Die Schriftstellerin Nancy Hünger wirkt scheu, spricht entschieden und auffallend präzis. Ihr Anspruch ist enorm, sie schenkt dem Leser nichts, das Ansprechende fällt ihr und ihm nicht in den Schoß. Gerade deshalb kommen ihre neuen Verse so bildlich daher und halten sich im Gedächtnis fest. Für Faust-Kultur hat sie einige ihrer Gedichte gelesen, und im Gespräch mit Bernd Leukert berührt sie die wichtigen Kriterien ihrer Arbeit, auch hier ohne Verbeugung oder Verbiegung.

Gespräch mit Nancy Hünger

Ohne Verbeugung oder Verbiegung

Ein gesunder, intelligenter und sensibler Mensch weiß zu unterscheiden zwischen Alltag und poetischer Stimmung. Jemand, der Gedichte schreibt, muss einen Sprung machen. Wie machen Sie den?

Darf ich gleich eine Gegenfrage stellen. Poetische Stimmung? Wie meinen Sie das genau? Meinen Sie den Sprung zwischen Arbeitsprozess und dem normalen, bürgerlichen Leben? Oder ob man immer in poetischer Stimmung ist? Oder ob man diese Stimmung fokussiert oder ähnliches?

Ich denke, wer immer in poetischer Stimmung ist …

Die Frage ist: Was ist die poetische Stimmung?

Vielleicht war Mörike das. Aber der war ja auch dauerverliebt. Und das ist vielleicht auf der gleichen Ebene. Nein, ich meine, selbst im Arbeitsprozess sich diesen Texten auf diesem Niveau auch nur zu nähern, muss man gestimmt sein. Das meine ich mit poetischer Stimmung. Das unterscheidet sich wirklich vom Schnittlauchschneiden und Kartoffelschälen.

Ja, das ist richtig. Insofern kann ich jetzt schon nur noch zustimmen. Sie haben das schon so schön erläutert. Ja. Aber es ging ja darum, wie ich den Sprung schaffe vom Alltag zum poetischen Gestimmtsein: grundsätzlich, glaube ich, erstmal durch Disziplin. Ich nehme mir – und das handhaben sehr viele Kollegen ähnlich – einfach eine Arbeitszeit. Das heißt nicht, dass immer während dieser Zeit etwas Produktives entsteht. Aber für mich ist es sehr wichtig, dass ich weiß: Frühmorgens steh’ ich auf, setze mich an den Schreibtisch, und jetzt beginnt etwas. Wie gesagt, das heißt nicht, dass per se etwas entsteht. Aber ich glaube, für die Konzentration ist es wichtig, dass man strukturierte Zeiten hat. Das war jetzt eine sehr weltliche Antwort. Aber so schaut es aus.

Manche Leute können das, andere nicht. Die warten, bis sie das Sensorium wieder haben.

Das ist, glaube ich, sehr schwierig. Es gibt viele unterschiedliche Strategien. Aber wenn man darauf wartet, bis ein Gedicht kommt oder bis ein poetischer Text kommt – Das sei tatsächlich der Unterschied zwischen einem Schriftsteller – habe ich mal gehört – und einem Hobbyschreibenden: Der Schriftsteller muss immer in der Lage sein zu schreiben. Das ist natürlich schwierig. Aber es gibt ja vieles, das zur Überbrückung nützt. Man hat alte Textbaustellen, an denen man weiter arbeiten kann oder ähnliches. Und das befördert auch gleich wieder den Schreibprozess. Da gibt es kleine Kniffe.

Heißt das, dass es auch mehrere Prozesse gibt, bis so ein Text für Sie gültig ist?

Ja. Ich bin unendlich langsam. Ich schreibe sehr, sehr langsam und auch – im Verhältnis zu anderen – sehr wenig. Und das liegt auch daran, dass ein Text immer sehr viele Stufen durchlaufen muss, bis er überhaupt in gedruckter Form das Licht der Öffentlichkeit erblickt. Ich habe auch immer sehr wenig in Schubladen anzubieten. Es dauert. Es ist ein langer Prozess.

Wenn man Ihr letztes Buch, „Halt dich fern“, liest, stößt man auf das Paradox, dass es wie improvisiert wirkt, und zur gleichen Zeit hat man den Eindruck, das ist konzipiert, das ist etwas Ganzes. Da ist nichts Überflüssiges drin.

Das nehme ich gerne an. Es hat mich die meiste Kraft gekostet, mehr als der letzte Lyrikband – auch wenn das schwer zu vergleichen ist, und das könnte sich auch jederzeit wieder ändern: Tatsächlich ist alles – soweit ich das sagen kann – gewollt. Ich habe an jedem Satz ewig gefeilt, weil es natürlich auch eine Frage des Rhythmus’ war. Die Prosa ist, für meine Begriffe, eine sehr rhythmische. So blieb wenig Platz für ungewollte Dinge oder für undurchgeformtes Material in dem Text.

Es entsteht ja beim Schreiben eine Entfernung nicht nur eine örtliche oder eine persönliche Gefühlsentfernung, sondern auch die Entfernung zur literarischen Person. Da ist ja viel von einem selbst drin – das geht gar nicht anders – und zur gleichen Zeit kommen noch andere Dinge hinzu. Entsteht da so eine Fremdheit?: Was ist denn das für eine Person geworden?!

Natürlich. Ich glaube, zwangsläufig. Man sagt ja gerne, Autoren sind per se solipsistisch – und ich glaube, da ist was dran – und zwangsläufig kreist man um den Begriff des Subjekts immer wieder. Und das steht auch für mich – nicht nur in dem Buch – im Vordergrund. Ich habe damit tatsächlich zu kämpfen, nicht im dramatischen, theatralischen Sinne, sondern: tatsächlich das Schreiben zu begreifen. Es sind ja immer wieder Annäherungen an eine Person. Und es ist sehr schwer, selbst wenn es ein Bild von einer Person ist, allein diesem Bild gerecht zu werden. Man tastet ja die ganzen Facetten immer wieder ab.

Ich denke auch an den Effekt, dass die Person fremder wird, man dann aber in Zweifel gerät, ob der Text wieder zu einem Leser sprechen kann, – wenn die Person doch so fremd ist.

Das habe ich grundsätzlich. Ich frage mich immer, wer das Buch dann kauft und wie glücklich er damit ist, weil es ja vieles verweigert. Es gibt ja nichts, woran man sich wirklich festhalten kann. Und das betrifft ebenso auch die Figur, besser gesagt die Figuren.

Sie leben ja nicht vom Schreiben …

Teils, teils.

Vielleicht erzählen Sie ein bisschen, wie das geht.

Wie das geht: Ich glaube, wie bei allen, das Gehangel von Stipendium zu Stipendium – wobei ich viel fleißiger sein müsste als es bisher der Fall war. Und momentan bin ich bei einem kleinen Literaturverein, also dem Pendant zum Literaturform, in Thüringen tätig.

Und da wird, wenigstens ein bisschen, bezahlt?

Genau. Und das ist aber, wie alles, befristet. Also danach geht es dann wieder in das andere Leben zurück.

Aber da bleibt man gewissermaßen im Genre.

Jein. Das denkt man sich, und das wünschte man sich auch. Es ist nicht gänzlich artfremd, das ist richtig. Aber es ist schon so, dass man mit ganz anderen Problemfeldern zu tun hat. Das fängt an mit ganz banalen Sachen, wie Logistik oder Veranstaltungskonzeption und solche Dinge, die jetzt per se – auch wenn sie für einen Literaten sind – wiederum artfremd sind.

Beim Lesen Ihres ersten Gedichtbandes „Aus blassen Fasern Wirklichkeit“ ist mir aufgefallen, dass die Gedichte sehr konzentriert sind. Da wird nicht erzählt, keine Naturstimmung aufgebaut oder eine Gefühlslage exponiert, sondern die Gedichte sind nahezu gestaucht. Jede Zeile ist ein Fragment fast einer anderen Geschichte; die Fragmente greifen ineinander, – da steckt viel Arbeit drin.

Ja, obwohl ich mich kaum noch daran erinnern kann, als dass die Gedichte so konzentriert sind und auch teilweise etwas sehr Artifizielles haben – und das nicht allein im positiven Sinne – und vielleicht eine Tendenz zum Manierismus. Das liegt auch daran, dass, als ich den Band geschrieben habe, ich mitten in der Diplomarbeit zur Ästhetischen Theorie war. Und ich glaube, mein Kopf war so verschraubt in theoretischen Windungen, dass sich das teilweise auch auf die Gedichte übertragen hat. Und deswegen war ich umso glücklicher, als sich im zweiten Band, „Deshalb die Vögel“, die Sprache ein wenig befreit hat, alles in die Längen und auch ins Erzählerische ging.

Dagegen hat natürlich der Erzählband „Halt dich fern“ zwar auch, wenn man sich eingelesen hat – und das muss man, denke ich: das springt einen nicht sofort an – so eine Konzentration, die man dann entdeckt, aber trotzdem entfaltet sich das ganz anders. Und deshalb ist es ja auch eine Erzählung. War das von der Herangehensweise für Sie auch eine sehr unterschiedliche Arbeit? Oder eine unterschiedene Arbeit vom Gedichtschreiben?

Darüber habe ich mir auch schon Gedanken gemacht, inwieweit sich das unterscheidet. Ich glaube, nein. Die Arbeit ist insofern einfach härter, weil mir der Atem fehlt. Deswegen wird es von mir wahrscheinlich auch keine großen Romane geben. Ich kann die Sprache bzw. vielmehr die Anspannung in der Sprache nicht so lange halten. Das, denke ich, ist der größte Unterschied. Allerdings stimmt das nun wieder auch nicht, weil man in der Lyrik ebenso genau sein muss. Nur ist der Raum etwas überschaubarer, den man behandeln muss. Und hier ist er einfach über hundert Seiten gestreckt oder auf achtzig. Das macht es schwieriger, weil man viel mehr im Hinterkopf mit bearbeiten muss. Aber grundsätzlich glaube ich, dass für mich die Arbeitsweise identisch ist: am Gedicht oder an der Prosa.

Haben Sie sich, wenn man von Adorno absieht, an Lyrikern orientiert am Anfang?

Nein. Ich glaube, ich war relativ vogelfrei. Ich habe viel gelesen, aber es ging mir nicht in Fleisch und Blut über. Ich weiß auch gar nicht, woran das liegt. Ich kann es nicht begründen. Eigentlich hätte es anders sein müssen. Deshalb war ich sehr unbeschwert.

Wie hat das Ganze denn angefangen? Man wächst ja nicht heran, und es ist völlig normal, dass man sich für Gedichte überhaupt interessiert. Das ist ja schon eine Seltenheit. Und dann noch den Schritt zu tun, selber welche zu machen, machen zu wollen!

Das kann ich gar nicht beantworten. Und ich mag jetzt auch nicht sagen: Ich habe schon immer geschrieben. Das würde wahrscheinlich auch nicht stimmen. Ich weiß es nicht. Ich habe tatsächlich schon immer gerne gelesen und besonders gern Gedichte. Aus irgendeinem Impuls heraus fing es wohl an. Und eigentlich, wenn es nicht andere Menschen gäbe, gäbe es auch keine Bücher von mir. Denn ich bin ein bescheidener, zurückgezogener, verhäuslichter Mensch und hätte die Texte nie jemandem gegeben. Aber ich schwamm aus Versehen in einem Dunstkreis herum, wo man mich herausgezerrt hat, – und die Bücher quasi auch. Also Gisela Kraft war es. Gisela Kraft und Martin Straub*, die das Ganze forciert haben, muss man wirklich sagen, und sich um mich bemüht haben.

Es ist eines, Gedichte zu schreiben, und es ist etwas anderes, sich eine Biographie als Dichterin vorzustellen. Haben Sie da eine Orientierung? Oder entwickeln Sie die Schritt für Schritt? Wo soll das hinführen?

Wo soll das hinführen? Also ich hangle mich von Jahr zu Jahr – Es ist schon so, dass das Schreiben den präsentesten Platz in meinem Leben eingenommen hat. Ich tue mich auch nach wie vor schwer, mich zu titulieren: als Autor schon einmal ganz ungern. Und Schriftsteller ist einfach eine so große Kategorie, die ich gern meinen literarischen Helden vorbehalte, da ich mich jetzt noch nicht einordnen will und kann. Ich weiß aber auch nicht, ab wann man das kann und darf. Ich lass das tatsächlich auf mich zukommen. Ich arbeite nicht bewusst an einer Biographie als Schriftstellerin. Sondern bisher hat sich alles so ergeben. Und ich hoffe, es ergibt sich weiter so. Ich hatte viel Glück bisher. Ich hatte wirklich unverschämtes Glück.

Max Frisch hat ja mal geäußert, als Autor komme man früher oder später in die Situation, so zu leben, dass man’s auch beschreiben kann. Dieses Problem haben Sie noch nicht, dass Sie Ihr Leben einrichten auf die Verwertbarkeit hin?

Nein, das habe ich nicht. Wie gesagt, ich bin bisher immer gut ohne große Verbeugung oder Verbiegung davongekommen. Und wenn ich Glück habe, dann bleibt das so. Ich brauche nicht sehr viel, und wenn das bisschen geregelt bleibt, dann wär’ ich sehr glücklich.

* Die Schriftstellerin und Übersetzerin Gisela Kraft (1936-2010) und der Literaturwissenschaftler Martin Straub (geb. 1943) waren in der Autoren- und Leseförderung aktiv.

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erstellt am 29.4.2013

Nancy Hünger
Nancy Hünger

Lyrikbände von Nancy Hünger

Aus blassen Fasern Wirklichkeit
Gedichte. Jena: Edition Azur (Glaux-Verlag) 2006.
ISBN 978-3-931743-93-2.

Deshalb die Vögel
Instabile Texte. Dresden: Edition Azur (Glaux-Verlag) 2009.
ISBN 978-3-9812804-8-7.