Der Teufel glaubt an Gott. Er braucht ihn sogar. Und umgekehrt. Dieses Abhängigkeitsverhältnis spiegelt sich im Verhältnis des bösen Menschen zum Helden, an das zu glauben wohl immer noch ein Bedürfnis besteht. Christian Y. Schmidt hat mit seinem Buch »Wir sind die Wahnsinnigen – Joschka Fischer und seine Frankfurter Gang« dieses Bedürfnis bedient, und Detlev Claussen hat darauf reagiert.

Glosse

Missglückte Reprise

Eine überflüssige Wiederaufnahme der Joschka-Fischer-Oper

Von Detlev Claussen

„Wir sind die Wahnsinnigen“ – dieses Buch über „Joschka Fischer und seine Frankfurter Gang“, so der Untertitel – ist fünfzehn Jahre alt und kommt 2013 neu daher. Es gibt viele Schmidts in Deutschland – der alte, neue Autor hat sich inzwischen zu Christian Y. Schmidt gemausert und schickt sein Vorwort 2013 aus Peking. Dort scheint der ehemalige Titanic-Redakteur einen neuen Lebensmittelpunkt gefunden zu haben, der ihm einen Epilog zu seinem alten Text nicht nur aus zeitlicher, sondern auch aus räumlicher Distanz ermöglicht. Das hat aber seinen Furor (teutonicus) nicht gemindert, „den Joschka“ zu demontieren. Biographien von Lebenden sind schon an sich ein problematisches Geschäft; aber warum über einen Menschen schreiben, den man nicht leiden kann … und das Ganze auch noch einmal fünfzehn Jahre später wiederholen?

Der Antrieb scheint der gleiche zu sein wie 1998 – ein unbändiger Wille, einen allseits sichtbaren Prominenten, der auch einmal ganz klein und gewöhnlich war, zu demaskieren. Rufmord – bei BILD eine industrielle Technik, bei Schmidt ein mühseliges Handwerk – erfüllt ein weit verbreitetes Bedürfnis in einer Gesellschaft, in der die ungleiche Verteilung von Ruhm, Geld und Ehre den Narzissmus des souveränen Medienkonsumenten ständig kränkt. Joschka Fischer war auch schon für BILD Objekt einer rufmörderischen Begierde, seit er der beliebteste Politiker Deutschlands in der Nach-Kohl-Ära geworden war. Der BILD war Joschka ein Dorn im Auge; denn anders als bei Schröder, Wulf oder Hoeneß hatte sie seinen Aufstieg verpasst. Fischer tauchte aus dem BILD unbekannten Nichts des Frankfurter Spontimilieus plötzlich auf. Dieses schwarze Loch, aus dem nach 1970 ab und zu ein paar Steine, begleitet von einem verbalradikalen Vokabular, geflogen kamen, hat mit großem energetischen Aufwand Christian Y. Schmidt ausgeleuchtet.

Schmidts 1998 erschienene Biographie lieferte willkommenes Material für die großen Anti-Joschka-Attacken von CDU/CSU, FDP und vornehmlich Springerpresse, die 2001 und 2005 – ziemlich erfolglos – geritten wurden. Joschkas buntes Leben, sein gewichts- und beziehungsmäßiges Auf und Ab lieferten der Yellowpress weiterhin Unterhaltungsstoff, und die sogenannte „Verbürgerlichung“ eines ehemals linksradikalen Straßenkämpfers variierte die alte bürgerliche Lebensweisheit „Wer mit 20 nicht Sozialist ist, hat kein Herz; wer es mit 30 immer noch ist, ist ein Dummkopf“. Schmidt beklagt sich, als Quelle von den arrivierten Medien benutzt, aber nicht ernst genommen worden zu sein. Er kokettiert mit einem medialen „Kartell des Schweigens“, das von Joschkas Vergangenheit nichts habe verbreitet wissen wollen – und somit ihn und seine „freche Biographie“ verschwiegen habe. Aber jetzt, 2013, sieht er eine neue Chance, dem inzwischen zum Elder Statesman geadelten, hochdotierten Industrie- und Politikberater die Maske des Biedermannes vom Gesicht zu reißen. Fischers linksradikale Vergangenheit hat sich nicht verändert; warum sollte Schmidt seinen prophetischen Text von 1998 ändern?

Das ist das wirklich Neue an Schmidts Biographie: Der Autor bestätigt sich selbst, wie genau er alles bei dem rot-grünen Regierungsantritt 1998 vorausgesagt hat. Zwei unverzeihliche Sünden hat er aus seinen biographischen Erkenntnissen schon vorhergesehen: Die Militarisierung der deutschen Außenpolitik und den schlimmsten Sozialabbau in der Geschichte der Bundesrepublik – kurz: Kosovo und Hartz IV sind die Reizwörter der Vergangenheit, die den Joschka von 2013 zum karrieregeilen, opportunistischen Schwein abstempeln. Wer diese Brille aufsetzt, kann sich auf knapp 400 Seiten in seinem Weltbild bestätigt sehen. Eine teutonische Lebensweisheit der fünfziger Jahre kehrt wieder: „Politik ist ein schmutziges Geschäft“, dient der persönlichen Bereicherung, und die „kleinen Leute“ müssen zahlen. Die Soziologie des freien Autors lässt grüßen, der in prekären Beschäftigungsverhältnissen sich spektakuläre Objekte sucht, die er investigativ verfolgen kann. Wer da nicht mitmacht, gerät schon in Verdacht, zu einer „Art von  Schweigekartell“ zu gehören, wie Schmidt den investigativen Joschka-Fischer-Jäger Jürgen Schreiber („Meine Jahre mit Joschka”) zustimmend am Anfang (S.9) und am Ende (S. 375) seiner Neuauflage von 2013 nicht müde wird zu zitieren. Von wegen „Schweigekartell” – seit 1998 wird beim Namen Joschka Fischer „Haltet den Dieb gerufen!” – wer da nicht mitschreit, gilt Chistian Y. Schmidt, dem ersten Rufer in der medialen Wüste, als eine Art Handlanger des Verbrechens.

Autor Schmidt hat die überschaubare Frankfurter Spontiszene, oder was davon noch übrig war, 1989 durch die Lektüre des Pflasterstrand kennengelernt, nachdem er aus Bielefeld nach Frankfurt verzogen und bei der Titanic angeheuert hatte. 1996 begab er sich auf seine Suche nach der verlorenen Zeit – als einer dieser zu spät gekommenen (Hobby)historiker, die etwas über „68“ schreiben, das sie nur per hearsay kennen. Das Kneipengespräch mit Veteranen wird zur zentralen Erkenntnisquelle oder die unerquickliche Lektüre der schriftlichen Dokumente von Bewegungen, die sich gerade von der vorherrschenden Schriftlichkeit der Kultur entfernt haben. Archive, Flugblätter, Tonbandaufnahmen muss man interpretieren lernen; sie sprechen weder für sich selbst noch für das, was der zu spät gekommene Autor gerade beweisen will. Schmidt beruft sich affirmativ auf den Pionier dieser post festum gekommenen Bewegungshistoriker, Wolfgang Kraushaar, der in regelmäßigem zeitlichen Abstand einander widersprechende Darstellungen nicht nur von „68“, der RAF, sondern auch von Joschka Fischer geliefert hat. Mal möchte der Historiker vom Sozialprestige des Themas profitieren, mal sich an die Spitze des bashings der einst Bewunderten setzen. Schmidt hat die erste Fassung seines Textes über „Joschka Fischer und seine Frankfurter Gang“ zu einem Zeitpunkt verfasst, als Fischerbashing noch als nonkonformistische mutige Tat durchgehen konnte. 15 Jahre später wirkt sie wie eine alte Geschichte, die gar nicht „ewig neu“(Heine) bleibt…

Warum soll man sich mit einem solchen Buch die Laune verderben? Als einzigen Grund kann ich mir vorstellen; es ist ein aktuelles Beispiel für die Mobilisierung und Reproduktion von Ressentiments. Die gesellschaftliche Atmosphäre wird vergiftet, und Nachdenken wird verhindert durch die Vorspiegelung von Bescheidwissen. Denunziantentum kommt im Gewand der Aufklärung daher. Christian Y. Schmidt bemüht sich um eine Vorwärtsverteidigung gegen diese Kritik. Mögliche kritische Einwände wehrt er durch den Verdacht der Kumpanei mit Fischer ab. So kommt er im Nachtrag seines Buches zu der weltbewegenden Frage „Wer ist Udo Riechmann?“. Der arme Udo soll Schmidts Kopf aus der Schlinge des Denunzianten retten, die ihm Joschkas ehemaliger „Revolutionärer Kampf“-Kumpel und heutige „Tigerpalast“-Direktor Johnny Klinke um den Hals gelegt hat.
2001 hatte sich Udo Riechmann dazu hinreißen lassen, als Außenminister Fischer von der CDU-FDP-Opposition über seine bis 1976 zurückverfolgte Straßenkämpfervergangenheit zu Fall gebracht werden sollte, irgendeinem Journalisten (beim Bier? Im Club Voltaire?) etwas über eine Versammlung am Vorabend der Ulrike-Meinhof-Demo zu erzählen. Joschka soll da den möglichen Einsatz von Molotowcocktails gerechtfertigt haben. Ein böser Schläger, der später als Friedensengel durch die Lande zog, um dann noch später den Einsatz der Bundeswehr in Jugoslawien gegen den Widerstand aufrechter Pazifisten durchzusetzen? Nein, der gute Udo will nicht den Sturz des Ministers Joschka verantworten; aber die durch Fischer verursachte „Militarisierung der deutschen Außenpolitik“ (Schmidt) zwingt ihn, doch über die persönliche militante Vergangenheit die Wahrheit zu berichten: Eidesstattliche Erklärung Udos, Schmidt hat seine „Quelle“. Nur weil es gerade politisch opportun ist, macht man 25 Jahre später eine Aussage, die nicht einmal kriminalrechtlich relevant ist, sondern nur einem Rufmord dient? Einfach ekelhaft.

Dem Biographen Schmidt geht es nicht um die Wahrheit, sondern um die Demontage der biographierten Person. Die Erbsünde des Biographismus fällt auf ihn zurück: die Personalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse. Die Lektüre von Texten dieser Art fordert auch den Zeitzeugen heraus, der manches genauer und besser weiß als ein Amateurhistoriker, der nicht nur kein sicheres Sensorium für die Zeit, über die er schreibt, entwickelt, sondern auch die seit Jahrzehnten anhaltende Diskussion um Quellen der Zeitgeschichte verpasst hat. Schmidt geht es weder um die geschichtliche Erkenntnis, noch um die durchaus relevante Frage, wie es möglich sei, dass sich jemand wie Fischer mit seiner krummen Lebens- und Herkunftsgeschichte einer ungebrochenen Popularität erfreuen kann. Auch der Respekt, den sich Fischer während seiner Amtszeit als Außenminister international erworben hat, zählt für Schmidt nicht; denn dafür ist der Frankfurter Teil der Fischerschen Lebensgeschichte irrelevant. Deshalb kümmert sich Schmidt auch nicht um die inzwischen erschienene Literatur. Das ausgezeichnete Buch von Paul Hockenos „Joschka Fischer and the making of the Berlin Republic“ (2008, Oxford University Press) erwähnt Schmidt mit keinem Wort.

Man muss kein Fischerkumpel sein, um Joschka nicht nur als geltungssüchtigen, egoistischen Karrieristen zu sehen. In meinem Leben habe ich Fischer in vielen Rollen erlebt. Ich lernte ihn im 8. Stock des Walter Kolb Heims am Beethovenplatz 4 im Herbst 1967 oder Frühjahr 1968 kennen, als er mir von ihm eigenhändig geklaute Bücher verkaufen wollte. Er zeigte sich als an den Inhalten der Bücher mehr interessierter Autodidakt, als man es vermuten konnte. Ich holte ihn in die Redaktion des SDS-Theorieorgans „neue kritik“, die 1968 in einer immer theoriefeindlicher werdenden antiautoritären Bewegung unterzugehen drohte. Im Winter 1969 überließ ich ihm meinen Platz in der SDS-Delegation zur PLO-Konferenz in Algier, da ich an der Lunge erkrankt war und sicher war, Fischer besitze genug Problembewusstsein, sich dort als interessierter, aber nicht kritikloser Abgesandter aus Deutschland aufzuführen. Später hat man dem Außenminister in Deutschland diese Anwesenheit in Algier als Parteinahme für den Terrorismus und als antisemitische Aktion ankreiden wollen. 1998, zum Zeitpunkt von Schmidts Erstveröffentlichung, habe ich den jungen Außenminister bei einem Empfang in der Universität von Tel Aviv wieder getroffen. Bei seiner Rede stieß mich die spätere israelische Bildungsministerin in die Seite und meinte: „So einen Außenminister bräuchten wir auch!“ Das Prestige, das sich während seiner Amtszeit auf der israelischen und palästinensischen Seite erarbeitet hat, geht weit über die objektive Bedeutung der Bundesrepublik in dieser Region hinaus.

In der bleiernen Zeit der siebziger Jahre hat die Frankfurter Spontiszene eine zumindest zweideutige Rolle gespielt. Schmidt gelingt es nicht, diese Rolle auf den Begriff zu bringen, weil er vorrangig an der individuellen Herabsetzung der Protagonisten interessiert ist. Die gewollte Verächtlichmachung Daniel Cohn-Bendits fällt auf den Autor selbst zurück, der nicht erkennen kann, dass er es mit einem politischen Kopf zu tun hat, den der Christian Y. Schmidt selbst nicht besitzt. Schmidt muss Cohn-Bendit politisch demontieren, wenn er Fischer als einen hemmungslosen Karrieristen darstellen will. Schmidt meint sich als Stilkritiker des begnadeten Redners Cohn-Bendit aufführen zu dürfen, der die Tatsache ausbeutet, dass Cohn-Bendits schriftliche Äußerungen nahezu immer publizistische Schnellschüsse gewesen sind, für die er sich immer wieder mit der Feder tüchtigere Co-Autoren wie seinen Bruder, Tomas Schmidt, Reinhard Mohr oder Claus Leggewie gesucht hat. Wer schreibt, „Ich habe … mich über ganz spezielle Eigenschaften des großen Laberkopfes Cohn-Bendit lustig gemacht bzw. gegen den Unsinn polemisiert, den dieser Mann bis heute am laufenden Band verzapft“, disqualifiziert sich als Stilkritiker selbst.

Als ein ohne von einem Manuskript behinderter freier Redner gehört Daniel Cohn-Bendit in der rhetorisch zurückgebliebenen deutschen Öffentlichkeit zu den herausragenden Erscheinungen, seit Strauß und Wehner, Dutschke und Krahl nicht mehr da sind. Die Abkehr von einer Rhetorik der Militanz und die Hinwendung zu einer die außerparlamentarische Isolation überwindenden Strategie parlamentarischer Repräsentanz in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre war in Wirklichkeit ein point of no return. Cohn-Bendit und Fischer bewegten sich und ihre Gruppe aus der Bewegungsszenerie heraus, die Schmidt bis heute intellektuell noch nicht verlassen hat und ihn immer wieder „Verrat, Verrat“ schreien lässt. Lächerlich wird es geradezu, wenn Schmidt Fischer vorwirft, mit seinem Plädoyer für die Intervention der NATO in den Kosovo sich „in allen möglichen deutschen Traditionen“ zu befinden“ – nur nicht „in der von 1968“. „1968“ hat überhaupt keine nationale Tradition begründet, sondern wenn die Chiffre „68“ überhaupt etwas aussagt, verweist sie auf eine internationale Protestbewegung in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre, die der Vietnamkrieg der Vereinigten Staaten ausgelöst hat. Der von Slobodan Milosevic repräsentierte serbische Nationalismus hat die jugoslawischen Nationalitätenkonflikte nach 1990 so verschärft, dass eher die Unterlassungssünden der NATO wie bei der jahrelangen Belagerung von Sarajevo kritisiert werden müssen. Milosevic und seine Unterstützer haben die NATO-Intervention immer auf eine Stufe mit dem Überfall Italiens und Deutschlands auf Jugoslawien im Zweiten Weltkrieg verglichen, um ihren eigenen Ethnonationalismus in die Tradition des antifaschistischen Kampfes zu stellen. Diese serbisch-chauvinistische Propaganda übernimmt Schmidt, um Fischer als Fortsetzer einer Tradition von deutschen Angriffskriegen zu beschuldigen.

Wie wenig den zu spät gekommenen Schmidt die gerade von ihm selbst bemühte „Tradition von 68“ interessiert, zeigt sein Rückfall in konformistische Generationengeschichtsschreibung. Die Verhöhnung der antiautoritären Bewegung in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre als „der vielbesungene Aufstand der Bürgersöhne und –töchter“ passt in eine ab ovo gepflegte Abwehr von Gesellschaftskritik, die Angela Merkel noch im Bundestag von 2001 ermutigte, von Schröder und Fischer zu verlangen, sich endlich von 1968 zu distanzieren. Ironie dieser Vulgärsoziologie: Weder Schröder noch Fischer sind Bürgersöhne, sondern – gesellschaftlich gesehen – Aufsteiger. Um soziologische Erkenntnis geht es aber nicht, sondern um Diffamierungsstrategie: Die angebliche „Generation von 68“ soll entweder als gewalttätige Übeltäter oder als prinzipienloser karrieregeiler Haufen dargestellt werden. “Fischer und seine Frankfurter Gang“ sollen beides repräsentieren – Schmidt selbst reiht sich mit seinem Buch in die deutsche Tradition des „68er Bashing“ ein, die seit der bleiernen Zeit der 70er Jahre in immer wiederkehrenden Wellen die Bundesrepublik erfasst – zuletzt schwappte sie über dem Theodor-Heuss-Preisträger Cohn-Bendit zusammen, aus dem ein paar vorlaute Äußerungen in dem nicht beachtenswerten Buch „Der große Basar“ von 1975 als Kinderpornographie ausgelegt werden.

Noch ein weiterer Witz der Geschichte: Schmidt reproduziert die großmäulig vorgetragenen Interpretationen der linksradikalen Kinderkrankheiten, von denen die Frankfurter Spontiszene besonders lange geschüttelt wurde. So wichtig, wie ihre Protagonisten und Schmidt tun, waren sie gar nicht – weder „1968“ (abgesehen von Cohn-Bendit, Joschka war damals ein junger Hüpper mit weit aufgerissenen Augen) noch in den siebziger Jahren. Das Ende der antiautoritären Revolte 1970 hatten sie einfach verpasst. Schmidt fällt auf die posthume Leseweise ehemaliger Beteiligter, die „68“ über das Ende der antiautoritären Bewegung hinaus bis zur bleiernen Zeit 1976 dauern lassen will, herein. Diese Legende lässt die selbst gewählte politische Unmündigkeit der Kadersekten in milderem Licht erscheinen, die aus der zerfallenen antiautoritären Protestbewegung hervorgegangen sind. Die Spontis standen den MLern da gar nicht nach. Im „Pflasterstrand“ fanden sie sich wieder.

Wer die Papierberge dieser Sekten als Quellen studiert, ohne ein realitätsgerechtes Korrektiv zu besitzen, fällt auch in negativer Darstellung auf diese Legitimationspapiere in eigener Sache herein: „Wie damals fast alle Linken gingen auch die Frankfurter Spontis davon aus, dass 'Ulrike', so Joschka Fischer, 'im Knast von der Reaktion in den Tod getrieben, ja im wahrsten Sinne des Wortes vernichtet' wurde.“ Diese Legende wurde von einigen RAF-Anwälten und ihren Rote-Hilfe-Kolporteuren verbreitet; Joschkas Rede 1976 stand nicht im Zentrum des vom Sozialistischen Büro veranstalteten „Repressionskongresses“, auf dem die RAF heftig kritisiert wurde. Sie war ein fürchterlich anzuschauender Eiertanz zwischen einem gewaltfetischistischen Militanzgeprahle und einer dämmernden Ahnung von einem bewaffneten politischen Irrsinn. Den Rhetoren Fischer und Cohn-Bendit kann man zu Recht vorhalten, allzu lange Zeit an einer Militanzkonkurrenz in Wort und Tat festgehalten zu haben, um sich so szenehaftes Prestige zu verschaffen – die Tatsache, dass sie und ihre Gefolgschaft sich von dieser selbstmörderischen Praxis abgewendet haben, bedeutete eine späte Rückkehr der politischen Vernunft.

Nur diese Rückkehr hat es auf nationalem wie lokalem Niveau ermöglicht, die Art des Politikmachens in der Bundesrepublik zu verändern. Neben Cohn-Bendit und Joschka Fischer können noch andere Namen genannt, die in diesem Buch aber geschmäht werden. Aus der Protestbewegung der 60er Jahre sind einige politische Talente hervorgegangen, die sich in den 70er Jahren in sektiererischen Sackgassen befanden – die Frankfurter Spontiszene setzte, auch wenn man ihren lange zur Schau getragenen Antiintellektualismus verabscheut, starke gesellschaftsverändernde Energien frei, die sich in konkreter Politik niederschlugen. Schon der Hass, mit dem in der deutschen Öffentlichkeit nach 2010 auf „Das Amt“ reagiert wird – das Ergebnis der von Joschka Fischer eingesetzten Überprüfung der nationalsozialistischen Vergangenheit deutscher Diplomatie – lässt mich alle seine selbstdarstellerischen Peinlichkeiten und narzisstischen Selbstbeweihräucherungen in Kauf nehmen. Allein wenn man an diesen Stich ins vergangenheitspolitische Wespennest denkt, disqualifiziert sich das 2013 zugefügte, vollmundige Resumée von Schmidts Fischer-Biographie als Äußerung einer unpolitischen, selbstverliebten Missgunst: „Es wäre wahrscheinlich besser gewesen, wenn dieser grundopportunistische Mann niemals Außenminister geworden wäre.“ Man kann zwar die Titanic zeitig verlassen, aber dennoch politisch-intellektuell untergehen.

Kommentare


Stefan Mousiol - ( 02-05-2013 08:59:32 )
Schade, das war genau der falsche Kommentar zu einem grundrichtigen und nötigen Buch. Fischer, Cohn-Bendit et. al. haben die Republik viel zu lange genarrt. Ihre teilweise gravierenden Verfehlungen wurden von einer nachsichtigen Presse auf skandalöse Weise verharmlost und toleriert. Ich empfehle nachdrücklich das hier kritisierte Buch und lege allen Lesern das großartige Buch von Kraushaar ans Herz. Ich bin froh, dass Fischer & Co. nun alte Herren sind und keinen Schaden mehr anrichten können.

The Sukh - ( 08-05-2013 12:11:05 )
Detlev Claussen macht genau das, was er an Christian Y. Schmidts Buch kritisiert: sein Text denunziert Autor und Inhalt der Anti-Fischer-Biographie auf einer persönlichen Ebene, spricjh. versucht ihn zu demontieren. Das allerdings in einer ziemlich peinlichen, behäbig-veteranenhaften Art, wenn Herr Claussen einfliessen lässt, dass er, Claussen, Fischer ja schon viel früher ("1967 oder 1968") gekannt habe und mal eben namedroppingmäßig fallen lässt, wie dieser Fischer ihm selbstgeklaute Bücher verkaufen wollte. Ja, sehr beeindruckend.
Zu den überprüfbaren und nachweislichen Fakten in Schmidts Buch - Fischer als Miturheber des radikalsten Wiederaufstiegsprogramms deutscher Großmacht, inklusive Krieg und Sozialabbauu vom Feinsten - kein Wort von Claussen. Ausser dass der Hinweis auf diese Prachtleistungen eines gewendeten Ex-Spontis für die BRD-Eliten eine "Brille" wäre, die man sich aufsetzen müsse...?? Bei soviel Verständnis für die Anliegen des deutschen Imperialismus wundert einen dann auch nicht mehr, wenn Detlev Claussen auch noch das "Prestige", das sich Fischer bei anderen seines Schlages eingeheimst hat, als Argument gegen Schmidts Buch anführt. Es war Claussen wohl ein Anliegén, den deutschen Großmachtpolitiker Fischer in Schutz zu nehmen gegen eine kleinen Schreiberling, der der Lichtgestalt ans Bein pinkeln will. Hat aber nicht geklappt, weil die Absicht in jeder Zeile deutlich wird.

Oliver M. Piecha - ( 09-05-2013 01:11:18 )
Man kann gegen Christian Y. Schmidt sicher einiges einwenden, nicht zuletzt seine heutige penetrante Verteidigung des chinesische Regimes; das ist dieselbe Linie, die man auch in seinem Fischerbuch wiederfindet, wenn er dem ehemaligen Aussenminister vor allem die Auslandseinsätze der Bundeswehr übelnimmt und nebenbei Milosevic verteidigt. Das ist nicht sehr sympathisch, und auch der schwächste Teil des Buches. Ein glänzender politischer Kopf ist Schmidt sicher nicht. Ein großartiger Schriftsteller auch nicht, man merkt dem Buch recht deutlich an, daß sein Autor mal für die Titanic geschrieben hat, da ist dann gerne eine schrille Pointe zuviel dabei. Aber jenseits der Idiosynkrasien des Autors ist "wir sind die Wahnsinnigen" ein interessantes, vor allem über die Frankfurter Verhältnisse sehr informatives und - Ja? Und? - auch sehr polemisches Buch. Das kann gar nicht jedem gefallen, da werden auch einige Fehler drinnen stecken, aber was Detlev Claussen hier als Buchbesprechung abliefert ist so unfreiwillig komisch, konnte man ihm da nicht gut zureden, es einfach sein zu lassen? Er bestätigt mit seinem gar nicht mehr enden wollenden Text eigentlich noch jedes müde Vorurteil, das Christian Y. Schmidt in seinem Buch über diese ehemalige Frankfurter Szene auswälzt. Nach dieser leicht zwanghaft wirkenden Selbstoffenbarung wirkt es für mich tatsächlich so, als hätte ich als Leser Schmidts Urteile über diese Frankfurter 68er Variante nicht immer ernst genug genommen. Da Claussen es ja auch so mit den "Hobbyhistorikern" hat - mich erinnert seine Haltung doch sehr an die ausufernden Ergüsse der "Studenten des 3. Lebensalters" in den Seminaren zum Nationlsozialismus; die wußten auch immer alles besser, weil sie doch dabei gewesen waren.

x - ( 10-05-2013 05:25:50 )
Vorwurf der Denunziation, "Wiederaufstieg deutscher Großmacht", "deutscher Imperialismus", "Veteranenhaftigkeit", Vergleich eines renommierten Soziologen und Intellektuellen mit nichtprofessionalisierten Studenten der Universität des Dritten Lebensalters - noch dazu in historischen Seminaren über die Geschichte des Nationalsozialismus (!) - das ist eine hohe Dichte an beschädigter Subjektivität gemessen an der kleinen Menge und der Länge der Kommentare. Es gruselt mich etwas, wenn ich an die weitere Entwicklung dieses threads denke, zumal Herr Y. Schmidt auf facebook ja anscheinend noch richtig Stimmung macht: "Schoen waere es ja, wenn der eine oder andere auch direkt auf der faustkultur.de-Seite selbst kommentieren wuerde. Damit Prof. Claussen auch ein "Feedback" hat"

Dirk Schneider - ( 10-05-2013 10:27:19 )
Ich habe mir das alles sehr sorgfältig durchgelesen und ich muss leider sagen, der Reflex, den ich in der Rezension zu sehen glaube (und den offenbar auch die anderen Kommentatoren hier entdeckt haben), der macht nun das Buch für mich erst interessant. Wen ein Kritiker so auf ein Buch reagiert, dann muss etwas drin sein. Mal sehen, wie ich darauf reagiere.

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Christian Y. Schmidt – (11-05-2013 10:03:46)

Aus verschiedenen Gründen hatte ich mir zunächst vorgenommen, auf obigen Text nicht zu antworten, u.a. weil ich das bereits auf der Facebookseite von „Wir sind die Wahnsinnigen“ getan hatte. Nachdem man mich aber nun mehrmals per Facebook-Message dazu gedrängt hat, es doch zu tun, habe ich es mir anders überlegt. Hier also meine Antwort, die sich so ähnlich auch auf besagter Facebook-Seite findet:

Doch recht fassungslos ob ihrer intellektuellen Schlichtheit liest man diese vorgebliche „Glosse“ von Prof. Dr. Detlev Claussen über die Neuausgabe von „Wir sind die Wahnsinnigen“. Und fragt sich, was einen mehr erschrecken lässt: Dass der Professor nicht zitieren kann (so habe ich zum Beispiel nie von einem „Schweigekartell“ geschrieben, sondern zitiere hier ausdrücklich den Tagesspiegel-Reporter Jürgen Schreiber; Claussen setzt dennoch hinter dem Zitat „Schweigekartell“ meinen Namen in Klammern), oder dass er selbst ein Vokabular benutzt, dass mir nicht im Traum einfallen würde („den Joschka zum karrieregeilen, opportunistischen Schwein abstempeln“). Dass er entgegen den in „Wir sind die Wahnsinnigen“ vorgelegten Belegen einfach mal so behauptet, „Der BILD war Joschka ein Dorn im Auge“, oder dass er mich zugleich des Rufmords nach BILD-Manier bezichtigt. Dass er Daniel Cohn-Bendit für einen grossen Redner hält (man höre sich nur die aktuelle Rede Cohn-Bendits zur Verleihung des Theodor-Heuss-Preises an), oder dass er mir „Denunziantentum“ vorwirft. (Ist also jeder Journalist ein Denunziant, zum Beispiel auch Arno Luik vom „Stern“, der in der Ausgabe des Magazins vom 4. April dieses Jahre wieder ein paar verdrängte Tatsachen aus Fischers Vergangenheit thematisiert hat? Und wieso erwähnt Detlev Claussen in diesem Zusammenhang Michael Schwellien eigentlich nicht, der in besagter Ausgabe des „Stern“ Joschka Fischer mit sehr viel stärkeren Worten als sie in „Wir sind die Wahnsinnigen“ zu finden sind, bezichtigt hat, sich bei dem Vorbereitungstreffen zur Meinhof-Demo am 9. Mai 1976 für den Einsatz von Molotow-Cocktails stark gemacht zu haben? Vielleicht weil Schwellien Mitglied derselben Organisation war wie Detlev Claussen, dem „Sozialistischen Büro“ nämlich?)

Der Höhepunkt ist aber vielleicht dann doch diese Passage: „Wer die Papierberge dieser Sekten [des Revolutionären Kampfes und anderer linker Gruppen, CYS] als Quellen studiert, ohne ein realitätsgerechtes Korrektiv zu besitzen, fällt auch in negativer Darstellung auf diese Legitimationspapiere in eigener Sache herein.“ Das heisst ja wohl nichts anderes, als dass niemand einen Satz aus den historischen Dokumenten der Frankfurter Spontis zitieren darf, da er diese nur falsch verstehen kann, wenn er kein 'realitätsgerechtes Korrektiv' besitzt. Wer aber hat dieses Korrektiv? Na, Detlev Claussen natürlich, wie eben alle anderen auch, die in Frankfurt einmal mit Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit persönlich bekannt waren oder sind.

Und noch ein anderer, wichtiger Punkt: Detlev Claussen schreibt: „Cohn-Bendit und Fischer bewegten sich und ihre Gruppe aus der Bewegungsszenerie heraus, die Schmidt bis heute intellektuell noch nicht verlassen hat und ihn immer wieder „Verrat, Verrat“ schreien lässt.“ Er belegt diese Behauptung allerdings mit keiner Zeile. Das kann er auch nicht, weil in dem Buch von „Verrat“ überhaupt nie die Rede ist. Dazu ein Zitat aus dem Nachwort zur erstenTaschenbuchausgabe (1999) von „Wir sind die Wahnsinnigen“: „Die ausführliche Schilderung der militant-revolutionären Phase der Fischer-Gang sollte auch nicht Beweise für deren späteren 'Verrat' an ihren 'Idealen' beibringen, wie mir von diversen Kritikern unterstellt wurde. Im Gegenteil. Neben den bereits im Vorwort und an anderen Stellen dieses Buches erwähnten Gründen, ging es mir in erster Linie darum zu demonstrieren, daß Fischer und Co. schon sehr früh und eben auch in ihrer militanten Phase denselben machtpolitischen und opportunistischen Grundsätzen folgten wie im späteren Verlauf ihrer Karriere.“ (Wir sind die Wahnsinnigen, S. 350)

Ähnliche Aussagen werden in anderen Kapiteln des Buches getroffen: „Sieht man von der Frühzeit des Revolutionären Kampfes einmal ab, war der Kampf für die Revolution für die Spontiführer eigentlich nie etwas anderes als ein Synonym für den eigenen Vorteil, für Selbstverwirklichung und Machterhalt. Nie wurde ein konkretes gesellschaftliches Ziel oder ein propagierter Inhalt selbst entwickelt, sondern immer nur von anderen Gruppen übernommen. Erwies sich ein Ziel als nicht sofort erreichbar, wurde es gegen den neuesten Hit vom Revolutionsmarkt ausgetauscht. Ähnlich wahllos und unreflektiert griff man zu verschiedenen militanten Kampfformen, die in dem Moment wieder aufgegeben wurden, als sich statt eines Erfolgs die leicht voraussehbare staatliche Verfolgung einzustellen drohte. Auch dieser grundsätzliche und lange eingeübte Opportunismus verschaffte den Spontiführern [später] innerhalb der Grünen einen nicht zu unterschätzenden Vorteil: Denn während die radikalen Ökologen Politik betrieben, um nicht verhandelbare Ziele, wie zum Beispiel die Stilllegung der Atomanlagen durchzusetzen, konnten sich die Spontis auf eine flexible Machtpolitik konzentrieren, die von solchen manchmal allzu störenden Inhalten absah.“ (Wir sind die Wahnsinnigen, S. 158f.)

Es geht in „Wir sind die Wahnsinnigen“ also nicht um „immer wieder Verrat, Verrat“, sondern um das Herausarbeiten von Kontinuitäten. Das weiss auch jeder, der das Buch von vorne bis hinten gelesen hat. Das hat Detlev Claussen aber offenbar nicht.

So schreibt Claussen weiter: „Den Rhetoren Fischer und Cohn-Bendit kann man zu Recht vorhalten, allzu lange Zeit an einer Militanzkonkurrenz in Wort und Tat festgehalten zu haben, um sich so szenehaftes Prestige zu verschaffen – die Tatsache, dass sie und ihre Gefolgschaft sich von dieser selbstmörderischen Praxis abgewendet haben, bedeutete eine späte Rückkehr der politischen Vernunft.“ Dabei tut Claussen so, als ob ich das anders sähe, schließlich habe ich seiner Meinung nach die „Bewegungsszenerie“ von damals „bis heute intellektuell noch nicht verlassen.“ Dabei muss er allerdings verschweigen, dass er mich mit der zitierten Aussage nur paraphrasiert. Das kann man Seite 113 von „Wir sind die Wahnsinnigen“ nachlesen. Dort habe ich zur erwähnten Rede Joschka Fischers auf dem Pfingstkongress des Sozialistischen Büros geschrieben: „Als gesichert kann gelten, dass er [Joschka Fischer] mit seinem Einfluß und dieser Rede eine Reihe von militanten Spontikämpfern vor dem Gang in den Untergrund bewahrte. Das ist möglicherweise bis heute Joschka Fischers größtes Verdienst.“

Festzuhalten also bleibt: Claussen polemisiert gegen ein Buch, dass es so, wie er es beschreibt, nicht gibt. Wer das aber überprüfen will, dem bleibt nichts anderes übrig, als es zu lesen. Vielleicht sollte das auch Detlev Claussen einmal tun.

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erstellt am 02.5.2013

Wir sind die Wahnsinnigen
Joschka Fischer und seine Frankfurter Gang
Christian Y. Schmidt
Broschur, 400 Seiten
ISBN: 9783943167306
Neuauflage, Verbrecherverlag Berlin 2013

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