Buchbesprechung

Russische Fracht

Oleg Jurjew zählt zu den originellsten Sprachvirtuosen der modernen russischen Literatur. Seine Romane fordern die Experimentierfreude des Lesers heraus, sind zum Beispiel kaleidoskopisch, sechseckig oder gespiegelt konstruiert und verschieben literarische Räume in unerwartete Richtungen. Vor kurzem ist sein neuestes Werk „Die russische Fracht“ im Suhrkamp Verlag erschienen. Es bildet den letzten Teil einer Trilogie, in der sich der 1959 in Leningrad geborene Autor mit der Auflösung der Sowjetunion auseinandersetzt.

In seinem neuen Buch nimmt die Hauptfigur, Weniamin Jasytschnik, Abschied von Petersburg und flieht auf einem ukrainischen Frachtschiff über die Ostsee gen Westen. Es beginnt eine skurrile Abenteuerreise, die sich zugleich als Märchen, Agententhriller und Liebesroman lesen lässt. Schon die Fracht, die das Schiff geladen hat, ruft Gänsehaut hervor. Tiefgekühlte Leichen, die sich als äußerst lebendig erweisen, sind im Bauch des Geisterschiffs geladen. Die Schatten der Vergangenheit sind nicht abzuschütteln, kommen nach alkoholreichen Gelagen hervor, mischen sich auf groteske Weise unter die Reisenden.

Nichts in diesem Roman, der sich im Zeitraum von einer Woche auf See ereignet, steht auf festem Grund. Neben den Kühlhaus-Leichen treten plötzlich auch andere Todgesagte wieder in Erscheinung. Weniamins Vater zum Beispiel: vor zehn Jahren sei er, so die Geschichte, zusammen mit der Mannschaft seines gesunkenen U-Boots mit militärischen Ehren auf dem geheimen Jerusalemer Marinefriedhof bestattet worden. Nun taucht er quicklebendig wieder auf, gesellt sich zur bunt gemischten Reisegruppe. Sie alle greifen in das Geschehen ein, verändern den Kurs, auf den der Frachter zusteuert. Selbst Weniamin wird von diesem Strom bizarrer Identitätsverwirrung mitgerissen: obgleich er sich jungfräulich wähnt, erreicht er das Ende dieser einwöchigen Reise an der Seite seiner großen Liebe und als Vater ausgewachsener Zwillinge!

Inmitten aller Phantasmen schildert Oleg Jurjew eindrucksvoll realistisch den Zeitgeist der sich auflösenden Sowjetunion. „Ich möchte den Leser auf die Erde zurückbringen, ihn daran erinnern, dass wir Zeugen unglaublicher Veränderungen sind“, erklärt Oleg Jurjew. In facettenreichen Miniaturen, die wie poetische Puzzleteile ineinander greifen, beschreibt der Autor das gesellschaftliche Milieu dieser Zeit. Unterschiedlichste Charaktere werden mit ihren starren und zum Teil einander gegenläufigen Denkmustern sichtbar. Als Wenjamin eine Tür, die sich nicht öffnen lässt als „baltisches Biest“ beschimpft, wird er sogleich durch die Erscheinung seiner einstigen „Diplom-Mutter“ und „Leiterin der Balto-Finnischen Abteilung des Ethnographischen Museums“ in die Schranken gewiesen: „Vorsicht bei ethnographischen Formulierungen“, predigte sie.

Oleg Jurjew lebt seit 1991 als freier Autor mit seiner Familie in Frankfurt. Schon in seiner Jugend begann er als Sohn einer Dozentin für englische Literatur und eines Violinisten, Gedichte zu schreiben. Um dem ideologischen Druck sowjetischer Politik zu entgehen, gehörte er später, wie er selber erzählt, einer inoffiziellen Literaturszene an, die wie ein “Paralleluniversum” funktionierte. Hier konnte er seine Werke ohne inhaltliche Vorgaben schreiben und verbreiten. In dieser Zeit lernte er auch die Dichterin Olga Martynova kennen, mit der er heute verheiratet ist. Zusammen mit Elke Erb hat sie „Die russische Fracht“ übersetzt.

Andrea Pollmeier
März 2009

erstellt am 17.10.2010