Über Bob Dylan

Liebe in Zeiten der Erschöpfung

„Beyond The Horizon“

Von Stefana Sabin

Obwohl er regelmäßig Alben herausgebracht hatte, erregte Bob Dylan in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts keine besondere mediale Aufmerksamkeit. Aber die (selbst)ironische Autobiographie „Chronicles Volume I“ (2004), der Dokumentarfilm „No Direction Home” (2005) von Martin Scorsese über Dylans Werdegang vom Provinzvolkssänger über den Protestsänger zum globalen Rockstar und die romantisierende Filmbiographie „I’m Not There“ (2007) von Todd Haynes katapultierten die magisch-enigmatische Gestalt, als die sich Dylan immer erfolgreich inszeniert hatte, ins öffentliche Rampenlicht. Schließlich wurde Dylan als DJ für eine wöchentliche Radiosendung einem neuen Publikum als jenen „song-and-dance man“ bekannt, als den er sich schon 1965 beschrieben hatte. Und so fand Bob Dylan im 21. Jahrhundert zu einer künstlerischen Kraft wieder, die seinen Ruhm belebte und zugleich ein neues Bild des alternden und stets heiseren Volkssängers als erschöpften Sängerpoeten geradezu zementierte. „Modern Times“, 2006 erschienen und als letztes Teil einer aus „Time Out of Mind” (1997) und “Love and Theft” (2001) bestehenden Trilogie vorgestellt, erntete enthusiastische Kritiken und eroberte die Charts.
Von ähnlicher musikalischer und lyrischer Einfachheit wie die beiden vorausgehenden Alben hat „Modern Times“ zugleich eine mysteriöse, ebenso skurrile wie ironische Qualität. Das Album sei, urteilte die Zeitschrift „Entertainment Weekly“, „intriguing, immediate, and quietly epic“ – “beunruhigend, eindringlich und zurückhaltend episch”. Die Lieder wirken altmodisch, so dass der Titel irreführend erscheint. Denn er erinnert an den gleichnamigen Film von 1936, der die Mechanisierung des Arbeitsprozesses und die Entmenschlichung der Arbeit vorführte. Wie Charlie Chaplin, der Produzent, Regisseur, Drehbuchautor, Komponist und Hauptdarsteller zugleich war, ist Bob Dylan nicht nur Komponist, Lyriker und Interpret, sondern auch Produzent dieses Albums, das er mit seiner Tournee-Band aufgenommen hat. Aber anders als Chaplins Film, dessen Kapitalismuskritik eine moderne Ästhetik benutzte, ist Dylans Album anachronistisch. (Es sei geradezu unheimlich, notierte unter anderen Wayne Robins im „Billboard Magazine“, wie Dylan auf aktuellen Fotos Chaplin ähnlich aussähe!)
Eine nostalgische Stimmung prägt die Lieder, aber die Sprachbilder transzendieren die Zeit und verbinden subversiv die Vergangenheit und die Gegenwart: „The Levee’s Gonna Break“ könnte von der Großen Überflutung von 1937 handeln, aber genauso gut von New Orleans 2005 – oder „Spirit on the Water“ könnte die Wirtschaftsflaute der 30er Jahre evozieren, aber auch den heutigen Abschwung. Überhaupt ist Dylan in „Modern Times“ politischer, als er in den letzten Alben war. „This world of woe“, diese Welt voller Leid, in der nicht nur die Natur, sondern auch die Gesellschaft verrückt geworden ist, kommt in fast allen Liedern vor. In „Working Men Blues # 2“, einer Ballade gegen den rabiaten Marktkapitalismus, beschreibt er die Verarmung der Mittelschicht („The buyin’ power of the proletariat’s gone down / Money’s gettin’ shallow and weak“ – die Kaufkraft des Proletariats ist gesunken / Geld wird wertlos und schwach) und die Gefährdung der Arbeiterklasse („I can’t save a dime / I got to be careful, don’t want to be forced / Into a life of continual crime“ – Ich kann kein Cent sparen / Ich muß vorsichtig sein, ich will nicht in ein kriminelles Leben abrutschen) und in „Ain’t Talking“ wird der nächtliche Spaziergänger überfallen („I was passing by yon cool crystal fountain/ Someone hit me from behind“ – Ich lief an dieser kühlen Fontäne vorbei /Jemand schlug mich von hinten). Alltagsphilosophische Reflexionen, religiöse Anspielungen, Zitate und Selbstzitate machen die Liedertexte auch dann zu komplexen Sprachkonstrukten, wenn sie den altmodisch-romantischen Wunsch nach der großen Liebe beschwören – oder, wie in „Beyond The Horizon“, den Verlust der Liebe beklagen.

Die Liedtexte verschmelzen mit den einfachen Rhythmen und Melodien, die mit jazzigen Improvisationen angereichert werden. Immer wieder setzt die Band zu einer kurzen rhythmischen Phrase an und behält sie minutenlang bei, während Dylan als Bandleader dazu improvisiert. Dylan nimmt alle Stile amerikanischer Musik auf und greift hinter seiner eigenen Karriere zurück, indem er melodisches Material benutzt, das für Blues- und Country-Balladen der dreißiger Jahre charakteristisch war. Mit Elementen von rock-and-roll und swing versetzt, gewinnen die altmodischen Melodien – oder er gestaltet folk-Lieder zu einer geradezu romantisierenden Tanzmusik. Aber hinter der vordergründigen Nostalgie steckt ein Ernst, in dem sich ein romantischer Mystizismus mit einer pragmatischen Weltsicht vermischt und dem Dylans raue Stimme einen passenden Ausdruck verleiht.

Dylans Stimme ist nasal wie immer, rauer und zugleich weicher als früher – sie klingt nicht wütend, sondern müde: Sie suggeriert eine existentielle Erschöpfung, die nirgends so deutlich erkennbar wird wie in „Beyond The Horizon“, dem einzigen Liebeslied des Albums. („Beyond the Horizon“ heißt ein frühes Stück von Eugene O’Neill, das 1920 uraufgeführt wurde und den Pulitzer Preis erhielt. Es handelt von der unglücklichen Liebe zweier Brüder zu derselben Frau, ihren untereinander getauschten Lebensentwürfen und ihren daraufhin gescheiterten Existenzen.) Thematisch lehnt sich Dylans an den jazzigen Swing „Beyond The Sea“, den Bobby Darin auf seinem Album „That’s All (1959) zum Schlager gemacht hatte und der seinerseits eine Adaptation des populären französischen Chanson „La mer“ von Charles Trenet war. So greift Dylan hinter die amerikanische Popmusik zum französischen Liedgut zurück – und deutet diese Erinnerung im Text an, wenn er singt: „Beyond the horizon, the night winds blow / The theme of a melody from many moons ago“ (Hinter dem Horizont wehen die Nachtwinde / das Thema einer Melodie von vor vielen Monaten). Aber während Darin – und Trenet – die Erfüllung eines Liebeswunsches besingen („We’ll meet beyond the shore / We’ll kiss just as before / Happy we’ll be beyond the sea“ – Wir werden uns hinter dem Ufer treffen, Wir werden uns wie immer küssen, Wir werden glücklich sein hint dem Meer), beschreibt Dylan das Scheitern eines Liebesversuchs („Beyond the horizon over the treacherous sea / I still can’t believe that you have set aside your love for me“ – Hinter dem Horizont hinter dem tückischen Meer, Kann ich immer noch nicht verstehen, dass Du auf Deine Liebe für mich verzichtest). Auch die Welt, die in dem alten Schlager nur als romantische Andeutung (als „goldenen Sand“) vorkommt, ist im Dylanschen Text düster und trostlos, das Meer ist trügerisch, und die Erinnerungen versinken in tödlicher Glückseligkeit.

In einer derart geschädigten Welt gibt es Liebe nur hinter dem Horizont: „Beyond the horizon it is easy to love“ – Hinter dem Horizon ist es leicht zu lieben. Aber diese Liebe, die nur noch hinter dem Horizont möglich ist, hat eine unwirkliche Qualität: Sie kennt keine diesseitig erlebbare Erfüllung, weil sie einem jenseitigen Traum entspricht. Deshalb verursacht der Liebesentzug nur ein mäßiges Unglück, dem das Versprechen auf ewiges Lieben „hinter dem Horizont“ entgegengesetzt wird. Denn hinter dem Horizont, wo die Welt irreal wird, lässt sich die Erschöpfung überwinden, so dass Liebe, wenn schon nicht ausgelebt werden kann, so doch zu einer besonderen Empfindung wird.

Dylans Liebeslied suggeriert die Unmöglichkeit der Liebe in Zeiten der Erschöpfung. Nicht zufällig spielt Dylan auf der Gitarre eine chromatische Begleitungslinie, wie sie seit dem Barock als Merkmal des Leids gilt. Die Melodie verstärkt die dunkel-melancholische Stimmung einerseits durch die ungewöhnliche Länge von fast 6 Minuten und andererseits durch die kontrollierte Monotonie. Aus wenigen Akkorden formt Dylan eine minimalistische Swing-Ballade, die formell nach den Regeln der Gattung gestaltet ist: Strophe und Refrain wechseln sich ab, in der Mitte ist eine sogenannte Bridge, eine kurze Improvisation. Der Refrain, der von Bottleneck-Tönen begleitet wird, fungiert als Gliederungsmerkmal und wird jedes Mal leicht variiert, so dass diese Wiederholung als Abweichung eine gewisse Spannung erzeugt. Anders als oft üblich in der Popmusik wird der Refrain auch am Ende nicht höher gerückt, bevor er ausgeblendet wird. Gattungsuntypisch sind auch der übertrieben langsame Rhythmus, der dem Swing den Schwung nimmt, und die zwei Soli, die einem musikalischen Understatement gleichkommen, sozusagen Antisoli sind. Denn darin führt Dylan nicht seine technische Virtuosität aus, sondern er markiert eine Lebens- und Liebesmüdigkeit, die von dem monotonen Singsang noch betont wird.

Dylan ist ein „no-voice singer“, ein Sänger, der nicht durch eine besondere oder besonders ausgebildete Stimme auffällt, sondern der vielmehr seine sängerische Unzulänglichkeit zu einem Markenzeichen macht. Aber in „Beyond The Horinzon“ versucht Dylan tatsächlich zu singen: Er moduliert die Stimme, wagt auch hohe Stimmlagen, die er sonst systematisch vermeidet und artikuliert deutlich, so dass die Verse verständlich sind. Die Mischung aus umgangssprachlichen und archaisierenden Ausdrücken, die Wortwiederholungen und die strenge Reimstruktur geben den Versen eine poetische Dimension. So geling es Dylan, ergreifende Verse über das Leben und die Liebe zu fertigen.

„You think I’m over the hill / Think I’m past my prime“ – Du denkst, dass ich hinüber bin, denkst, dass ich meine beste Zeit hinter mir habe, heißt es in „Spirit on the Water.“ Mit “Beyond The Horizon“ und mit dem ganzen Album zeigt Dylan, dass er immer noch in bester schöpferischer Form ist. Denn indem er modische Gegenwartsklänge ignoriert und sich stattdessen auf die musikalische Tradition besinnt, auf der seine lange Karriere beruht, verleiht Dylan seinen Liedern jene Zeitlosigkeit, die aus einem Hit ein Kunstwerk macht.

Stefana Sabin

aus: Bob Dylan – 5 Songs, s.o.

erstellt am 18.10.2010

Bob Dylan – 5 Songs
herausgegeben von
Ingrid Mössinger und Wolfram Ette
288 Seiten, 33 Abb.
Buch bestellen