Preisträgerin 30. Junges Literaturforum Hessen-Thüringen

Nora Heiland

Ein Leben oder die Welt

Wir standen unter der alten Eisenbahnbrücke, Rudi, Wodka, Ella und ich.
Ella hatte das Paket in der Hand, sie hatte es in Weihnachtsgeschenkpapier eingewickelt, rot natürlich, mit grünen Tannenbäumen darauf, und sie hielt es auch so. Wie ein Geschenk. Ich glaube, wir dachten alle so, und wenn ich recht darüber nachdenke, lag überhaupt so eine ganz und gar weihnachtliche Stimmung in der Luft. Andächtig, irgendwie.
Ich glaube, Rudi sagte sogar so was wie „Fehlen nur noch die Glocken“, vielleicht war es auch Wodka, der das sagte, so genau hat man das da schon nicht mehr auseinanderhalten können.
„Wie spät ist es?“, fragte Ella, und ich sah Rudi an, und der zuckte die Schultern, und da wurde uns klar, dass keiner von uns eine Uhr dabei hatte.
„Scheiße“, sagte Ella. Sie sagte ständig scheiße, obwohl sie aussah wie ein Engel mit schwarzen Haaren.
„Was machen wir jetzt?“, fragte ich, und Rudi zuckte die Schultern und meinte, auf die Minute käme es jetzt auch nicht an, es führe ja nur der eine Zug noch heute Abend.
„Festkleben und rennen“, das waren seine Worte.
Also holte Ella das schwarze Panzertape aus ihrer Tasche. Und hielt es mir hin.
Ich starrte und schwieg. Wir hatten davor nie darüber geredet, wer es machen sollte, es war ja geradezu selbstverständlich, dass Ella es tat, Ella, die sich die ganze Sache überhaupt ausgedacht hatte. Aber da stand sie im Schatten der Brücke und sah mich an mit ihren Augen aus Eis, und ich sah zu Rudi, der seine Füße beobachtete, und zu Wodka, der beide Daumen hochhielt und mir zuzwinkerte. Ich nahm das Klebeband, und es war da, als mir auffiel, dass es doch ziemlich kalt war für Oktober.
„Da“, sagte Ella und zeigte nach oben, „siehst du die Stange?“
Ich sah die Stange, fünf Meter über meinem Kopf, und so sehe ich sie heute noch. Verdammt weit oben.
Aber ich nickte nur, und dann streckte ich die Hand aus nach dem Paket und kletterte, ohne zu stocken, Ellas Blick in meinem Rücken.
Oben klemmte ich den Arm zwischen zwei Metallstangen und fischte das Klebeband aus der Tasche, riss mit dem Mund einen Streifen ab und band das Paket fest. Fest, fest. Dann erst sah ich hinunter.
Sie starrten zu mir hoch, alle drei, auch Wodka, der unten geblieben war, obwohl ich damit gerechnet hatte, er würde mich begleiten.
Ich sah sie der Reihe nach an. Ella nickte langsam. Und dann zog ich an der Schnur.
Rudi hatte uns erklärt, dass es etwa zehn Minuten dauern würde, bis sie hochging. Zehn Minuten, um vom Pfeiler zu klettern und abzuhauen, zehn Minuten, in denen nichts mehr ungeschehen gemacht werden konnte.
Ich riss meinen Arm zwischen den Metallstangen hervor und stopfte das Klebeband in die Tasche zurück. Und als ich den Fuß auf die nächsttiefere Verstrebung stellte, sagte Ella: „Scheiße“
Ich glaube, an diesem Zeitpunkt ist Wodka abgehauen, jedenfalls habe ich ihn nicht mehr gesehen, als ich die Augen wieder öffnete.
„Was?“, fragte Rudi, „was, Ella?“ Und sie hob den Arm und deutete nach oben, auf die Brücke, wo eine einzelne Laterne leuchtete. Und in ihrem Schein, mit reflektierenden grünen Augen…
„Da sitzt eine Katze“, sagte Ella.
Und da saß eine Katze.

„Mach sie aus“, sagte Ella ruhig, „mach das Scheißding wieder aus.“
Und Rudi lachte unsicher und sagte, dass das nicht möglich sei erstens und zweitens warum bitte?
„Da sitzt eine Katze“, sagte Ella noch einmal, und es schien ihre Antwort zu sein auf alles.
„Ella“, sagte Rudi.
Aber Ella sah hoch zu mir und schüttelte den Kopf, und plötzlich sah ich, dass sie zitterte, am ganzen Leib zitterte.
„Mach sie aus, Bo, bitte mach sie aus.“
„Ella, das ist doch jetzt Schwachsinn, komm, sie geht nicht mehr aus, hörst du? Mein Gott, wie stellst du dir das vor?“ Rudis Stimme war laut, viel zu laut für das, was wir taten.
„Wir werfen sie weg“, sagte Ella leise und Rudi sagte nein, und Ella sagte, doch, Bo, wirf sie weg.
Und da wurde Rudi böse, und seine Stimme wurde ganz ruhig, und dann sagte er so viel auf einmal, wie ich Rudi noch nie am Stück habe reden hören.
„Weißt du, wie lange ich an dieser beschissenen Bombe gearbeitet habe? Weißt du das, Ella? Weißt du, wie viele Nächte? Wir wussten, dass das kein Spiel ist. Verdammt noch mal, wir wollten, dass das kein Spiel ist. Ich habe diese Bombe gebaut, weil ich daran glaube, was wir machen, und keiner wirft hier irgendwas weg, nur weil du im letzten Moment Schiss bekommst. Dieses Paket bleibt da, wo es ist, und wir verschwinden jetzt. Komm.“
Aber Ella kam nicht. „Es geht hier nicht um uns“, sagte sie oder vielleicht, vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet.
„Komm, Ella. Und du, kletter da runter, Bo, hör nicht auf sie. Das ist eine Katze, ok? Eine ganz normale Katze.“
Und er ging ein paar Schritte rückwärts. Aber Ella kam nicht, und ich kletterte nicht hinunter. Weil ich wusste, was sie dachte. Weil ich es in ihren Augen sah.
Es ging nicht um uns und es ging nicht um Angst. Es ging nicht um die Sache. In diesem Moment, in dieser Entscheidung ging es einzig und allein um das Leben einer Katze, einer unbekannten Katze mit grünen Augen.
Ich habe das Paket abgerissen, und ich habe es in den Fluss geworfen. Vielleicht hat das Wasser sie zerstört. Oder vielleicht hat sie auch nie richtig funktioniert. Wir haben es jedenfalls nicht mehr knallen gehört.

Danach sind wir nach Hause gegangen. Rudi hat den ganzen Weg kein Wort gesagt. Ella auch nicht. Am Ende der Straße habe ich mich noch einmal umgedreht, und es war dieser Moment, in dem der Zug über die Brücke ratterte.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 18.5.2013

Nora Heiland, 1992 in Ziegenhain geboren, absolvierte 2011 eine Ausbildung zur Rettungssanitäterin. Seit 2012 studiert sie Medizin in Jena