Friedhelm Hengsbach im Portrait

Der provokante Pater

Von Dennis Kremer

Die Finanzkrise macht es möglich: Wirtschaftsethiker Friedhelm Hengsbach findet mit seinen Thesen plötzlich bei Banken und Anlegern Gehör. Mit sanftem Lächeln fordert der Jesuit von Instituten und Investoren einen radikalen Wandel.

Friedhelm Hengsbach ist einer der bekanntesten Wirtschaftsethiker Deutschlands. Der 72-Jährige trat im Alter von 20 Jahren dem Jesuitenorden bei und studierte Theologie und Ökonomie. 1985 wurde Hengsbach Professor für Wirtschaftsethik an der Philosophisch- Theologischen Hochschule St. Georgen in Frankfurt. Für sein Engagement für eine gerechtere Wirtschaftsordnung erhielt er zahlreiche Preise. In seinem jüngsten Buch „Ein anderer Kapitalismus ist möglich” beschäftigt sich Hengsbach mit den Lehren aus der Finanzkrise.

Er ist noch immer nicht zum Auspacken gekommen. Dabei sollte im Herbst 2008 eigentlich der gemächliche Teil seines Lebens beginnen. Umzug nach Ludwigshafen, Ruhestand. War ja nicht zu ahnen, dass einer, dessen Zeit bereits vorbei zu sein schien, plötzlich wieder voll und ganz in die Zeit passt. Viele hatten ihn abgeschrieben. Eine lästige Stimme, die kaum jemand mehr hören wollte. Doch heute kann sich der ältere Herr mit dem freundlichen Lächeln vor Anfragen kaum retten. Die Umzugskartons mussten erst mal warten. Stattdessen: Ein Kongress der Förderbank KfW in Erfurt, eine Tagung der Dekabank in Frankfurt, sogar die Credit Suisse hat ihn eingeladen.
Friedhelm Hengsbach muss lachen, wenn er seinen vollgeschriebenen Terminkalender durchblättert. Es ist ein jugendliches Lachen, bei dem sich die Augen so eng zusammenziehen, dass nur noch die Pupillen sichtbar sind. „Nicht immer wollten Banken so viel mit mir zu tun haben.” Die sanfte Art des 72-Jährigen hat schon so manchen getäuscht: In Vorträgen oder Diskussionsrunden formuliert Hengsbach messerscharf, glänzt mit Wortgewandtheit – und fordert freundlich lächelnd Unerhörtes.
Zumindest aus Sicht der Geldhäuser. Eine Zeit lang machte er sich einen Spaß daraus und ließ auf jeder Bankentagung das Wort „Zerschlagung” fallen. Hengsbach liebt die Provokation. Doch sie hat auch einen ernsten Hintergrund: Er will die Branche mitnichten zerschlagen. Aber er will sie und die Anleger zum grundlegenden Umdenken bewegen.

Mann ohne Starallüren

Technische Universität Kaiserslautern, ein nasskalter Abend im Januar. Hengsbach kommt mit dem Zug, trägt einen schlichten Anzug, hält anderen Gästen die Tür auf. Nichts deutet darauf hin, dass er gleich im Mittelpunkt des Abends stehen wird.
Der Mann, einer der profiliertesten und bekanntesten Wirtschaftsethiker Deutschlands, hat keine Starallüren. Das hängt auch mit der eigentlichen Berufung des emeritierten Professors zusammen: Schon mit 20 Jahren trat er dem Jesuitenorden bei, wurde Pater. Kutten tragen Jesuiten zwar nicht, aber ihr Lebensstil ähnelt dem anderer Ordensgemeinschaften. Alle Einnahmen geben sie ab, der Orden zahlt ihnen lediglich eine Art persönliches Taschengeld von 500 Euro im Monat. Wohl gerade deswegen ist Hengsbach seit Ausbruch der Finanzkrise ein so gefragter Gesprächspartner: Weil er seit über 50 Jahren das tut, was Banken und Investoren in den Jahren vor der Krise misslang – er hält Maß.
Ein weiterer Grund für seine Beliebtheit auch bei den Medien ist: Wie kaum ein anderer kann der Pater die komplexen Zusammenhänge der Finanzkrise in einfache Worte fassen. Statt „Bad Bank” sagt er „Schrottbank”, statt „toxic assets” spricht er von „Giftpapieren”, und mit einem Augenzwinkern wird selbst aus dem pleitegegangenen Geldhaus Lehman Brothers die Bank der „Lehman-Brüder”.
Seinem Charme und seiner Analysekraft erliegt auch die exklusive Runde, die sich an diesem Abend in Kaiserslautern versammelt hat. Die rund 20 Professoren der katholischen Hochschulgemeinde, in der Mehrzahl Ingenieure und Techniker, lauschen andächtig.

„Die Krise hat viele Ursachen: Kaum einer hat auf die Entwicklung der Vermögenspreise geachtet. Kaum einer hat begriffen, dass es riskant sein kann, Wertpapiere stets zum Marktpreis zu bewerten. Niemand wollte sehen, dass Ratingagenturen Wertpapiere benoten und im Gegenzug Geld von den Herausgebern dieser Papiere erhalten.”

Dann geht Hengsbach lächelnd zum Angriff über – wohl wissend, dass er damit die Professoren zum Widerspruch herausfordert: „Wir müssen den Kapitalismus einer radikalen Wurzelbehandlung unterziehen. Das System ist fehlerhaft, es muss in eine neue Balance gebracht werden, in der die Verantwortung des Einzelnen wieder klar erkennbar ist. Dazu benötigen wir qualitatives Wachstum, kein quantitatives.”
Die Provokation funktioniert. Und der Pater verpasst fast seinen Zug – so lange dauert die Diskussion. Ein Teilnehmer sagt nachher: „Sein Vortrag war gut, aber ein bisschen naiv.” Diesen Vorwurf bekommt Hengsbach häufig zu hören. Auch wenn Banker oder Manager sich auf verschiedensten Veranstaltungen gern mit seiner Anwesenheit schmücken: Dass die Rezepte des Wirtschaftsethikers tatsächlich wirken könnten, glaubt kaum einer von ihnen.

Die Antworten

Wie soll sie denn konkret aussehen, die von Hengsbach angemahnte Wurzelbehandlung? Was genau versteht er unter qualitativem Wachstum? Wenn man Hengsbach danach fragt, geht der Professor mit ihm durch. Er gibt zum ersten Mal Antworten, die aus einer Vorlesung oder einem Lehrbuch stammen könnten. Die theoretisch zwar einleuchten, aber praktisch nicht immer umsetzbar scheinen. Sie kreisen um den Begriff „Verantwortung” und Hengsbachs bevorzugten Philosophen, den Gerechtigkeitstheoretiker John Rawls. Dessen Leitsatz lautet in vereinfachter Form: Jede Veränderung in einem Staat muss daran gemessen werden, ob sie den Ärmsten Vorteile bringt. Auf die Finanzmärkte übertragen heißt das für den Jesuitenpater: „Wir müssen Moral und Ethik in die Sprache des Marktes übersetzen. Für die Marktteilnehmer muss es schlicht zu teuer werden, ethische Fragen außer Acht zu lassen. Sie sollen sie quasi von vornherein einpreisen.”

Das nütze allen Mitgliedern einer Gesellschaft. Es ist letztlich das, was Hengsbach unter Verantwortung versteht: Wirtschaft und Moral zu vereinen, für das eigene Tun einzustehen und gegebenenfalls dafür auch juristisch zu haften. Dann erst ist aus seiner Sicht das qualitative Wachstum möglich, von dem er immer wieder spricht: „Wertschöpfung bedeutet nämlich nicht, immer mehr zu produzieren. Sondern im eigentlichen Wortsinne, Werte zu schöpfen: also sich um die Themen zu kümmern, von denen das Wohl der Menschheit abhängt – beispielsweise um den Nachwuchs oder die Umwelt.”
Illusorische Vorschläge, die den Praxistest nicht bestehen würden? Der 72-Jährige sieht das anders. Gerade bei der Geldanlage lasse sich ein Anfang machen, ist er überzeugt. Hengsbach selbst hat zwar noch nie einen Cent investiert. Das übernehmen einige Mitbrüder für seine Ordensgemeinschaft mit Unterstützung verschiedener Banken. Trotzdem hat der Pater eine klare Vorstellung davon, wie er Geld anlegen würde.
„Investments in Waffen, Atomkraft oder andere Umweltsünder wären für mich nicht akzeptabel. Ein christlicher Anleger muss im Zweifel dazu bereit sein, zugunsten seiner Überzeugungen auf höhere Renditen zu verzichten.” Mit Zertifikaten auf steigende Lebensmittelpreise zu setzen käme für ihn darum nicht infrage.
Trotz dieser strengen Auswahl würde Hengsbach allerdings nie so weit gehen, die klassische Portfoliotheorie einfach zu ignorieren. Er klingt einen Moment wie ein erfahrener Privatinvestor, wenn er sagt: „Natürlich würde ich meine Anlage so weit wie möglich über die verschiedenen Vermögensklassen streuen.” Der Jesuitenpater wäre ein rastloser Anleger, so viel ist sicher. Denn Hengsbach mag keinen Stillstand.

Im Gespräch wippt er ständig mit den Füßen oder rudert mit den Händen, ruhig sitzen kann er nicht. Kein Wunder, dass so einer sich Zeit seines Lebens engagieren muss. In den 80er-Jahren zum Beispiel für die Einführung der 35-Stunden-Woche und Arbeitnehmerrechte. Oder in jungen Jahren als Leiter katholischer Jugendgruppen. Auch mit über 70 kann es Hengsbach nicht lassen, sich einzumischen.
So sitzt er im wissenschaftlichen Beirat von Attac, obwohl er längst nicht alle Positionen der Globalisierungskritiker teilt. Aber er sagt: „Attac leistet einen wichtigen Beitrag zur monetären Alphabetisierung der Bevölkerung, das will ich unterstützen.” Auch in der Jury, die das „Unwort des Jahres” kürt, war er 2009 Mitglied. Das Rennen machte „betriebsratsverseucht”. Wenn Hengsbach davon spricht, schüttelt er minutenlang nur den Kopf, so abstoßend findet er diesen sprachlichen Tiefpunkt.
Zu Hause in Ludwigshafen ist der Pater eher selten anzutreffen. Wann immer er die Zeit findet, fährt er mit der Bahn ins nahe gelegene Mannheim. Auch dort setzt er sich ein – regelmäßig hält er im Gefängnis Messen für die Häftlinge. Seine Mitbrüder bekommt Hengsbach darum nur selten zu Gesicht. Dabei teilt er sich mit vier Jesuiten eine Wohnung.

„Wir sind eine richtige Männer-WG”, erzählt Hengsbach und verengt die Augen zu seinem eigentümlichen Lächeln. Der Jüngste ist etwas über 30 Jahre alt, der Älteste bereits über 80: Jeden Morgen beten sie gemeinsam. „Ich bedauere außerordentlich, dass ich nicht immer dabei sein kann.” Klar ist: Es hätte nicht der Finanzkrise bedurft, um diesen Mann zu beschäftigen. Doch die Freude und Streitlust, mit der Hengsbach immer wieder aufs Neue über den Kapitalismus diskutiert, zeigen: Der Pater ist keinesfalls unglücklich darüber, dass die Krise ihm den Ruhestand vermasselt hat.

Der Beitrag erschien im Februar 2010 erstmals in Börse online/Finanzen aktuell. Dennis Kremer arbeitete bis Februar 2012 als Redakteur im Ressort Finanzen des Wirtschaftsmagazins „Capital“ und war im Jahr 2011 als Stipendiat der Internationalen Journalistenprogramme (IJP) zwei Monate lang als Gastredakteur bei der brasilianischen Tageszeitung „Folha de São Paulo“ tätig. Seit März 2012 ist er Redakteur im Ressort Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 04.5.2013

Friedhelm Hengsbach

»Wir müssen den Kapitalismus einer radikalen Wurzelbehandlung unterziehen. Das System ist fehlerhaft, es muss in eine neue Balance gebracht werden.«

»Wertschöpfung bedeutet nämlich nicht, immer mehr zu produzieren. Sondern im eigentlichen Wortsinne, Werte zu schöpfen: also sich um die Themen zu kümmern, von denen das Wohl der Menschheit abhängt – beispielsweise um den Nachwuchs oder die Umwelt.«