Preisträger 30. Junges Literaturforum Hessen-Thüringen

Sebastian Daniels

Die Traurigkeit weiß nichts von ihrer Existenz

Da steht sie nun in der Tür. Überglücklich. Ihre ungebremste Euphorie überstrahlt sogar fast das silberne Glänzen ihrer Zahnspange. So steht sie da also und grinst mich an. Hässliches Kleid. Hässliche Schuhe. Hässliche Handtasche. Ein in zartes blassrosa getauchter Albtraum. Ihre überdimensionale Schleife im Haar rundet das schauderhafte Gesamtbild ab. Ein Anblick des Grauens. Die lebende Antithese zu Darwins Evolutionstheorie. Dieser Tag muss für sie so etwas wie Weihnachten und Geburtstag auf einmal sein. Sie darf zum Abschlussball. Und das mit mir. Einer lebenden Legende an unserer Schule.

Zweifelsohne wird sie das jedem ihrer imaginären Freunde erzählt haben. All ihre Stoffteddys und Puppen durften sich in einer schwärmerischen Rede die Neuigkeit anhören und ertranken anschließend in einem Meer aus Freudentränen. Ich bin ihr dickes rotes Kreuz im Kalender, für das sie zahlreiche schlaflose Nächte in Kauf nahm. Die Aufregung wird sich auch auf ihre fette Mutter übertragen haben, die ganz entzückt gewesen sein muss, als sie davon erfuhr. Ihre Tochter würde mit dem tollsten Kerl der Schule zum Abschlussball gehen. Mir. Sicherlich ganz erfüllt von Stolz haben sie gemeinsam Tag für Tag nach einem passenden Kleid gesucht und haben sich schließlich für dieses Leichentuch entschieden. Diesem Rotzfetzen für Glücksbärchis. Ich schaue auf den Boden, um heranschleichenden Augenkrebs zu vermeiden. Schließlich folgt das unvermeidliche Foto, das ihre Mutter von uns schießt. Ich lächele. Alles ein Teil dieser Charade. Vorhang. Applaus. Verbeugung. Vielen Dank. Nur bitte keine Zugabe…

…Wenig später sitzen wir im Auto. In meinem wundervollen, teuren Auto und der Pummel darf tatsächlich auf meinem Beifahrersitz Platz nehmen. Ich denke an meine lederbezogenen Sitze. Ich denke an ihren verschwitzten Arsch. Ich denke an Desinfektionsmittel. Wir wechseln kein Wort miteinander. Sie schaut während der ganzen Fahrt aus dem Fenster und ich kann förmlich hören, wie ihre Stimme im Kopf darum bettelt, dass ich meine Hand auf ihren speckigen Oberschenkel lege. Vergiss es, Schätzchen. Es gibt eben Dinge, die niemals passieren werden. Zum Beispiel, dass ich eine Wette wie diese hier verliere.

Wir erreichen den Parkplatz vor dem Ballsaal und das dumpfe Geräusch der Musik tönt bereits in meinem Ohr. Als wir aussteigen, bittet sie mich, ihre Handtasche zu tragen, was ich schließlich auch tue. Unfassbar schwer, dieses hässliche Ding. Wahrscheinlich hat sie einen riesigen Vorrat an Essen darin verstaut. Sie könnte ja auf dem Ball verhungern.

Schließlich betreten wir den Ort meines baldigen Triumphes. Ich spüre förmlich, wie dieser Abend nur für mich gemacht ist. Ob mit dickem Anhängsel oder ohne. Dennoch muss ich den Eindruck aufrechterhalten, dass mir tatsächlich was an ihr liegen würde. Gleichzeitig will ich den Abend aber auch auskosten und den Schwarm von Blicken, die mich streifen, genießen. Sobald der entscheidende Moment kommt, ist dieses tragikomische Schauspiel sowieso vorbei und die Spreu wird den Weizen nicht einmal mehr beachten.

Mein Weg ist klar definiert. Ich bin der Mensch, der sämtliche Emotionen dieses Abends fusionieren lässt. Bewunderung. Aufregung. Neugier. Neid. Sexuelles Verlangen. All das ist eingeplant und eine natürliche Begleiterscheinung, wenn man ich ist und das tut, was ich tue. Diese Wette ist das Sahnehäubchen, das meinen Sieg nur noch glorreicher erscheinen lässt…

…Dann ist es endlich soweit. Die Verkündung des Ballkönigs. Mein Name wird erwartungsgemäß genannt und genussvoll registriere ich all den Applaus, der mich auf dem Weg zur Bühne begleitet. Nur oberflächlich wage ich den Blick in die Masse. Jubelschreie von Typen, die gerne so wären wie ich. Schmachtende Gesichtsausdrücke von Mädchen, die mit mir zusammen sein wollen. Ich bin das Zentrum all ihrer Sehnsüchte. Auch sie steht mit ihrer Zahnspange, ihrer Handtasche und ihrer Schleife direkt vor der Bühne und lächelt mich zufrieden an. Ich schließe die Augen, um sie nicht weiter ansehen zu müssen und um den Moment zu genießen. Sie wird mir das hier nicht kaputt machen. Zu viel Zeit habe ich mit ihr verschwendet. Dann wird für mich ein ohrenbetäubendes Feuerwerk gezündet und alles wird ganz still. Ob sie vor Ehrfurcht erstarrt sind oder ob ich sie vor lauter Euphorie einfach nur nicht mehr hören kann, ist mir egal. Ich bin da, wo ich sein will. Lang lebe der König.

Da steht er. Perfekt gestylt im maßgeschneiderten Anzug. Die Definition von Überheblichkeit. Eine Schaufensterpuppe, nur mit weniger Seele. Er hält sich für unwiderstehlich, verwechselt seine Arroganz mit virilem Charme. Ich versuche, meine Abscheu hinter einem überzogenen Grinsen zu verbergen, was mir anscheinend gelingt. Ich grinse so sehr, dass es mir wehtut. Habe mich in dieses abartige Kleid gezwängt. Im Prinzip nur, weil es das Billigste war und meine Mutter wegen so etwas kein Übermaß an Geld ausgeben sollte. Sie ist völlig ahnungslos, warum das hier alles passiert. Dennoch habe ich sie nicht aufgeklärt. Wozu auch? Sie ist glücklich. Ohnehin würde sie es sowieso nicht verstehen…

…Als wir in seinem Auto zum Ball fahren, schaue ich aus dem Fenster und versuche den bevorstehenden Abend vor meinem geistigen Auge ablaufen zu lassen. Dieses zwiespältige Gefühl der Vorfreude und Ungewissheit strömt in mich, bis ich komplett davon erfüllt bin. Ich genieße diese Ruhe, die herrscht, weil er zum Glück seine Fresse hält und ich sowieso nichts sagen muss.

Am Ziel angekommen, lasse ich ihn meine Handtasche tragen. Sie ist mir zu schwer und um seine Wette zu gewinnen, wird er ohnehin alles tun, was ich will. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Seine Ahnungslosigkeit bereitet mir ein unermessliches Vergnügen.
Wir betreten den Saal und ich fühle mich augenblicklich wie in einem Zoo voller Primaten.

Da sind sie nun herausgekommen aus ihren Elfenbeintürmen und Märchenschlössern. Vollgesaugt mit zuckersüßer Masse aus falschen Freundlichkeiten. Breit grinsend, eingehüllt in sündhaft teuren Designerkleidern schweben sie aneinander vorbei. Ein Heiligenschein leuchtet heller als der andere. Mustergültig aufgetragenes Make-up soll die Arroganz kaschieren. Die Arroganz verbirgt wiederum nur den Neid und die Unsicherheit, die ihr ganzes Leben bestimmen. Anspruchslosigkeit wird mit Glitter überzogen. Sie halten sich für individuell. Dabei leben sie nur die Sachen nach, die sie im Film und Fernsehen auf sich einprasseln lassen. Ein Panoptikum des Schreckens. Ich verfluche die Fruchtbarkeit eurer Eltern. Die ersten Blicke richten sich auf uns und die, die nicht Bescheid wissen, können es überhaupt nicht einordnen. Ist das real, was sie da sehen? SIE mit IHM?

Mein Magen wendet sich spontan gegen das Gesehene, indem er mir Übelkeit bereitet.

Ich gehöre nicht in diese Welt, in der plötzlich Gespräche über Laktoseintoleranz hip sind. Eine Welt, in der das Wort hip nicht mehr hip ist. Eine elitäre Gesellschaft von Vollidioten, deren als Dialoge getarnte Monologe aus einem Schwarm von Diminutiven bestehen. Hier ein Täschchen. Da ein Röckchen. Küsschen. Gehirnchen. Charakterchen. Ein nicht enden wollendes Labyrinth aus Anglizismen, belanglosem Smalltalk und Facebook-Freunden. Schaut nur her, ihr Bastarde des 21. Jahrhunderts! Ihr Abziehbilder der Neuzeit. Spürt die schwachen Vibrationen, die euch aus allen Windrichtungen erreichen. Es ist das kollektive Kopfschütteln eurer Ahnen. Das resignierende Abwinken der Vergangenen. Das verlegene Räuspern der früheren Generationen. Welche Schmach für die Gegenwart. Welche niederschmetternde Bedrohung für die Zukunft. Warum Angst um die Umwelt und das Klima haben, wenn man eigentlich euch zu befürchten hat.

…Während er langsam und voll von sinnfreiem Stolz auf die Bühne schreitet, habe ich mich bereits davor postiert und lächele. Meine Tasche fest im Griff. Als er die Augen schließt, greife ich hinein und tue schließlich das, wofür ich hierhergekommen bin.

Sekundenbruchteile später geht das Gekreische los und alle rennen panisch zum Ausgang. Er liegt da und rührt sich nicht. Ich weine…

…Sie werden zweifellos Fragen stellen, warum das Ganze passieren musste. Verstehen werden sie es wohl nie. Dies ist keine Vendetta. Ich bin nicht die Protagonistin eines Stephen-King-Romans. Dies war ein Schritt zur Bekämpfung der Traurigkeit. Nicht nur ich bin davon betroffen, sondern jeder Einzelne. Und das ist das Interessante an der Traurigkeit. Obwohl sie uns alle im Griff hat, weiß sie selbst nicht einmal, dass sie existiert.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 15.5.2013

Sebastian Daniels
Sebastian Daniels

Sebastian Daniels, 1988 in Rudolstadt geboren, studiert seit 2010 Filmwissenschaft in Mainz.