Timbuktu
Buchkritik

Reisen nach Timbuktu

Von Bruno Laberthier

Der Franzose René Caillié war in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts der erste Europäer, der nach einer entbehrungsreichen Reise die Stadt Timbuktu am Südrand der Sahara erreichte und nach der Rückkehr in sein Heimatland eigenhändig Zeugnis von dem Erlebten ablegen konnte. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts nutzte Thomas Stangl Cailliés Reisebeschreibungen als Fundgrube für seinen großartigen Debütroman Der einzige Ort. Nochmal ein Jahrzehnt später – heute – herrscht Krieg in der afrikanischen Wüstenstadt mit dem sagenhaften Namen und den unschätzbaren Schriftzeugnissen: Die Al-Qaida im Maghreb kämpft mit malischen Truppen und deren Backup aus westlichen Militärs um die Vorherrschaft über die Viertel zwischen der mit Holzpflöcken gespickten Sankoré-Moschee und den Stadttoren, die im Süden der Fünfzigtausendeinwohnerstadt auf den Nigerfluss hinausgehen.

Die Tagesaktualität liefert zwar keinen zwingenden Grund, aber doch einen Anlass, sich den beiden Timbuktu-Textern zuzuwenden und dabei auf den Wiesbadener Marixverlag zu sprechen zu kommen, der soeben Cailliés Aufzeichnungen in einer 2006 neu angefertigten, sorgsam gekürzten und nun noch einmal revidierten Übersetzung von Susanne Zanker herausgebracht hat. Auch Stangls jüngst erschienene Essaysammlung Reisen und Gespenster, in der Werkstattgespräche und poetologische Versuche neben Eindrücken von tatsächlichen und Kopfreisen stehen, erzählt Timbuktu in der Reflexion auf den Erfolg von Der einzige Ort noch einmal neu und anders: als stadtgewordener Katalysator seiner Literatenkarriere nämlich, an deren Anfang eine ähnlich lange Durststrecke stand wie die des René Caillié auf seinem Weg durch die Sahara.

Cailliés dreibändiges Journal de voyage à Tembouctou erschien erstmals 1830 und damit vier Jahre nach der Ankunft in Timbuktu, dessen Anblick auf den mit großen Erwartungen losgezogenen Einzelgänger alles andere als großartig gewirkt hatte. Was es gibt, sind „schlecht gebaute Lehmhäuser“, „wüstenhafte Ebenen“ und „bleierne Stille“; was es nicht gibt, sind Spuren „von der Ausdehnung und dem Reichtum der Stadt“. Im Gegensatz dazu sehr beeindruckend sind die Zähigkeit und der Durchhaltewillen des zeitweise an Skorbut erkrankten zweiten europäischen Timbuktu-Entdeckers der Neuzeit (der Brite Alexander Gordon Laing hatte bereits zwei Jahre vor Caillié die Stadt erreicht, kam aber auf dem Rückweg nach Tripolis gewaltsam zu Tode; seine Aufzeichnungen blieben verschollen). Auf ihre Weise eindrucksvoll ist auch die Undercover-Taktik, mit der Caillié sich auf den Weg macht und die er bis zum Ende durchhält. Konsequent gibt er sich auf seiner Reise als Moslem aus und tischt seinen Weggefährten, Mitreisenden und Gastgebern in brüchigem Arabisch die Legende auf, dass es ihn nach Jahren des erzwungenen Aufenthalts in Europa und den Handelsniederlassungen an der Westküste Afrikas zurück zu seiner Familie nach Alexandria ziehe. Das Risiko, das er damit eingeht, ist ihm bewusst, denn „in den Ländern, die von den Mauren und Foulah besiedelt werden, gilt die religiöse Falschheit eines Fremden als schwerwiegender Verstoß“. Vor allem fürchtet er, dass die handschriftlichen Aufzeichnungen in die falschen Hände geraten, in denen er auf Französisch Klartext redet beziehungsweise schreibt: „Stets trug ich in meiner Tasche mein Todesurteil mit mir herum, und wie oft musste ich diese Tasche feindlichen Händen anvertrauen!“

Die Verstellung mag man Caillié noch als notwendige Vorsichtsmaßnahme abkaufen. Gleiches gilt für die Sorge, bei der nächsten Gelegenheit aufzufliegen, die dem ansonsten recht langatmigen Text eines von wenigen Spannungsmomenten verleiht. Ziemlich verlogen wird es allerdings, wenn Caillié mit derselben Verkehrung, die ihn als Scheinkonvertiten den Nigerlauf entlang bis Timbuktu und von dort durch Tuareg- und Berbergebiete reisen lässt, auch die Handlungen und Charaktere der ihm begegnenden Menschen bewertet. So geht er mit allen, die misstrauisch werden und ihm wegen seiner hellen Haut vorwerfen, Christ zu sein, hart ins Gericht. Schändlich und verwerflich wären solche Vorhaltungen, meckert Caillié alias „Abdallah“ dann reflexartig, und unter islamischen Arabern schlicht eine Unverschämtheit. Auch vor sich selbst heuchelt er die Religionsmimikry schön und macht dem lieben Christengott ein für beide Seiten wohlfeiles Angebot: „Wenn ich mich aber wie die Anhänger des Propheten niederwarf, richtete ich inbrünstige Gebete an Gott und bot ihm als Buße für meine religiöse Verstellung all die Qual an, die diese Verstellung für mich bedeutete“.

Mit diesem Frömmigkeitsgetue und einer irritierend proto-kolonialen Geisteshaltung, die zu betonen er ebenfalls nicht müde wird, erinnert Caillié an einen anderen Entdecker von Weltrang, Christopher Kolumbus, und dessen Schilderungen von der Entdeckung (der) Amerikas. Auch Caillié hat immer einen Vorrat an Glasperlen parat, um sie für Lebensmittel, Unterkunft oder einfach nur die Gunst seines Gegenübers einzutauschen, und auch er verfällt wie Kolumbus auf die imperiale Geste, die „entdeckten“ Landstriche zu benennen und damit symbolisch zu reklamieren. Kolumbus‘ Schriften und Weltanschauungen sind in den kulturwissenschaftlich orientierten Amerikastudien oder der Hispanistik längst einer fundamentalen Kritik unterzogen worden. Im Fall Cailliés steht das noch aus; die Neuübersetzung seines Timbuktu-Reiseberichts ins Deutsche könnte hierfür als Impuls dienen.

Auch der studierte Romanist Thomas Stangl adaptiert die historische Figur des René Caillié durchaus wohlwollend. In seinem Roman Der einzige Ort ist es eher der Brite Laing, den Stangl mit seinen Spleens und seinem jähzornigen imperialen Gehabe aufs Korn nimmt, wenn er ihn in vollem Wichs durch die Wüste stapfen und an seiner nie vollzogenen Ehe mit der Tochter des britischen Konsuls in Tripolis zweifeln (und verzweifeln) lässt. Mehr noch, Caillié wird mit seiner Schrift zum Weggefährten Stangls, eines grandiosen Autorendonquijote, der wie der Ritter von der traurigen Gestalt die Literatur als „notwendigen Luxus eines zweiten Lebens“ sieht. Zwei Jahre lang habe er, so Stangl, mit dem Franzosen gelebt, in denen „meine Ersparnisse schwanden, während der Roman wuchs“.

Dann trennen sich zwar nicht die Reisewege, aber doch die Lebenskurven der beiden Timbuktutexter. Caillié überlebt seine Rückkehr nach Frankreich nur um magere acht Jahre und stirbt mit 39 Jahren; bis zuletzt plagen ihn die Zweifel an der Authentizität seiner Timbuktureise, die vor allem von britischer Seite gegen ihn vorgebracht werden. Anders Stangl, den das österreichische Literatursystem zum neuen Shootingstar macht. „Plötzlich habe ich es mit Begeisterung zu tun“, erinnert er sich in Reisen und Gespenster, „dank des verrückten, delirierenden, skorbutkranken Reisenden aus einem anderen Jahrhundert“, dem er zusammen mit Laing „ohne vom Fleck zu kommen, schreibend nachgereist“ ist.

Der Vergleich mit einem weiteren Literaten drängt sich auf, den Stangl selbst im Zusammenhang mit der Entdeckung der Wüstenstadt erwähnt. Der „Jungdichter“ Alfred Tennyson hatte in einem Gedicht den Topos Timbuktu aufgegriffen und darin die Desillusionierung antizipiert, die Caillié beim Anblick der Stadt tatsächlich durchmachte. „Tennyson“, hält Stangl fest, „gewinnt einen Lyrikwettbewerb und startet seine große Karriere“. Auch die von Stangl nahm in und mit Timbuktu ihren Anfang. Und sie könnte ähnlich groß werden.

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erstellt am 16.5.2013

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