Seit Kaiser Augustus die Spiele in der Arena zur Chefsache erklärt hatte, galten sie – neben den öffentlichen Hinrichtungen – als beliebteste Spektakel des Volkes. Heute haben Fußballer symbolisch die Gladiatoren abgelöst, und wenn sie bluten, werden sie des Platzes verwiesen. Dennoch ist der Fußball der populärste Mannschaftskampf der Welt. Lediglich einige Individuen wagen es, widerständiges Nichtwissen gegenüber dem säkularen Kult zu pflegen. Für sie hat der Abseitsphilosoph Detlev Claussen in „Faust-Kultur“ seine „Frankfurter Fußballschule“ in erbaulichen, launigen, aber leicht fasslichen Kapitelchen eingerichtet.

14.10.2013

Frankfurter Fußballschule

V. Das Runde ins Eckige: so einfach?

Fußballkolumne von Detlev Claussen

Wenn einer noch keine Ahnung vom Fußball hat, soll es ihm einfach gemacht werden. „Das Runde muss ins Eckige! So einfach ist das“, sagt man gerne. Stimmt das überhaupt? Unerklärt bleibt, warum dann ständig „Abseits“ gepfiffen wird. Der Novize kann sich schnell blamieren, wenn er nicht weiß, was „Abseits“ ist. Die Abseitsregel, an der bis heute herumgefeilt wird, gehört zu den Konstituenzien des modernen Fußballs. Mit dem menschlichen Auge manchmal kaum zu erfassen, sollen – damit nicht abseits gepfiffen wird – zwischen Angreifer und Tor in der gegnerischen Hälfte zwei Spieler befinden, es sei denn, der Angreifer befinde sich hinter dem Ball. „Sieht man doch!“ Erst wenn man das sieht, hat man etwas vom Fußball verstanden.

Fußball ist ein Spiel in beweglichen Grenzen; seine Räume sind flexibel. Das Tor zwar ist statisch, aber das ohne Abseitspfiff bespielbare Feld keineswegs eckig. Die Spieler müssen denken, den Kopf oben haben, den Ball am Fuß: Wann spiele ich ab, zu wem oder gar nicht? Nicht nur der Raum, sondern auch die Zeit ist im Fußball flexibel. Zum Fußball gehört mehr als ein gutes Auge, sondern auch ein gutes Zeitgefühl – „timing“ nennt man das. Der gute Zuschauer braucht mehr als das; er soll wie der gute Spielmacher vorausschauen. Er braucht Spielintelligenz. Fußball wird also nicht nur mit dem Fuß, sondern auch mit dem Kopf gespielt.

Bietet diese Tatsache nicht eine große Chance, dass der Ball nicht nur ins Tor, sondern auch ins Buch passt? Leider wird sie selten genutzt. Der Ball spricht nicht. Um mit ihm zu spielen, muß man nicht sprechen können. Wir brauchen nur der Katze zuzuschauen, die schon vom Wollknäuel angesprochen wird. Deswegen denken manche Wortgewandte, Fußball sei ein Spiel für Dumme. Der neben Günther Grass, Heinrich Böll und Siegfried Lenz bekannteste Schriftsteller der alten Bundesrepublik Martin Walser hat einmal gesagt: „Es gibt nur etwas, das noch sinnloser ist als Fußball: Nachdenken über Fußball.“ Ein Schriftsteller wie Walser stellt sich selbst ins Abseits; ihm fehlt jede Spielfreude; aber es mangelt auch an Herz und Hirn. Im guten Spiel lässt sich nämlich erfahren, was im gesellschaftlichen Leben selten zu spüren ist. Gerade die Abwesenheit von Sinnfragen macht den Fußball schön.

Aber der Fußball wird nicht ausserhalb der Gesellschaft gespielt; der Rasen liegt mitten in ihr. Deswegen ist der Fußball nicht nur schön, sondern er dient auch Zwecken; denn er ist nicht nur Spiel, sondern auch ein Sport. Sport heißt auch Arbeit, Ball- und Körperbeherrschung erfordern Training, Ausdauer und Disziplin – Sport ist auch eine Form der Herrschaft. Für dieses komplexe Verhältnis von Spiel und Sport, von Spieler und Zuschauer, bewegliches Ding und flexibles Subjekt muß die Literatur eine Sprache finden, wenn sie den Ball ins Buch locken und nicht hineinpressen will. Wer kann das schon? Wenige. Deswegen taugen die meisten Fußballbücher nichts.

Für die dem Fußball angemessene Sprache haben die Büchermacher of keinen Sinn. Eduardo Galeano hat in einem der schönsten Fußballbücher überhaupt der Liebe zum Ball die unterschiedlichsten Namen gegeben. Sein Buch heißt treffend „El fútbol a sol y sombra“ , auf deutsch völlig irreführend, im schlechten Sinne sinnlos „Der Ball ist rund und Tore lauern überall“. Vor zwei Jahren, als Argentinien Gastland der Frankfurter Buchmesse war, erschien ein lesenswertes Buch von Pablo Alabarces unter dem schwachsinnigen Titel „Für Messi sterben?“ Niemand will für Messi sterben, wir wollen ihn spielen sehen. Auf Spanisch trug das Buch den angemessenen Titel „Fútbol y patria“, weil Alabarces sich kritisch mit der Aneignung des Fußball durch nationalistische Politik am Beispiel Argentiniens beschäftigt. Es gibt schon gute Bücher über Fußball – in Literatur und Wissenschaft.

Auf meiner Reise nach Belo Horizonte im September 2013 zum ersten internationalen Fußballsymposion „Futebol: linguagem, artes, cultura e lazer“ lernte ich Renato Pompeu kennen, einen zweiundsiebzig Jahre alten Journalisten aus São Paulo. Ohne meine Portugiesischkenntnisse zu testen, schenkte er mir seinen Roman „A saída do primeiro tempo“. Die erste Hälfte des Buches erzählt aus dem Leben eines jungen Mannes, der seine Doktorarbeit über Fußball schreibt. Der zweite Teil ist die Doktorarbeit – eine Theorie des Fußballs. Das Buch zerfällt also, wer es noch nicht gemerkt hat, in zwei Halbzeiten. Der Titel bezeichnet am Ende der ersten Halbzeit den Übergang von der Fiktion zur Theorie. Das ist nicht mehr Journalismus, sondern Literatur. „Ich schenke Ihnen mein Buch; ich habe noch viele Exemplare übrig; denn es hat sich nicht gut verkauft. Die Philosophen verstehen nichts vom Fußball und die, die sich für Fußball interessieren, interessieren sich nicht für Philosophie.“, sagte Renato mir am Flugplatz von Belo Horizonte. Das kann ich nur unterschreiben. Genereller noch: Fußball und Literatur, Fußball und geistige Arbeit stehen in einem Spannungsverhältnis zueinander. Der Fußball braucht die Literatur nicht; er kann auch ohne sie schön und spannend sein. Der Schriftsteller muss sich dem Fußball anpassen, sich seine Logik zueigen machen, wenn er nicht herumstümpern will, wie es viele tun. Unter den deutschen Schriftstellern ist an erster Stelle Ror Wolf zu nennen, der dem poetischen Charakter des Fußballs sprachlich sich gewachsen gezeigt hat. „Das nächste Spiel ist immer das schwerste …“ – aus der Phrase kann ein Poem werden. Gekonnt, ein literarischer hat trick.

1998, am Ende der ersten Halbzeit meines Autorenlebens, begann ich Fußballseminare in der Universität zu veranstalten und nach Vollendung einer intellektuellen Biographie meines Lehrers „Theodor W. Adorno – ein letztes Genie“ 2003 habe ich mit einem Buch über Béla Guttmann begonnen. In ihm habe ich noch einmal das Gleiche versucht wie im Adorno: An einem toten und zugleich in uns Zeitgenossen weiter lebenden Objekt erzähle ich die Gesellschaftsgeschichte des short century von 1914 bis 1989.

Vielen Fußballkennern im Cono Sur ist der Name Guttmann ein Begriff. Renato Pompeu war dabei, als Guttmann mit der ungarischen Wundermannschaft im Exil 1957 in São Paulo eintraf. Und Renato bestätigte meine Geschichte, die ich bisher in dieser Eindeutigkeit nur bei Ferenc Puskas gelesen hatte. Guttmann erlöste die Brasilianer vom WM-System, das ihnen nur Misserfolge gebracht hatte. Der brasilianische Nationaltrainer Vicente Feola, El Gordo genannt, hatte Guttmanns Mannschaften spielen sehen und war vom 4-2-4-System des ungarischen Fußballs so begeistert, dass er die selecção bei der WM 1958 in Schweden das neue System spielen ließ und mit einem die Welt bezaubernden Fußball die erste Weltmeisterschaft Brasiliens gewann. Guttmann kehrte nach Europa zurück und gewann zweimal hintereinander, 1961 und 1962, mit Benfica Lisboa den Europapokal der Landesmeister. Ganz ohne Fiktion, aber auch ohne Webersche Rationalisierung: Die Kombination von Zauber und Effektivität, harter Arbeit und futebol de arte, wie man es besonders in Rio gerne sieht, ist der Fußball, der mein Herz höher schlagen lässt und den football brain befriedigt.

23.5.2013

Champions League-Finale

IV. Gibt es richtigen Fußball im falschen?

Fußballkolumne von Detlev Claussen

Von Detlev Claussen

Ein deutsches Finale in Wembley? Was für ein Unsinn! Beim Reden und Schreiben über Fußball scheint die Dummheit ein ständiger Begleiter zu sein. Die Engländer, die den modernen Fußball im 19. Jahrhundert erfunden haben, nennen ihn einen „Meinungssport“, in dem nicht nur facts and figures zählen. Aber man sollte sie zur Kenntnis nehmen. Bayern München und Borussia Dortmund heißen die Vereine, deren Profimannschaften das Endspiel der Champions League bestreiten. Dieses Finale gilt inzwischen als Weltmesse des Vereinsfußballs, das sogar die traditionsreichere Copa Libertadores in den Schatten stellt, weil die meisten lateinamerikanischen Stars die Mannschaften europäischer Clubs verstärken, während umgekehrt so gut wie kein europäischer Fußballer den Weg nach Lateinamerika sucht oder findet. Für lateinamerikanische Spitzenmannschaften ist der Gewinn des Weltpokals das wichtigste Ereignis, der weltweit in die Weihnachtspause fällt. Der CL-Sieger hat da den Höhepunkt schon ein halbes Jahr hinter sich. Das Weltpokalfinale liegt in der Halbzeit der nächsten Saison.

Das Finale der Champions League lässt einen über die Rolle Europas im globalisierten Fußball nachdenken. Schießt Geld wirklich Tore? Der Vereinsfußball hat sich in der Tat im neuen Zeitalter nach 1990 erheblich verändert. In ihn ist viel neues Geld geflossen; die Eigentumsverhältnisse haben sich verändert. Wem gehört der Fußball? Malcolm Glazer (Manchester United), Silvio Berlusconi (AC Milan) oder Florentino Perez (Real Madrid), um nur die skandalträchtigsten Casinokapitalisten zu nennen? Jahrelang haben deutsche Vereinspräsidenten wie Rummenigge die Erfolglosigkeit in der CL auf das größere Geld der anderen zurückgeführt. Das soll nun 2013 anders sein, wo zwei deutsche Vereinsmannschaften im Finale stehen? „Deutsch“ sind die Mannschaften nicht, sondern die Clubs, in deren Trikots sie spielen.

Wer ist noch Bayer, wer schon Preuße? Namen wir „Robbéry“ und „Polonia Dortmund“ spielen auf die Verhältnisse an. Der Vereinsfußball schöpft seine Kraft aus dem Lokalen, aber die Spieler werden im fußballerischen Weltdorf zusammengesucht. Die Schwächeren von gestern können die Sieger von morgen sein – ein gutes Scouting-System, effizientes Management und zuverlässige Nachwuchsförderung schaffen die Voraussetzungen für jeden Profiverein. Der FC Barcelona galt seit der Ära Cruyff, der manche Ideen von Ajax mitgebracht hatte, als Vorbild. Cruyff soll auch Barcelonas Meistertrainer Pep Guardiola geraten haben, den Job bei Bayern anzunehmen, weil die Bundesliga aufgrund der Vereinsstrukturen fußballzentrierter ist als andere Clubs – weniger business minded wie der Sporténtreprenneur Glazer noch unberechenbar-launisch wie Luxushobbyoligarch Abramowitsch (FC Chelsea) zum Beispiel. Die Aufhebung der 50-plus-1–Regel hat unmittelbar nichts mit dem Spiel zu tun wie die Diskussion um die Abseitsregel; aber veränderte Eigentumsverhältnisse würden für den Vereinsfußball in Deutschland schwerwiegende Folgen haben. Der Griff der Großkonzerne (VW, Bayer) nach der Macht im Fußball ist keine Verschwörungsphantasie, sondern eine reale Gefahr. Ein Blick auf die Zusammensetzung des Bayern-Aufsichtsrats genügt.

Der Fußball ist mehr als ein Spiel. Ein merkwürdiges Paradox. Der Professionalismus hat es möglich gemacht, dass man mit Fußball seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Der Kampf gegen die Kommerzialisierung war von Beginn an ein reaktionäres Unternehmen. Die Logik des Gewinnenwollens hat den organisierten Fußball im short century, dem kurzen 20. Jahrhundert, für Menschen geöffnet, die zunächst nicht mitspielen durften oder konnten: Arbeiter, Juden, Schwarze und zuletzt Frauen. Jeder kann mitspielen – ob alt, ob jung, ob dick, ob dünn, ob groß, ob klein. Der Fußball sollte denen gehören, die ihn spielen. Sein utopisches Potential liegt in seinem Spielcharakter; aber Fußball wird nicht außerhalb der Gesellschaft gespielt, sondern seine Spielfelder und Bolzplätze liegen mittendrin. Hier entsteht auch das Potential von fußballbegeisterten Menschen, die, wenn sie ins Stadion gehen, guten Fußball sehen wollen. Ohne Fans wäre der Fußball halb so schön (auch wenn sie manchmal Ärger machen). Sie wollen wissen, woran es liegt, ob die eigene Mannschaft gewinnt oder verliert. Die Medien hinken oft hinter dem Fußballwissen hinterher, wenn sie Lokalpatriotismus oder gar Chauvinismus schüren.

Wembley 2013 – ein deutsches Finale? Welch ein Unsinn! Der primitivste intellektuelle Schluss ist der Analogieschluss, der nicht nur bei Sportkommentatoren sich äußerster Beliebtheit erfreut. Die strafwürdige Phrase „Der Fußball ist der Spiegel der Gesellschaft“ wird immer wieder medial heruntergebetet – die beiden besten Fußballmannschaften in Deutschland bestreiten das europäische Endspiel, also wäre die deutsche die beste Gesellschaft in Europa. Ein Jahrzehnt wurde die CL von vier englischen Vereinen dominiert, von denen Michel Platini sagte: „Keine englischen Spieler, keine englischen Trainer, keine englischen Präsidenten!“ Stimmte nicht ganz, aber war im Kern richtig. Niemand – nicht einmal die Finanzcityakrobaten – wären noch letztes Jahr auf die Idee gekommen, die englische Gesellschaft als Vorbild für Europa zu nennen. An den Stiefeln des englischen Nationalmannschaftsfußballs klebt seit Wembley 1966 (über das dritte Tor kann man bekanntlich lange diskutieren – eben ein Meinungssport) die Erfolglosigkeit: Meine These, die Profitfixiertheit der Vereine beutet die Physis und Psyche der Spieler aus, bei den großen Events wie EM oder WM fehlt die Frische und Fitness. Spanien hat als Nationalmannschaft in der letzten Dekade alles gewonnen, was es zu gewinnen gab. Spanische Vereinsmannschaften, nicht Barça, nicht Real, haben die Euro-League dominiert, die viel selektiver ist als die CL. Die spanische Gesellschaft als Vorbild für Europa?

Deutsche Mannschaften haben trotz sporadischer Teilnahme von Bayern in der Euro-League der letzten 10 Jahre wenig erreicht (nur Werder kam 2009 ins Finale). In der aktuellen UEFA-Fünfjahres-Punktewertung liegt Deutschland hinter Spanien und England auf Platz DREI. So viel zu facts and figures. Als ein Letztes: Im Fußball spielt der Zufall auch eine Rolle. Das macht ihn so unberechenbar und herzergreifend. Glück und Pech bestimmen auch das Leben, nicht Vorhersehbarkeit und auf Positivismus verkürzte wissenschaftlich Rationalität („Ergebnisfußball“). Eine so genannte Lichtgestalt des deutschen Fußballs verkündete nach dem WM-Erfolg der Nationalmannschaft 1990 im Hinblick auf die „Wiedervereinigung“: „Auf Jahre wird der deutsche Fußball unschlagbar sein!“ Was folgte? Der in Ergebnissen (außer EM 1996) schrecklichste Niedergang des des deutschen Fußballs seit 1954. Eine spielerische Blamage folgte der anderen, die erst 2006 mit Klinsmanns radikaler Kehrtwendung (gegen die Fundamentalopposition von BILD) in eine sichtbar neue Richtung ging. Kenner behaupten, dass schon nach der missglückten WM in Frankreich 1998 mehr in die Jugendarbeit investiert worden ist. Genauso wichtig scheint mir zu sein, dass der bis dahin rückwärts orientierte DFB erkannt hatte, dass der multikulturelle Fußball in Deutschland auch in den Nationalmannschaften präsent sein sollte. Der Fußball macht die globale Welt sichtbar – als eine erfreuliche Tatsache. Alle werden gucken – und sich an den Spielern und Mannschaften erfreuen, die sie mögen. Deutschland ist egal …

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erstellt am 23.5.2013