Preisträgerin 30. Junges Literaturforum Hessen-Thüringen

Maximilian Hein

Ein Abschiedsbrief

          Was trieb uns
          durch die Straßen,
          durch die Zeit,
          die wir vergaßen,
          als wir einfach mal wir selbst waren?

          Was treibt uns
          durch das Leben,
          durch die Chance,
          die wir vergeben,
          weil wir einfach mal wir selbst sind?

Ich stehe auf, weil der Wecker klingelt, weil die Uni wartet und man in meinem Alter nun mal gewissenhaft in seine Tage startet. Ich stehe vor dem Spiegel, denn nicht jeder bartet, sondern rasiert sich, sondern maskiert sich, um nicht aufzufallen, in einer Welt, in welcher Gesichter schallen, in der die Würfel fallen, noch ehe man selbst sich als Spieler geoutet hat. Noch ehe man selbst seine Träume genauer verlautet hat. Man wird geformt, weil man formbar ist, genormt, bis die Norm da ist und dann wird das Plastikförmchen abgezogen und die Gesellschaft schaut, ob man aus trockenem oder nassem Sand geformt wurde, ob man alleine stehen kann, ob man den roten Faden sehen kann, der schon lange vorher für einen durchs Leben gezogen wurde. Einer unter euch, der nicht zu dem, was er ist, erzogen wurde? Von den Medien, von der Gesellschaft, von dem Gefüge, das diese Welt schafft, von Konventionen, die alles leiten, von den Axiomen unserer Zeiten, von dogmatischen Scheinwahnphrasen in didaktischen Einbahnstraßen, von hautnah erleben Nivea und Gensaatweizen, von Einbau fürs Leben Ikea und Großstadtreizen, von seinen Eltern, von seinem Apple, von einer Bewertung, auf einem Zettel, den ein Meister schrieb, den ein Chef schrieb, den ein Lehrer schrieb. Und diese Bewertung bleibt doch ein leerer Schrieb, weil sie nicht dich beschreibt, sondern nur deinen Versuch, wie alle anderen zu sein. Weil sie alle anderen beschreibt, irgendwie in der Summe ihrer Eigenschaften, aber nicht dich als den Ursprung deiner Eigenheiten.
Man guckt dich an und du denkst dir „Was ist da denn los?“, doch die Gesellschaft urteilt schnell und sie urteilt gnadenlos.

Sag mir wie du heißt, Kevin Justin, und ich sage dir, wer du bist, Unterschicht. Sag mir, wer du bist, Unterschicht, und ich sage dir, wo du wohnst, Sozialsiedlung. Sag mir, wo du wohnst, Sozialsiedlung, und ich sage dir, wie du lebst, Hartz IV. Sag mir, wie du lebst, Hartz IV, und ich sage dir, wer dich zeugte, Jaqueline. Sag mir, wer dich zeugte, Jaqueline, und ich sage dir, wie du heißt, Kevin Justin. Sag mir, wie du heißt, Kevin Justin, und ich sage dir, wer du bist, Unterschicht. Sag mir, sag mir…

…Sag mir, was ist das eigentlich für ne Gesellschaft, in der ich tagtäglich eingeweicht werde, was ist das eigentlich für ne Gesellschaft, in die ich tagtäglich hineingegleicht werde? Eine Sexreisen-Incentive-Gesellschaft? Eine Der Meister dirigiert und nur der Gesell schafft Gesellschaft? Will ich davon wirklich ein Teil sein? Muss die Karriereleiter wirklich so steil sein? Oder kann ich auch einfach noch mal ein paar Jahre Indianer spielen und Kind sein, meine Klamotten bekleckern und beim Sehtest mit einem Piratenaufkleber auf einem Auge blind sein?
Ich habe lange noch nicht alle Kastanien gesammelt, alle Worte gestammelt, weil ich zu spät bin. Heißt das, dass ich nicht aus echtem Holz geschnitzt, sondern gerade erst aus einem weichen Samen gesät bin?
Ich schreibe das auf und ich fühle mich irgendwie schuldig. Doch ich mach mir nichts draus, denn ich weiß, auch dieses Papier ist geduldig.
Ich öffne das Fenster und lausche in die Stadt, die nicht ein schönes Geräusch, keine Aufmerksamkeit für mich hat. Niemand bemerkt es und ist interessiert, dass hier gerade ein Teil der Gesellschaft sich selber verliert.
Ich nehme die Tabletten und die Lichter gehen aus,
denn wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.

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erstellt am 16.5.2013

Maximilian Hein
Maximilian Hein

Maximilian Hein, 1991 in Mainz geboren, studiert an der EBS Universität für Wirtschaft und Recht in Wiesbaden. Er trägt seine Texte regelmäßig auf Poetry Slams vor.