Preisträgerin 30. Junges Literaturforum Hessen-Thüringen

Ann-Kathrin Roth

Bringt mir ein Pferd und eine Kutsche, wir fahren nach Paris, wer will denn in Versailles sein, wenn an der Seine endlich Sense ist mit den Monarchen (pardon, Monsieur, ich wollte Guillotine sagen) und wenn die Bastille als Bastion der Absolution, Verzeihung, des Absolutismus , gestürmt wird, stehen wir in der ersten Reihe mit unseren Tablet PCs (ou les ordinateurs tablets, comment disent les Francaises) Marke time traveller’s treasure und wissen, es geht hier nicht um die Moral, es geht um Feuerkraft als durchschlagendes Argument, wir wissen Louis XVI. geht heute zu Hause in Versailles jagen und schießt (rien) aber in Paris wird heute viel geschossen (Monsieur, das ist eine Revolution, hätten wir keine Köpfe vorzuzeigen für unsere Freiheit, Mon Dieu, man lachte uns ja aus) und wir wissen, als die Tore sich öffnen, der Herr des Hauses ist nicht zu Haus, Monsieur le Marquis, der alte Sadist, verweilt zur Zeit in Charenton, wurde vor zwölf Tagen zwangsversetzt und hat die Revolution ganz knapp verpasst. Lass uns gehen, wir kennen die Geschichte (das Buch war zu lang, wir haben den Film gelesen) aber wir wissen Bescheid, weit ist es nicht bis zur île de la Cité und in 200 Jahren wird’s hier vor Touris nur so wimmeln, also schnell, wenn wir uns beeilen, schaffen wir heute noch den Eifelturm, cheri – wie der wird erst in hundert Jahren gebaut?

Bringt mir ein Pferd und einen Revolver, wir reiten in den Wilden Westen (sind wir nicht alle ein bisschen antebellum?), mein Pferd heißt Firefox, deins DSL (digital subscriber line, wir nennen es Linny) und mit 5,4 Megabyte pro Sekunde kommt man schneller durch die Prärie als jede Postkutsche. Hey Cowboy, ich suche einen Mann, sein Name ist Luke, Lucky Luke, der lonesome rider, der einzige Mann im Wilden Westen, der seinem Pferd das Sprechen beigebracht hat. Hey Cowboy, sag dem Mann ich treffe ihn at High Noon in dem Saloon, in dem der Wirt den Whiskey nicht mit Terpentin verwässert, sag ihm, ich lerne dort den Cancan, ein Mädchen muss wissen, wie sie über die Runden kommt, wenn der Hot Spot spinnt und die Spinnen dem Spiel spotten und das Netz kappen, mit letzter Kraft. Hey Cowboy, kannst du mir aus den Stiefeln helfen und in den Pettycoat? Ich wollte ja Postkutschen räubern, aber das Briefgeheimnis, du verstehst, ich verstehe auch gar nicht, wohin ich mit den ganzen Briefen soll, ich schreibe nur Mails, die sind wiederverwendbar. Hey Cowboy, sag dem Sheriff er muss sich keine Sorgen machen um seine Liebesbriefe, Wonderland Vagabond wird jetzt ein Barmädchen, den Pettycoat kriegt sie nie wieder von den Hüften, hey Cowboy, danke, und Cowboy, sag Luke, er soll mich treffen, sobald er die Daltons sicher verpackt hat, denn ich habe bei Ebay einen Hamster gekauft, und ich will, dass das Balg spricht.

Bringt mir ein Pferd und ein Banner, wir ziehen in den Krieg. Wir schreiben „Keine Gewalt“ auf unsere Flagge und hoffen, dass man uns trotzdem mitspielen lässt. Weißt du, woran man die Deutschen erkennt? Sie wählen ihre Bücher nach der Jahreszahl und zögern bei den 1940ern. Zu viele Ziele und zu wenig Zeit und zu viele Systeme auf zu durstigem Boden, my grandpa was a nazi and my daddy into stasi – me, I’m mostly digital, less of a risk to be judged for the bloodshed in your blood, aber hey, digital girl, es gibt eine Welt außerhalb der Glasfaser, nicht alle Kapitel sind dunkel und Haut auf Haut ist auch elektrisch, hast du das gewusst? Zumindest als Urlaubsort taugt die Realität von Zeit zu Zeit zu zweit oder mehr, und wenn ich eine Frage frei hätte, egal, an wen, dann würde ich den Roadrunner fragen, wie er die Schwerkraft entkräftet und ich würde mein Pferd gegen ein Spaceshuttle eintauschen und Kopfgeldjäger sein, in zero gravity, ohne Schwerkraft keine Schwere ohne Schwere kein Fall, ich und mein sprechender Hamster und mein time travellers treasure für immer im All, aber bis dahin muss die Fantasie reichen.
See you later, Space Cowboy

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erstellt am 18.5.2013

Ann-Kathrin Roth, geboren 1989 in Lauterbach, studiert seit 2009 Rechtswissenschaften in Jena. Veröffentlichungen unter anderem im Rahmen des OVAG-Jugendliteraturpreises.