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Die letzte eigenständige Kunst war der Kinofilm. Von Anbeginn wurde er bekämpft und geliebt. Das Spiel mit den Sensationen und Emotionen war schon Faszinosum genug, mit dem Tonfilm aber gelang es, die letzte Distanz zum Publikum, und damit des Publikums, aufzuheben. Nun aber bringen die Totengräber des Kinos die Distanz zurück. Kai Mihm hat sich deren Argumente genau angesehen.

Essay

Das Kino stirbt! Stirbt es…?

Von Kai Mihm

Mit Filmkritikern ist das bekanntlich so eine Sache – es gibt immer was zu jammern. Wenn sie nicht gerade bei Symposien über die Befindlichkeiten der eigenen Branche nachdenken, beklagen sie den Niedergang des Kinos. In den letzten Jahren war, sicher nicht zu unrecht, 3D der Lieblingsfeind der Cinephilen. Dieser Kampf scheint weitgehend ausgestanden, das Format auf wenige Blockbuster beschränkt.

Viel mehr Spaß aber scheint es ohnehin zu machen, wenn es ums große Ganze geht, nämlich um die Zukunft des Kinos. In den letzten Monaten beschworen mehrere amerikanische Kritiker in namhaften Publikationen die drohende Apokalypse herauf. „Has Hollywood Murdered the Movies?”, fragte David Denby in „The New Republic”. Darin beklagt er die „Industrialisierung” des amerikanischen Kinos, die sich in lärmenden, erzählerisch inkohärenten und schlichtweg kindischen Blockbustern zeige. Der Erfolg dieser Filme führe dazu, dass weder Geld noch Filmtheater für ambitionierte Werke mehr zur Verfügung stehen.

Der britische Filmhistoriker David Thomson proklamierte im gleichen Heft: „American Movies are Not Dead: They are Dying”. Ausgangspunkt seiner Argumentation ist die große „Sight & Sound”-Kritikerumfrage nach den „Besten Filmen aller Zeiten”, bei der kein Film nach 1968 es in die Top 10 schaffte und nur zwei Filme aus den 2000er Jahren in die Top 50 (In the Mood for Love und Mulholland Drive). Für Thomson ein klarer Beleg, dass er stetig bergab geht. Unter anderem seien Miniaturformate wie iPads und Selfmade-Plattformen wie youtube Schuld an der Trivialisierung der Filmkultur.

Kurz darauf beschrieb Andrew O'Hehir im renommierten Online-Magazin Salon.com das „Sterben der Filmkultur”: In bürgerlichen Kreisen würde längst nicht mehr so ausdauernd über Filme diskutiert wie früher einmal. Die „Susan-Sontag-Ära”, als Filmdebatten eine Art Königsdisziplin unter Amerikas Intellektuellen bildeten und man bestimmte Filme unbedingt gesehen haben musste, um nicht im Abseits zu stehen, sei lange vorbei.
Die teils spöttischen Repliken optimistischerer Cinephiler ließen natürlich nicht lange auf sich warten. Das Ergebnis war eine spannende, argumentativ variantenreiche Debatte, wie man sie sich in Deutschland leider kaum vorstellen kann.

Nicht dass Denby, Thomson und O'Hehir die Ersten wären, die das Thema auf die Tagesordnung setzen. 1999 veröffentlichte der Kritiker Godfrey Cheshire seinen weltweit viel beachteten Essay „The Death of Film/The Decay of Cinema”, in dem er vor den Folgen der umfassenden Digitalisierung warnte. Viele seiner Prophezeiungen haben sich bewahrheitet, vom Exklusivitätsverlust der Kinos und den per Satellit eingespeisten Konzert- und Fernsehübertragungen in die Säle bis hin zur kompletten Einstellung der Produktion von Filmkameras. In den letzten Jahren erschienen Bücher mit vielsagenden Titel wie „Film After Film: Or, What Became of 21st Century Cinema?” von Jonathan Hoberman und „Pandora's Digital Box: Films, Files, and the Future of Movies” von David Bordwell.

Die Digitalisierung der Techniken und die Infantilisierung der Inhalte ist bei fast allen Streitschriften ein zentrales Motiv, und ganz egal, ob man selbst die Thesen als relevant erachtet, ist es sicherlich bemerkenswert, dass in den USA solche Fragen überhaupt aufgeworfen werden.

Ein Blick in die Vergangenheit macht allerdings klar, dass die Unkenrufe der Kritiker fast so alt sind, wie das Kino selbst: Sie kommen lediglich in immer neuen Varianten daher. Die Chronologie „A Brief History Of The Death Of Cinema” auf Indiewire.com macht dies auf amüsante Weise anschaulich. Die Lamentos gehen dort bis in die 1940er Jahre zurück, als der rumänische Künstler und Filmemacher Isidore Isou in einem Manifest das Ende des „gefetteten Schweins” namens Kino prophezeite. Überhaupt fällt auf, wie häufig Filmemacher selbst vom Ende ihres Mediums sprechen. 1963 proklamiert Roberto Rossellini „Das Kino ist tot” – und dreht für den Rest seiner Karriere fast nur noch fürs Fernsehen. 1968 endet Jean-Luc Godards „Weekend” mit der (durchaus eitlen) Einblendung „Fin… du cinema.”. 2006 nennt Paul Schrader das Kino in einem Essay für den „Film Comment” ein „abgehalftertes Pferd” und ein „Relikt des 20. Jahrhunderts”.
Auch scheint jede Generation ihren eigenen filmischen Sündenbock zu haben, einen Markstein für den beginnenden Niedergang. Für François Truffaut zum Beispiel war es der erste Bond-Film, „Dr. No” von 1962, den er als „Degradierung der Kunstform” und als „Beginn der Dekadenz” bezeichnete; zahlreiche Historiker hingegen schreiben diese Attribute bekanntlich dem „Weißen Hai” und „Star Wars” zu; der Dokumentarfilmer und Journalist Mark Hariss wiederum identifizierte in seinem Essay „The Day the Movies Died” Tony Scotts „Top Gun” von 1986 als Anfang vom Ende. Denby wiederum sieht „Gladiator”, „Moulin Rouge” und „Pearl Harbor”, alle von 2001, als Totengräber der Kinokunst.

Dass einige der genannten Filme inzwischen als „Klassiker” gelten, würde in diesem Zusammenhang noch einmal ein ganz anderes Terrain eröffnen.

Einig sind sich die cinephilen Pessimisten seit jeher in der Haltung, dass Hollywood (inklusive des Heimkinomarkts) an allem Schuld ist, im neuen Jahrtausend ergänzt durch Internet und den neuen TV-Serienboom. Während O'Hehir eine Verschiebung der intellektuellen Debatte hin zum Fernsehen als Kinokiller anführt, beschreibt Denby in seinem Text die „industrialisierte”, sprich gleichgeschaltete Ästhetik (corporate aesthetic) des modernen Hollywoodkinos. Diese diene einer leichten Konsumierbarkeit, erhöhe den Wiedererkennungseffekt, und überhaupt würden Filme wie „Iron Man 2” oder „The Avengers” sowieso vor allem produziert, um das Geschäft mit Merchandisingprodukten und TV-Verkaufsrechten anzukurbeln. Was den lärmenden Kassenhits indes fehle, seien die spürbare Leidenschaft der Macher, Esprit, geistreiche Dialoge, Charaktere, ein Bezug zur Lebensrealität der Zuschauer und vor allem „Emotionen”. Diese Klage formuliert auch David Thomson, in dessen Augen jedoch seit den siebziger Jahren sowieso kaum noch Nennenswertes gedreht wurde. Kurz gesagt: Kritikern wie Denby fehlt in Zeiten überbordender Digitaleffekte der „menschliche Faktor”.
So nachvollziehbar diese Kritik sein mag, offenbaren Fachleute wie Denby und Thomson in ihren Argumenten eine ziemliche konservative Vorstellung von „gutem” Kino: inhaltlich „relevant” muss es sein, handwerklich sauber, erzählerisch übersichtlich und getragen von einem anspruchsvollen Drehbuch und guten Schauspielern. Das kann man künstlerisch ambitioniert nennen – oder biederes „Qualitätskino”. Auf Filme wie „The King's Speech” und „Zeiten des Aufruhrs” treffen die genannten Kriterien sicher zu. Aber sind sie deshalb Kunstwerke?

Nun scheint es tatsächlich so, dass bei den Großproduktionen heute nicht mehr so sehr die Stars das Publikum anziehen sollen, nicht mehr Schauspieler wie Tom Hanks oder Bruce Willis Markennamen sind, die die Massen anlocken, sondern der Film selbst zur vielfach verwertbaren Marke gemacht wird. Von 20-Millionen-Dollar-Gagen für einstige Markenstars wie Will Smith spricht jedenfalls kaum noch jemand. Und der „Spiderman”Reboot sowie die augenscheinliche Austauschbarkeit der Hulk und Batman-Darsteller sprechen ebenfalls für die Theorie vom Film als eigener, von menschlichen Unwägbarkeiten unabhängige „Marke”.

Ein Blick auf die Programme der Multiplexe belegt die These, dass die meisten Großproduktionen der Studios sich an ein jugendliches Publikum richten. Frank Schnelle hat in der Septemberausgabe von epd Film die Monokultur aus Fortsetzungen, Reboots, Comic-Franchises und Animationsfilmen beschrieben. Letztlich also genau das, was auch Denby, Thomson und all die anderen postulieren: eine von Hollywood herbeigefilmte Infantilisierung der Kinokultur. Früher sei das alles anders gewesen. Aber war es das wirklich?
Wirft man einen Blick auf die erfolgreichsten Filme der viel gepriesenen Siebziger, findet man ganz vorne Titel wie „Flammendes Inferno”, „Das Poseidon Inferno”, „Erdbeben”, „Airport”, „Airport '75”, „Airport '77” und „Airport '80”: Der Katastrophenfilm war die Comicverfilmung der Siebziger. Auf der anderen Seite schafften es auch Autorenfilmer wie Woody Allen regelmäßig in die Hitlisten – allerdings hat sich auch daran nichts geändert: Legte nicht Allen in den letzten Jahren mit „Match Point”, „Vicky Christina Barcelona” und „Midnight in Paris” einige der erfolgreichsten Filme seiner gesamten Karriere vor?

Mag sein, dass heute mehr denn je triviale Filme die Multiplexe füllen. Aber es werden insgesamt auch mehr Filme denn je gedreht, darunter zahllose Alternativen zu „The Dark Knight” und Co. Und dass die großen, lauten Blockbuster die Box-Office-Charts dominieren, weil sie in Hunderten oder Tausenden Kinos gleichzeitig starten, bedeutet nicht automatisch, dass die „besseren” Filme nicht auch ihr Geld einspielen. Sie tauchen lediglich nicht in den Top 10 auf, weil dort sowieso nur noch Filme ab Hundert Millionen aufwärts stehen.

Man kann natürlich auch aus der Not eine Tugend machen. Bereits 1964 fragte Pauline Kael „Are Movies Going to Pieces?”, wobei sie sich in dem Essay genau gegen jene Form eines „geschmackvollen” Bildungsbürgerkinos richtete, die Leute wie Denby scheinbar vermissen. Einige Jahre später trat sie in ihrem berümten Essay „Trash, Art and the Movies” mit flammenden Worten und kokett antiintellektueller Pose für die Niederungen des Kinos ein: „Movies are so rarely great art, that if we cannot appreciate great trash, we have very little reason to be interested in them.” Damit war freilich keine blinde Begeisterung für C-Movies gemeint, sondern die Offenheit und die Fähigkeit, künsterlische Qualitäten in den Niederungen des Kinos zu entdecken.

Frei nach dieser Maxime macht Richard Brody vom „New Yorker” in dem Multimillionen-Mega-Trash „The Avengers” eine hintersinnige Post-9/11-Allegorie aus, während der deutsche Filmwissenschaftler und Kritiker Simon Rothöhler im Cargo-Blog Paul W.S. Andersons „Resident Evil: Retribution” für das „verdienstvolle Sprengen der Franchisenormästhetik” lobt.
Aber selbst wenn man sich diesen Haltungen nicht anschließen und nicht als cinephiles Trüffelschwein das Kunstvolle im Trashigen aufspüren möchte, bleibt noch jede Menge Auswahl an mehrheitsfähigen Filmen.

Fakt ist, dass das Kino durch Fernsehen, Internet und Videospiele seine Position als (massen)kulturelles Leitmedium verloren hat. Na und? Fakt ist nämlich auch, dass wir uns, wie Richard Brody in seiner Replik auf Denby sagt, in einem neuen Goldenen Zeitalter des Kinos befinden. Man denke nur an die zahlreichen hervorragenden Independent-Produktionen der letzten Jahre, an die viel beachteten Werke der neuen Regionalisten wie Jeff Nichols („Take Shelter”), Debra Granik („Winters Bone”) und Kelly Reichardt („Meek’s Cutoff”). Außerdem an Filme wie „Shutter Island”, „Borat”, „Gone Baby Gone”, „Schmetterling und Taucherglocke”, „There Will Be Blood”, „The Fighter”, „Beim ersten Mal”, „Tree of Life”, „The Hurt Locker”, „Adventureland” und „Somewhere” – von großartigem „Trash” wie „Norbit”, „96 Hours” oder „Chuck und Larry” ganz zu schweigen. Regisseure wie Darren Aronofsky, David Fincher, Steven Soderbergh, Werner Herzog, die Apatow-Factory, die Coen-Brüder, Wes Anderson und sogar Terrence Malick drehen mit schöner Regelmäßigkeit sehenswerte Filme. Und das ist nur eine Liste der bekanntesten und naheliegendsten Namen.

Das von O'Hehir beklagte Verschwinden des Films aus den privaten Diskursen im Freundes- und Kollegenkreis ist am ehesten mit der Atemlosigkeit der modernen Mediengesellschaft zu erklären. Bei der unüberschaubaren Auswahl muss man überhaupt erst jemanden finden, der die gleichen Filme gesehen hat. Und wenn bereits der nächste Input wartet, bleibt kaum noch Zeit und Muße, lange über Details zu diskutieren. Dies ist jedoch kein filmspezifisches, sondern ein gesellschaftliches Phänomen.

Was aber das befürchete Verschwinden guter Filme betrifft, ist es letztlich an uns, dem Publikum, der Kunst (wie auch immer man sie definiert) zum Erfolg zu verhelfen. Wenn also das so genannte Arthousekino irgendwann einmal zugrunde geht, dann ist das weniger die Schuld des großen, bösen Hollywood. Es wird daran liegen, dass wir als Zuschauer zu träge waren.

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erstellt am 04.5.2013

»Fakt ist, dass das Kino durch Fernsehen, Internet und Videospiele seine Position als (massen)kulturelles Leitmedium verloren hat. Na und? Fakt ist nämlich auch, dass wir uns, wie Richard Brody in seiner Replik auf Denby sagt, in einem neuen Goldenen Zeitalter des Kinos befinden. Man denke nur an die zahlreichen hervorragenden Independent-Produktionen der letzten Jahre…«