Vor einem Jahr verstarb die Schauspielerin Susanne Lothar. In seinem Text erinnert sich der Dramaturg Michael Eberth an eine Zusammenarbeit mit der Unvergleichlichen in Berlin. Er zeigt, was wir mit ihrem Tod unwiederbringlich verloren haben.

Susanne Lothar
Susanne Lothar
1. Todestag von Susanne Lothar

Die Unvergleichliche

von Michael Eberth

Als der ungebärdige Sebastian Hartmann noch an der Volksbühne inszenieren durfte, ergab es sich, dass eine seiner Arbeiten bei Suse Lothar und Uli Mühe so viel Gefallen erregte, dass sie ihm signalisierten, sie würden gern mit ihm arbeiten. Sie hatten sich von der Theaterszene abgewandt und kehrten nur zurück, wenn sich besondere Herausforderungen ergaben. Oder Exkursionen ins Unbekannte.

Eine Gelegenheit zur Zusammenarbeit ergab sich, als sich Sebastian Hartmann am Hamburger Schauspielhaus Tschechows Platonow vornahm. Er bot Suse Lothar die Anna Petrowna an. Sie war gern bereit, die herrliche Rolle zu spielen. Als die Probenzeit festgelegt werden sollte, stellte sich dann aber heraus, dass Uli Mühe während der vom Schauspielhaus vorgeschlagenen Zeit in Lateinamerika drehen musste und dass Suse Lothar die beiden Kinder, die in Berlin in die Schule gingen, nicht zwei Monate lang allein lassen konnte.

Das Schauspielhaus wollte nicht darauf verzichten, die Unvergleichliche als Anna Petrowna auf die Bühne zurückzubringen, auf der sie die größten Triumphe gefeiert hatte, und entschloss sich um dieser Einen willen zu einem Manöver, das nicht oft gewagt wird: es verlagerte die Probenphase der Produktion nach Berlin. Eine Probebühne der Volksbühne am Ostbahnhof wurde angemietet, Requisiteure schafften Requisiten nach Berlin, die Kostümabteilung stellte Probengewänder zusammen, Assistenten packten die Geräte zum Kaffeekochen in einen Karton und legten Kekse und Nüsse zum Knabbern dazu.

Im langen Probengewand inspizierte die Lothar das Revier, in dem sie zwei Monate lang herrschen sollte, vor der ersten Probe wie eine Königin. Es glich dem Revier einer Wanderbühne: in Kartons mit aufgeschlagenen Deckeln lagen die verdengelten Requisiten, die auf Verdacht eingepackt worden waren; auf Stangen hingen Kostüme aus dem Fundus, die vor Zeiten dem Abbild vergangener Zeit und verschwundener Welten zu dienen hatten. Der ganze verstaubte Schrecken des Stadttheaters in seiner bleiernen Schwere. „Erzähl mal ein bisschen konventioneller!“, hatte ich beim Konzipieren der Aufführung zum Regisseur gesagt, „Du musst sie ja nicht gleich verschrecken!“ Er entschied sich für einen Raum mit Türen, Fenstern und Stühlen. Und für einen Wald aus Tannenbäumen. Nach dem Rundgang verriet das Gesicht der Lothar, dass sie dachte: Das kann ja heiter werden! Ich sagte zu ihr: „Auch das Improvisieren kann kreativ sein!“, hatte aber beim Anblick des Angeschleppten selbst meine Zweifel.

Den Platonow sollte Wolfram Koch spielen. Er kultivierte seit längerem die Gewohnheit, ein weit verzweigtes Netzwerk von Theatern zu bedienen und am Morgen nach den Vorstellungen aus Frankfurt, Düsseldorf oder Hamburg mit der Bahn zu den Proben für die nächste Produktion anzureisen.

Die Lothar hatte lange nicht mehr Theater gespielt. Der Regisseur setzte sie und ihren Platonow in der ersten gemeinsamen Szene auf eine Bank. Die Energie, mit der sie ins Spielen einstieg, erschreckte den Angereisten so mächtig, dass er nach ihrem ersten Satz von der Bank fiel. Die Bank kippte um und auch die Unvergleichliche stürzte. Als sie aufstand, war ihrem Gesicht abzulesen, dass aus dem Das kann ja heiter werden! in der zehnten Minute der Proben ein Das wird ja gar nichts werden! geworden war.

Ein Übersetzer aus dem Russischen, der als Kind zehn Jahre lang in der Sowjetunion und danach zwanzig Jahre lang in Deutschland gelebt hatte, sollte der Produktion einen neuen Text liefern. Da Tschechow in seinem Jugendwerk einen Ton angeschlagen hatte, der für heutige Ohren ein wenig betulich klingt, klang er auch in der Übersetzung des Russen, der ein Gespür für die Nuancen der Tschechow’schen Sprache besaß, wie ich es bei keinem anderen Übersetzer gefunden hatte, ein wenig betulich. Da ich dem ungebärdigen Regisseur nicht mit einem betulichen Ton kommen konnte, peppte ich ihn in einem zweiten Arbeitsgang ein wenig auf. Ich dachte: Ein schöner Text wird die Spielerin mit den Schrecken der Wanderbühne versöhnen.

Wer die Gemütslage des Russen mit der des Deutschen vergleichen will, liegt nicht falsch, wenn er Figuren wie den Oblomow und den Homo Faber als Muster heranzieht. Der Russe, der den Text liefern sollte, hielt es für übertrieben, dass eine Schauspielerin schon in der ersten Woche einer zwei Monate währenden Probenzeit den kompletten Text verlangt, und erwies sich meinem Drängen gegenüber als unzugänglich. Die Lothar warf mir vor, das Improvisieren zu weit zu treiben, und forderte mich auf, ihr zum Samstag der ersten Probenwoche mittags um zwölf den kompletten Text durch den Briefkastenschlitz ihrer Wohnung zu werfen. Ich legte eine Nachtschicht ein, beorderte eine Assistentin am Morgen drauf in ein Internet-Café in der Nähe der Wohnung der Lothar und mailte ihr den Text so rechtzeitig zu, dass sie ihn ausdrucken und abliefern konnte. Beim elften Glockenschlag steckte sie ihn durch den Schlitz.

Die Spielerin fand einen anderen Grund, um der Produktion eine zweite Woche der Bewährung zu verweigern. Am Montag der zweien Woche kehrte die Truppe der Angereisten wie der versprengte Haufen einer geschlagenen Armee mit Requisiten und Probenkostümen, Textbüchern und Kaffeebechern, Keksen und Knabbernüssen zum Ort ihrer Herkunft zurück. Die Spielerin scherte das nicht. Nicht sie hatte dem Theater zu dienen, Vertrag hin oder her, sondern das Theater ihrer Erwartung, dass kein Gewicht der Welt sie vom Abflug in jene Zone abhalten darf, in der all das Leid der Welt, von dem sie gequält wurde, nicht mehr zu spüren ist. Wir Hamburger mussten erkennen, dass wir eine Chance grausam verbockt hatten.

Es ist nicht nur schade, dass das deutsche Theater nicht mehr auf die Wiederkehr dieser Unvergleichlichen hoffen kann. Es ist eine Katastrophe. Das Theater, das das Abbild des Menschen auf den über Jahrtausende ausgetretenen Wegen sucht, ist gegenüber den Tautologien der Vergegenwärtigungskulte und den Exaltationen des postdramatischen Firlefanzismus ins Hintertreffen geraten. Die Unvergleichliche hätte die kleinlaut gewordene Szene der Staats- und Stadttheater daran erinnern können, dass der Tanz ins Wirklichkeitsferne das unüberbietbare Kerngeschäft des Metiers bleibt. Und dass es die Tänzer zum Schweben bringen muss, wenn es überleben will, statt die Bühnen den Kopisten zu überlassen.

Susanne Lothar und Ulrich Mühe
Susanne Lothar und Ulrich Mühe

PS. Die folgenreiche Begegnung zwischen Suse Lothar und Uli Mühe fand nicht in Zürich statt, wie Nachtkritik.de es darstellt, sondern während der Proben zu Thomas Langhoffs Inszenierung der Jüdin von Toledo bei den Salzburger Festspielen des Sommers 1990. In dem Stück ignoriert eine junge Frau so beharrlich, dass dem Begehren des Menschen Grenzen gesetzt sind, dass sie den Herrscher dazu verführen kann, sie auch seinerseits zu überschreiten.
Gerhard Stadelmaier schreibt in seinem Nachruf in der FAZ, dem Regisseur sei die Inszenierung „zu süß“ geraten. Ist es vorstellbar, dass der Blitz der Liebe, der die beiden Spieler während der Salzburger Proben traf, die Gier der nach Überschreitung Süchtigen einen Takt lang so sehr gebändigt hat, dass ihnen das Süße genug war?

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erstellt am 02.5.2013