Preisträgerin 30. Junges Literaturforum Hessen-Thüringen

Anna Siebert

Briefe an Alice

Das Haus kauert schüchtern haltsuchend, fast ängstlich am Hang. Wer hier vorbeikommt und aufmerksam lauscht, hört in den Rissen im Putz, unter den Giebeln des buckligen Dachrückens leises Flüstern, als tuschelten uralte Dielen und Steine heimlich miteinander, schwärmten zwischen verblichenen Fensterläden längst blinde Scheiben von Farben und vom Licht vergangener Tage. Wer hier vorbeikommt passiert Zaun und Hecke, die, miteinander verschmolzen, sich gegenseitig zu stützen versuchen. Blätternder Lack blitzt angestrengt in der Sonne, versucht, noch einmal bewundernde Blicke zu heischen. Hinter dem Haus wirft blauer Himmel Sonne in Strahlen von sich. Zwischen gewaltigem Löwenzahn, Kamillenblüten steht Gras generalsgleich ungeheuer aufrecht. Brennnesseln schmachten Schmetterlingen hinterher und irgendwo hält ein Stamm, dessen Krone längst verrottet, mehr oder minder erfolgreich Stellung. Wer hier vorbeikommt, will nicht hierher. Will nicht dem Wind lauschen, der hohl und laut um kahle Dachgerippe streicht, will nicht glitzernde Glasscherben zwischen den Resten einer Veranda sammeln, wie kostbare Muscheln. Wer hier vorbeikommt, will durch das winzige Dorf zum Gasthaus, zum Wanderhotel, zum Autobahnzubringer.

Das Haus ist eine Ruine, lachen musterhaustreue Neubauten stadtflüchtiger Familien. Das Haus ist eine Schande, schimpft die Bürgerinitiative. Das Haus muss weg, plant ein Grundstücksmakler. Das Haus wird ein Schloss, sagt Paul, sagt das zweimal hintereinander, als änderte es die Realität. Das Haus wird ein Schloss, schreibt er an Alice, auf dem Tisch mit den Wurmlöchern, Hände zittrig vor Tatendrang. Meine liebe Alice, glaub mir, es wird wunderbar. Der Garten, schreibt er an Alice, soll den ganzen Sommer der Sonne entgegenblühen. Ich wollte immer Mandelbäume im Frühjahr, direkt am Haus. Ich werde Fenster einsetzen, damit wir Stare, Amseln hören in den Bäumen, Eidechsen zwischen den Steinen der Kräuterschnecke finden. Die Bleistiftmine bricht trocken und Paul klettert über Kisten, Gerümpel, löchrige Bodendielen – Liebe Alice, ich werde einen Wandschrank bauen, einen, wie wir ihn von deinem Urgroßvater kennen, weißt du noch? – zur Küchentür. Tageslicht bricht schwimmende Bahnen in feinen Staub, der verlegen letzte Pirouetten in der Luft dreht, dann schwer zu Boden sinkt. Zerbrochenes Porzellan schläft in Schränken, deren Türen keine Scheiben mehr haben. Aus dem Schlauch über der Spüle schießt Wasser in unregelmäßigen Schüben braunkalt heraus. Paul vergisst, warum er gekommen ist, öffnet Schubladen, deren Knäufe ihm wie von selbst in die Hände gleiten, zählt dunkel angelaufene Silberlöffel, füllt schließlich Wein aus Tetra Paks in einen Campingbecher. Meine Liebe, schreibt er später an Alice mit einem neuen Bleistift, die Fenster sind angekommen, aber ich werde sie zurückschicken, weil ich das Haus weinrot streiche und dann passen blaue Fensterrahmen nicht mehr. Manchmal tropft es noch durch undichte Stellen im Dach, aber stell dir vor, wie es sein wird, wenn ich alles neu eindecke! Alice, ich habe Holz, das reicht für eine Gartenlaube, wie die, in der ich deiner Mutter versprach, sie zu heiraten. Paul schreibt an Alice, jedes Mal, wenn sie wieder versucht hat, ihn anzurufen, seinen Anrufbeantworter fragt, ob alles in Ordnung sei, und schließlich in seine Lautsprecher seufzt. Er schreibt ihr, als der Postbote ihre Karten und Briefe zwischen die Zaunlatten steckt, weil der Briefkasten dem Wachstumsdrang der Brombeeren nicht mehr gewachsen ist. Paul schreibt Alice, worüber er mit ihr nicht spricht. Darüber, wie alles werden wird, dass das Haus ein Schloss sein wird. Es kommt nicht darauf an, schreibt er, was die Leute jetzt noch sagen, es kommt darauf an, was ich jetzt schon sehe. So war es immer; wird es immer sein. Paul schreibt an Alice vom Tisch mit den Wurmlöchern aus, von der Matratze, auf der er schläft und deren Federn den ausgedünnten Stoff längst durchdrungen haben. Liebste Alice, es wird Gästezimmer geben mit großen Betten und Teppichen, wolkenweich. Meine liebe Alice, du wirst mich besuchen kommen und durch zimmerhohe Atelierfenster schauen. Ach Alice, es muss so viel getan werden, ich finde kaum Zeit, dir zu schreiben. In der Küche graben sich Bahnen in die dichte Staubdecke und markieren den Weg, den er zwischen Tür und Getränkefach täglich zurücklegt. Leere Tetra Paks hebt Paul auf – Liebe Alice, ich werde den Kamin einbauen, wir brauchen nur genug Papier zum Anzünden, du wirst es lieben – und stapelt sie deckenhoch an bröckelnden Flurwänden. Im Herbst fegt ein gewaltiger Sturm über den Hang und reißt weitere Teile der Dachverkleidung herunter, so dass der Garten ein paar Wochen lang von rotbraunem Sand wie von einer Decke eingehüllt ist. Paul schreibt an Alice. Schreibt von der Welt außerhalb des Hauses, die er nicht mehr erträgt und schon lange nicht mehr verstehen will, von den Menschen, die niemals sehen, was er sieht, von Blindheit und Gefangensein. Liebe Alice, ich habe mit achtundvierzig Jahren aufgehört, mit deiner Mutter zu reden. Sie merkte das erst gar nicht, dann begann sie zu schreien, immer nur zu schreien. Als könnte ihre Lautstärke gegen unsere Leere, ihre Präsenz gegen meine Einsamkeit anklingen. Alice, das Haus wird ein Schloss, weißt du noch? Wir werden hier feiern und Gäste haben und ich werde deine Mutter einladen, Alice, nur noch eine kleine Weile, bis alles fertig ist. Paul schreibt Briefe, deren Seiten eng und hastig beschrieben sind, mit kleinen Buchstaben, als fürchteten sie, nicht genug sagen zu können, bevor der Papiervorrat erschöpft ist. Seine Worte für Alice prägen Bilder in die Eiszapfen, die im Winter vom Stützgerüst des Deckenskelettes wie Silber funkeln. Sie schwirren, wispern, flüstern zwischen den Schneemützen der Zaunlatten, den noch verpackten Fensterrahmen und gelangweilten Fliesenbergen. Pauls Worte stapeln Tetra Paks, füllen, als das Papier ausgeht, die Ränder gelber Zeitungen, laufen über Löcher im Tisch, über den Boden, Wände hinauf und bedecken freigelegte Tragebalken. Liebe Alice, ich fühle, dass es Frühling wird. Wir werden Gardinen brauchen, aber keine aus schwerem Stoff. Ich habe angefangen, die alten Türen abzuschleifen, jetzt liegen sie trocknend überall auf dem Boden, aber mit dem Gerüst kann ich darüber steigen. Meine Liebe, der Arzt bedrängt mich. Ich habe versucht, ihm zu erklären, dass ich keine Zeit habe, dass ich ein Schloss baue, dass ich bald fertig sein werde, aber er versteht nichts. Alice, glaube mir, große Menschen in Vergangenheit und Gegenwart zeugten nicht dadurch von Größe, dass sie gegen etwas waren, sondern dadurch, dass sie etwas vertraten, für etwas waren. Liebste Alice, schreibt Paul in den Schmutz auf blinden Spiegelscheiben, wir werden uns so viel sagen müssen, wir haben so vieles voneinander nicht gewusst.

Das Haus ist eine Ruine, beschließt die Bürgerinitiative, der Makler entscheidet, das Haus befinde sich in einem für die Gemeinde unhaltbaren Zustand, aber Paul schreibt an Alice, das Haus ist ein Schloss. Zwischen den schiefen Zaunlatten ragen ungelesene Briefe wie Wegweiser hervor, Rotweinverpackungen stapeln Wolkenkratzer bis in den Hof hinaus. Im Mai fällt ein langer, ausführlicher Regen wie Seide vom Himmel und fließt in kleinen Bächen durch Brennnesselwälder und Grassümpfe. In gelben Gummistiefeln und staubbedecktem Mantel öffnet Paul die morsche Haustür. In seinem Gesicht haben Schmutz und Schweiß Furchen gegraben, Haar und Bart verwachsen miteinander – Liebste Alice, erinnerst du dich an den Anzug, den ich zu deinem Abschluss getragen habe? Ich klemmte in ihm wie ein Gefangener, sagt deine Mutter. Erinnerst du dich, wie wir ein Baumhaus gebaut haben zwischen Ästen der alten Kastanie, wie du Angst hattest, an den Himmel anzustoßen und stundenlang zwischen Blättern vom Fliegen träumtest?
Der Regen endet so gleichgültig, wie er begonnen hat und macht Platz für erste Sommertage. Paul schreibt jeden Tag an Alice, geht längst nicht mehr nach draußen.
Vogelschwärme ziehen laut, aufgeregt um das Haus, das der Hügel mit aller Macht von sich wegzudrücken scheint. Längst flüstern Ritzen und Ecken Pauls Worte –
Worte, die er für Alice schreibt.
Längst duckt sich die Zaunhecke unter dem Gewicht faulenden Papieres, längst geht der Wind zu schnell, längst wird es Abend, längst ringt die Zeit mühsam um letzte Atemzüge.
Der Tag, an dem sich alles ändert, ist ein Sonntag.
Meine liebe Alice, schreiben zittrig alte Hände in den Staub, was wir heute nicht sahen, sehen wir nie; was wir heute nicht sagten, sagen wir nie. Das Haus, an dem ich baute, wird niemals fertig werden: lass uns auf Landstraßen barfuß gehen, den Wind im Rücken, lass uns immerzu laufen, laufen, Luftschlössern entgegen.

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erstellt am 18.5.2013

Anna Siebert
Anna Siebert

Anna Siebert, geboren 1993 in Erfurt, studiert seit 2012 in Jena, Veröffentlichungen im Rahmen des Eubanus-Hessus-Preises (2011 und 2012) sowie im »hEFt für Literatur, Stadt und Alltag« (Januar 2013).