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Buchkritik

Jonas Lüscher: Frühling der Barbaren

Von Malte Kleinjung

Sage mir, wen du für einen Barbaren hältst, und ich sage dir, wer du bist.
(Arno Borst)

Wäre Frühling der Barbaren keine Novelle, sondern eine Person, müsste man sie in eine psychiatrische Klinik einweisen – sofern es nach den Maßstäben ginge, die das Debüt des Schweizers Jonas Lüscher in seiner erzählten Welt selbst setzt. Denn der Text weist ein ähnliches Symptom auf wie seine Hauptfigur, der Schweizer Familienunternehmer Preising, der deswegen eingeliefert wird. Beide haben ein Problem mit Entscheidungen. Allerdings unterscheiden sie sich dabei in einem Punkt: Während es bei der Figur an Unfähigkeit liegt, macht der Text es aus Kalkül.

Preising, der täglich durch den Park der Psychiatrie spaziert und einem Leidensgenossen Geschichten erzählt, fühlt sich schon von geringsten Entscheidungen überfordert: „Dann stellte er sich vor den Spiegel mit dem orientalischen Rahmen, öffnete und schloss fünfmal den zweitobersten Hemdknopf, wobei er sich immer wieder prüfend betrachtete, bis er sich mit geschlossenen Augen zu einer komplizierten Bewegung der linken Hand durchrang, bei der es gänzlich dem Zufall überlassen war, ob der Knopf am Ende offen oder geschlossen blieb“. Diese Szene spielt sich auf einer Geschäftsreise nach Tunesien ab, von der Preising seinem Begleiter berichtet. Sie führt ihn in die luxuriöse Ferienanlage eines Geschäftsfreundes: das „Thousand and One Night Resort“. Dass ein Klassiker der Weltliteratur als Namensgeber dient, ist kein Zufall. Dieser Text bildet, so könnte man sagen, die Basis von Lüschers Novelle. Er bezeichnet nicht nur den Hauptschauplatz der Handlung, sondern erweist sich auch als ein zentraler formaler Bezugspunkt.

Das betrifft erstens das Arrangement der Ausgangssituation. Im Zusammenspiel mit Tausendundeiner Nacht würde Frühling der Barbaren für ein Erzählen rund um die Uhr sorgen: Scheherazade trägt ihrem Ehemann, dem Sultan, jede Nacht, Preising seinem Begleiter jeden Tag beim Spazieren Geschichten vor. Inspiriert von der arabischen Vorlage erscheint zweitens die Konstruktion aus einem Rahmen (dem Spaziergang), der eine Binnenerzählung (die Geschäftsreise) umschließt. Was die Charakterisierung dieser Reise anbelangt, wird Preisings Namen zum Programm. Er preist sie als eine „Geschichte voller unglaublicher Wendungen, abenteuerlicher Gefahren und exotischer Versuchungen“ an – als ob er sie für eine Aufnahme in Tausendundeine Nacht qualifizieren wollte. Drittens avanciert schließlich ein Spannungsmoment, das Scheherazades Erzählreigen auszeichnet, bei Lüscher zum ästhetischen Verfahren. Dieses Spannungsmoment hat in der Figur des Sultans seinen Angelpunkt. Die ihm durchs Erzählen bereitete Lust droht jederzeit in tödliche Gewalt, die er seinen Ehefrauen gewöhnlich antut, umzuschlagen. Deshalb muss Scheherazade um ihr Leben erzählen. Während Tausendundeine Nacht aus dieser möglichen, aber nicht realisierten Kippfigur sein Movens zieht, spielt Frühling der Barbaren das Potential des Umschlagens konsequent aus, ohne dabei aus dem Erzählrhythmus zu geraten.

Nur auf den ersten Blick scheinen die Verhältnisse klar zu sein. In dem tunesischen Luxusresort trifft Preising auf ein englisches Brautpaar mit seiner Verwandtschaft und seinem Freundeskreis, der ein üppiges Auskommen im Londoner Finanzsektor gefunden hat: „Junge Leute in ihren späten Zwanzigern und frühen Dreißigern. Laut und selbstsicher. Schlank und durchtrainiert“. Sympathieträger sehen anders aus. Sie wissen aber zu feiern und zu genießen. Die Party in der Hochzeitsnacht ist dekadent und exzessiv. Doch am nächsten Morgen kippt die Stimmung. Was sich zuvor schon angekündigt hat, tritt über Nacht ein: England erlebt eine schwere Finanzkrise und erklärt den Staatsbankrott, das Vermögen der Yuppies löst sich in Nichts auf. Man ist versucht, die Familien von Braut und Bräutigam zum Gegenentwurf zu stempeln. Aber auch von dieser Gruppe – gebildet und kultiviert die einen, bodenständig und mit „von der tunesischen Sonne geröteten Brust“ die anderen – sollte man kein Identifikationsangebot annehmen. Der Text ergreift für niemanden Partei, keine der Figuren kommt ungeschoren davon. Die Gegensätze, die diesem Tableau sozialer Schichten seine Konturen verleihen, werden nur ins Spiel gebracht, um sie zu relativieren und zu karikieren.

Dabei macht er selbst vor seiner Hauptfigur Preising nicht Halt: „Ob Preisings Geschichten wahr waren oder nicht, wusste man nie so genau“. Dieses Urteil fällt Preisings Begleiter, der in Gedanken gerne dessen Erzählung bissig kommentiert. Hinzu kommt jedoch noch eine weitere Stimme. Sie ist an keine Figur gebunden und verfügt über fast unbegrenzte Ein- und Überblicke. Auf diese Weise ergibt sich ein mehrstimmiges Ensemble, das die von Preising beschriebenen Vorgänge immer wieder in ein neues Licht rückt und sich über seine Auffassungsgabe lustig macht. Nicht nur aus diesem kunstvollen Wechselspiel entsteht Komik, sondern auch durch eine stellenweise sehr feinsinnige Sprache: Die Mutter des Bräutigams „stellte mich den Ibbotsons vor, ein reizendes Ehepaar, mit denen ich mich […] aufs Lebhafteste über Liverpool unterhielt, während Mary Ibbotson viel Perrier trank und wenig sagte und ihr Mann, ein recht schweigsamer Gewerkschafter alter Schule, […] zögerlich am Rosé-Champagner nippte“. Dieser ironische Humor deutet bei allem Feinsinn schon eine gewisse Gemeinheit an. Ins Böse getrieben wird er, wenn der Bademeister, der in einem ausufernden biographischen Exkurs als Schwimmweltmeister vorgestellt wird, am Ende sang- und klanglos im Pool ersäuft. Vollends brutal fällt schließlich das Ende aus: „und mit scharfem Hieb den Leib aufgeschnitten, sodass die Gedärme auf die glasierten Fliesen quollen. Eine magere Brünette in knappen Shorts und Bikini wühlte bis zu den Ellbogen versunken in dem Tier“.

Da sind die Auswirkungen der Finanzkrise, die zuvor gewissermaßen nur als Hintergrundrauschen zu bemerken war, bereits auf die Hochzeitsgesellschaft durchgeschlagen. „Der Mensch wird“, wie Preising schon zu Beginn prophezeit, „zum Tier, wenn es an sein Erspartes geht“. Aus den psychologischen Faktoren, die dazu führen, macht der Text kein Geheimnis. Er lässt die Krisenmechanik mehr oder weniger routiniert ablaufen – und streut doch Sand in das Getriebe jedes vorschnellen Begreifens. Denn dass dabei ein Automatismus am Werke sei, stellen „zwei ebenso zufällige wie läppische Ereignisse“ in Frage. Ob nun die Krise oder der Zufall zum Frühling der Barbaren führen, bleibt offen. Das ist aber auch nicht entscheidend. Nicht nur ein Gespür für Ambivalenzen und die Komplexität sozialer Phänomene wecken, sondern auch noch unterhalten – mehr kann man von einem gerade mal 125 Seiten umfassenden Text nicht erwarten.

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erstellt am 18.5.2013

Jonas Lüscher: Frühling der Barbaren

Jonas Lüscher
Frühling der Barbaren
Novelle
125 Seiten, Gebunden
ISBN 978-3-406-64694-2
C.H. BECK, München, 2013

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