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Preisträger 30. Junges Literaturforum Hessen-Thüringen

Christian Wolf

Eine Freundschaft

Ich hätte es wissen müssen! Die ganze Zeit schon hätte ich wissen müssen, dass es soweit kommt wie jetzt, ich vor ihm stehe und ihn anschreie. Wie leichtgläubig ich doch war! Ich schrie ihn an, was ihm einfalle, so mit meinen Sachen umzugehen. Aber nichts, er verzog keine Miene.
Dabei hatte alles so harmonisch begonnen.

Ich erinnere mich noch ganz genau: Das erste Mal sah ich ihn im Supermarkt. Und wäre nicht die alte Frau Zuse da gewesen – alles wäre ganz anders gelaufen. In meinem Einkaufswagen befanden sich nur ein paar Einkäufe für den Abend, eine Tiefkühlpizza und ein paar Bier. Trotzdem musste ich warten. Die Schlange reichte weit in den Laden hinein, bis dorthin, wo die Wochenangebote liegen. Viel zu spät erst bemerkte ich, dass die alte Zuse vor mir stand – meine Nachbarin. Ihr zu begegnen ist mir stets unangenehm und ich versuche, den größtmöglichen Bogen um sie zu machen. Vor allem seit der Hausflurgeschichte. Damals kam ich spät aus dem Büro als sie plötzlich im Hausflur vor mir stand. Sie machte einen aufgelösten Eindruck.

„Junger Mann!“, rief sie wild. „Junger Mann!“

Auf ihren Rollator gestützt, kam sie ruckartig auf mich zu. Ihr samtgrünes Nachthemd streckte sich halb lang über die Knie, an ihren Armen hing die blasse Haut vom Knochen herunter. Und sie stank. Sie stank nach zu oft getragener Kleidung, nach ungelüfteter Wohnung und nach Medikamenten:
Sie stank diesen unverwechselbaren Geruch alter Leute.

„Junger Mann!“.

Es musste etwas passiert sein, dachte ich. Auf einmal sah sie mich erwartungsvoll an und ihre Hand berührte meinen Arm. „Wissen Sie, wie man auf Gleis 2 gelangt? Ich kenne mich hier auf dem Bahnhof so
schlecht aus.“

Diese Frau war nicht nur wirr, sie hatte ihre weißlederne Haut an meinen Arm gerieben. Fäulnis stieg mir in die Nase. Mein Mund war nicht dazu gekommen, eine Antwort zu formen, da er kämpfte, das für sich zu behalten, was mein Magen soeben auf Reisen geschickt hatte. Ich erbrach kurz vor meiner Haustür. Dass sie sich bei ihrem geistigen Zustand an unsere Hausflurgeschichte erinnert, wäre verwunderlich.

Aber jetzt stand sie vor mir und ich wollte nicht auch noch eine Supermarktgeschichte. Sie lehnte wieder auf ihrem Rollator und ich kam nicht umhin, mir vorzustellen, wie unter ihrer Jacke der Muff als unsichtbarer Schleier hervorquoll. Ich musste verhindern, dass sie mich sah. Also tat ich das einzig mir noch Mögliche: Ich drehte mich um. Und das war der erste Moment, in dem ich ihn sah.

Sein Äußeres machte einen gepflegten Eindruck. Sehr modisch, ein
silbergrauer Zweiteiler, darunter weiß. Stilvoll. Fast schon so, als passe er gar nicht hier her. Auch hab ich ihn hier noch nie gesehen. Er war wohl nicht so oft in Supermärkten – oder zumindest nicht in diesem. Hinter meinem Rücken fing die alte Zuse an loszubrabbeln. Also ging ich auf ihn zu.

So kamen wir zum ersten Mal ins Gespräch. Ich hatte recht: Er war neu hier. Wir hatten nur ein paar allgemeine Dinge ausgetauscht, nichts Persönliches. Was die meisten Themen anging, war er auf dem neuesten Stand und konnte bei allem mitreden. Aber was mich am meisten beeindruckte, waren seine schier unendlichen Kontakte. Er schien gut vernetzt und es war für ihn wohl ein Leichtes, Anschluss zu finden. Das war letzten Endes für mich der Grund, warum ich ihm dieses Angebot überhaupt machte. Er hatte es eigentlich nur beiläufig erwähnt, wie im Nebensatz. Dass seine jetzige Bleibe nur vorübergehend angedacht war. Im gleichen Moment hallten die Worte meiner Exfreundin in meinem Kopf nach, als sie auszog:

„Versuch mal mit jemandem in Kontakt zu kommen. Und sozial kompatibel zu werden.“

Da stand er also, die Antwort auf die Schlussworte meiner Freundin – die verkörperte Sozialkompatibilität. Nur deshalb sagte ich ihm, dass ich ein Zimmer frei hätte. Im selben Atemzug merkte ich noch, wie überfallartig das doch klang, und fügte hinzu, wir könnten es uns ja beide noch mal überlegen.

Aber es blieb dabei: Ende der Woche zog er bei mir ein. Er zog in das kleine Zimmer mit Blick zum Hinterhof. Viel hatte er nicht mitgebracht. Mir war immer noch unwohl dabei, dass jetzt alles doch so schnell ging. Also hatte ich mir ein paar Tage frei genommen, damit wir wenigstens gemächlich in unsere neue Wohngemeinschaft starten konnten. Die ersten Abende gesellte ich mich häufiger mit einem kühlen Bier zu ihm und aus abwegigen Themen ergaben sich interessante Gespräche. Sein Wissen schien unendlich, ebenso wie seine Fähigkeit, mich zu unterhalten. Er war eben ein wahrer Entertainer. Ich glaubte, viel von dieser Freundschaft erwarten zu können.

Insbesondere nachdem er versprach, mir bei meiner ersten wirklich
wichtigen Präsentation zu helfen: dem Vorstand Wachstumszahlen
vorstellen. Aber das war damals noch lange hin.

Auch nach meinen freien Tagen blieb unser Verhältnis intakt. Das alles änderte sich erst nach einiger Zeit, als er mir offen und ehrlich, aber zugleich vollkommen gleichgültig und kaltherzig gestand, dass er mir weder bei einer der anfallenden Arbeiten helfen würde, noch Lust hätte, sich mit mir auf nur irgendeine Weise zu unterhalten. Danach ging es nur noch bergab. Zwar gab er sich oft Mühe, das kann man nicht leugnen, doch solche Missstände
lassen sich bekanntlich nur schwer ausbügeln, wenn einmal der Wurm drin ist. Seine „Anfälle“, wie ich sie nannte, hatte er immer öfter und dann stellte er auf stur, Durchzug. Rien ne va plus! Wie ein Kind, das seinen Willen nicht bekommt oder nicht vom Spielplatz weg möchte. Und dann half auch kein Betteln oder Flehen mehr und Entschuldigungen halfen erst recht nicht.

Manchmal fragt man sich, was man falsch gemacht hat! So auch bei jenem Mal. Ich kam vollkommen panisch von der Arbeit. Ich hatte die Präsentation verdrängt! Die wichtige, die vor dem Vorstand. Bis zum nächsten Morgen hatte ich noch Zeit. Ich wusste, dass ich die Unterlagen dafür zu Hause hatte – irgendwo – und dass ich jetzt seine Hilfe bräuchte. Zum ersten Mal fiel mir wirklich auf, wie unordentlich die Wohnung geworden war. Ich fand ihn in seinem Zimmer. Ruhig stand er da, den Rücken zum Hinterhoffenster. Er habe keine Ahnung, von welchem Ordner ich rede, antwortete er nüchtern. Ich musste schon lange nachhaken, bis er mit der Sprache herausrückte und zugab, dass er ihn vernichtet hatte.

Vernichtet! Er hatte ihn nicht einfach in den Papierkorb geschmissen, wo ich ihn zwischen dem ganzen anderen Krimskrams wieder mühselig hätte herauspulen können, nein! Er hatte ihn eliminiert, wie auch immer er das angestellt haben mag. Die Arbeit von mehreren Wochen war futsch.
Die Sache wurde persönlich.
So stand ich also vor ihm und schrie ihn an, was ihm denn einfiele, so mit meinen Sachen umzugehen. Aber er stellte wieder nur auf Durchzug und ließ sich von dem Ganzen nichts anhaben. Spätestens da platzte mir der Kragen.

Ich packte ihn und schmiss ihn mit voller Wucht aus dem Fenster. Mein Herz raste wie wild, mein ganzer Körper zitterte. Noch bevor ich mir der Tragweite überhaupt bewusst wurde, hörte man seinen dumpfen Aufprall im Hinterhof. Einen Sturz aus dem vierten Stock überlebt niemand so leicht.
Aber das hätte er sich vorher überlegen müssen. Was zu viel war, war zu viel.

Ich war ihn los, fühlte mich erleichtert, als könnte ich seit Langem wiederfrei atmen. Ich schaute aus dem Fenster: Seine Einzelteile waren über den ganzen Innenhof verstreut. Die Tastatur war komplett zerschlagen, einzelne Buchstaben besprenkelten den Boden. Etwas weiter lag sein Bildschirm, die Außenseite nach oben. Wie schnell man einem Computer doch das Leben aushauchen konnte! Die alte Zuse stand direkt daneben, ich musste sie um Haaresbreite verfehlt haben. Sie schien ohne weitere Schäden. Alt, klapprig,
aber voll funktionsfähig schaute sie hoch und sah mich an.

„Junger Mann!“, rief sie wieder, „Wissen Sie denn nicht? Obst gehört auf den Kompost!“
In diesem Moment war sie mir zum ersten Mal sympathisch.

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erstellt am 16.5.2013

Christian Wolf
Christian Wolf

Christian Wolf, geboren 1988 in Geesthacht, studiert sei 2009 Psychologie in Gießen.