine Darstellung, die Birgit Sander im Katalog zu Recht als „klischeehaft sexistisch“ beschreibt (S. 210). Es darf aber ruhig beim Namen genannt werden, dass er in hohem Maße für einen ausgeprägt rassistischen Blick auf die Afrikaner steht. Was für ein selbstbewusstes Bild geben dagegen Ottilie W. Roedersteins (1859-1937) Portrait eines „Afrikaners“ von 1888 ab oder Mathilde Battenbergs “Bildnis eines Afrikaners” von 1915 (Abb.).
Authentischen Charakter vermitteln auch die Zeichnungen des für die Frankfurter Zeitung tätigen Siegfried Shalom Sebba (1897-1975). Er begleitete 1926 eine Nubien-Expedition des Frobenius-Instituts als Expeditionszeichner. Sein Werk steht zwischen der dokumentarischen Auftragszeichnung und freien Arbeiten, die künstlerisch sehr nah an Max Beckmann kommen.

Deutlich wird im Katalog auf das „Fernweh“ abgehoben, als das Verlangen, das Fremde während einer Reise kennenzulernen oder sich zumindest dem Fremden mittels der künstlerischen Umsetzung zu nähern. Es entstand eine Nachfrage auf dem Kunstmarkt, die diese Künstler zu befriedigen suchten. Die Erfolge des Wilhelm Amandus Beer (1837-1907), genannt „Russenbeer“, der als „Maler des russischen Volkslebens“ bekannt wurde, sind doch auch Zeichen der Sehnsucht des Bürgertums nach einer idyllischen Beständigkeit in der Aufbruchszeit der Industrialisierung, was in Mitteleuropa mit dem Ablegen der Tracht der Landbevölkerung einherging und Klassengrenzen verschwimmen ließ. Man hätte sich gewünscht, dass diese gesellschaftlichen Aspekte, die auch im Katalog nur anklingen, in der Ausstellung deutlicher herausgearbeitet worden wären. Zumindest die Einbeziehung kunsthistorischer Forschung (u.a. von Stefan Germer oder Wolfgang Kemp) hätte hilfreich sein können, diese „Geschichtsbilder“ als vielerlei inszenierte Konstruktionen zu entlarven. Denn wo sonst böte sich die Analyse dieses Aspektes so deutlich an, wie in der herrschaftlichen Villa mit den knarrenden Dielen, in der das Museum Giersch beheimatet ist.

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erstellt am 24.5.2013

Ausstellung

Faszination Fremde

Museum Giersch, Schaumainkai 83, 60596 Frankfurt

Bis 14. Juli 2013

Museum Giersch

Georg Friedrich August Lucas (1803–1863), Frascati, Wäscherinnen am Brunnen, 1846, Öl auf Leinwand, 58 × 47,5 cm, Sammlung Sander/The Sander Collection

Adolf Schreyer (1828–1899), Zwei Beduinen vor einer Felswand, Öl auf Leinwand, 42,7 × 73 cm, Kunsthandlung J. P. Schneider jr., Frankfurt a. M., Foto: Marthe Andreas

Giorgio Sommer (1834–1914), Makkaroniesser, um 1865, Albuminpapier, 13,4 × 10,5 cm, Privatbesitz

Willi Baumeister (1889–1955), Fußballplatz, 1934, Öl auf Sand auf Leinwand, 110 × 81 cm, Oberschwäbische Elektrizitätswerke (OEW), © VG Bildkunst, Bonn 2013

Wilhelm Amandus Beer (1837–1907), Wolfsjagd im Sommer, 1878, Öl auf Holz, 22 × 17,5 cm, Kunsthandlung J. P. Schneider jr., Frankfurt a. M., Foto: Marthe Andreas

Mathilde Battenberg, Bildnis eines Afrikaners, 1915, Öl auf Leinwand, 91,5 × 75 cm, Privatbesitz, Foto: Ursula Seitz-Gray