Der Anfang von etwas

Erinnerung des ehemaligen Preisträgers Jan Volker Röhnert

Hinter den sieben Bergen beginnt die Literatur. Zumindest war dort, wo ich ausstieg, die Bahn zuende, als wäre das ein Halt ohne Wiederkehr, zwar nicht im mittleren Westen, aber im innersten verwunschenen Oberhessen, als wären die Würfel gefallen und die dort sprudelnde Ohm der Rubikon, den es zu überschreiten galt. Friedberg oder Dreysa, so hieß die Bahnstation, die dann hinter einem Rammbock ins Leere lief, aber ich musste noch weiter, über den Berg und den Hügel hinab, wo die Welt, oder wenigstens die Landstraße, dann nun wirklich zu Ende war und das Elementare begann, das farblose lebenspendende Mineral, „which makes the atoms dance”, wie mal ein amerikanischer Dichter schrieb, und wovon die Ansiedlung im Tal ihren Namen hatte: Salzhausen, das, ohne dass jemand dort davon gewusst hätte, zweimal im Jahr sich zur Keimzelle künftiger Literatur verwandelte.

Aus irgendeinem Grund besaß ich bis auf die Anschrift des Hotels, das sich tatsächlich als das letzte Anwesen vor Flur und Feld erwies, so gar keine Mitteilung darüber, wer oder was mich dort erwarten sollte, so dass ich mit dem Gefühl anreiste, zu einer konspirativen Sitzung einbestellt worden zu sein. Der erste Eindruck in der Runde kam diesem Gefühl ziemlich nahe: Wir saßen völlig auf uns gestellt, ohne weitere Gäste oder Personal, in einem ebenerdigen dunklen Gastraum, in dem ein kaltes Büffet und Mineralwässer für uns aufgetafelt waren. An der Rezeption stapelten sich unsere Reisetaschen. In der Benommenheit des endlich Angekommenseins schienen alle am Tisch in sich gekehrt oder mit sich selber beschäftigt zu sein. Ich wartete auf ein klärendes Wort von jemandem, das Aufschluss gegeben hätte über den Zweck unseres Hierseins, ein Signal, das unser Herumsitzen in eine Richtung gewiesen hätte.

Zwei Männer am Tischende unterhielten sich flüsternd miteinander. Keine Spur von Unruhe, ein routiniertes Gespräch, als wären sie hier zu Hause. Was von weitem geheimnisvoll wirkte, betraf aus der Nähe betrachtet wohl nur Formalitäten für die angereiste Jungschreiberschaft. Ich setzte mich auf den freien Platz ihnen gegenüber; wenn, dann war von ihnen etwas über den Sinn der ominösen Versammlung zu erfahren. Die Gesichter der beiden machten mich mit einemmal erschauern – ich saß den Verfassern zweier Gedichtbände, die ich verehrte und dauernd mit mir führte, vis à vis. Der mit dem balkanischen Bärtchen hatte hinter anderen sieben Bergen wunderbar leichte, ins Schwarze treffende Verse erdichtet, in denen sich Heine und Brinkmann begegneten, Gedichte, die im sommergelben Taschenbuch mit dem Titel Kopflandpassagen zu Blei geronnen waren. Die hünenhafte Erscheinung des anderen erkannte ich vom Foto eines dunkelrosa leuchtenden Bandes Mein schwarzgekacheltes Blut wieder, dessen Langgedichte mir wie das Neue Testament der gegenwärtigen Lyrik erschienen waren. „Böhmer”, sagte er, nachdem ich mich vorgestellt hatte. Und der andere: „Söllner.” Das waren sie, die Hessen, die ich als lyrische Heiligtümer mit mir schleppte, deren Worte mir nachts über die Straße leuchteten, lange bevor ich mir hätte träumen lassen, ihnen je als Menschen aus Fleisch und Blut zu begegnen. Hinter diesen sieben Bergen also saß die Literatur wie eine Partisanenrunde zu Tisch – zu Gericht, auch dies, ein gelehrter doctor juris höchstelbst wohnte ihr bei –, hier kam das Wichtigste zur Sprache, was jeden, der sich zu schreiben entschlossen hat, bewegt: Poesie, und wie sie überhaupt entsteht. Und wie der, der sich ihr aussetzt, ein Wochenende mit den besten Dichtern aus Fleisch und Blut sie aussitzen muss, um dann als anderer Mensch in den Wust der Welt zurückzukehren.

In den Zwischenpausen würde das Salz von den rieselnden Hecken des Parks, das Element, das die Atome tanzen lässt, für Belebung sorgen – Sinnbild für den Wirbel von Buchstaben um eine verborgene Mitte herum: Geheimnis des Gedichts. Gespräche, die ins Weite führen. Der Blick ins Offene, jenseits Gleise, die hinterm Rammbock enden. „Ich glaube, wir sollten beginnen”, ergriff Söllner schließlich das Wort und half über die Stille am Salzhausener Tisch hinweg.

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erstellt am 14.5.2013

Jan Volker Röhnert
Jan Volker Röhnert, Foto: Alexander Paul Englert

Jan Volker Röhnert, geboren 1976 Gera/Thür., 1996-2002 Studium in Jena und längere Aufenthalte in Frankreich, England, Italien, seit September 2011 Heyne-Juniorprofessor an der TU Braunschweig.
Jan Volker Röhnert