Preisträgerin 30. Junges Literaturforum Hessen-Thüringen

Marie-Luise Gürtler

Streiflichter nur

Wander knietief durch die Gischt
über farbwabernde Dünen.
Setz dir die Krone auf
Tang, Meerschaum, Muschel.
Schönwindchens Haar
läutet Sturm.
Komm, komm
ruft die Möwe.
Leuchtturmlicht nachts
da und dort
in Intervallen.

Sommerabend

Himmelberge
flache Teerstraße
über die Erde gefallen.

Weiße Holunderhecken
dahinter überschäumende Wiesenseen
von wilder Möhre, Gräsern, Grillen.

Obwohl es nicht regnet seit Wochen
schwere Erde unter den Zehen.

Halb und besoffen
hängt der Mond in den Strommasten.

Wir sind heut Abend himmelsatt
und weit wie alle blauen Meere:

Die Goldflut hat uns reich gemacht im Mittag
ein Mondvogel noch singt vom Tag nachts
und eine Geige aus den Feldern streicht gen Gott.

Zugvogel

Kalt hat uns dann doch der wilde Herbstwind überfallen,
auf den wir seit einigen Tagen im Sonnenschein mittags
und auch an den lügnerisch lauen Abenden um den drit-
ten Oktober herum warten. Jetzt schlägt er aus den Linden
das ganze Gold, oben reißt er in unverhohlener Erregung
an den Kronen herum und über die Stadtränder hin jagen
die metallblauen Töne einander ungestüm, aber bescheiden.
Es ist die Zeit, in der immer das Neue beginnt irgendwo,
immer kommt man im Oktober an in der nebligen Fremde.
Unten ziehen zwei ihre Koffer auf'm Pflaster lang und re-
den englisch sich Mut an. Das ist die Zeit der Gänseschreie
und auch der verlassenen Hochspannungsleitungen über
dem Dreitagebart der Felder, unsauber gestutzt. Nur noch
manchmal finde ich Hahnenfuß, Glockenblumen, aller-
letzte Margeriten – Pilze und Brombeeren eher. Ab morgen
wird das ganze, ganze Blau uns ernähren. Nebel im Kopf
und im Herz und im Bauch. Im Herz hält es Platz, bis du aus
dem Süden wiederkommst.

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erstellt am 15.5.2013

Marie-Luise Gürtler
Marie-Luise Gürtler

Marie-Luise Gürtler, 1988 in Berlin-Pankow geboren, studiert seit 2009 Evangelische Theologie an der Philipps-Universität Marburg. Bisherige Veröffentlichungen: Gedichte im Tagesspiegel sowie in den Anthologien Kein Weiß ohne Schwarz (2009), Glück, Regen oder der Geschmack von Zuhause (2011) und Nagelprobe 29 (2012).