Beide, die Feinde der sogenannten Hochkultur und die der Populärkultur, betonen die unüberbrückbare Kluft beider Lebens- und Erlebensbereiche. Wer sich indessen näher mit der Geschichte und der Wirkungsweise der jeweiligen Künste beschäftigt, weiß, dass die Kluft nicht existiert und die Brücke nicht vonnöten ist. Es gibt Überschneidungen der feindlichen Lager zuhauf; macht aber jemand diesen gemeinsamen Bereich zum künstlerischen Konzept, steht er vor ganz anderen Problemen. Thomas Rothschild berichtet von den Ludwigsburger Schlossfestspielen.

Ludwigsburger Schlossfestspiele

Schätze sehen lassen

Von den Ludwigsburger Schlossfestspielen, Teil 1

Von Thomas Rothschild

Vielleicht ist es ja ganz gut so, dass nicht Pianisten oder Klarinettisten darüber zu entscheiden haben, wie es mit dem Euro, mit dem Außenhandel oder mit öffentlichen Bauvorhaben weitergehen soll – obwohl, wenn man sich den Flughafen Berlin-Brandenburg, die Elbphilharmonie oder das Schauspielhaus Stuttgart ansieht: sehr viel schlechter als die bestallten Politiker hätten sie es kaum machen können. Dass aber Politiker über kulturelle Fragen entscheiden, gilt als normal. Politiker, Kulturpolitiker eingeschlossen, denken jedoch in Kategorien der politischen Opportunität, also der angepeilten Wählerstimmen, und der Wirtschaftlichkeit, sie kennen nicht qualitative, sondern nur quantitative Maßstäbe – und diese sind für die Künste inadäquat. In ihrer Borniertheit werden sie nur noch von den Verantwortlichen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten übertroffen, die im Kampf um die Quote bedenkenlos preisgeben, was ihnen – wiederum von den Politikern – anvertraut wurde.

Und so waren es denn auch die Politiker, die den Vertrag des Leiters der Ludwigsburger Festspiele Thomas Wördehoff nicht verlängern wollten. Sie wussten auch genau, wen sie stattdessen haben wollten. Und wie stets, wenn man aus mangelnder Kenntnis auf Einflüsterer angewiesen ist, setzten sie auf „große Namen“. Die wurden verlautbart und sorgten für Schlagzeilen. Aber das vermeintliche Glück währte nicht lang. Die Erwählten sagten wieder ab, noch ehe sie ihre Arbeit begonnen hatten. Diesmal waren die Verlautbarungen der Politik kaum vernehmbar. Über die Gründe für den erteilten Korb gibt es nur Gerüchte. Stattdessen entdeckte man nun plötzlich Wördehoffs Qualitäten, die man ein paar Wochen zuvor angeblich vermisst hatte. Die Chancen für eine Verlängerung seines Vertrags stehen gut – nicht etwa, weil die Politik plötzlich zu Verstand gekommen wäre, nicht etwa, weil man die eigenen Fehler eingesehen und daraus Konsequenzen gezogen hätte, sondern weil der Zufall für eine Blamage gesorgt hatte. Die selben Politiker, die Wördehoff in die Wüste schicken wollten, dürfen nun wahrscheinlich unterschreiben und dem neuen alten Intendanten ein Loblied singen, mit dem sie in Wahrheit sich selbst meinen, weil sie ihn doch bestellt haben. Der Weg der Inkompetenz, der sie dahin geführt hat, ist vergessen. Und niemand zeigt mit dem Finger auf den nackten Kaiser, hier ebenso wenig wie bei den Flugplätzen und Theaterbauten und bei fast allen Entscheidungen, bei denen Künstler zum Objekt gemacht werden, statt ihr Subjekt zu sein.

Wenn dies klar gestellt ist, wenn das Grundsätzliche ausgesprochen wurde, kann über das konkrete Programm geredet werden, auch kritisch, denn Qualifikation verspricht noch nicht automatisch hohe Qualität. Erstens gibt es unterschiedliche Auffassungen und Vorlieben, auch unter den Kompetenten, und zweitens sind künstlerische Ergebnisse, die im Stadium der Planung gebucht werden müssen, nicht restlos voraussehbar. Wördehoffs Konzept heißt, vereinfacht gesprochen: raus aus den überlieferten Systematiken, aus der Unterscheidung von U und E, von Jazz, Folk und „Klassik“, hin zur Synthese, also weniger zum Nebeneinander als zum so genannten Crossover. Das lässt sich nicht für ein ganzes Festival durchhalten, da gibt es schon auch Kompromisse und Nebenschienen, aber die Projekte zwischen den eingefahrenen Gleisen bestimmen doch unübersehbar das Kolorit der Ludwigsburger Schlossfestspiele seit der Intendanz Wördehoff (und im Unterschied zu den Jahren davor).

Als kennzeichnend für die Ludwigsburger Schlossfestspiele kann das Konzert von Christina Pluhars L'Arpeggiata unter dem Titel „Mediterraneo“ gelten. Das Ensemble, das in Ludwigsburg bereits Stammgast ist, balanciert traumwandlerisch auf der damals, im 17. Jahrhundert noch nicht zementierten Grenze zwischen volkstümlicher und höfischer Musik, wie es schon vor längerem etwa die Nuova Compagnia Di Canto Popolare tat. Nach ihrem Programm mit lateinamerikanischer Musik im vergangenen Jahr, hat Pluhar nun Lieder und Instrumentalstücke aus den Mittelmeerländern zu einem musikalischen Reigen arrangiert, dessen anrührende Schönheit sich kaum mit Worten beschreiben lässt. Das lag nicht zuletzt an den fünf Sängern, die Pluhar da zusammengebracht hatte. In Arthur Schnitzlers Drama „Der einsame Weg“ sagt der Schriftsteller Sala: „Mein lieber Julian, wir haben die Türen offen stehen und unsere Schätze sehen lassen – aber Verschwender sind wir nicht gewesen.“ Das Konzert im fast vollen Ludwigsburger Forum zeigte Schätze, aber für Verschwendung war die Zeit zu kurz. Allein der Fado-Virtuosin Misia, neben Mariza und Ana Moura die prima inter pares unter den Nachfolgerinnen der großen Amália Rodrigues, hätte man stundenlang zuhören wollen. Aber die Katalonin Nuria Rial, die Spanierin Raquel Andueza, die Griechin Aikaterini Papadopoulou und der italienische Countertenor Vincenzo Capezzuto lieferten allesamt ihren unübertrefflichen Beitrag zu diesem Potpourri von teils lyrischen, teils tänzerischen, teils schlichten, teils pathetischen Liedern. Zum Kern des Orchesters, in dem die Theorbe und andere Barockinstrumente den Ton angeben, kommen Musiker aus Portugal, Griechenland und der Türkei, die ihre regionaltypischen Instrumente mitgebracht haben. Zwar war nicht zu übersehen und zu überhören, dass die beiden Portugiesen Misia zugeordnet waren, aber am Ende fügte sich alles doch zu einem Ganzen. „Mediterraneo“ wird zwar auch anderswo noch zu hören sein (und wer kann, sollte es nicht versäumen) – welches Festival kann sich heute noch ein Exklusiv-Projekt leisten? – aber in Ludwigsburg stand der Abend im Zentrum einer Konzeption, die man begreifen muss, wenn man politische Entscheidungen fällen will.

In diese Konzeption passt auch das Konzert des Percussion Ensembles von Babette Haag im sachlichen Ambiente der Karlskaserne. Die fünf Schlagzeuger führten das breite Spektrum der Möglichkeiten von Perkussionsinstrumenten vor, von den meditativen Marimbaklängen eines Gavin Bryars über das Zusammenspiel dreier Solisten auf einer einzigen Basstrommel plus Bongos und Chinesischen Opernbecken in „Trio per Uno“ von Nebojša J. Živković, die typischen Verrückungen Steve Reichs – diesmal mittels Holzstäben –, den musikalischen Humor, den Nicolaus A. Huber mit seinem verstorbenen Wiener Kollegen Otto M. Zykan teilt, bis zum atemberaubenden „Spiritual für Marimba und Perkussionsensemble“ von Miki Minoru, in dem die Solistin den Herren zugleich kontrastiv und kollegial gegenüber stand. Dass man auf der Marimba im Prinzip alles spielen kann, was für das Klavier komponiert wurde, demonstrierten Babette Haag plus Partner an Beispielen von Johann Sebastian Bach und von Ravel – aber das ist eigentlich wenig verwunderlich: ob Saiten durch Hämmer oder Holzklangstäbe, die allerdings weniger nachklingen als Saiten, durch Schlägel zum Tönen gebracht werden, ist lediglich eine Frage der Technik. Das wird ja gemeinhin vergessen: genau genommen ist das Klavier, seit die Saiten nicht mehr, wie beim Cembalo, gezupft werden, ein Perkussionsinstrument.

In die Ausrichtung der Ludwigsburger Schlossfestspiele passt auch das Ensemble Six, Alps & Jazz. Hier zeigte sich freilich, dass ein Konzept noch nichts über die Durchführung sagt. Der nicht mehr ganz taufrische Versuch, die Volks- und Blasmusik der deutschsprachigen Länder durch Jazz vor der reaktionären Verkitschung zu retten, steht und fällt mit der Qualität des Jazz, und der kam hier, von einigen wenigen Solostellen, vor allem des Leaders Matthias Schriefl, abgesehen, äußerst bieder und klischeehaft herüber. Was das Konzert aber so nervig werden ließ, waren die angestrengten Bemühungen Schriefls, zwischen den Musikstücken verbalen Humor zu erzeugen. Man erkennt die Vorbilder, die er nicht erreicht, fragt sich aber vor allem, ob er so wenig Vertrauen in die Musik seiner Band hat, dass er meint, das Publikum witzelnd bei Laune halten zu müssen. So gesehen ist Six, Alps & Jazz weniger ein Festspielereignis als Ausdruck der allgemeinen Infantilisierung.

Diesen Vorwurf kann man der Aufführung von Carl Philipp Emanuel Bachs „Auferstehung und Himmelfahrt Jesu“ gewiss nicht machen. Aber die Frage stellt sich doch, ob man bei Festspielen nicht jenen Mehrwert erwarten darf, den eine an Konzerten nicht arme Region ansonsten nicht zu bieten hat. Beim Konzert des Chors und Orchesters der Ludwigsburger Festspiele unter der Leitung des einschlägig bewährten Konrad Junghänel blieb er aus. Es wirkte erstaunlich uninspiriert, in einer leidenschaftslosen Mittellage dahinplätschernd, eher routiniert als eindringlich. Zwar hatte man mit Joanne Lunn, Maximilan Schmitt und Georg Nigl passable Solisten gewonnen. Aber der auf 21 Frau und Mann reduzierte Chor war der Sache, vor allem am Anfang, nicht gewachsen, unpräzise in der Intonation, verwaschen im Klang, und auch das Orchester konnte nicht verheimlichen, dass es kein beständig zusammenarbeitender Klangkörper ist. Die Salzburger Festspiele oder Baden-Baden wissen schon, warum sie sich Spitzenorchester einladen und auf ein eigenes Orchester verzichten.

Im nahen Stuttgart gibt es drei ständige Symphonieorchester, von denen zwei in der ersten Liga spielen. Wenn man denn in Ludwigsburg auf Orchesterkonzerte verzichtete? L'Arpeggiata oder Barbara Haags Percussion Ensemble sind mehr als bloß ein Ersatz. Aber ob die Politiker das kapieren? Sie bauen gigantische Sporthallen, die dann leer stehen, und schaffen es nicht, dafür zu sorgen, dass der Fahrstuhl im Bahnhof funktioniert. Wie sollten sie die Vorzüge kleiner Ensembles gegenüber mittelmäßigen Orchestern verstehen?

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erstellt am 19.5.2013