Filmkritik

Passion

Der neue Film von Brian De Palma erzählt von den Intrigenspielen in einer Berliner Werbeagentur

Von Kai Mihm

Brian De Palma gehörte schon immer zu den Außenseitern im amerikanischen Filmgeschäft. Anders als seine New-Hollywood-Kollegen Martin Scorsese, Steven Spielberg und George Lucas konnte (oder wollte?) er sich nie wirklich als „Big Player” etablieren. Bei Großproduktionen war er meist zweite Wahl oder hatte den Job Stars wie Al Pacino und Tom Cruise zu verdanken. Dabei gelang es ihm stets, auch Auftragsarbeiten wie „Mission to Mars” zu unverkennbaren De-Palma-Filmen zu machen. Doch die Zeiten, als er den Grundstein für den „Mission: Impossible”-Franchise legte und die Cahièrs du Cinema „Carlito's Way” zum besten Film des Jahrzehnts kürten, sind lange vorbei.

Während ähnlich eigenwillige Generationsgenossen wie William Friedkin und George Romero in den letzten Jahren kleine Comebacks erlebten und Francis Ford Coppola seine ultrapersönlichen Low-Budget-Filme durch einen florierenden Weinanbau finanziert, muss De Palma – genau wie Paul Schrader – inzwischen um die ganze Welt tingeln, um Geldgeber für seine Projekte zu finden. Und obwohl sein Irak-Drama „Redacted” in Venedig mit dem Silbernen Löwen für die Beste Regie ausgezeichnet wurde, dauerte es fünf Jahre, bis er ein neues Projekt auf die Beine stellen konnte. „Passion”, ein Remake von Alain Corneaus „Liebe und Intrigen” (2010), spielt in der Berliner Werbeszene und erzählt von einer ehrgeizigen Agenturmitarbeiterin (Noomi Rapace), die sich von ihrer karrieristischen Chefin (Rachel McAdams) manipulieren und ausnutzen lässt. Bis sie nach einer besonders drastischen Demütigung den Spieß umdreht und einen Rachfeldzug startet.

Mehr sollte man von der Geschichte nicht wissen, um sich nicht des mäßigen Vergnügens zu berauben, das der Film bereitet. Insbesondere für De-Palma-Fans nämlich ist „Passion” ein Trauerspiel: Nach einem starken Auftakt, der treffende Bilder für die Künstlichkeit der Werbebranche und originelle Symbole für die pathetische Dekadenz der Berlin-Schickeria findet (das Apple-Logo als Apfel der Versuchung), verliert das Ganze sich in einer lächerlichen Plotkonstruktion, bei der unsympathische Figuren sich gegenseitig abstoßende Dinge antun.

Bei De Palmas letztem Genrebeitrag „Femme Fatale” konnte man die Albernheiten der Geschichte noch als lustvoll-selbstironisches Spiel des Regisseurs mit der eigenen Filmografie betrachten. Bei „Passion” hingegen wirkt die Inszenierung vor allem desillusioniert und zynisch. Als gelte es, für Geldgeber und Fans eine Checkliste abzuhaken, spult De Palma die für ihn typischen Inhalte ab: Traumsequenzen, Voyeurismus, „schmutzige” Sexfantasien, Split-Screens, ein bizarrer Mord und zahllose Referenzen an die eigenen Thriller. Doch er erfüllt die vermeintlichen Erwartungen mit einer Lustlosigkeit, als sei er seiner eigenen Obsessionen überdrüssig – es ist irgendwie alles da, aber nichts davon macht Spaß. Mit viel Wohlwollen kann man das als eine Art subversiver Verweigerung betrachten. An der Ödnis ändert es aber nichts.

Wie zuvor schon „Black Dahlia” ist „Passion” eine internationale Koproduktion mit erheblicher deutscher Beteiligung. Wohl aus diesem Grund spielt der Film in Berlin, wobei der Almodovar-Kameramann José Luis Alcaine der Stadt erstaunlich wenig abgewinnt. Am spannendsten sind noch die filmischen Verfremdungen der Berliner Drehorte, wenn etwa das glamouröse Restaurant Margaux per Fensteraufkleber („Chelsea”) nach London verlegt oder der Eingang des Arsenal-Kinos mit ein paar Papptafeln zum Foyer einer Werbeagentur umgestaltet wird. Hier und da gibt es originelle visuelle Kniffe, aber vom frivolen Blick, mit dem De Palma etwa in „Body Double” die postmoderne Architektur von Los Angeles zu einem integralen Bestandteil der Erzählung machte, fehlt hier jede Spur. Überhaupt wirkt für einen De-Palma-Film alles sehr zahm: Die zahlreichen Sexszenen sind weder provokant noch sexy, die wenigen Suspense-Momente sind von ermüdender Schwerfälligkeit und wenn der zentrale Mord endlich passiert, hat man längst das Interesse an den Figuren verloren: Whodunit? Mir völlig egal.

Trotz alldem kommt man als Cinephiler wohl nicht umhin, sich einen neuen Film von Brian De Palma anzuschauen. Aber jenseits dieser persönlichen Chronistenpflicht lassen sich leider kaum Gründe finden.

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erstellt am 03.5.2013