Wer davon ausgeht, dass das gelesene Gedicht eben nur eine mögliche Version des geschriebenen sein kann, wird hier, wenn’s gut geht, eine neue Erfahrung machen. Nancy Hünger trägt ihre Gedichte in keinem der bekannten Tonfälle vor. Wenn sie liest, lässt sie die latenten Binnenstrukturen ihrer Gedichte hervortreten. Man folgt ihren gerafften Gedanken und ihren Gedankensprüngen und bleibt dennoch mit Unerklärbarem beschäftigt.

Nancy Hünger, Foto: Andreas Berner
Nancy Hünger, Foto: Andreas Berner
Text und Audio

Nancy Hünger

Bei Tisch

Wir lauschen nach innen und
werfen Münzen in den Schacht,
da nichts fällt und nichts klingt.

Wie ausgeräumt wir sind. Wer weiß,
wer spricht? Es war ein anderes Leben,
als wir unsere Zungen im Takt bewegten.

Wir bergen die Jahre vom Grund
die Fotos erleichtern die Arbeit.
Wir waren schon einmal vorhanden,

nur bleicher, uns schliffen die Farben
von den Wangen. Ich erkenne niemanden
wieder die Gesichter drehen zum Mond

und Sicheln fahren darüber. Die Zeit
weiß nicht weiter, geht unter in uns
drehen die Gestirne. Ist jeder allein.

Hab Acht

Einen Freund zu haben der nichts von dir
weiß ist das beste für alle und mich und
dem Freund schleich ich nach seit Tagen
mein Junge mit den fahrigen Beinen umarmt
die Laternen wenn der Wind durch ihn will
in seinem Hemdchen so grün hat er etwas
im Kopf das nicht stimmt ein Licht
von Automaten solange es blinkt verlässt
niemand den Ort spielt er den Leuten
alles Mögliche defekt steht auf der Anzeige
und er schwimmt auf die Straße der Regen
die Leute der Wagen die Knöpfe im Ohr
defekt und ich wollte noch sagen

Musik von sanften Motoren

Das Ampellicht auf den Gesichtern ist
ein leises Gewitter rot und die Aufnahme
läuft rot glimmt der Schnee im Februar
rücken wir näher zusammen in unserer
Kiste aber nichts funktioniert das gehört
dazu wie das eisige Rauschen der Lüftung
unsere blauen Hände kramen unter den Sitzen
ziehen wir ein altes Band auf und lauschen
der Spule der Anfang ist alles wir zählen
die Stille dazwischen musst du erst einmal
aushalten drei Sekunden für drei Akkorde
komponierten wir damals mit record und
stopp erfanden eine neue Dramaturgie
gebeugt über den Radios zitterten unsere
nervösen Finger zwischen den Ansagen
auf Position hörten wir zum ersten Mal
dass wir Blumen sind im Abfalleimer.

Der Abschied ist gemacht

wer weiß schon wie es sich ausnimmt
wenn es vorbei ist auch das Warten auf Züge
im Winter alles Ewige vorbei sind die Abschiede
nur einer noch ohne dich nimmt man es leichter

wer weiß schon wie es sich ausnimmt
in meinem Zimmer werden die Bücher verpackt
ist was du hattest gar nicht so viel was du brauchtest
waren zwei drei leise Gedichte und ein wenig Musik

wer weiß schon wie es sich ausnimmt
glaubst du an nichts wird alles wahrscheinlich
denkt irgendjemand dreimal im Jahr deinen Namen
hört man immer seltener verspricht sich einer

wer weiß schon wie es sich ausnimmt
habe ich zu oft gefragt niemand hat Antwort also
packe ich meine zwei drei leisen Gedichte ein
wenig Musik zum Abschied wäre trotzdem nett.

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erstellt am 30.4.2013