Der buckelige Grübler aus Dänemark war der erste Philosoph, der nicht ein alles umfassendes Denksystem entwarf, sondern den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen stellte. Sören Kierkegaard war ein gründlicher Theologe. Auf dem Weg zur Selbstfindung wurde er gewahr, dass Gott nur denen, die ihn lieben, Leiden schickt. Selbstquälerisch schrieb er gegen das selbstzufriedene Christentum an. Vergebens. Vor zweihundert Jahren wurde Kierkegaard, der Ahnherr der Existenzphilosophen, geboren. Otto A. Böhmer hat in seinem neuen Buch »Reif für die Ewigkeit. Sören Kierkegaard und die Kunst der Selbstfindung« den scharfsinnigen Denker als einen modernen Zeitgenossen identifiziert.

200. Geburtstag – Sören Kierkegaard

Der tiefere Grund

Eine Erinnerung an Sören Kierkegaard

Von Otto A. Böhmer

Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard, der vor 200 Jahren geboren wurde und am 11. November 1855, nach einem vergleichsweise ereignisarmen Leben, starb, war ein Einzelkämpfer des Denkens, der sich seine Überlegungen zu Gott und der Welt so schwer werden ließ, dass sie, losgelöst von ihrem Urheber, an Leichtigkeit gewannen und heute als zeitlos gültige Anleitung zur Selbsterfahrung verstanden werden können.
Kierkegaards Diagnose mutet merkwürdig modern an. Die Hektik, die Schnellebigkeit, die er erkannte, hat sich noch gesteigert; sie nimmt globale Ausmaße an und besetzt mit den virtuellen Welten zusätzliches Terrain, das so faszinierend anmutet wie die Hochglanzfotos in den Katalogen der Reiseveranstalter. All das, anscheinend doch Leistungsbeweise für eine ungebremste Kreativität des Menschen, geht mit dem Verlust elementarer menschlicher Eigenschaften einher: der Fähigkeit, innezuhalten, ruhig zu werden, nachzudenken und zuzuhören; der Fähigkeit auch, über das eigene Dasein zu staunen und dessen Rätselhaftigkeit anzunehmen. Wo solche Eigenschaften verlorenzugehen drohen oder schlicht nicht mehr gefragt sind, da trifft Kierkegaards Diktum vom „herabgesetzten Kurswert des Menschen“, ausgesprochen vor mehr als einhundertfünfzig Jahren, noch immer zu. Der Mensch gleicht mittlerweile einer Kunstfigur, die dabei ist, sich an ihren eigenen Möglichkeiten zu überheben; sie kann vor Kraft kaum laufen, glaubt aber, mit mal dreister, mal rührender Treuherzigkeit, alles im Griff zu haben. Daß einst nach einer höheren Einlösung des irdischen Daseinsauftrags gesucht wurde, interessiert nicht mehr; der Himmel hat seine fliehenden Sterne und den Weltraummüll, einen Ort für Gott aber, von dem sich manche, trotz des einst ausgesprochenen Bilderverbots, noch immer ihr Bild machen wollen, hat er anscheinend nicht: “Bei alledem aber sitzt Gott gleichsam im Himmel und wartet. Keiner sehnt sich aus diesem Lärmen und Toben des Augenblicks fort, um jene Stille zu finden, in der Gott wohnt. Während der Mensch den Menschen bewundert, weil der ganz wie die anderen ist, sehnt sich keiner nach der Einsamkeit, in der man zu Gott betet. Keiner verschmäht diese wohlfeile Befreiung vom 'Höchsten' aus Sehnsucht nach dem Maßstab der Ewigkeit. So wichtig ist der Augenblick sich selbst geworden!”

Kierkegaard hat die moderne Umtriebigkeit schon zu seiner Zeit verwirklicht gesehen; daß sie zum Prozeß wurde, der mittlerweile naturgesetzlich mit den Menschen umspringt, hätte ihn nicht überrascht. Allerdings vermag die Hektik inzwischen auch gegenteilige Tendenzen zu erzeugen – den Wunsch nach Stille etwa, nach unvoreingenommener Selbstbefragung, nach einem Bedenken über Tag und Anlaß hinaus. Kierkegaard ersuchte unentwegt um Ruhe; dafür nahm er sogar wohlmeinende Zwangsmaßnahmen in Kauf: “Das erste, was getan werden muß, und die unbedingte Voraussetzung dazu, daß überhaupt etwas getan werden kann, ist: Schaffe Schweigen, gebiete Schweigen! (…) Ach, alles lärmt, und wie heißes Getränk das Blut bekanntlich in Wallung bringt, so ist in unserer Zeit jedes einzelne, selbst das unbedeutendste Unternehmen und jede einzelne, selbst die nichtssagendste Mitteilung bloß darauf berechnet, die Sinne zu reizen oder die Masse, die Menge, das Publikum und den Lärm zu erregen!“ Den Verführungen der Lautstärke kann man kaum mehr entkommen, was sich auch in den Varianten des Wissens bemerkbar macht, die in Umlauf sind: Auch sie wirken dröhnend, sind einschüchternd und besitzergreifend, zumal sie dem Bewusstsein in einem Tempo zugespielt werden, das ebenso verdächtig wie bestaunenswert ist. Was aus den Tiefen und Untiefen der weltweiten Netze aufsteigt, kommt zunächst lautlos daher, entwickelt aber, einmal aufgerufen und zur Überflutung der Köpfe freigegeben, seinen eigenen Lärm, der eine zentrale Botschaft mit sich führt: Mach mit oder lass es, es ist eh egal. Ob wir das alles so gewollt haben? „Der Mensch, dieser gewitzigte Kopf, sinnt fast Tag und Nacht darüber nach, wie er zur Verstärkung des Lärms immer neue Mittel erfinden und mit größtmöglicher Hast das Geräusch und das leere Gerede möglichst überallhin verbreiten kann. Ja, was man auf solche Weise erreicht, ist wohl bald das Umgekehrte: die Mitteilung ist an Bedeutungsfülle wohl bald auf den niedrigsten Stand gebracht, und gleichzeitig haben umgekehrt die Mittel der Mitteilung in Richtung auf eilige und alles überflutende Ausbreitung wohl das Höchstmaß erreicht; denn was wird wohl hastiger in Umlauf gebracht als das Geschwätz?!“

Kierkegaards Analysen der menschlichen Grundbefindlichkeit haben eine Zeitlang den modernen Existentialismus geprägt. Heute ist der Existentialismus nicht mehr modern, seine anhängige Gedankenfigur, ein ins Dasein geworfener Partisan, der der Bodenlosigkeit menschlicher Existenz von seinem Privatgrundstück aus nachsinnt, hat das Verfallsdatum überschritten. Andererseits könnte der Existentialismus wiederkommen, in geläuterter, dem Zeitgenössischen angepasster Form, wofür es durchaus Hinweise gibt; der Aufstand des Einzelnen, zwischenzeitlich für obsolet erklärt, hat möglicherweise gerade erst begonnen. Mit Kierkegaard jedoch können die meisten nicht mehr viel anfangen. Dennoch wird er, an Jubel- Fest- und Gedenktagen, wieder gelobt; man preist seinen Scharfsinn, seinen durchdringenden Blick, der sich so unnachgiebig auf die Menschen, ihre Schwächen und Selbstgefälligkeiten richtete. Von seiner christlichen Überzeugung, die ja mit einem heute wie damals unerhörten Wahrheitsanspruch auftrat, will man indes nichts mehr wissen. Die Postmodernität, die Kierkegaard zugestanden wird, ist Bestandteil eines umfassenden Profanierungsvorgangs, der sich damit abgefunden hat, daß für das Heilige schon deswegen kein Platz mehr sein kann, weil sich ein Meinungsbild breitgemacht hat, das dem täglichen Wahrheitsbedarf Genüge tut, ohne daß es zu Versorgungsengpässen gekommen wäre. Daß es jedoch so gekommen ist, muß man nicht als Notwendigkeit ansehen – es hätte, unter Umständen, auch anders kommen können.

Man würde Kierkegaard, aus heutiger Sicht, mißverstehen, wenn man aus seinen Schriften nur den oft variierten Aufruf zu einem rigiden, insgeheim jedoch nostalgisch verbrämten Christentum herauslesen wollte. Auch wer nicht gläubig ist, kann sich von der Erhebung zu einem solchen Glauben ansprechen lassen, der das grenzenlos Schwierige, das eigentlich Unglaubliche einbringt. In ihm, im Unbedingten und Unbekannten, hat der radikale Christ Kierkegaard auch den Ort ausgemacht, an dem die Liebe zu Hause ist; ihr mutet er mehr zu, als es das irdische Aufklärungswerk für möglich hält. Die Liebe ist Gottes Geschenk an den Menschen, er kann es annehmen oder ablehnen – ergründen kann er es nicht: “Es ist eine Stätte im Innersten des Menschen. Von dieser Stätte geht das Leben der Liebe aus (…). Diese Stätte kannst du nicht sehen. Wie weit du auch eindringen magst -: der Ursprung entzieht sich dir in Ferne und Verborgenheit; selbst wenn du so weit, wie es dir möglich ist, eindringst, ist der Ursprung beständig gleichsam ein Stück tiefer drinnen, – genau wie der Ursprung eines Quells, der, wenn du ihm am nächsten bist, immer noch ein Stück weiter fort liegt.“
Es ist ein verwunschener Ort, den Kierkegaard für die Liebe vorsieht, er kann überall und nirgends sein. Das hat er mit Gott gemein, von dem es heißt, dass er ebenfalls überall und nirgends ist. Geheimnisvoll ist der Ort, ein träumerischer, in Schwebe gehaltener Ruhe- und Gewißheitspunkt im Menschen, Heimat des Ich, das aufbricht, um zu sich selbst zurückzukehren. Bei der Ankunft steht man in einem besonderen Licht, das alles sagt – das Herz öffnet sich und die Seele. „Von dieser Stätte geht die Liebe aus, und sie geht über mannigfaltige Wege; aber auf keinem dieser Wege kannst du in ihr verborgenes Werden eindringen. – Wie Gott in einem Licht wohnt, von dem jeglicher Strahl ausgeht, mit dem die Welt erhellt wird, und wie dennoch auf diesen Lichtwegen keiner eindringen kann, um Gott zu sehen (denn die Wege des Lichts verwandeln sich in Finsternis, wenn man sich dem Lichte zuwendet) -: ebenso wohnt die Liebe im Verborgenen oder ist im Innersten verborgen.“ Wollte man den sich den Ort der Liebe, aus Anschaulichkeitsgründen, in einer Art Außenansicht vorstellen, läge er vielleicht in einem verborgenen Waldstück, das sich rund um einen kleinen See erstreckt, in dem eine Quelle sprudelt. Anziehend und verführerisch ist diese Quelle, aber man sollte ihr nicht zu nahe kommen: „Wie das Hervorsprudeln des Quells mit dem bezaubernden Geplauder seines Rieselns den Menschen lockt und geradezu bittet, den Weg einzuhalten und nicht neugierig einzudringen, um seinen Ursprung zu finden und sein Geheimnis offenbar zu machen, – wie der Strahl der Sonne den Menschen einlädt, durch ihn die Herrlichkeit der Welt zu betrachten, aber warnend den Vermessenen mit Blindheit schlägt, wenn er sich umwenden und neugierig und keck den Ursprung des Lichts entdecken will, – wie sich der Glaube freundlich dem Menschen als Begleiter auf dem Lebenswege anbietet, aber den Kecken versteinert, der sich umwendet und vorwitzig begreifen will -: ebenso ist es der Wunsch und die Bitte der Liebe, ihren verborgenen Ursprung und ihr verborgenes Leben im Innersten ein Geheimnis bleiben zu lassen (…).”

Das Geheimnis der Liebe hat den gleichen, nicht einsehbaren Grund wie das Geheimnis des Lebens, für den Gott steht, an den man aber nicht glauben muß, um gläubig zu sein. Er ist, ob als gedachter oder realer Grund, nicht zu überbieten; er erschließt sich, wenn er sich denn erschließt, im Verborgenen, ohne daß er sich zu erkennen geben müßte. Wer in diesen Glauben einsteigt und ihn annimmt, schaut die Wahrheit in einem ergreifenden, wahrheitsähnlichen Bild, er findet an ihm Genüge – obwohl ein Bild nur ein Bild bleibt und mit der Wahrheit nicht eins werden kann: „Das verborgene Leben der Liebe (…) steht in unergründlichem Zusammenhange mit dem ganzen Dasein. Wie der stille See tief im verborgenen, von keinem Auge geschauten Quellbereich seinen Grund hat, so hat die Liebe des Menschen einen noch tieferen Grund: sie gründet in Gottes Liebe. Wäre in der Tiefe kein Quell und wäre Gott nicht die Liebe, so gäbe es weder den kleinen See noch auch die Liebe des Menschen.“ Der Mensch muß begreifen, dass er nicht alles begreift; das Geheimnis des Seins kann er annehmen und verehren, verstehen kann er es nicht. Dabei hat er es zu belassen, denn es gibt gute Gründe dafür, dass uns das Wesentliche entzogen bleibt. Wagt sich der Mensch aber doch einmal zu weit voran, verschwimmt ihm auch das Bild der Wahrheit wieder, das er eben noch zu schauen meinte: „Wie der stille See im tiefen Quellboden seinen Grund hat, so gründet die Liebe des Menschen rätselvoll in Gottes Liebe. Wie der stille See zum Betrachten einlädt, aber durch das Spiegelbild des Dunkels dir das Hindurchblicken verwehrt, so versagt es dir der rätselvolle Ursprung der Liebe in Gottes Liebe, seinen Grund zu sehen. Wenn du ihn zu sehen vermeinst, trügt dich ein Spiegelbild, als wäre es der Grund, und doch verdeckt es den tieferen Grund.”

Wer sich heute nicht mehr auf Kierkegaards christliche Grundüberzeugung einlassen möchte, kann dennoch von ihm lernen – die hohe Kunst der Selbstfindung beispielsweise, der er auf ein Niveau verholfen hat, das von heutigen Sinnsuchern kaum noch erreicht wird. Kierkegaard hat seine Selbstfindung als ein ebenso ernstes wie heiteres Erkenntnisspiel betrieben, das in Reichweite existentieller Rahmenbedingungen bleibt. Es rechnet die Menschenwürde zu dem einen Daseinsgeschenk hinzu, das dem Menschen übergeben wurde; mit ihm muß er umgehen lernen, ohne sich allzu wichtig zu nehmen – aus der Selbsterfahrung des Menschen darf keine Selbstüberschätzung werden. Wer sich finden will, muß eine behutsame Seelenerkundung betreiben, die für Einspruch und Widerruf offen bleibt und als vertrauenbildende Maßnahme dient. Das Ich, das aus dieser Selbsterfahrung hervorgeht, ist demütig und stolz zugleich; es schaut zum Himmel auf und steht mit beiden Beinen auf der Erde. Von der Großartigkeit, vom Wunder der Schöpfung sieht es den Glanz, der seinen Abglanz hat in ihm selbst; mehr kann ein Ich, das sich sucht, nicht finden: “Wenn alles stille geworden ist um den Menschen, feierlich wie eine sternenklare Nacht, wenn die Seele in der ganzen Welt allein mit sich selbst ist, da tritt ihr nicht ein ausgezeichneter Mensch gegenüber, sondern die ewige Macht selbst; es ist, als ob der Himmel sich öffnete, und das Ich wählt sich selbst, oder vielmehr, es nimmt sich selbst in Empfang.
Da hat die Seele das Höchste gesehen, was kein sterbliches Auge sehen kann und was nie vergessen werden kann, da empfängt die Persönlichkeit den Ritterschlag, der sie für die Ewigkeit adelt.“

In einem solchen Moment verschwinden alle Zweifel und Unwägbarkeiten im Menschen, er ist ganz bei sich selbst. Nun erst wird seine Wahrheit ganz Wahrheit, sie streift das Bild ab, in dem sie war, und zeigt sich so, wie sie ist. Mag ein solcher Augenblick auch etwas Überwältigendes haben: es lohnt sich, auf ihn zu warten und bereit zu sein. „Der Mensch wird nicht ein anderer, als er zuvor war, aber er wird er selbst. Wie ein Erbe – und wäre er auch Erbe aller Schätze der Welt – doch nichts davon besitzt, solange er nicht mündig ist, solange ist selbst die reichste Persönlichkeit nichts, bevor sie sich selbst gewählt hat, während andererseits die ärmste Persönlichkeit alles ist, wenn sie sich selbst gewählt hat. Denn das Große ist nicht, dieser oder jener zu sein, sondern man selbst zu sein; und das kann jeder Mensch sein, wenn er will.”

Auszug aus »Reif für die Ewigkeit. Sören Kierkegaard und die Kunst der Selbstfindung«, © Diederichs Verlag, München 2013.

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erstellt am 10.5.2013

Kierkegaard um 1840

Otto A. Böhmer
Reif für die Ewigkeit
Sören Kierkegaard und die Kunst der Selbstfindung
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 176 Seiten, mit Leseband
ISBN: 978-3-424-35075-3

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