Opernkritik

Zerbinetta versus Ariadne

Richard Strauss' Oper „Ariadne auf Naxos” im Opernhaus Stuttgart

Von Thomas Rothschild

Die Aufführungsgeschichte von „Ariadne auf Naxos“ ist spannender als und zumindest so komplex wie die Oper von Richard Strauss selbst. Für die 1912 nach Stuttgart verlegte Uraufführung in der Regie von Max Reinhardt kombinierte der Librettist Hugo von Hofmannsthal den Einakter mit einer eigenen Übersetzung von Molières „Bürger als Edelmann“. Der gewagte Versuch wurde zu einem Misserfolg. 1916 schrieb Hofmannsthal ein (fast durchgehend komponiertes) Vorspiel, das die Wagnisse seines Ariadne-Buchs motivieren sollte. In Stuttgart haben nun Jossi Wieler und Sergio Morabito, die zusammen mit der Bühnenbildnerin Anna Viebrock schon 2001 bei den Salzburger Festspielen eine viel beachtete Inszenierung der Neuen Bearbeitung der „Ariadne“ vorgestellt haben, ein neues Experiment unternommen: Sie lassen zunächst den titelgebenden Operneinakter spielen und unmittelbar danach, ohne Pause, das Vorspiel.

Die „Oper in einem Aufzug“ basiert auf einer drastischen Dichotomie. (Dass man, wie stets bei Gegensätzen, zwei Figuren als zwei Aspekte einer einzigen Figur betrachten kann, ist ebenso einleuchtend wie leider unoriginell.) Dem symbolistisch jugendstiligen Antikenbild des Fin de siècle, personifiziert durch Ariadne, steht in Gestalt der Zerbinetta die volkstümliche Commedia dell arte gegenüber, der Opera seria die Opera buffa, dem aristokratischen Ennui die plebejische Unbekümmertheit (Schnitzlers „süßes Mädel“), der Todessehnsucht die Lebensfreude, in Anna Viebrocks Kostümen verdeutlicht durch schwarze und weiße Kleider.

Die Überlegungen des Regie- und Dramaturgieteams werden in der Aufführung augenfällig. In den Dialogen des Vorspiels geht es, durchaus aktuell, um die Verdrängung der anspruchsvollen, für den neureichen Banausen (den Überrest des Bürgers als Edelmann) langweiligen durch die leichte Kunst, das Entertainment. Um die Aktualität zu unterstreichen, zeigt eine Projektion in diesem nun zum Endspiel (im doppelten Wortsinn) gewandelten Vorspiel den Blick, den man hinter dem Stuttgarter Opernhaus auf die vorbei führende Schnellstraße hat, gleichsam als wäre die Rückwand der Bühne entfernt worden. Und weil es Jossi Wieler und Sergio Morabito ernst ist mit der Warnung vor der „Einsparung“ einer Kunstanstrengung, die diesen Namen verdient, haben sie den Humor, den Hofmannthals Vorspiel durchaus enthält, weitgehend eingeebnet. Aber geht, was sich die beiden da ausgedacht haben, auch auf, oder ist es nur eine aparte, vielleicht sogar eine überkandidelte Kopfgeburt?

Das Paradox besteht ja darin, dass Strauss mit seiner Komposition die These, die das Vorspiel nahe legt, dementiert. Die Zusammenlegung zweier völlig unterschiedlicher Theater- und Musiktraditionen, die dazu dienen soll, das für danach geplante Feuerwerk rechtzeitig beginnen zu lassen, funktioniert entgegen den Befürchtungen des jungen Komponisten und seines Musiklehrers vorzüglich. Man muss kein Verfechter der leichten Unterhaltung sein, um auf Zerbinetta nicht verzichten zu wollen. Ihr hat Strauss die schönste Arie gewidmet. Sie bekommt, auch in Stuttgart, für ihre Koloraturen den einzigen Szenenapplaus – und das verdankt sich keineswegs nur der schauspielerisch wie sängerisch wunderbaren Ana Durlovski und auch nicht einer eventuellen Niveaulosigkeit des Publikums. „Ariadne auf Naxos“ argumentiert, musikalisch, eher für das Sowohl als Auch, als, wie das Vorspiel und wie die Dramaturgie, für ein Entweder Oder. Anders als im nunmehr entfernten „Bürger als Edelmann“, tritt der stumpfsinnige Banause hier nicht mehr auf. Als sein Stellvertreter erscheint lediglich, in einer Sprechrolle, der Haushofmeister, in Stuttgart wie schon in Salzburg von Jossi Wielers Star André Jung verkörpert, und der sieht nun aus wie ein Regierungssprecher. Wir haben verstanden – aber erklärt das, was wir zuvor gesehen und gehört haben, nämlich die Oper „Ariadne auf Naxos“?

Theater auf dem Theater soll es nach dem Willen des Regieteams nicht sein, also spielt die Oper „Ariadne auf Naxos“ in einem Theaterfoyer, bei dem Anna Viebrock diesmal, abgesehen von ein paar Kleinigkeiten wie einer nackten Glühbirne, auf die bei ihr erwartbare Schäbigkeit verzichtet. Dafür haftet dem Bacchus, den Ariadne für den Todesgott hält und der gerade den Verhexungen der Circe entflohen ist, nichts Göttliches an. Hierhin hat sich der Humor verflüchtigt, der dem nachgestellten Vorspiel abhanden gekommen ist.

Wie so oft bei Wieler und Morabito, darf man sich an einem enigmatischen Theater erfreuen, voll von Irritationen und Anspielungen, die zum Teil erst durch das Programmheft oder den Einleitungsvortrag Morabitos verständlich werden (was soll das Hundepüppchen in der Glasvitrine?). Daneben aber gibt es eben die Oper, für die die Musik und der Gesang nicht unwesentlich sind, die aber eine eigene Wahrheit erzeugen. Der Zerbinetta Ana Durlovskis steht, durchaus mit dem Gestus der Primadonna, Christiane Iven in der Titelrolle gegenüber. Aber auch die übrigen Rollen und das kleine Orchester unter Michael Schønwandt erfüllen die Partitur mit Leben, reizen die schillernden Gefühlsnuancen der Straussschen Musik aus und erfreuen sich, keineswegs denunziatorisch, an den parodistischen Elementen, die sich auch etwa in den Begleiterinnen der Ariadne manifestieren, die an die drei Damen aus der „Zauberflöte“ erinnern – auch so einer sehr österreichischen Mischung aus hohem und plebejischem Theater. Die Verspottung der Operettensoubrette bleibt Ludwig Hirsch vorbehalten.

Die Kunst ist in Gefahr. Nicht nur in der Oper. Ob „Ariadne von Naxos“ dazu taugt, das zu illustrieren, bleibt dennoch die Frage. Man könnte sogar ketzerisch meinen, dass Hofmannsthals prätentiöser Aristokratismus, die parfümierte Preziosität seiner Sprache eher ein Argument für Zerbinettas Erdverbundenheit seien. Aber darauf wollen wir hier verzichten. Die Rache der Hofmannsthal-Fans kann fürchterlich sein.

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erstellt am 24.5.2013

Szenenfoto, Oper Stuttgart. Foto: A.T. Schaefer

Richard Strauss
ARIADNE AUF NAXOS

Oper in einem Aufzuge (1912) nebst einem Vorspiel (1916) von Hugo von Hofmannsthal
aufgeführt in der Reihenfolge ihrer Entstehung
In deutscher Sprache mit Übertiteln

Musikalische Leitung
Michael Schønwandt, Uwe Sandner
Regie und Dramaturgie
Jossi Wieler, Sergio Morabito
Bühne und Kostüme Anna Viebrock
Licht Reinhard Traub

Oper Stuttgart

Szenenfoto, Oper Stuttgart. Foto: A.T. Schaefer