Pop

Gemischte Gefühle: Der Fall Lana del Rey

Von Michael Behrendt

Am 16. Mai startete die Neuverfilmung von F. Scott Fitzgeralds Romanklassiker Der große Gatsby in den deutschen Kinos. Regisseur ist Baz Luhrmann, der 2001 für seinen Musicalfilm Moulin Rouge Stars wie Nicole Kidman und Ewan McGregor zu enervierenden Gesangsdarbietungen animiert hatte. Auch im Großen Gatsby gibt es Musik, aber die ist insgesamt gelungener. Auf dem Soundtrack finden sich so coole Namen wie Jack White, The xx, Emeli Sandé und … Lana del Rey.

Lana del Rey? Da war doch was. Für die einen gehört die junge Amerikanerin zu den aufregendsten Popstars momentan, für die anderen ist sie der enttäuschendste Hype der letzten Jahre. Im Sommer 2011 hatte Lana del Rey via Internet massiv auf sich aufmerksam gemacht – mit schwermütigen Songs, einer auffällig tiefen Stimme, einem glamourösen 40er-/50er-Jahre-Styling und nostalgischen Videos, die größtenteils aus alten oder auf alt getrimmten Privatvideo- und Nachrichtenschnipseln bestanden.

Das internationale Feuilleton und fast das gesamte Spektrum der Lifestyle-, Rock- und Pop-Medien waren begeistert: Hier schien so etwas wie ein Konsensstar aufzusteigen – eine superintegre Künstlerpersönlichkeit, die in der Lage war, Kenner und Normalhörer, den kulturellen Mainstream, Alternativeszenen und Undergroundzirkel gleichermaßen zu überzeugen, ach was, zu begeistern.

„Lana“, das erinnert an Hollywood-Diven wie Lana Turner, und der „del Rey“ war einst ein von Ford produziertes Automodell. Schon der Künstlername der als Elizabeth Grant geborenen Sängerin lässt auf etwas Unechtes, Konstruiertes schließen. Nun sind Artifizielles und Manipulation etwas ganz Alltägliches im Showgeschäft und an sich kein Grund, sich von einem Star abzuwenden. Die entscheidenden Fragen aber lauten: Wie viel an Künstlichkeit ist noch akzeptabel? Könnte hinter der Medien-Persona ein halbwegs vernünftiger Mensch stecken? Und: Verbindet sich mit der Konstruktion eine ernstzunehmende Haltung, eine gewichtige, gesellschaftlich relevante Aussage?

Im Falle Lana del Rays schlug die anfängliche Bewunderung der Alternativekreise und Undergroundzirkel nach und nach in Ablehnung um: weil sich die entsprechende Kunstfigur als allzu kühl kalkuliert erwies und das morbid-nostalgische Flair ihrer Songs bald nur noch wie eine „Masche“ wirkte. Ein ernstzunehmender Gegenentwurf zu konventionellen Rollenbildern, eine zukunftsträchtige musikalische Alternative zur Charts-Musik der Zeit sah letztendlich anders aus und hörte sich auch anders an als das Produkt „Lana del Rey“.

Zusammen mit dem Song Video Games und den geschmackvollen Vintage-Videoclips war zunächst eine taffe Künstlerbiografie kolportiert worden, die Lizzy Grant eine Herkunft aus armen Verhältnissen und Kontakte zur Hip-Hop-Kultur bescheinigte. Songs und Videos sollten alle von Lana del Rey selbst konzipiert und produziert worden sein. Das klang interessant und weckte Erwartungen an eine gewichtige künstlerische Aussage, die das Musikmagazin „Rolling Stone“ stellvertretend für viele so umschrieb: „In den düster und schwül aufgeladenen Szenarios bündelt sich das Lebensgefühl einer von Abstiegsängsten und Selbstmitleid gequälten urbanen Mittelschicht.“ Unter solchen Vorzeichen verwunderte es auch niemanden, dass es die Künstlerin – wenn auch von der Redaktion skeptisch beleuchtet – bis aufs Cover der renommierten Szenezeitschrift „SPEX“ schaffte.

Doch schon die Tatsache, dass ihre Erfolgs-CD in Zusammenarbeit mit Starproduzenten wie Guy Chambers (Robbie Williams) oder Eg White (Adele) entstanden war, stieß einigen Kritikern unangenehm auf. Hinzu kamen Zweifel an den in Umlauf gebrachten biografischen Fakten („Ist sie nicht eigentlich Millionärstochter?“), aber auch die verstörende Vermutung, die so sinnlich anmutenden Lippen der Interpretin könnten das Ergebnis einer Schönheits-OP sein. Und solche Schönheits-OPs sind ja eher in gelangweilten High-Society-Kreisen angesagt – in „der Szene“ geht so was ja gar nicht! Immer offensichtlicher erschien Lana del Rey als zurechtgestyltes Püppchen und teils auch als kaputt gemachtes Opfer einer nur an Megaumsätzen interessierten Musikindustrie. „Dauerte es vor einigen Jahrzehnten (oder noch vor einigen Jahren) zumindest noch mehrere Alben, bis aus hoffnungsvollen Nachwuchskünstlern öde Mainstreamveteranen geworden waren, sind die Tage dieser Internet-Hypes – genauso wie ihrer Leidensgenossen, der Castingstars – schon vor dem Erscheinen ihres Debüts gezählt“, schrieb etwa Tara Hill am 29. Januar 2012 auf tageswoche.ch/de: „Es sind im wörtlichen Sinne Totgeburten, ‚Born to Die’, wie ironischerweise auch der Albumstitel des neusten Hype-Opfers namens Lana del Rey lautet. (…) Als die Zuschauerzahl von ‚Video Games’ die Millionengrenze überschritt, krallte man sich das Mädchen mit den verdächtig vollen Lippen und schickte sie ins Studio, um ihre Songs zu veredeln. Und: so bald wie möglich auf den Markt zu werfen, bevor der nächste Hype die sensationell somnambule Göre wieder in Vergessenheit geraten lassen könnte. (…) Doch damit verwechseln sie (die Musikkonzerne) ihre eigene Marketingmasche mit der Realität, versuchen sie ihre auf dem Reißbrett entstandenen Frankenstein-Konstrukte als ‚lebendige Subkulturvertreter’ zu verkaufen.“

„Lana Del Rey gilt zur Zeit als das größte Versprechen der Popmusik. Nun erscheint ihr Debütalbum“, schrieb Jens-Christian Rabe im Januar 2012 auf sueddeutsche.de, um gleich darauf ein ähnlich vernichtendes Fazit zu präsentieren: „Doch es ist auch eine erzkonservative Männerphantasie, der ziemlich schnell die Luft ausgeht.“ Rabe sprach pointiert von der „Banalität des Dösens“, und was genau er unter einer erzkonservativen Männerfantasie verstand, erklärte er so: „Wir sehen: ein Exemplar aus dem Menschenzoo. Wir hören: eine starke Frau, die so weit sediert wurde, dass sie ihrem Mann nicht mehr gefährlich werden kann.“

Auffällig ist, mit welcher Leidenschaft einige Kritikerinnen und Kritiker die Lana-de-Rey-CD Born to Die verrissen. Das war nicht einfach nüchternes Urteilen oder genüssliches Niedermachen, sondern Ausdruck eines tiefen Verletztseins. All diese Kritikerinnen und Kritiker waren zutiefst enttäuscht, dass man ihnen eine große Verheißung genommen hatte – und wütend auf sich selbst, weil sie einem enormen Hype aufgesessen waren. Fast schon anrührend ist die ellenlange Kritik eines Users im Intenetforum der Zeitschrift „Metal Hammer“ Ende Januar 2012. Der arme Mann beschreibt seine widersprüchlichen Gefühle während des Kaufs der CD bei einem „großen Elektronikfachhändler“ und versucht, in Worte zu fassen, was Lana del Rey und das ganze Bohei um sie ausmacht. Beinahe unter Tränen beschreibt er eine „mediale Tragödie“, die ihn regelrecht fertiggemacht hat.

Ab Frühjahr 2012 stieg Lana del Rey, die selbstverständlich nebenbei modelte, auch noch zum Fashion-Idol auf, und die schlimmsten Kritikerbefürchtungen wurden bestätigt. Unter anderem widmete das britische Modelabel Mulberry der Sängerin eine Damentasche. „Die ‚Del Rey’, mittlere Größe und kurze Henkel“, vermeldete die Frauenzeitschrift „Amica“ begeistert, „wird es ab Mai unter anderem in Weiß zu kaufen geben.“ Dann machte die schwedische Modekette H&M Lana del Rey zum prominenten Gesicht ihrer Herbst-Winter-Kollektion 2012 und verbreitete die Kampagnenbilder großzügig auf Werbeflächen in ganz Deutschland. Zu guter Letzt warb die geschäftstüchtige Interpretin auch noch für ein neues Modell des Luxuswagenherstellers Jaguar, trat bei der Produktpräsentation auf und steuerte den Song Burning Desire zur Werbekampagne bei. Leider wahr: „Lebensgefühl einer von Abstiegsängsten und Selbstmitleid gequälten urbanen Mittelschicht“ geht anders.

Aber mal ehrlich: Verdenken kann man es der cleveren Endzwanzigerin nicht: Sie hat schlichtweg ihre Chance ergriffen und eine Menge Geld verdient. Nur: Als selbstbewusstes Role Model unangepasster junger Frauen, als visionäre auteur-Persönlichkeit, als eigenständige Künstlerin, die einen abgründigen Gegenentwurf zum schönen Schein der Mainstream-Kultur liefert und sich selbstbestimmt den Mechanismen einer globalisierten Wirtschaft widersetzt, war Lana del Rey verbrannt. Ein gewichtiger Teil der Kritiker, nämlich der, der über Credibility wacht, war nun endgültig enttäuscht. Inzwischen ist Lana del Rey tatsächlich nur noch ein ganz gewöhnlicher Superstar, eine weitere Stilikone mit netten Songs im Gepäck und lukrativen Werbeverträgen im Visier, – ein Mainstream-Produkt, zurechtgestylt für eine möglichst breite Masse. Als in Trauer und Melancholie versinkender Hollywood-Vamp mit hohem Nostalgiefaktor funktioniert sie letztlich nicht anders als Ivan Rebroff damals mit seiner Kosakenmasche. Und als düster-morbides Medienkonstrukt, hinter dem sich ein bestens gelauntes Jetset-Girl verbirgt, ist sie einfach nur das Gegenteil von Künstlern wie Rex Gildo und Roy Black, hinter deren Heile-Welt-Performances sich haltlose, depressive Privatpersonen vebargen.

Und so hielt Jan Wigger im September 2012 auf SPIEGEL Online in einer Besprechung der CD Blackbird von Andrea Schroeder kurz und schmerzlos fest: „‚Blackberry Wine’ ist der düstere Cousin von Lee Hazlewoods ‚Summer Wine’ – und löst in gewisser Weise das Versprechen ein, das Lana del Rey gab und nicht halten konnte.“ Etwa zur selben Zeit begannen User auf der offiziellen Facebook-Seite von H&M, satirische Bilder von sich in den gleichen Posen wie Lana Del Rey hochzuladen – mit dicken Lippen und verpennten Augen, die gelangweilt in die Kamera blicken. Unfeiner kann man als Künstlerin kaum behandelt beziehungsweise entlarvt werden. Auch wenn zu vermuten steht, dass das Elizabeth Grant selbst am allerwenigsten kratzt. Warten wir also ab, was das gerade entstehende nächste Album bringt. Immerhin rücken Credibility-Gurus wie Jack White und Jay-Z nicht wirklich von ihr ab, und auf dem Soundtrack zum neuen Gatsby-Film, der weniger offensichtlich als die Buchvorlage, aber doch im Kern auch von Selbstbetrug, Verbohrtheit und einer hohlen Luxusscheinwelt erzählt, macht sie sich erst mal nicht schlecht.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 23.5.2013