30 Jahre Junges Literaturforum Hessen-Thüringen

Ein Zusammenschnitt der Preisverleihung des 30. Wettbewerbs des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen 2013 in der Wartburg des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden
© phenomfilm, Faust-Kultur

Der Literaturwissenschaftler Martin Lüdke, bekannt von Universität, Fernsehen und seit vielen Jahren Jurymitglied des Schreibwettbewerbs »Junges Literaturforum Hessen-Thüringen«, schreibt in seinen Bemerkungen zur Preisverleihung vom Raum für Poesie, von Räumen, die die Poesie öffnet, und vom Platz für unsere Fantasie.

Dreißig Jahre Junges Literaturforum

Die Bäume wachsen natürlich in den Himmel

Einige zögerliche Bemerkungen zur 30. Preisverleihung des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen von Martin Lüdke

Die Lage, das wollte unser unvergessener Altkanzler Adenauer, immer wieder gern bestätigen, die Lage sei ernst. Aber auch hoffnungslos? Wenn man dem Pechvogel glauben darf, der vom Dach eines Wolkenkratzers in Milwaukee fiel, nicht unbedingt. Als er am zweiten Stockwerk vorbeiflog, die längste Strecke hatte er da längst hinter sich, glaubte er, noch hoffnungsvoll – und solche Optimisten braucht das Land – bis jetzt ist ja alles gutgegangen. Mit dieser Einstellung sollten wir uns unserer Sache nähern. Also:

Poesie öffnet Räume. Punkt.
Oder, von der anderen Seite her betrachtet: Poesie verschließt sich! Ausrufezeichen.
Das könnten wir, zumindest vorläufig, so stehen lassen. Und weiter sehen.

Als ich, das ist ein paar Tage her, in einem Alter war, das mich selbst noch zur Teilnahme an dem Wettbewerb des Jungen Literaturforum berechtigt hätte, wähnte sich, auf gute altdeutsche Art, ein ehemaliger Seemann namens Freddy Quinn „Unter fremden Sternen“, und das Kingston-Trio beklagte, weltweit erfolgreich, das Schicksal des armen Hundes „Tom Dooley“, der am nächsten Morgen, nur weil er eine Frau mit dem Messer erstochen hatte, am Ast eines Baumes gehängt werden sollte, weit, weit weg von hier und überall, im fernen Tennessee.
So etwas hörte ich, damals. Die Welt, die erlas ich mir, damals. Diese unendlichen Räume der Poesie. Ich begeisterte mich maßlos an den Partyleichen von T. S. Eliot: „Frauen kommen und gehen und schwätzen so / daher von Michelangelo“. Da konnte ich eine Versprechung herauslesen. Poesie und Zorn vertragen sich durchaus.

Angefangen hat das Ganze aber mit Mark Twain, für mich die Prairie am Wasser. Filme darüber gab es noch nicht. Aber die Gestalten waren sichtbar, Tom Sawyer, Huck Finn, der Indianer Joe, Tante Polly. Alles spielte sich in dem kleinen Kaff Hannibal, Missouri, direkt am Mississippi ab, und war für mich eine ganze Welt.
Andere Zeiten, gewiss doch.
Als ich, mehr als ein paar Tage später, mit meinem eigenen Sohn, damals auch um die sechzehn, sehr weit südlicher, in der Nähe von New Orleans am Ufer des Mississippi stand, meinte er völlig ungerührt, na breiter als der Main ist der auch nicht. Mein Sohn hatte Recht. Nur konnte der arme Junge den mythischen „Ol‘Man River“ gar nicht mehr sehen. Auch, natürlich, weil er bis dahin, und zwar problemlos, ohne eine „Wünschelrute“ durch sein junges Leben gegangen war, schon gar nicht mit einer Eichendorff’schen.

Schläft ein Lied in allen Dingen,
die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort.

Wozu ein Zauberwort, wenn es doch jederzeit Flugreisen zu Spottpreisen gibt. Die Welt hatte sich geöffnet. Wozu noch Poesie?
Wozu? Natürlich: um Räume zu öffnen. Aber eben auch, um solche geöffneten Räume wieder vor anderen zu verschließen:
Möglicherweise tue ich unserem Preisträger Juan S. Guse, dem ich diese Absichten unterstellen will, Unrecht. Dass muss Guse aber akzeptieren. Denn er will sich in drei, ja, wie soll ich sagen: Gedichten – nein!, Prosastücken – auch nicht!, also, kleinster gemeinsamer Nenner: in drei ‚Texten‘ vermeintlich über „die aufhebung der impetustheorie“ auslassen.

das geschichtete kantholz / von der mühle ein pflock / auf
einem strunk erzählt vom ackerbau zum zahnrad von hin-
terwäldlern / archviert der segen der erde als konzept ei-
nes löschteiches / die entfluteten felder der ruhr / trocknen (…)

Hermetisch nennt man diese Attitüde der Abgrenzung. Fragen nach dem Sinn, oder nach der Bedeutung eines solchen Textes, prallen an solchen Texten ab wie der mental malade Psychiatrie-Patient an den Wänden seiner Gummizelle. Das macht gar nichts. Denn für schlichte Gemüter mit handfesten Erwartungen sind solche Texte nicht geschrieben. Lesen kann, zur Not, auch anstrengen. Deshalb bedarf Guses Versuch keiner Rechtfertigung. Ganz abgesehen davon, wie Juan S. Guse sich in die neueren Strömungen gegenwärtiger Lyrik einschreibt. Allein solche Versuche rechtfertigen im Gegenteil allererst den ganzen Wettbewerb!

Man sollte es hier also mit dem guten, alten Gottfried Benn halten, der ganz nüchtern proklamierte: „Entweder es giebt die Kunst, dann ist sie autonom, oder es giebt sie nicht, dann wollen wir nach Hausegehen.“

Autonom – das heißt natürlich nicht, dass auch jeder Mist Kunst ist. Im Gegenteil.
Von den insgesamt 655 eingesandten Beiträgen segelt tatsächlich ein großer Teil unter der ästhetisch markierten Wahrnehmungsgrenze problemlos hindurch und zeigt auf diese Weise wie weit sich Ausdrucksbedürfnisse und Ausdrucksfähigkeiten voneinander entfernen können. Diese Differenz hat sich in den letzten Jahren keineswegs verringert. Trotzdem bleiben, Jahr für Jahr wieder, einige Texte durch eine, ich möchte sagen, besondere Duftmarke, wie bei dem „Scheißerchen“ von Anne Völker, in Erinnerung.
In den ersten Jahren dieses Wettbewerbs, anfangs nur für das Land Hessen ausgeschrieben, aber auch noch in den ersten Jahren nach der Wende, als Thüringen hinzugekommen war, ließen sich die Beiträge in ihrer Gesamtheit stets als eine Art Bewusstseinsspiegel einer ganzen Generation betrachten. Was in den Köpfen der sechzehn bis fünfundzwanzigjährigen Beiträger drin war, das kam in ihren Beiträgen raus. Alles das, was diese Generation beschäftigte, von den persönlichen, oft auch nur pubertären Problemen bis hin zu sozialen, politischen Fragen, die steigende Arbeitslosigkeit und ihre Folgen, das Schicksal von abgewickelten und damit ausgegrenzten Menschen, die gesellschaftliche Stimmungslage und die entsprechenden Erwartungen, positiven meist weniger als negativen, all das artikulierte sich in den Beiträgen des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen. Und es fand, oft genug, auch noch eine – ästhetische – Form. Allerdings von Jahr zu Jahr weniger. In der Zwischenzeit läppert sich vieles einfach nur so dahin, vieles in einer sprachlichen Verfassung, die sich nicht allein auf die unzweifelhaft verheerenden Folgen der großen Rechtschreibereform zurückführen lässt. Die unorthodoxe Sprachbehandlung in vielen, vielen Beiträgen geht eben leider nicht mehr auf einen Originalitätsanspruch zurück, orientiert zum Beispiel noch an Uwe Johnson oder Ernst Jandl, sondern auf Unvermögen, Unkenntnis und einer generellen Unlust.

Hier wird nun, damit kein Missverständnis aufkommt, nicht der große kulturkritische Klagegesang angestimmt, nach dem Motto: Früher war alles besser. Das ist nämlich Quatsch. Denn früher war Vieles eher schlimmer. Solche Klagen sind also witzlos. Und uralt. Schon der gute alte Plinius (allerdings der Jüngere, ein alter Römer aus dem 1. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung), hatte darüber gezetert, dass der Wunsch, die Anerkennung der Nachwelt zu erringen, zurückgegangen sei und sich stattdessen das Motiv durchgesetzt habe, Gewinn statt Kultur, statt durch Kultur zu erzielen. Die Zeiten haben sich halt verändert. Das kann man zwar beklagen, aber nicht ändern. Hinzu kommt, auch die tatsächliche Bedeutung von Kunst und Literatur ist in den letzten drei Jahrzehnten nachweisbar zurückgegangen. Der Distinktionsgewinn, den der französische Soziologe Bourdieu dem Erwerb kulturellen Kapitals damals noch zuschrieb, geht immer weiter zurück. Wer liest, gilt eher als Sonderling, denn als Junggenie. Das ist den Beiträgen des Literaturforums natürlich auch abzulesen.
Nur: wie steht es mit denen, die schreiben? Es gibt ja nach wie vor einzelne Beiträge, in denen öffentliche Belange bzw. allgemein wichtige Fragen aufgegriffen werden, deutsche Soldaten in Afghanistan etwa. Oft sogar in einer Form, die der Sache angemessen ist. Oder es wird gespielt, sinn- und zwecklos, aber sprachlich überzeugend.

Nur, bitte, glauben Sie nicht, dass wir die Jury, also Matthias Biskupek, Daniela Danz, Martina Dreisbach, Antonia Günther, Christoph Schröder, Martin Straub, Renate Wiggershaus und ich, in solchen Fällen immer einig wären. Das Gegenteil ist der Fall. Wir streiten oft und manchmal ziemlich laut und lange, allerdings meist mit Argumenten. Am Ende entscheidet dann zur Not die Mehrheit. Auch das ist in Ordnung Denn ein Moment der Subjektivität fließt ja in jedes ästhetisches Urteil ein.
Die Poesie ist der genuine Ausdruck von Subjektivität. Deshalb ist der Raum weit, den sie eröffnet. Und die Grenzen sind durchlässig. Wie hier, bei Silva Bieler, zum Beispiel:

Mühsam ohne Wind
_Jetzt geht es darum _
Wer als erster alle
Blätter verspielt hat
Denn Nacktheit ist Trumpf
Im Dezember

Mühsam ohne Wind. Von dieser Silva Bieler werden wir wohl noch hören. Obwohl das Literaturforum nicht als Vorschule für angehende Schriftsteller missverstanden werden sollte. Klar, es sind einige unterdessen renommierte Autoren daraus hervorgegangen. Ich nenne, für die Träumer unter den diesjährigen Preisträgern, in alphabetischer Folge nur Daniela Danz, Nadja Einzmann, Thomas Hettche, Ricarda Junge, Leif Rand, Annika Scheffel, Anke Velmeke, Maike Wetzel. Aber ich warne davor, die Schriftstellerei als möglichen Beruf zu betrachten. Der Preis ist sehr hoch. Wer fähig ist, an der bloßen Freude satt zu werden, die ihm eine gelungene Formulierung einbringt. Bitte. Aber sonst?
Das Junge Literaturforum betreibt keine Nachwuchsförderung. Sondern? Wichtig scheint mir vor allem, dass tatsächlich ein Raum für Poesie erschlossen wird. Wie bei Marie-Luise Gürtler: „Ein Mondvogel noch singt vom Tag nachts / und eine Geige aus den Feldern streicht gen Gott.“ Das heißt, ich sagte es eingangs, die Poesie öffnet Räume. In solchen, oft fragilen, manchmal etwas wackeligen Gebilden findet unsere Phantasie den Platz, sich auszubreiten. Ann-Christin Helmkes „Pinselstriche“ sind, wie auch der „Plastikstuhl“ auf einem Balkon von Philipp Kampa, dafür weitere und gute Beispiele.

In solchen Gebilden öffnet sich tatsächlich ein Raum – für die Phantasie, der Platz genug bietet, um die zarten Gestalten unserer Hoffnungen, Sehnsüchte und Wünsche unterzubringen, unsere Vorstellungen von der Welt, in der wir leben möchten. Platz genug auch, um gegen die realen und die möglichen Widerstände anzukämpfen. Also Platz für Utopien und Platz für Kritik.

Jede heranwachsende Generation beansprucht die Welt, die ohnehin die ihre werden wird, für sich. Und das zu recht. Die Investmentbanker versuchen, phantasielos aber erfolgreich, auf Kosten anderer sich durchzusetzen. Die Politiker versuchen es mit – meist hilflosem – Aktionismus. So ist in dem großen Central Park von Manhattan mittlerweile das Rauchen verboten und im Städtischen Schwimmband von Dieburg soll, entsprechend einer Brüsseler EU-Verfügung, das Springen vom 10-Meter-Turm verboten werden, weil, laut Brüssel, der Turm in die, laut Brüssel, falsche Himmelsrichtung zeigt, allerdings seit fünfzig Jahren schon. Ohnmächtig und unfähig, die großen Probleme anzugehen, versucht die Politik immer stärker den Alltag zu regulieren.
Was uns Peter Stuyvesant mit dem Duft der großen weiten Welt einmal versprechen konnte, das Marlboro-Gefühl, das ist heute in die Kataloge von Neckermann und TUI verpackt, als Pauschalreise. Eroberer, Abenteurer, Entdecker, die Helden der vergangenen Zeiten, gibt es nicht mehr. „Die Vermessung der Welt“, wie Daniel Kehlmann diesen Prozeß nannte, ist abgeschlossen. Deshalb könnte es umso wichtiger werden, uns schreibend, zum Beispiel, neue Räume zu erschließen. Und sei es auch nur in der Lebensphase, die zur Teilnahme an diesem Wettbewerb berechtigt.

Denn:
„Jetzt geht es darum
wer als erster alle
Blätter verspielt hat.“

Richtig. Weil das so ist, kann uns nichts und niemand ausreden, dass die Bäume natürlich in den Himmel wachsen.

Dreißig Jahre Junges Literaturforum. Was bedeutet das? Ich sehe es an der „Nagelprobe“, die jetzt bereits ein kleines Regal füllt. Ich sehe es aber besser noch an unserer Pappel, die längst, am Fenster meines Arbeitszimmers vorbei und auch schon über das Dach des Hauses hinaus tatsächlich weiter und weiter in den Himmel wächst.

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erstellt am 16.5.2013

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Marie-Luise Gürtler

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