»Abgelehnt«

Erinnerung der ehemaligen Preisträgerin Ricarda Junge

Am Anfang steht immer die Ablehnung. Wie eine Mauer. Hier geht es nicht weiter, dieser Weg ist versperrt. Ist das eigentlich immer so? Auf das Junge Literaturforum trifft es in jedem Fall zu. Zumindest in meinem Fall. Wie oft habe ich mich beworben? Wie oft bin ich abgelehnt worden? Und viel wichtiger: Warum schreibe ich, dass ich abgelehnt worden bin? In Wirklichkeit waren es doch wohl meine Texte: Gedichte und kurze Geschichten. In jedem Wort, jeder Zeile steckten viel Gefühl, weltbewegende Gedanken, klapprige Reime und eine große Portion pubertierendes Ich. Zuerst war ich zu jung, um das Mindestalter des Wettbewerbs zu erreichen. Ich schickte trotzdem jedes Jahr einen Text ein, mit zwölf Jahren das erste Mal. Wenn ich abgelehnt wurde, dachte ich, dass es an meinem Alter liegen musste. Ich war empfindlich und fürchtete mich davor, immer weiter abgelehnt zu werden. Ich war weder musikalisch, noch sportlich, noch übermäßig beliebt, und das einzige, was ich wirklich gern tat, war schreiben. Vielleicht, weil man es auch allein tun konnte. Aber ich hätte gerne ein Gegenüber gehabt. Im Stillen wünschte ich mir jemanden, der mein Schreiben ernst nahm und es nicht lächelnd als Tagebuchschreiberei oder Kleinmädchenspleen abtat. Ich erinnere mich, wie es war, die Texte zu schreiben, weiß noch, wo ich saß, was ich dachte, was mich umgab. Niemals gab ich jemand anderem etwas zu lesen, immer war die mir unbekannte Jury des Jungen Literaturforums meine erste Leserschaft. Ich erinnere mich an das wattige Gefühl im Magen und das Kribbeln unter der Haut, wenn ich mir vorstellte, dass vielleicht in diesem Moment jemand meinen Text – nein: mich – las. So als träte ich in Kontakt, als würde ich mit jemandem sprechen, als hörte mir jemand zu – und ich wartete gespannt auf Antwort. Ich erinnere mich an den Schmerz, den ich empfand, wenn die Antwort kam: Eine freundliche, aber unmissverständliche Ablehnung. Und dann war da diese Stille in meinem Kopf, diese Leere. Bis das nächste Jahr kam. Der nächste Wettbewerb. Der nächste Versuch. Ein neuer Text.

Natürlich wäre alles ganz anders gewesen, wenn ich anders gewesen wäre, wenn ich zum Beispiel hätte singen können und eine Band gehabt hätte, mit der ich am Wochenende im Kulturzentrum aufgetreten wäre. Als Nachwuchsschauspielerin wäre ich Mitglied der Jungen Theaterwerkstatt geworden, als Sportlerin hätte ich einen Trainer und einen Verein gehabt. Selbst wenn ich eine Leidenschaft fürs Blockflötenspielen gehabt hätte – was ich mir allerdings nur schwer vorstellen konnte – hätte es für mich eine Musiklehrerin und Flötenunterricht gegeben. Nur wenn man schrieb, gab es das alles nicht. Das einzige, was man dann tun konnte, war, sich Jahr für Jahr wieder beim Jungen Literaturforum Hessen-Thüringen zu bewerben. Ich wusste nicht, was genau sich dahinter verbarg. Aber ich wünschte mir auch eine Werkstatt, einen Lehrer, einen Verein, verdammt, ich wünschte mir einfach irgendeinen Ort, irgendeinen Menschen, an den ich gehen, an den ich mich wenden konnte.

Mit sechzehn reichte ich drei Liebesgedichte ein, die meinem Klassenkameraden Janosch Schimanksy gewidmet waren. Endlich war ich alt genug für den Wettbewerb. Ich wurde trotzdem abgelehnt. Janosch Schimansky interessierte sich weder für meine Lyrik noch für mich. Und das Junge Literaturforum Hessen-Thüringen erkannte nicht, was für eine gefühlvolle junge Autorin ich war, obwohl mein ganzes Herzblut in die Gedichte geflossen war.
Wie in jedem Jahr verteilte unsere Lehrerin die neue Nagelprobe im Deutschunterricht. Wie in jedem Jahr las ich den Band von der ersten bis zur letzten Seite. Die darin versammelten jungen Autorinnen und Autoren stellte ich mir als glückliche Menschen vor. Warum gehörte ich nicht dazu? Was hatten sie anders gemacht? Ich las, ich kam nicht dahinter, ich beneidete sie. Vor allem darum, dass sie jemand gelesen, dass ihnen jemand zugehört hatte. Ich war allein, unverstanden und unglücklich. Es war grauenhaft. Ich weiß nicht, wie ich es überlebt habe. Und auch nicht, woher ich die Verbissenheit, die Zähigkeit und vielleicht auch den Mut nahm, mich wieder und wieder beim Jungen Literaturforum zu bewerben.

Mit fast neunzehn Jahren und nach einem halben Dutzend Bewerbungen bekam ich zum ersten Mal keine Ablehnung. Ich weiß noch, dass ich den Brief in der Hand hielt und sicher war, mich verlesen zu haben. Oder bekam ich einen Anruf und glaubte nicht, was ich hörte? Wie konnte das sein? Was hatte ich anders gemacht? Sollte mein Text diesmal wirklich in der Nagelprobe erscheinen? Schickte man mich auf das Autorenseminar? Da musste ein Irrtum vorliegen. Ich konnte gar nicht gemeint sein. Ist das eigentlich immer so? Man wartet und wartet und wartet auf etwas, und wenn es dann eintritt, braucht man die gleiche Zeit noch einmal, bis man begreift, dass es wirklich eingetreten ist? Ich weiß noch, dass die Preisverleihung in Erfurt stattfand. Ein junger Schauspieler, der fast so gut wie Janosch Schimansky aussah, trug dem Publikum meine Geschichte vor. Ich hörte es, so wie ich auch sah, dass meine Geschichte schwarz auf weiß in der Nagelprobe abgedruckt war. Aber wirklich glauben konnte ich es erst, als Janosch Schimansky wutschnaubend vor meiner Tür stand und mir den Band mit meiner Geschichte vor die Füße warf. Wie ich einfach über ihn schreiben könnte! Und noch dazu so einen Scheiß! Was mir einfalle! Dabei war er gar nicht gemeint. Ich hatte ihm hundert Gedichte geschrieben, aber in dieser Geschichte ging es einmal nicht um ihn. Ich hatte sie mir einfach ausgedacht. Aber das behielt ich für mich. Ich sagte: Ist es nicht eine Ehre in einem Buch zu erscheinen? Diese Ehre lehne er entschieden ab, wütete er, musste plötzlich grinsen und senkte verlegen den Kopf, um mich dann wieder anzusehen. Ganz anders als vorher. Ich hatte mir die Autorinnen und Autoren der Nagelprobe immer als glückliche Menschen vorgestellt, jetzt wusste ich, dass es wirklich so war. Ich blieb lange mit Janosch Schimansky zusammen, und ich hörte nie wieder zu schreiben auf.

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erstellt am 14.5.2013

Ricarda Junge
Ricarda Junge, Foto: Tilman Junge

Ricarda Junge wurde 1979 in Wiesbaden geboren. Nach einem längeren Aufenthalt in den USA studierte sie erst Rechtswissenschaft und dann am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Nach ihrem Diplom studierte sie in Frankfurt am Main evangelische Theologie. Sie lebt in Berlin.