Der Leiter der Hamburger Stiftung „Elementarteilchen“, Jan Szlovak, wollte dem Haus der Kulturen der Welt in Berlin Gutes tun und gab so den Anstoß zur Gründung eines außergewöhnlichen Literaturpreises. Um den Blick auf die deutsche Kultur zu vertiefen, zeichnet das HKW seit 2009 herausragende fremdsprachige Literatur und deren deutsche Erstübersetzung aus. 25.000 Euro erhält der Autor und 10.000 Euro gehen an den Übersetzer.
Zuvor lenkt eine Shortlist den Blick auf sechs Werke, die von der Jury favorisiert werden. In diesem Jahr zählten zur Jury: Egon Ammann (Verleger, Berlin), Hans Christoph Buch (Schriftsteller/Journalist), Kersten Knipp (Literaturkritiker/ Kulturjournalist), Marie Luise Knott (Autorin/Kritikerin/Vorstand des Deutschen Übersetzerfonds), Claudia Kramatschek (Literaturkritikerin/Kulturjournalistin), Ricarda Otte (Redakteurin, Kulturredaktion Deutsche Welle) und Ilma Rakusa (Schriftstellerin/Übersetzerin/Publizistin).

Wie sich nationale Kulturen in einer global vernetzten Welt wandeln und zu einem neuen Kulturverständnis führen, beschreibt HKW-Intendant Bernd M. Scherer im Faust-Gespräch.

Gespräch mit Bernd M. Scherer

Literarische Osmose weltweit

Aus welchem Grund wurde vor fünf Jahren der Internationale Literaturpreis im Haus der Kulturen der Welt gegründet?

Deutschland ist so stark wie nie zuvor international vernetzt. Wer zeitgenössische deutsche Kultur begreifen möchte, sieht, wie sehr sie durch internationale Einflüsse geprägt ist. Das Haus der Kulturen der Welt lenkt den Blick gezielt auf diese Einflüsse. Wenn wir Kulturen der Welt zeigen, geht es uns also nicht um kulturelle Entwicklungshilfe für andere, sondern um das Verständnis der eigenen Kultur. Wir machen sichtbar, wie sich unsere Gesellschaft kulturell über diese internationalen Kulturen mit definiert. Langfristig geht es darum, ein neues Verständnis von Kultur zu entwickeln, das Kultur nicht mehr im engen Sinn als national begreift. Mit der Stiftung Elementarteilchen waren wir uns darin einig, dass die Internationalität der Literatur stark auf der Leistung der Übersetzer basiert. Die Rolle des Übersetzers wird bisher jedoch nicht hinreichend gewürdigt und auch nicht hinreichend honoriert. Deshalb haben wir die Vergabe des Internationalen Literaturpreises sowohl an den Autor als auch an den Übersetzer geknüpft.

Es gibt tatsächlich noch nicht sehr viele Preise, die Autor und Übersetzer parallel ehren, Beispiele sind der Berliner Brücke-Preis oder die Sparte Übersetzung des Leipziger Buchpreises. Wie unterscheidet sich der Internationale Literaturpreis von diesen Preisen?

Der Akzent ist verschoben. Der Brücke-Preis konzentriert sich auf Osteuropa und wird nur alle zwei Jahre vergeben. Wir schreiben den Preis jährlich aus und machen deutlich, dass die ganze Welt für uns relevant ist, das entspricht unserem kulturpolitischen Auftrag. Außerdem ist der Internationale Literaturpreis stärker als der Leipziger Buchpreis auf Erzählliteratur konzentriert und legt inhaltlich Wert auf Zeitgenossenschaft. Berücksichtigt werden nur Bücher, die in den letzten zehn Jahren entstanden sind und im letzten Jahr ins Deutsche übersetzt wurden.

Alle Übersetzungen sind zugelassen, also auch Texte von US-Autoren?

Ja, wir haben uns von Anfang an offen gehalten. Die literarische Qualität und Form sind wesentliches Auswahlkriterium. Es geht uns nicht darum, das Buch rein als ein Medium zu benutzen, das Informationen über andere Gesellschaften liefert. Wichtig ist die Verbindung von Form und Inhalt. Interessant ist, wenn es in anderen Gesellschaften besondere Formen gibt, die Welt zu sehen und sich diese in einer spezifischen literarischen Form niederschlagen. Form spielt also eine sehr große Rolle. Wenn ein US-Autor ein Buch vorlegt, das für das Verständnis unserer Welt einen besonderen Beitrag leistet und hierfür eine spezifische Ausdrucksform findet, sind wir dafür offen.

Postkoloniale Themen stehen also nicht im Vordergrund dieses Literaturpreises?

Nein, sie stehen nicht im Vordergrund, die postkoloniale Perspektive ist jedoch mit eigenen Texten immer wieder präsent. Sie spielt auch indirekt noch eine große Rolle, weil viele Schriftsteller nicht mehr in ihren nationalen, gesellschaftlichen Kontexten lokalisierbar sind, sondern sich eher über Sprache und Sprachzugehörigkeiten definieren. Der postkoloniale Kontext regt an, darüber nachzudenken, wie literarische Produktion heute eigentlich entsteht. Fast niemand sitzt beispielsweise im Kongo nur noch fest an einem Ort und schreibt dort sein Buch.

Der Internationale Literaturpreis ist also eine Antwort auf globalisierte Lebensverhältnisse und den Irrweg nationaler Zuweisungen?

Ausgangsthese ist, dass unsere deutsche Gesellschaft nicht ohne die internationalen Bezüge verstehbar ist. All das, was international passiert, gilt es in die Literatur einzubeziehen. Man kann dieses Phänomen moderner Mobilität nicht nur bei den Autoren selbst beobachten, sondern auch in der Gegenstandswelt. Ich habe ja fünf Jahre in Karatschi gelebt. Das Schwemmgut westlicher Objekte war da täglich spürbar und reflektiert die Art und Weise, wie die Menschen vor Ort die Welt wahrnehmen. Unsere Zeit ist durch ungeheure Osmoseprozesse weltweit gekennzeichnet. Die klassischen Grenzziehungen zwischen Kulturen und Staaten spielen in bestimmten sozio-kulturellen Konflikten noch eine Rolle, in den real stattfindenden Austauschprozessen verlieren sie jedoch an Bedeutung.

Diese Osmose bezieht sich auch auf die regionalen Wurzeln. Denn es werden ja auch Übersetzungen berücksichtigt, die Mundarttexte übermitteln.

Mundart-Übersetzung steht zwar nicht im Zentrum, aber sie kann preiswürdig sein. Das ist durchaus im Geiste des Preises.

Michail Schischkin war im letzten Jahr Preisträger, ist politisches Engagement der Autoren ein wichtiger Aspekt?

Die Arbeit des HKW, vor deren Hintergrund der Preis vergeben wird, ist ohne eine politische Grundhaltung gar nicht verständlich. Es geht immer darum, Stimmen hörbar zu machen, die nicht gehört werden. Schischkin, der ja ein exzellenter Autor ist, hat vor der Preisverleihung in der deutschsprachigen Literaturwelt noch nicht den seiner Stimme gemäßen Resonanzraum erhalten. Er ist ein exzellentes Beispiel. Ich bin glücklich, dass der Preis an ihn ging und ganz offensichtlich etwas bewirkt hat. Eine politische Haltung zeigt sich auch, wenn man Stimmen hörbar macht, die in den Büchern selbst vorkommen und darin bestimmte soziale oder politische Situationen angesprochen werden. Auch hierfür kann ein Resonanzraum erzeugt werden.

Wie wird die besondere Akzentsetzung des Internationalen Literaturpreises in der jetzigen Shortlist deutlich?

Auf der aktuellen Shortlist sind sowohl etablierte Autoren als auch Erstlingswerke vertreten. Luiselli Valerias Buch Die Schwerelosen erinnert mich sehr an Juan Rulfo, es ist aus der mexikanischen Tradition heraus zu verstehen und stellt im Kontext einer europäischen Sicht auf die Weltliteratur eine spezifische Stimme dar. Teju Cole, Open City, ist ein New-York-Roman, der eine eigene Wahrnehmung der Stadt repräsentiert. Er ist aus der Sicht eines Schwarzen geschrieben, der in den USA geboren wurde, zwischenzeitlich in Afrika gelebt hat und dann wieder zurückgekommen ist. Der lange Weg einer jungen Afrikanerin durch die Festung Europa ist das Thema Lloyd Jones in Die Frau im blauen Mantel.
Der Symmetrielehrer von Andrej Bitow ist ein im besten Sinn des Wortes artifizieller, künstlerischer Roman, der eine hohe Lesekonzentration erfordert. Lange wurde darüber diskutiert, dass wir zusammen mit Zakhar Prilepins Roman Sankya zwei Stimmen aus Russland dabei haben und – im Gegensatz zu früheren Jahren – keine Stimme aus Mittel- und Osteuropa.
Faszinierend ist aus meiner Sicht auch das Buch von Jean Rolin, Einen toten Hund ihm nach. Der Text changiert zwischen Essay und Roman und könnte wohl in dieser ganz eigenen Form im deutschen Kontext nicht geschrieben werden. Interessant ist, inwieweit über das Schicksal streunender Hunde, die der Autor weltweit beobachtet hat, ein globaler Kontext aufgemacht wird, der natürlich, wenn man ihn metaphorisch liest, sehr viel mit dem Menschen zu tun hat, auch wenn Menschen nicht die Hauptakteure sind.
Was die Shortlist auszeichnet, ist die Vielstimmigkeit an Formen, Lebenswirklichkeiten und Erfahrungen, die die einzelnen Autoren mitbringen und sich in ganz spezifischer Weise artikulieren, das ist ein wichtiger Punkt für uns.

Wie hat das deutsche Feuilleton auf die Bücher reagiert, die durch den Internationalen Literaturpreis in den Blick gerückt werden?

Dem Feuilleton ist am meisten vorzuwerfen, dass es sich ausschließlich auf die Nummer eins konzentriert und so aus der Komplexität und Differenziertheit der Shortlist kein Feuer schlägt. Wir haben darum die Veranstaltung zur Preisverleihung in diesem Jahr erstmals geändert. Die Shortlist ist konstitutiv für das gesamte Projekt. Sie repräsentiert eine aus den übersetzten Texten abgeleitete und durch die Jury geprägte Welthaltigkeit, die ein einziges Buch nicht übermitteln kann. Mein Wunsch wäre, dass das Feuilleton die Shortlist insgesamt genauer in den Blick nimmt und analysiert, was sich daraus über die Literatur eines Jahres im deutschsprachigen Raum ablesen lässt. Der Preis ist eigentlich „nur“ die Spitze des Eisberges, die gesamte Shortlist trägt hingegen den Geist der Veranstaltung und zeigt aus der deutschen Perspektive das, was heute als Weltliteratur wahrgenommen werden kann.
Ich sage dabei bewusst: aus der deutschen Perspektive. Den Filter bilden ja eine deutsche Jury und die deutschsprachigen Verlage, die ihre Übersetzungen einreichen. Dieser Prozess entspricht der Arbeitsweise, die ich hier im Haus der Kulturen der Welt vertrete. Auch wir arbeiten aus einer deutschen Perspektive in einem internationalen Kontext. Es ist wichtig, diese Perspektive zu pointieren, wir haben nicht den Anspruch, universell das abzubilden, was heute internationale Literatur ist. Auf der Basis spezifischer Erfahrungen und politischer sowie sozialer Positionen heraus setzen wir uns mit dieser Welt auseinander.

Im Moment zeigt das HKW in der Ausstellung The Whole Earth Bilder, die zu globalen Ikonen geworden sind. Zu sehen sind beispielsweise Fotos von der Mondlandung oder der Astronautenblick auf die Erde. Diese Bilder haben weltweit eine einzigartige Bedeutung erlangt. Sucht man mit dem Literaturpreis auch nach globalen, literarischen Ikonen?

Die Ausstellung, die Sie ansprechen, spiegelt eine kalifornische Perspektive auf die Welt wider. Die gezeigten Bilder zeigen kulturelle Gegebenheiten aus den 60er und 70er Jahren Kaliforniens. Sie wurden damals von einer Industrie appropriiert und weltweit durchgesetzt. Wir nehmen diese Phänomene als globale Ereignisse wahr, doch gab es für diese Entwicklung sehr spezifische, kulturelle Grundlagen. Interessanterweise sind wir heute jedoch an einem Punkt angelangt, an dem diese Durchschlagkraft nicht mehr so selbstverständlich ist. Vielleicht können wir in zehn Jahren anhand des Internationalen Literaturpreises die weltweite literarische Entwicklung und die darin widergespiegelten globalen Veränderungen unserer Zeit nachvollziehen.

Nach welchen Kriterien ist die für drei Jahre gewählte Jury zusammengeführt?

Die Jury wird von einem festen, unabhängigen Gremium berufen, dem Erik Bettermann (Intendant, Deutsche Welle), Klaus-Dieter Lehmann (Präsident, Goethe-Institut), Joachim Sartorius (Lyriker und Übersetzer) sowie Christina Weiss (Vorsitzende Verein der Freunde der Nationalgalerie) angehören. Jedes Jurymitglied hat eine hohe literarische Grundkompetenz, außerdem achten wir darauf, dass bestimmte Kultur- und Sprachkompetenzen in der Jury verteilt sind, regionales Expertenwissen allein reicht jedoch nicht aus.

Selbst eine umsichtig zusammengesetzte Jury kann nicht über Detailwissen zu allen Weltkulturen verfügen, ohne Hintergrundwissen sind jedoch Übersetzungen oft kaum bewertbar? Wie lösen sie solche Kompetenzdefizite auf?

Eine erste Auswahl erfolgt bereits über die Verlage, die Bücher vorschlagen. Jedes Jurymitglied kann zudem Bücher benennen. Die Verlage und die Jury bilden also gemeinsam einen entscheidenden Filter. Außerdem muss man sich klar machen, dass es nicht darum gehen kann, mit diesem Preis die Welt als Ganzes abzubilden. Man kann nur sichten und bestimmte Akzente setzen. Ein ganz anderer Preis wäre es, wenn man weltweit Subjurys hätte, die in bestimmten Sprachräumen recherchieren und auch Nicht-Übersetztes berücksichtigen würden. Wir haben uns jedoch klar auf einen gefilterten Fokus festgelegt. Der Filter ermöglicht es uns, aus einer deutschen Perspektive Akzentsetzungen vorzunehmen.

Das Gespräch führte Andrea Pollmeier
Mai 2013

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erstellt am 22.5.2013

Bernd M. Scherer

Bernd M. Scherer, Foto © Peter Adamik

Bernd M. Scherer ist in Berlin Intendant des Haus der Kulturen der Welt. Er wurde 1955 im Saarland geboren und hat sich als Philosoph, Autor und Essayist in zahlreichen Publikationen zu Themen der Ästhetik und des internationalen Kulturaustausches geäußert. Von 1999 bis 2004 arbeitete er für das Goethe-Institut in Mexiko, anschließend leitete er die Zentralabteilung Künste des Goethe-Instituts in München. Zuvor war Scherer Leiter des Bereichs Wissenschaft und Kultur und stellvertretender Intendant des HKW. Dessen Entwicklung hat er von 1994-1999 und in der gegenwärtigen Funktion maßgeblich geprägt. Seit 2011 lehrt Scherer als Honorarprofessor am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt Universität Berlin.

»Langfristig geht es darum, ein neues Verständnis von Kultur zu entwickeln, das Kultur nicht mehr im engen Sinn als national begreift.«

»Unsere Zeit ist durch ungeheure Osmoseprozesse weltweit gekennzeichnet. Die klassischen Grenzziehungen zwischen Kulturen und Staaten spielen in bestimmten sozio-kulturellen Konflikten noch eine Rolle, in den real stattfindenden Austauschprozessen verlieren sie jedoch an Bedeutung.«