Szenenfoto, Mannheimer Nationaltheater

Mieczysław Weinberg, der 1996 in Moskau starb, hat unter anderem 22 Sinfonien, 17 Streichquartette und sieben Opern komponiert. In den Konzertsälen und Opernbühnen bleibt er dennoch unbekannt, weil er eben nicht bekannt ist. Am Nationaltheater Mannheim ist man anderen Sinnes. Und Thomas Rothschild war dort.

Opernkritik

Nach Mannheim!

Zur Uraufführung von Mieczysław Weinbergs Oper »Der Idiot«

Von Thomas Rothschild

Es ist kaum zu verstehen. Da liegt eine Oper vor, die alle Qualitäten besitzt, die man sich von einer aktuellen Oper erhoffen darf: Sie hat eine spannende, bühnenwirksame Handlung, gedanklichen Tiefgang, schöne Partien für sämtliche Stimmlagen, und sie bedient sich einer gemäßigt modernen Tonsprache, die auch die Habitués der Tonalität nicht verschreckt und einem breiten Publikum mühelos zugänglich ist. Und diese Oper bleibt, wenn man von einer einzigen Inszenierung einer gekürzten Fassung absieht, 38 Jahre lang unaufgeführt. Stattdessen: noch eine „Traviata“, noch eine „Bohème“, noch eine „Carmen“.

Vor knapp drei Jahren hat David Pountney bei den Bregenzer Festspielen an den vergessenen Komponisten erinnert. Auf einmal wurde der in Polen geborene, 1939 in die Sowjetunion geflüchtete, von Schostakowitsch geschätzte und geförderte, 1996 verstorbene Mieczysław Weinberg als einer der bedeutenden Komponisten des 20. Jahrhunderts entdeckt. In Bregenz zeigte man seine „Passagierin“, deren Libretto auf dem selben Hörspiel nach einer Novelle (und den biographischen Erfahrungen) von Zofia Posmysz basiert wie der unvollendete gleichnamige Film des großen polnischen Regisseurs Andrzej Munk von 1963. Pountneys beeindruckende Inszenierung reiste um die Welt, nach Warschau, London, Madrid, Tel Aviv. Am 18. Mai findet in Karlsruhe die deutsche Erstaufführung der „Passagierin“ statt. Ansonsten: „Traviata“ und „Bohème“. Schlafen die deutschen Dramaturgen? Oder sind sie nur borniert?

Szenenfoto, Mannheimer Nationaltheater

Nun also am Mannheimer Nationaltheater eine weitere Entdeckung: „Der Idiot“, nach dem Roman von Dostojewski, 1985 komponiert und bis jetzt, wie erwähnt, aus unerfindlichen Gründen unaufgeführt. Nicht einmal den Stalinismus kann man in diesem Fall dafür verantwortlich machen. 1985 wurde Gorbatschow Generalsekretär der KPdSU und propagierte Perestrojka und Glasnost, und im Westen war man nicht zimperlich, wenn es darum ging, geringere Talente zu fördern. Mal abgesehen von „Traviata“ und „Bohème“… Dabei wird man dem Stoff schwerlich nachsagen können, dass er kommunistische Ideen verbreite. Weinbergs Librettist Alexander Medwedjew, der auch bei der „Passagierin“ für das Buch zuständig war, hält sich sehr eng an die – freilich notwendig stark gekürzte – Romanvorlage, und die ist zwar antikapitalistisch, kritisch gegenüber einer geldgierigen Welt, aber sie ist es nicht von einem sozialistischen, sondern von einem urchristlichen Standpunkt aus. Ihre Utopie ist nicht die Revolution, sondern das Mitleid, die Güte des „Narren in Christo“. Übrigens: in erster Linie mit einer „gefallenen Frau“. Also doch Traviata.

Wäre der Kenner des Romans aufgefordert, den Figuren eine Stimmlage zuzuordnen, würde er wohl Fürst Myschkin mit einem Tenor, den wilden Rogoschin, einen Vorläufer von Lopachin aus Tschechows „Kirschgarten“, mit einem Bass, Nastassja Filippowna mit einem Sopran und die brave, hinterhältige Aglaja mit einem Mezzosopran besetzen. Genau das tut Weinberg auch. Insofern hält er sich an die Konventionen der Operntradition.

Die Personen der Handlung werden nicht nur durch die Stimmlage, sondern mehr noch musikalisch charakterisiert. Weinbergs streckenweise tonmalerische, gescheit instrumentierte Musik nützt, wie schon in der „Passagierin“, Jazzrhythmen und Folkloreelemente, insbesondere der zugleich komischen wie unheimlichen, typisch dostojewskischen Figur des Lebedjew werden sie zugeteilt. Im Walzertakt verneigt sich der Komponist auch in dieser Oper vor Schostakowitsch.

Regula Gerbers Regie nimmt den Stoff ebenso ernst wie die Musik. Sie versucht nicht, Dostojewski eine Interpretation überzustülpen, ihn gar zu aktualisieren, sondern nimmt ihn beim Wort. Sie will nicht klüger sein als der naive Fürst, den seine Umwelt für einen Idioten hält, weil ihm deren Zynismus fremd ist. Es bleibt dem Zuschauer überlassen, ob er Myschkins Perspektive übernehmen will oder nicht. Regula Gerber und ihr Kostümbildner Falk Bauer sowie der Bühnenbildner Stefan Mayer deuten das Russische nur an – auch ironisch, etwa mit einem visuellen Zitat von Tschechows „Drei Schwestern“ –, auf eine folkloristische Russifizierung wird ebenso verzichtet wie auf eine konsequente Historisierung. Die Inszenierung lässt sich weder im 19., noch im 21. Jahrhundert lokalisieren, bemüht sich aber auch nicht aufdringlich um „Allgemeingültigkeit“. Der deutlichste Eingriff zeigt sich noch in der Figur des Jepantschin: Aus dem General wurde eine Art Bürochef. Das könnte auf eine Verbürgerlichung des Stoffes hinweisen, auf eine Annäherung Dostojewskis an Kafka, für die es gute Gründe gibt. In einer kurzen stummen Szene während der Ouvertüre stimmt Gerber, vielleicht plakativer als erforderlich, auf ein zentrales Motiv des Romans ein: die Gewalt und die Demütigung, die Nastassja Filippowna angetan wurde und in der, nicht nur aus Myschkins Sicht, die Ursache für ihre gesellschaftliche Ausgrenzung liegt.

Ein Detail: In der zentralen Szene des Romans und auch der Oper kommen die handelnden Personen im Salon der Nastassja Filippowna zusammen. Auf dem Höhepunkt wirft die zugleich Verachtete und Begehrte die 100000 Rubel, mit denen Rogoschin sie kaufen will, ins Feuer und befiehlt dem habgierigen Ganja, sie aus den Flammen zu holen. Da aber steht auf der Bühne anstelle eines Kamins eine Tonne, in der eher Obdachlose ihr Feuer machen als eine Frau der vermeintlich besseren Gesellschaft. Dieser „Einfall“ leistet nichts für das Verständnis der Situation. An dieser Stelle wurde eine Vorgabe „verschenkt“, die der Erzähler Dostojewski der Bühne gratis geliefert hat: sie ist geradezu idealtypisch dramatisch und bildhaft gedacht.
Für die zahlreichen kurzen Szenen leistet die Drehbühne gute Dienste. Auf ihr sind kleine Podien aufgebaut, die sparsam möbliert den Ort der jeweiligen Handlung kennzeichnen. Sparsam geht die Inszenierung auch mit Projektionen um. Das Hauptaugenmerk ist auf die Darsteller gerichtet, die von der Regie fast durchweg zu erstaunlichen schauspielerischen Leistungen ermuntert werden. Der Gast Dmitry Golovnin als Myschkin und das russische Ensemblemitglied Ludmila Slepneva sowie Steven Scheschareg als Rogoschin, die auch sängerisch fasznieren konnten, seien namentlich genannt. Das Orchester unter der Leitung von Thomas Sanderling, dem Sohn des langjährigen Leningrader Chefdirigenten Kurt Sanderling, wuchs über sich selbst hinaus: höchst differenziert in Dynamik, Rhythmus und Tongebung drängte es sich nie vor die Stimmen auf der Bühne. Der Gesamtklang ließ nichts zu wünschen übrig.

Da nicht zu erwarten ist, dass es die deutschen Opernhäuser mit einer Neuinszenierung eiliger haben werden als bei der „Passagierin“, bleibt nur eine Lösung: auf nach Mannheim. Es lohnt sich allemal.

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erstellt am 10.5.2013

Szenenfoto, Nationaltheater Mannheim

URAUFFÜHRUNG

Mieczysław Weinberg
DER IDIOT

Musikalische Leitung Thomas Sanderling
Inszenierung Regula Gerber
Bühne Stefan Mayer
Kostüme Falk Bauer
Dramaturgie Oliver Binder
Chor Tilman Michael

Nationaltheater Mannheim