Buchkritik

„Also muss ich bei aller Quengelei auch das Gute sehen“

Von Martin Lüdke

Fritz J. Raddatz’ „Tagebücher. Jahre 1982 – 2001“

Ob diese Erinnerung hierher gehört? Ich war mit dem deutsch-amerikanischen Schriftsteller Reinhard Lettau (1929 bis 1996) befreundet. Fast immer, wenn Lettau bei Fritz J. Raddatz eingeladen war, schwärmte er danach so überschwänglich wie begeistert von dem stilvollen Arrangement dieser in allen Details bedacht komponierten Essen. Lettau, anders als es seine äußere Erscheinung vermuten ließ, hielt es durchaus mit der Form. Allein über die Tischdekoration konnte er sich ewig auslassen. Ein bisschen stolz referierte er auch die stets beeindruckende Gästeliste. Ich hörte mir damals diese Lobgesänge, in einer an Kleist geschulten Prosa vorgetragen, immer mit großen Ohren an. Ich wäre gerne selbst einmal dabei gewesen, und war andererseits froh darüber, dass mir diese Prüfung erspart geblieben ist.

Jetzt, zugegeben ein bisschen spät, darf ich es – dabei sein, wenn Raddatz seine Gäste empfängt. Und sogar noch, wenn er, nachdem sie gegangen sind, in oft sehr knappen, meist treffenden Kommentaren ihren Auftritt würdigt. Der Gastgeber, streng in seinem Urteil, allerdings auch sich selbst gegenüber, lässt kaum einen seiner Gäste ungeschoren davonkommen. Lettau nicht, der die Bemühungen des Hausherrn ihm gegenüber nur unzureichend zu würdigen wusste. Schon gar nicht die Dönhoff, diese „dumme Herrenreiterin“ mit „ihrem kleinen gräflichen Arsch“, die in ihrer Kaltherzigkeit zu keiner Dankbarkeit fähig war. Auch Grass wird gerüffelt, wenn er es versäumt, sich für ein richtiges Fest zu seinen Ehren wenigstens mit einem Wort zu bedanken. Es trifft auch andere Größen der Zeitgeschichte, etwa die damalige Hamburger Kultursenatorin Helga Schuchardt, der, wohl begründet, nachgesagt wird: „Die Dame hat zwar einen Chauffeur, (…) aber keinen Verstand.“

Die Tagebücher, 1982 bis 2001, umfassen die sicher zwanzig wichtigsten Jahre im Leben des FJR. Es sind private, intime Aufzeichnungen. Hilferufe und Schmerzensschreie. Raddatz entblößt sich – vor uns. Er zeigt uns, wie sich seine Zeitgenossen entblößen.

Sie bieten eine umfangreiche Sammlung von prägnanten Porträts, eine illustre (Kultur-) Geschichte. Böse, auch boshafte Spitzen. Präzise Beschreibungen der wunderbaren Eitelkeit eines Hans Mayer, dessen beträchtliche Intelligenz seiner krankhaften Geltungssucht nie gewachsen war. Daneben immer wieder geradezu liebevoll dankbare Charakterisierungen von Grass, Kempowski, Hochhut. Und: die eigene Entwicklungsgeschichte des FJR.

Das Tagebuch, als literarische Gattung, vereint Unvereinbares, Flüchtigkeit und Dauer, Intimität und Öffentlichkeit. Es beschreibt, in der Hauptsache, eine Leidensgeschichte. Den Kampf um Nähe, um Anerkennung, die Sehnsucht nach, schlicht gesagt, Liebe.
Fritz J. Raddatz wurde 1931 in Berlin geboren. Er war, schreibt er (wie schon in seinem ersten Roman „Kuhauge“) noch nicht erwachsen, als „mein Vater“ mich „verführt und ich mit seiner Frau ficken muß“ (16). Dieses Ereignis habe sein „Leben bestimmt und zerstört.“
Von 1953 bis 1958 arbeitet er als stellvertretender Cheflektor bei dem großen DDR-Verlag Volk und Welt, promoviert nebenbei. 1958 siedelt er in die Bundesrepublik über. Von 1960 bis 1969 ist er stellvertretender Verlagsleiter und Cheflektor bei Rowohlt. 1976 wird er Feuilletonchef der ZEIT. Bei Hans Mayer habilitierte er sich mit einer Arbeit zur Literatur der DDR. FJR galt damals als einer der bedeutendsten unserer Intellektuellen. Theoretisch versiert, umfassend gebildet, sprachmächtig, bestimmte er die Debatten dieses Landes. Politisch links, fährt er Porsche. Er achtet auf Formen, gibt sich, elitär, als Dandy und wirkt arrogant. Dabei ist er schwul, und macht keinen Hehl daraus. Er schwärmt von der Nacht, die er in Brüssel mit dem großen russischen Tänzer Rudolf Nurejew verbracht hat. Man fürchtet ihn als publizistische Großmacht, doch er sucht die Anerkennung als Schriftsteller. Seine Höflichkeit gilt als sprichwörtlich, obwohl ihm zuweilen „der Arsch auf Grundeis“ geht und nicht nur der ZEIT-Herausgeber Altkanzler Schmidt von ihm unflätig beschimpft wird. Er spielt passabel Tennis und raucht wie ein Schlot. Er achtet auf seine Figur, aber isst und trinkt gerne (sehr) gut.

Mit diesen Widersprüchen, zumindest Gegensätzen kommen nicht alle seine Zeitgenossen gleichermaßen zurecht. Auch er selbst hat damit seine Schwierigkeiten. Er fühlt sich „lächerlich“, fragt: „Was mache ich falsch?“, fühlt sich zuweilen „SEHR verunsichert“, kauft sich ein „Super-Auto“ und glaubt im gleichen Augenblick: „Eigentlich ist mein Leben unfreudig.“

Er hadert oft mit seinem Schicksal, aber er hat auch Grund dazu. Als Schriftsteller ist er, anders als in Frankreich zum Beispiel, bei uns nie richtig anerkannt worden. Bei Rowohlt wurde er wegen der sog. „Ballon-Affäre“ rausgeschmissen (mit Luftballons ließ man Bücher in die DDR einschweben). Bei der ZEIT wurde er als Feuilletonchef wegen eines lächerlichen Fehlers (ein falsches Goethe-Zitat) abgesetzt. Die Verantwortlichen für seinen Rauswurf, Verleger Bucerius, Herausgeberin Dönhoff und, nicht zu vergessen, sein ‚Erbfeind’ Marcel Reich-Ranicki, der damals in der FAZ mit keifender Stimme den Untergang des Abendlands kommen sah, sie alle bekommen es jetzt im Tagebuch knüppeldick heimgezahlt. Das liest man gerne. Das liest sich gut. Aber auch deshalb, weil immer, selbst in den knappsten Sottisen, ein Hintergrund aufscheint, der ein zuweilen recht grelles Licht auf die damaligen Verhältnisse wirft. „Bürgerwehr jagt Sittenstrolch“, hatte ein ZEIT-Redakteur die Treibjagd auf seinen Chef charakterisiert. Hochhut hielt dagegen: wer austeilt, muss auch einstecken. Wie überhaupt seine Freunde ihm klarmachen wollen, dass er allein mit seinem Auftreten oft schon provoziert. Womit nebenbei deutlich wird: Er hat Freunde. Es sind nicht die schlechtesten. Nur sind es selbst Künstler, Schriftsteller, Intellektuelle, so eitel, so selbstbezogen wie er. Erfolgreich und einsam wie er. Und ebenso liebeshungrig.
Diese Tagebücher beschreiben auf berührende Weise ihren Autor, FJR, und zugleich die (Kultur-)Geschichte der alten Bundesrepublik. Viele Leser werden ihn jetzt dafür lieben.

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erstellt am 17.10.2010

Fritz J. Raddatz
Tagebücher. Jahre 1982 – 2001
Gebunden, 944 Seiten
ISBN 978-3-498-05781-7
Rowohlt Verlag, Reinbek 2010

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