Musikfestival

Das Erste und das Letzte

Von Thomas Rothschild

Bereits zum 17. Mal fand in Osnabrück, einer Stadt, die, geschmackvoll restauriert, hübscher und lebendiger ist als ihr Ruf, das kleine Musikfestival „Classic con Brio“ statt. Das Motto, das man sich in diesem Jahr gab und das zugleich die Konzeption markiert, ist, im Gegensatz zu vielen schön klingenden, aber nichtssagenden, allenfalls kalauernden Motti, einleuchtend: „opus primum – opus ultimum“. Die Gegenüberstellung erster und letzter Werke eines Komponisten können in der Tat eine individuelle Entwicklung illustrieren und zugleich Anregungen liefern zu einer Typologie von Früh- und Spätwerken.

Dreizehn Konzerte standen in einem Zeitraum von zehn Tagen auf dem Programm. Dass man sich auf Kammermusik beschränkt, dürfte nicht nur prinzipielle, sondern auch budgetäre Gründe haben. Zudem setzt man in Osnabrück wie etwa in Lockenhaus und anderswo auf die Begegnung und das Zusammenspiel von Musikern, die über ein bloßes Anreisen für ein Konzert hinausgehen. Das lässt sich mit Solisten und kleinen Ensembles eher bewältigen als mit Symphonieorchestern.
Im Zentrum von „Classic con Brio“ stehen die Klassik im engeren Sinne, aber auch ältere Musik sowie Komponisten des späteren 19. und des 20. Jahrhunderts, von Debussy und Sibelius bis zu Bartók, Schostakowitsch, Britten und Schnittke, fanden sich auf dem Programm. Aus dem Rahmen fielen ein „Memorial Concert“ mit dem „Kaiser von Atlantis“ des in Auschwitz ermordeten Viktor Ullmann sowie ein Konzert mit lateinamerikanischer Musik von Violeta Parra, Astor Piazzolla, Alfredo Le Pera und der Tango-Legende Carlos Gardel.

Bei den beiden letzten Konzerten standen Felix Mendelssohn Bartholdy und Franz Schubert im Mittelpunkt. Das in Hannover beheimatete Szymanowski Quartett, dessen Mitglieder aus der Ukraine und aus Polen stammen und das sich mittlerweile in die erste Liga der Streichquartette hochgespielt hat, interpretierte Mendelssohns Streichquartett Nr. 6 f-Moll, das der Komponist kurz nach dem Tod seiner Schwester Fanny und nur zwei Monate vor seinem eigenen Tod geschrieben hat, zartfühlend und zugleich dicht, bedrängend. Das Klavierquartett c-Moll op. 1, das Mendelssohn mit dreizehn Jahren (!) komponiert hat, weist zwar noch nicht die Komplexität und die emotionale Reife des Spätwerks auf, ist aber kompositionstechnisch und in seinem Reichtum an musikalischen Einfällen auf geradezu unglaubliche Weise nichts weniger als „Kinderspiel“.

Zwischen den beiden Stücken von Mendelssohn Bartholdy bewies die finnische Violinistin Minna Pensola mit der Körpersprache eines Nigel Kennedy, wie ungemein modern Debussy klingen kann. Nichts von den mit dem Impressionismus verbundenen Klischees drängt sich in seiner expressiven Sonate für Violine und Klavier g-Moll auf. Am Klavier saß hier, ebenso wie bei Mendelssohns Klavierquartett und dem „opus ultimum“ des bereits kranken Schumann, seinem „Thema mit fünf Variationen Es-Dur“ mit dem Titel „Geistervariationen“, der chilenische Pianist Alfredo Perl. Der Veranstalter von „Classic con Brion“ Hagen Gleisner ist aus Chile nach Deutschland gekommen. Seine guten Kontakte nach Chile lassen sich auch den eingeladenen Gästen ablesen.

Das erste Werk Schuberts ist zugleich eins seiner bekanntesten: die Vertonung von Goethes „Erlkönig“. Sein letztes kammermusikalisches Werk, das rund 50minütige Streichquintett C-Dur für 2 Violinen, Viola und 2 Violoncelli wurde in Osnabrück von Musikern des finnischen Meta4 Quartetts und des rumänischen Enesco Quartetts interpretiert, subtil und ergreifend, als hätten die fünf Streicher immer schon gemeinsam musiziert. Dazwischen spielte das Enesco Quartett Schuberts berühmtes Streichquartett Nr. 14 „Der Tod und das Mädchen“, das mit dem „Erlkönig“ das Motiv des Todes teilt. Ein Konzert der Querverbindungen und der Kontraste, ein schöner Abschluss für das Festival. Freilich: der verkaufsoffene Sonntag zog mehr Menschen an als der konzertoffene Sonntag. Für Kulturpessimismus sorgt der Blick auf die Realität.

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erstellt am 03.5.2013