Theaterkritik

Anton Tschechow: Die Möwe

Premiere war am 17.05.2013 im Schauspiel Frankfurt

Von Ruthard Stäblein

„Ein Jüngling liebt´ ein Mädchen, die hat einen anderen lieb“. Dichtete Heinrich Heine. „Es ist die alte Geschichte“, heißt es weiter bei Heine, und Anton Tschechow treibt die Leier auf die Spitze. Da liebt eine jede einen anderen. Der junge verkannte Dichter Konstantin liebt die hoffnungsvolle Schauspielerin Nina. Die hat nur Augen für den berühmten Schriftsteller Boris Trigorin. Dann kommt Mascha, die wiederum Konstantin nachläuft, der sie verschmäht. So dreht sich die Mühle lauter unerfüllter Wünsche und Begierden weiter. Der alte Pjotr glaubt, das Leben bisher verpasst zu haben. Im Ruhestand, auf dem Land, will er alles nachholen. Aber er langweilt sich zu Tode, auf seinem Landsitz. Man erhofft sich Abwechslung, indem man ein Theaterstück des jungen Dichters aufführt. Der Dichter ist todunglücklich über sein Stück und über die abgewiesene Liebe. Er erschießt sich nach dem zweiten Anlauf, nach der Pause, am Ende, und Tschechow nennt es Komödie.

Was macht indessen der allseits gelobte Andreas Kriegenburg aus dieser „Komödie“?

Er bleut seinen Schauspielern das Theatralische ein und treibt es ihnen wieder aus. Er zeigt, dass das Ganze „nur“ Theater ist. Seine Figuren tragen zu große Latschen, zu lange Hosen, zu große Hüte. Will heißen: die Rollen sind größer, die Wünsche sind weiter als die Figuren. Sie können sie nicht ausfüllen, sich nichts erfüllen. Charlie Chaplin lässt grüßen. Kriegenburg kann seine bewährte Vorliebe für Klamauk und Flohzirkus ausleben. Kriegenburg hat das Handwerk des Bühnenbildners in der DDR gelernt. Das kommt ihm – und uns – auch wieder in Frankfurt zu Gute. Er baut eine Rundbühne aus lauter Tischen, auf denen er seine Puppen parlieren, speisen, trinken und tanzen – gar in gewagten akrobatischen Nummern auch mal sich hechten lässt. Und das Tischrund dreht sich – natürlich – im Kreis. Über drei Stunden lang. Das erfodert exaktes Timing, wenn da einer mal seine Liebe erhaschen will. Nur beim Zuschauen bekomme ich einen Drehwurm.

Wenn sich jedoch alles im Kreis dreht, gibt es noch eine Dramaturgie, eine Spannung?

Im ersten Teil werden die Figuren regelrecht demontiert. So schnell und hastig und actionmäßig müssen sie ihre Verliebtheit oder ihre unerfüllbaren Wünsche vor sich her treiben. Nach der Pause bekommen sie endlich etwas Luft und dürfen sich der Dramatik ihrer Rollen bewusst werden. Aber da liegt schon alles in Scherben, die Tische gekippt, ist schon alles zu spät. So lächerlichen Figuren nimmt man das Dramatische nicht mehr ab.

Nun gut. Tschechow wollte das Tragische im Komischen ausreizen. Die Möwe ist ja ein Theaterstück über die Grenzen des Theaters. Ein Stück im Stück. A la Hamlet von Shakespeare. Dazu eignet sich die Drehbühne, in deren Mitte Kriegenburg ein luftiges Theater gebaut hat, das sich nicht dreht. Wunderschön anzuschauen, wie um diese Mittelbühne luftige Gaze-Vorhänge kreisen. Wie die Vorhänge sich im Bühnenwind heben, wie sie schweben und flattern. Wunderschön wie ein Mal ein Lichtwechsel die Abendstimmung am See wiedergibt, wie so die Sehnsucht nach Erfüllung, nach Weite, ins Offene, eines russischen Sommerabends eingefangen wird. Aber das kippt zu schnell.

Wie aber können sich die Schauspieler behaupten?

Mir haben nur zwei gut gefallen. Wie Lisa Stiegler als hoffnungsvolle Schauspielerin Nina zuerst eine Tochter der Luft gibt, leicht beschwingt und sommerlich gelockt. Dann im zweiten Teil die Getäuschte, die Entäuschte, die Sitzengelassene, die aber als Einzige, die in diesem Ringelpietz der verfehlten Hoffnung ihr Schicksal ertragen will. Sie geht erhobenen Hauptes in die Theater der Provinz. Und Katharina Bach glänzt als Mascha durch Slapstick, Akrobatik und Verzweiflung. Tapfer schlägt sich noch Nico Holonics als Lehrer Semjon.

Insgesamt wird im ersten Teil zu hektisch agiert. Zu theatralisch werden die Figuren da zerlegt. Im zweiten Teil zieht sich dann der Neuaufbau des Dramatischen schleppend in die Länge. Kriegenburg findet nicht das Gleichgewicht zwischen Komik und Tragik. Er hat Angst vor den Gefühlen. Immer wenn es pathetisch werden könnte, weicht er auf Musik aus. Bei den Inszenierungen, die ich bisher in München an den Kammerspielen (Tschechows „Drei Schwestern“) und in Berlin am Deutschen Theater (Dea Loher) gesehen habe, durften und konnten die Schauspieler an diesen Stellen singen. In Frankfurt aber kommt die Musik vom Band. Kriegenburg verfehlt so Tschechows eigene Melodie aus Sehnsucht und Enttäuschung. Und damit die Tragik im Komischen.

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erstellt am 24.5.2013

Szenenfoto © Schauspiel Frankfurt

Anton Tschechow
DIE MÖWE

Regie / Bühne Andreas Kriegenburg
Kostüme Katharina Kownatzki
Dramaturgie Alexandra Althoff

Schauspiel Frankfurt

Szenenfoto © Schauspiel Frankfurt