Buchkritik

Trimm Dich!

Edmondo de Amicis’ Kurzroman Liebe und Gymnastik

Von Jürgen Lentes

Wir kennen das aus der deutschen Geschichte, die Gymnastik- und Turnbewegungen eines Friedrich Ludwig Jahn (1778 – 1852), auch „Turnvater Jahn“ genannt. Oder denn schon weniger, aber auch nicht ohne Einfluss, Daniel Gottlieb Schreber (1808 – 1861). Und da war der Frankfurter Kartograph, Topograph und Buchhändler Friedrich August Ravenstein (1809 – 1881), Gründer der Frankfurter Turngemeinde und Streiter für das Mädchenturnen. 1880 fand in Frankfurt am Main das bis dato größte Turnfest mit zehntausend Teilnehmern statt. Die Heldin des schmalen Romans Liebe und Gymnastik, Maria Pedani, fiktive italienische Ikone der italienischen Turnbewegung, wird daran nicht teilnehmen können, sie stellt sich in ihren Tagträumen das Fest so vor: „Sie sah das Eintreffen der Delegationen in der Stadt, den Empfang durch den Bürgermeister und eine riesige Menge von Bürgern; sie sah den großen Triumphzug von vierzehntausend Turnern aus aller Herren Länder, Jünglinge, weißhaarige Männer in der Blüte ihrer Jahre, Hunderte von Bannern schwingend, begleitet von zweitausend Sängern aus verschiedenen Gesangsvereinen, wie sie durch die mit Fahnen geschmückten Straßen zogen, unter Triumphbögen hindurch und im Blumenregen; sie sah die riesengroße Turnwiese mit der Kolossalstatue der Germania, zahllose Geräte und zwanzigtausend Zuschauer, die diesen Wundern an Kraft, Geschicklichkeit und Mut Beifall spendeten ( …) sie malte sich diese Heerscharen von froh gestimmten Menschen aus, sich überall in der alten Reichsstadt tummelnd, wo auf Schritt und Tritt das Portrait des Turnvater Jahn zu sehen war, in schöner Eintracht unter die Einwohnerschaft der Stadt gemengt, um die berühmtesten Gymnasiarchen geschart, um Schriftsteller, Gelehrte, Ärzte, Reformatoren, in zwanzig verschiedenen Sprachen über all das sprechend, was sie liebte und bewunderte, allesamt beseelt von der Erneuerung der menschlichen Rasse, von dem Hauch der Jugend und Größe, der in der Luft lag wie bei einem großen Schauspiele der Antike in Korinth oder Delphi. Oh, wie schön und groß das alles war!“

Turn-, Ertüchtigungs- und sportliche Gesundheitsbewegungen scheinen in ganz Europa verbreitet gewesen zu sein. Als wichtige flankierende Maßnahmen bei Bewegungen zur Konstituierung der Nationalstaaten, als Disziplinierungsmaßnahme und militärischer Drill, medizinischer Hygiene sowie auch emanzipatorischen Bestrebungen. Wie auch bei der politischen Linken: Karl Kautsky propagierte 1990 auf dem Kongress der Sozialistischen Internationale, dass die gemeinschaftliche Körperertüchtigung wichtig sei, um für den revolutionären Kampf gerüstet zu sein. Nicht anders im sich gerade etablierenden Italien. Große Sache das! Einen Dauerfunken des Witzes schlägt Edmondo de Amicis Liebe und Gymnastik, erschienen 1892 als Zeitungsfortsetzungsgeschichte, daraus, dass diese große nationale Sache in einem Mehrfamilienhaus in Turin verhandelt wird, im (klein)bürgerlichen Milieu. Alle Personen in den drei Stockwerken sind involviert in die wichtigen Fragen, welche Gymnastik, in den Gymnasien und Turnvereinen, denn die beste sei. Denn auch diese Bewegung hat ihren Schismen, mal eher traditionell, mal eben reformatorisch. Das „kleine Welttheater“ de Amicis’ bietet in diesem Kontrast ausreichend komisches Potential.

Im Mittelpunkt steht eine Liebesgeschichte. In die Protagonistin Maria Pedani, Verfechterin progressiver Ansichten in der Körperertüchtigung, verliebt sich “Don” Celzani, abgebrochener Priesterseminarist, Sohn des Hausbesitzers und dessen Sekretär. Beide sind in der für die damalige Zeit schon in reiferem Alter, Mitte dreißig, beide unverheiratet. Celzani ist gar noch im jungfräulichen, schwächlichen Körper, ein nicht gerade ansehnlicher Mensch, gefangen. Die Pedani, eine Frau mit starken Muskeln, dennoch von schlanker, ansprechender Statur, lebt nur für ihre Ideale. De Amicis erzählt im Stil der opera buffa vom Kampf des armen Celzani um das Herz der emanzipierten Pedani, der, bis es denn im letzten Satz zum „Happy End“ kommt, eine Niederlage nach der anderen einstecken muss. Denn immer kommt die verdammte Gymnastik dazwischen: „Einmal, als er schon meinte, die Schöne ganz allein zu überraschen, trat Professor Padalocchi aus seiner Wohnung und hielt sie auf, um sich über seine übliche Atemnot zu beklagen und ihr zu sagen, dass ihn das Armkreisen, das sie ihm empfohlen hatte, zu sehr anstrenge. Nach kurzer Überlegung empfahl ihm die Maestra lautes Lesen und erklärte ihm, die Beschleunigung der Atmung durch diese Übung werde mit 1,26 veranschlagt. Er solle jedoch darauf achten, beim Lesen eine lose Krawatte zu tragen: Er werde bestimmt eine Besserung erzielen. Der Sekretär hoffte, dass sie nun fertig wären, aber der schreckliche Alte erbat Aufklärung über die Beugebewegungen der Schreber-Gymnastik, und da ließ er seinen Plan fallen.“

De Amicis selbst, dessen andere Bücher wohl nicht mit Humor gesegnet waren, hielt keine großen Stücke auf diesen Roman. Er habe ihn nur geschrieben, um Steuerschulden abzutragen. Nach einer ersten, unbeachteten deutschen Übersetzung Ende des 19. Jahrhunderts liegt diese Komödie, ein Kleinod komischer Literatur nun in Neuübersetzung vor. Nicht nur allen Lesern Italo Svevos sollte die Lektüre Vergnügen bereiten.

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erstellt am 24.5.2013

Edmondo de Amicis: Liebe und Gymnastik

Edmondo de Amicis
Liebe und Gymnastik
Roman, Aus dem Italienischen übersetzt von Barbara Kleinert, Nachwort von Manfred Pfister
256 Seiten, Gebunden
ISBN: 978-3-7175-2256-0
Manesse Verlag, Zürich 2013

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