Die Finanz- und Staatsschuldenkrise der vergangenen Jahre hat zu einer schleichenden Spaltung der Bevölkerung beigetragen und „vergiftete Denkmuster“ erkennbar gemacht. Schlagworte wie „Wachstum“, „Arbeitslosigkeit“ und „Schulden“ lenken bis heute den Blick auf falsche Indikatoren, die den Wohlstand einer Gesellschaft beschreiben, und führen so systematisch in die Irre.
Der Sozialethiker Friedhelm Hengsbach hat diesen Prozess aus der Perspektive des Ökonomen und Theologen über viele Jahrzehnte analysiert und kritisch kommentiert. Sein Resümee – aktuell dargelegt in seinem Buch „Die Zeit gehört uns“ – rührt an zahlreiche Tabus. Aufrüttelnd genau zeichnet er den „Quasikrieg“ nach, der sich zwischen den Ansprüchen privater Kapitalmacht und demokratisch legitimierter Staatsmacht entwickelt hat.
Lobbyarbeit hat sich beispielsweise bis in die Gesetzestexte hinein durchgesetzt und wirkt so auch mittels des Rechtssystems auf den Einzelnen ein. Die Vorstellung, Finanzmärkte könnten quasi als „fünfte Gewalt“ eine „Wächterrolle“ übernehmen, ist so bereits – aus demokratischer Sicht alarmierend – real geworden. Im Gespräch benennt Friedhelm Hengsbach Ausgangspunkte der Krise und zeichnet Alternativen auf. (pol)

Faust-Gespräch mit Friedhelm Hengsbach

Geheimwissen bewusst gemacht

Warum überlässt die Regierung bei der Finanzierung staatlicher Aufgaben die Kreditschöpfung zunehmend den Banken?

Diese Verschiebung basiert auf zwei wirtschaftsliberalen Glaubenssätzen. Erstens: Vertraue auf die Selbstheilungskräfte des Marktes. Und zweitens: Der schlanke Staat ist der beste aller möglichen Staaten. Zu den Selbstheilungskräften gehören das Bankensystem und die Kreditschöpfungsmacht der Banken. Die Banken haben die Fähigkeit und auch das Mandat, Geld und Kredite zu schaffen. Sie legen den Rentabilitätserwartungen entsprechend fest, in welchem Ausmaß und in welche Richtung Unternehmensprojekte finanziert werden.

Lange Zeit galt beispielsweise die Atomkraft als Wachstumsmotor und wurde mit Krediten der Banken großzügig finanziert. Jetzt erleben wir die Energiewende. Sofort sind die Banken bereit, neue Projekte wie etwa Desertec in Afrika oder Offshore-Windanlagen zu finanzieren. Ihr Ziel ist es, die ganze Energiewende als weitgehend zentrales Projekt in Gang zu setzen. Bei einer dezentralen Ausrichtung würde das konzentrierte Bankensystem die Finanzierung nicht durchführen.

Das ist also die Ausgangsposition: Die Banken bieten angeblich die Gewähr, dass Investitionen effizient in Gang gesetzt und Kredite sparsam und theoretisch risikoscheu vermittelt werden. Während der Staat sich aus diesen Geschäften heraushalten soll, wird der Privatwirtschaft maximaler Handlungsspielraum gewährt. Die alternative Option, dass der Staat sich für öffentliche Aufgaben und unter strengen Auflagen zinslose Kredite der Notenbank beschafft, wurde im Rahmen der wirtschaftsliberalen Bundesbankideologie einfach ausgeschlossen. Kreditvergabe soll demnach ausschließlich durch ein unabhängiges Bankensystem erfolgen.

Occupy Hamburg, 2011

Der Staat wird zur korporativen Geisel

Auf welche Weise haben diese wirtschaftsliberalen Vorgaben dann von einer Immobilien- und Bankenkrise zu einer Staatsschuldenkrise geführt? Die Banken scheinen in jedem Fall zu profitieren.

Das zuvor beschriebene System ist ein idealtypisches Modell. Es setzt voraus, dass die Banken den Auftrag, den der Staat ihnen gibt, auch fair erfüllen. Das heißt, sie müssten den Unternehmen und Kunden gegenüber offen darlegen, welche Risiken und Chancen in bestimmten Anlagen stecken. Das aber haben sie nicht gemacht und sind dann selbst in die Falle getappt. Sie haben sich von der positiven Stimmungslage zum einen infizieren lassen und zum anderen diese selbst angefeuert, indem sie großzügig Kredite vergaben in der Erwartung, die Rückzahlung sei gewährleistet. Das war ihre Fehleinschätzung. Als sie schließlich selbst Opfer der geplatzten Blase waren, riefen sie den Staat zu Hilfe, der als eine Art korporative Geisel mitgespielt hat. Die Banken drohten damit, dass der Zahlungsverkehr weltweit zusammenbrechen und eine Bank nach der anderen Pleite gehen würde, wenn der Staat nicht eingreift. Eine Situation, die auch für den Staat gefährlich ist. Deshalb hat er die Banken gerettet.

Die Rettung sah schließlich folgendermaßen aus: Wir stabilisieren die Bank und die Gläubiger, die Vermögen und auch die Kreditbeziehungen der Banken zu den entsprechenden Kapitaleignern werden nicht angetastet. Der Staat übernimmt einen Großteil dieser Risiken, er bürgt für die großen Banken, beteiligt sich an ihrem Eigenkapital und übernimmt die vergifteten Wertpapiere und Kredite in eine so genannte „Schrottbank“. Nachdem er die Banken von ihren Giftpapieren befreite und sich selbst verschuldete, musste er sich von den Verursachern der Krise vorwerfen lassen: Staatsverschuldung ist ein Übel und muss durch die Kürzung der Sozialleistungen abgebaut werden.

Warum rebelliert niemand gegen dieses wahnwitzige System? Es gab eine Reihe ernstzunehmender Warner, warum haben Politiker die Ohren verschlossen und sich zum Büttel der Finanzindustrie machen lassen?

Die Verfilzung zwischen den Industriekonzernen, den Finanzakteuren und den politischen Entscheidungsträgern ist stark. Doch das ist nur die eine Seite. Seit Beginn des Jahrhunderts schien der Finanzplatz Deutschland hinter der allgemeinen Finanzentwicklung zurückzubleiben. Damit er gegenüber London und New York wieder wettbewerbsfähig würde, hat man Hedgefonds eingeladen und ihnen erlaubt, sich hier auszubreiten. Man begünstigte Zweckgesellschaften, die Finanzgeschäfte außerhalb jeder öffentlichen Aufsicht und Kontrolle abwickeln sowie den Derivatehandel, den Handel mit abgeleiteten Finanzgeschäften. Die Kapitalanlagegesellschaften wurden von der Finanzverwaltung nicht als gewinnorientierte Unternehmen betrachtet, sondern als Vermögensverwaltung. So blieben Gewinne weithin steuerfrei oder konnten ins Ausland verlagert werden. Die Regierenden haben also hierzulande für ein Klima gesorgt, das spekulativen Finanzaktivitäten einen Nährboden bereitet.

Welche Konsequenzen hatte die Finanzplatzstärkung für die hiesige Arbeitslage?

Die solidarischen Sicherungssysteme wurden in dieser Zeit systematisch zurückgefahren. Es wurde an die private, kapitalgedeckte Vorsorge appelliert, wofür die Banken und die Versicherungen gleich bereitstanden. Zudem wurden die Arbeitsverhältnisse entregelt. Die politisch Verantwortlichen ließen es zu, dass unterschieden wurde zwischen so genannten wirtschaftlichen Leistungsträgern – meist Manager – deren Einkommen angehoben wurden, und den normalen Arbeitnehmern, deren Löhne sanken. Die Tariflöhne blieben hinter der Wachstumsrate zurück, die herkömmlichen Arbeitsverhältnisse wurden in Zeitarbeit, unfreiwillige Teilzeitarbeit, Leiharbeit und befristete Arbeitsverhältnisse aufgespalten. Damit tat sich seit Beginn des Jahrhunderts eine Schere der Einkommens- und Vermögensverteilung auf. Dem Aufbau von Vermögenspositionen standen dann im unteren Einkommensbereich Armut oder beengte Einkommensverhältnisse gegenüber. Dieser Prozess war gleichsam die Vorarbeit, die der Staat geleistet hat, um ein vertrautes Verhältnis zwischen den Finanzmärkten und der Verwaltung herzustellen.

Dynamik entsteht durch Geldschöpfung

Entstand so der Zustand, den Sie die Verfilzung zwischen Akteuren aus der Industrie-, Finanz- und Politikwelt nennen?

Das Vertrauen war so groß, dass Angestellte der Banken und Großkonzerne in den Ministerien eigene Büros unterhielten. Der so genannte Seitenwechsel hatte zum Ziel, zu verstehen, wie der jeweils andere tickt. De facto war es schließlich so, dass die Finanzakteure oder Unternehmensleitungen die für sie geltenden Gesetze mit ausgearbeitet haben. Der Seitenwechsel hatte jedenfalls kaum zur Folge, dass staatliche Beamte kompetenter wurden. Vielmehr gab es weithin eine große Unsicherheit und Unkenntnis über die Abläufe im monetären Bereich. Das Wissen über monetäre Zusammenhänge ist ja ziemlich unterentwickelt, es ist Geheimwissen.

Das „Rätsel“ oder das „Geheimnis“ der Geldschöpfung, dass die Geschäftsbanken mit einer Einlage von beispielsweise 100 Euro praktisch fünf oder sechsmal so viel Kredite ausgeben können, weil die Sicherung der Zentralbank dahinter steht, wird verschwiegen. Die dynamische Kraft der kapitalistischen Wirtschaft ist eben nicht das Sparen – wenn Banker das auch immer wieder versichern. Auch viele Wirtschaftswissenschaftler und die deutsche Regierung in deren Schlepptau erachten das Sparen als Voraussetzungen für Investitionen. Tatsächlich ist es jedoch genau umgekehrt. Werner Sombart stellte das bereits vor hundert Jahren klar: Das Bankensystem ist in der Lage, als Ganzes aus dem Nichts Geld zu schöpfen und damit die unabdingbare Voraussetzung für wirtschaftliche Dynamik in Gang zu setzen. Das geben aber die wenigsten Banker zu.

Sie haben die Idee der Selbstheilung als eine der beiden Dogmen des Wirtschaftsliberalismus bezeichnet. Ist dieser Glaubenssatz inzwischen als Irrglaube enttarnt?

Greenspan hat vor dem US-Kongress zugegeben, dass er überrascht worden ist, wie selbständig sich die Geldvermögenspreise entwickelt haben. Er sagte, er sei immer davon ausgegangen, dass das, was auf den Kapitalmärkten geschieht, sich selbst steuert und stabilisiert, so dass die Zentralbank nur dafür sorgen muss, dass das Niveau der Güterpreise stabil bleibt. Dieselbe Überraschung hat auch Otmar Issing, der zunächst Chefvolkswirt der Bundesbank war und dann Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank wurde, auch zu Protokoll gegeben: Er sei überrascht, wie wenig informationseffizient die Finanzmärkte gewesen seien. Die Beispiele zeigen, dass auch monetäre Führungskräfte die Abläufe nicht mehr durchschauen. In der Erwartung, dass die Finanzmärkte sich selbst steuern, haben sie die Preisentwicklung der Vermögen sich selbst überlassen. Ein Irrtum, der spätestens in der Finanzkrise aufgebrochen ist. In der ersten Schocksekunde wurde das auch zugegeben. Josef Ackermann sagte, er glaube nicht mehr an die Selbstheilungskräfte des Marktes und auch der Chef der Commerzbank gab zu: Wir haben Fehler gemacht.

Selbst die Aufsichtsbehörden gaben sich zum Teil als Opfer und meinten, dass sie ohnmächtig gewesen seien. BaFin-Präsident Jochen Sanio räumte damals ein, man habe die Risiken zwar erkannt, aber was könne man schon gegenüber Ratingagenturen ausrichten, die fragwürdigen Banken ein Triple A verleihen? Die Kapitulation der öffentlichen Aufsicht und Kontrolle gegenüber den privaten Ratingagenturen zeigt sich immer wieder. Das ist ein ebenso diffiziles wie differenziertes Verhältnis. Zum einen die Abhängigkeit wechselseitiger Komplizen, zum anderen die Unsicherheit auf beiden Seiten, welche Instrumente eingesetzt werden müssen, um das gesamte Finanzsystem stabil zu halten.

Die Individualisierung von gesellschaftlichen Risiken

Sehen Sie überhaupt noch Möglichkeiten, aus dieser Misere herauszukommen?

Als sich die G20-Staaten in London zum ersten Mal zusammensetzten, haben sie Absichtserklärungen formuliert: Kein Finanzprodukt, kein Finanzunternehmen und auch kein Finanzplatz sollen künftig außerhalb der öffentlichen Aufsicht und Kontrolle bleiben. Diese Absicht zu verwirklichen entpuppt sich jedoch als mühsamer Prozess. Zunächst wurden die Europäer überrascht, dass die internationale Spekulation Griechenland, das schwächste Glied im gemeinsamen Währungsraum attackierte. In der Asienkrise ist Ähnliches passiert. Thailand geriet ins Visier, weil man meinte, der fest an den US-Dollar gekoppelte Baht sei nicht zu halten. Man hat auf Abwertung spekuliert – mit Erfolg. Folglich wurden nicht nur Thailand, sondern auch die als gesund geltenden Tigerstaaten – Taiwan, Südkorea und Indonesien – von der Spirale nach unten gezogen. Das Schema greift nun in der Europäischen Union. Die Schwachen werden attackiert, dadurch entsteht Unruhe, die nach Hilfsmaßnahmen verlangt, damit das Ganze nicht auseinanderbricht.

Die ersten Maßnahmen sind durch eine Kooperation nationaler Finanzinstitutionen geleistet worden, es gab eine gemeinsame Konferenz von Notenbanken, die in der „Bank für Internationalen Zahlungsausgleich“ zusammengeschlossen sind. Dort hat man höhere Eigenkapitalquoten der Banken beschlossen, um die Geschäftsrisiken zu verringern und die Kreditvergabe auszubremsen. In einer Krise wären sie dann in der Lage, sich aus sich selbst heraus zu retten. Das ist eine Maßnahme, die weltweit akzeptiert ist und von den Regierungen übernommen wird. Das Zweite: Die US-Amerikaner wollen gesetzlich festlegen, dass die Einlagen- und Kreditgeschäfte der Banken von dem sogenannten Eigenhandel, nämlich den Geschäften, die sie untereinander und zu spekulativen Zwecken tätigen, getrennt werden. Wenn Banken dann beim Eigenhandel in eine Krise geraten, sollen sie selbst die Folgen tragen. Das Kredit- und Einlagengeschäft, beispielsweise der Genossenschaftsbanken, Sparkassen oder Privatbanken genießt die Gewährleistung des Staates

Sehen Sie Chancen, dass das funktionieren kann?

Ja, man erkennt Lernprozesse. Die deutsche Kanzlerin hat zunächst auf die Griechen eingeprügelt, sie seien zu faul, würden zu wenig arbeiten und zu viel Urlaub machen – was den Fakten widersprach. Es war die typische Individualisierung gesellschaftlicher Risiken. Gegenüber Italien und Frankreich lassen sich diese Vorwürfe jedoch nicht ohne Weiteres erheben, ohne dass es irgendwann auf Deutschland zurückschlägt. Mit den kleinen Ländern aber macht man das. Man zwingt sie erstens zu Auflagen, die der Internationale Währungsfonds früher von den lateinamerikanischen Staaten gefordert hat. Die Folge war, dass Gesundheitsleistungen nicht mehr angeboten werden konnten und Hungersnöte ausbrachen. Die gleichen Methoden werden nun in Europa angewandt. Die Wettbewerbsfähigkeit der Defizitländer soll erhöht werden, das heißt, sie sollen exportfähig sein. Aber je exportfähiger sie sind, umso mehr würde dies den deutschen Export beeinträchtigen. Zweitens sollen die Arbeitsverhältnisse aufgelockert werden, das entspricht den typischen Optionen der Agenda 2010, die in Deutschland nicht zu einer höheren Lebensqualität bestimmter Bevölkerungsgruppen geführt haben. Und drittens wird noch einmal wieder das traditionelle marktradikale Dogma formuliert: Die öffentlichen Einrichtungen sollen privatisiert werden. Eine Forderung, die hier in Deutschland schon wieder zurückgenommen wird, die Kommunen kaufen Wasserwerke beispielsweise jetzt wieder zurück.

Klaus-Peter Müller, Aufsichtsratschef der Commerzbank, hat in der Diskussion um exzessive Vergütungssysteme dem Gesetzgeber das Recht abgesprochen, in Gehaltsentscheidungen regulierend einzugreifen. Es gehe Dritte nichts an, wenn Aktionäre auf Aktionärsversammlungen über Vorstandsgehälter entscheiden, die fünfzigfach höher liegen als das Durchschnittsgehalt des jeweiligen Unternehmens. Der Aktionär ist Eigentümer und soll frei entscheiden können, was er mit seinem Hab und Gut macht. Eigentum wird zum Fetisch erklärt. Geht es aber noch um Eigentum im altehrwürdigen Sinn?

Sahra Wagenknecht, die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linkspartei im Bundestag, beschreibt immer wieder die schiefe Einkommensverteilung, von der gerade auch die Banken profitieren. Denn je schiefer die Einkommens- und Vermögensverteilung ist, umso stärker ist die Nachfrage nach entsprechenden Kapitalanlagen bei Banken und Versicherungen. Hinter dieser Beobachtung steht natürlich die Frage: Wem gehört eigentlich das Einkommen, dass einer verdient? Folgt man dem bürgerlichen Verständnis einer freien Marktwirtschaft, hat der Eigentümer das ausschließliche Recht, die Güter, die ihm gehören, nach eigenem Belieben zu nutzen. Von seinem Einkommen will man möglichst wenig Steuern zahlen. Denn Steuern werden als ein Eingriff in das private Eigentum angesehen. Dieses bürgerliche Eigentumsverständnis bezieht sich jedoch zuerst auf Gebrauchsgüter wie Kleidung, Wohnung und Auto, es ist nicht vergleichbar mit dem Eigentum an Kapital oder Produktionsmitteln.

Wie ist Eigentum zu bewerten?

Zu berücksichtigen sind alle Ressourcen, die an der Wertschöpfung, an dem bewerteten Produktionsergebnis beteiligt sind, dies sind – etwas vereinfacht dargestellt – das Arbeitsvermögen, das Geldvermögen, das Naturvermögen und das Gesellschaftsvermögen. Letzteres umfasst all das, was an Vorleistungen aus der Gesellschaft heraus in das Unternehmen einfließt, um die Produktivität der unternehmerischen Tätigkeit zu erhöhen. Das Gesellschaftsvermögen schließt auch die unbezahlte Haus-, Familien- und Beziehungsarbeit ein, die immer noch überwiegend von Frauen geleistet wird. Der Wert dieser Arbeit taucht in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung nicht auf, ohne sie könnten das Produktionsergebnis und die Einkommen nicht erreicht werden, die am Ende zur Verfügung stehen. Ähnlich einzuordnen ist das Naturvermögen, es wurde lange Zeit zum Nulltarif in Anspruch genommen. Die vier Vermögensformen erwirtschaften das Produktionsergebnis gemeinsam. Folglich müsste dessen Verteilung anders geregelt werden, als es der Kapitalismus-Vorstellung von Klaus-Peter Müller entspricht. Demnach wäre das erstrangige Ziel der von ihm beaufsichtigten Aktiengesellschaft, das Geldvermögen der Eigentümer zu steigern. Die anderen drei Ressourcen werden in der betriebswirtschaftlichen Logik dieses Kapitalismus als Kostenfaktoren, nicht als Beitrag der unternehmerischen Wertschöpfung eingestuft. Kosten sind zu senken, um das Ziel des Unternehmens zu fördern. Das heißt also, man zahlt möglichst wenig Steuern, Löhne sollen sich moderat entwickeln, und das Naturvermögen soll möglichst am Rand des Nulltarifs genutzt werden. Das ist die kapitalistische Verteilungsregel. Sie setzt die Anhäufung des Kapitals an die erste Stelle.

Chancengleichheit herstellen

Die Ausweitung des bürgerlichen Eigentumsbegriffs wurde in der breiten Gesellschaft bisher eher abgelehnt und als „linke Position“ stigmatisiert. Der Ruck, zu dem Roman Herzog einst die Gesellschaft aufgefordert hat, führte vor allem zu einseitigem Verzicht. Ist jetzt die Zeit reif für einen „Gegen-Ruck“, der umfassendere Verteilung dem einseitigen Verzicht entgegenstellt?

In den letzten dreißig Jahren stand das Individuum derart im Zentrum des Bewusstseins, dass die Gesellschaft in den Schatten rückte. So wurde das Ergebnis der eigenen Leistung, was die einzelnen können und geworden sind, ausschließlich ihnen selbst zugerechnet. Wie sehr Fähigkeiten und Energien des Einzelnen von seinem gesellschaftlichen Umfeld her bestimmt sind, wurde ausgeblendet. Aber niemand kann das, was er verdient, ausschließlich als sein Eigentum betrachten, immer fließen Vorleistungen und Ansprüche der anderen mit ein. In einem gemeinsamen Produktionsprozess lassen sich die Leistung der Reinigungskraft, der Sekretärin, des Vorstandsvorsitzenden oder des Bandarbeiters nicht auseinander dividieren. Man mag eine solche Frage zurückweisen, weil sie einen überzogenen Anspruch der Gesellschaft gegenüber dem Individuum anmeldet. Aber ist umgekehrt der Grundsatz der Chancengleichheit, der von marktradikalen Verfechtern wirtschaftlicher Freiheit vertreten wird, so weit davon entfernt? Wer nämlich davon überzeugt ist, dass jeder Einzelne, wenn er versucht, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden, auf die eigene Leistung vertrauen sollte und nicht auf dem, was die Familie an Vermögen bereit stellt, müsste in letzter Konsequenz jede Erbschaft und jede Anhäufung von Vermögen, das sich über Generationen hinweg automatisch vermehrt, ablehnen.

Fehlt zurzeit eine unabhängige, in die Gesellschaft hineinwirkende Stimme, die diese Zusammenhänge dem Einzelnen einsehbar macht und fordert, das Kräftegleichgewicht wieder zugunsten von Durchschnittsverdienern zu verschieben?

Die Diskussion der Boni-Beschränkung geht in diese Richtung, der Abstand der Vergütungen vom Durchschnittsverdienst lässt sich nicht mehr rechtfertigen, doch diese Debatte halte ich für eine Nebenarena. Die grundlegende Frage ist, wie entstehen denn diese riesigen Einkommen und Vermögen? In eine solche Frage spielt das herrschende Menschenbild hinein. Es ist so stark individualisiert, dass wir meinen, wir könnten bestimmte Leistungen Einzelnen zurechnen und das Ausmaß der Differenz technisch, ökonomisch oder sonst wie objektiv bestimmen. Doch das geht nicht, wir spielen Lotterie oder setzen auf wirtschaftliche Macht. Wenn wir davon überzeugt sind, dass wir alle in einem Boot sitzen und jeder/jede darin unverzichtbar sind, und es auf jeden oder jede ankommt, kann niemand für sich beanspruchen, er allein steuere das Boot. Unser Menschenbild, das stark individualistisch ausgerichtet ist, hindert uns daran, jetzt umzuschwenken und uns zu erinnern: Wer hat den Wiederaufbau Deutschlands geschafft? Doch nicht irgendein Spitzenmanager, sondern die große Gemeinschaft aller Beteiligten.

Fehlgeleitete Indikatoren für Lebensqualität

Eine Leistung, zu der vor allem Frauen beigetragen haben. Deren Arbeit wird bis heute marginalisiert, warum?

Die Zeit, die unbezahlte Hausarbeit in Anspruch nimmt, übersteigt die gesamte Erwerbsarbeit um mehr als die Hälfte. Allein die Zeit, die für die Kinderbetreuung verwendet wird, umfasst 85 % der gesamten Erwerbsarbeitszeit! Und wie wird sie bewertet? Fast zum Nulltarif. Die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung erfasst nur den Wert der Erwerbsarbeit und des Konsums. Wir alle tragen Scheuklappen. Wir denken nur an die Erwerbsarbeitszeit und wissen nicht, dass zum Beispiel Frauen unbezahlt viel mehr Arbeitszeit aufwenden als die Männer. Hinzu kommt, dass die Indikatoren unseres Wohlstands und erst recht unserer Lebensqualität völlig fehlgeleitet sind. Im Bruttoinlandsprodukt (BIP) sind jene Faktoren ausgeblendet, die den Wohlstand vermindern, wie z.B. die Umweltschäden. Sie werden paradoxerweise als Wachstumsbeitrag gezählt, wenn diese aufwendig beseitigt werden. Auch wenn Autos nach einem Verkehrsunfall repariert werden müssen, fließt die Beseitigung des Schadens als positiver Beitrag in das BIP ein, der Schaden als negativer Beitrag indessen nicht.

Viele Tätigkeiten, die den Wert einer Gesellschaft oder einer Wirtschaft steigern und für sie wichtig sind, tauchen im BIP gar nicht auf, etwa die unbezahlte Tätigkeit in der Privatsphäre oder das zivilgesellschaftliche Engagement. Man sieht sie, wenn überhaupt, nur als Kostenfaktor und nicht als Beitrag zur entsprechenden Wertschöpfung. Wir lügen uns da zahlreiche Rechnungen und statistische Tabellen in die Tasche. Dies hat man auch auf politischer Ebene inzwischen wahrgenommen. In England, Frankreich und Deutschland sind inzwischen drei Kommissionen berufen worden, die ermitteln sollen, was Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität sei. Deren Ermittlungen machen deutlich, dass wir andere Indikatoren brauchen und dass verschiedene ergänzende Faktoren wie beispielsweise die Einkommensverteilung, der Verbrauch, die Gleichberechtigung von Männern und Frauen, die Lebenserwartung, die Ausbildung oder die Zeit berücksichtigt werden müssen.

Der Indikator »Zeit«

Über ökologische Kriterien wurde man sich schnell einig. Mit dem Indikator „Zeit“ hingegen konnten nur wenige etwas anfangen. Denn mit diesem Indikator dürfen nicht allein die Konsumenten und die Produzenten in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung einbezogen werden, sondern die gesamte Bevölkerung erfassen: Kinder, Erwerbstätige und auch ältere Menschen, die nicht mehr erwerbstätig sind. Jede der in Deutschland lebenden Personen hat ein gleiches Zeitbudget von 24 Stunden pro Tag. Wie viel Zeit verwendet wer für wen und wofür?
Wer stellt beispielsweise jene Zeit zur Verfügung, die Kinder für die Betreuung brauchen? Wir können ausrechnen, wie viel Zeit die Kinderbetreuung ausmacht, wer sie in Anspruch nimmt und wer sie leistet. Frauen verwenden doppelt so viel unbezahlte Zeit, um die Kinder zu betreuen, wie die Männer. Wie viel Zeit beanspruchen Männer oder Frauen dafür, dass sie gesund bleiben, dass sie sich wohl fühlen? Wie viel Zeit wird für ältere Menschen benötigt, wie viel Zeit stellen sie beispielsweise für die Betreuung ihrer Enkel zur Verfügung? Wie verteilen Männer und Frauen ihre verfügbare Zeit auf die Erwerbsarbeit, das zivilgesellschaftliche Engagement und die Arbeit in der Privatsphäre? Und wie ist diese private Hausarbeit, Beziehungsarbeit und Pflegearbeit auf die beteiligten Personen aufgeteilt? Es wird deutlich, dass ein solcher Indikator des Zeitwohlstands ganz andere Aspekte ins persönliche und gesellschaftliche Bewusstsein hebt, nämlich das Verhältnis der geleisteten Erwerbsarbeitszeit zur pro Kopf und pro Stunde vom Einzelnen geleisteten Betreuungs- und Beziehungsarbeit.

Wie würde diese Gesellschaft aussehen?

Sie lässt sich als „solidarische Halbtagsgesellschaft“ charakterisieren. Die Erwerbsarbeit würde für jeden und jede durchschnittlich etwa 30 Stunden pro Woche betragen. Bei einer partnerschaftlichen Verteilung würden die Frauen die Erwerbsarbeit ausdehnen, die Männer sie reduzieren. Die Fahrten zum Arbeitsplatz würden weniger zeitaufwendig sein. Männer würden mehr unbezahlte Arbeit in der Privatsphäre, vor allem an Hausarbeit und Kinderbetreuung übernehmen und so die Frauen entlasten. Aktuell verändert sich die Gesellschaft jedoch fast in die Gegenrichtung: Die durchschnittliche Arbeitszeit der Vollerwerbstätigen beträgt derzeit 42 Stunden pro Woche. Dagegen steht eine Arbeitslosigkeit von drei Millionen Menschen, und wenn man ungeschminkt rechnet, von 4 oder 4,5 Millionen. 300.000 Jugendliche hängen in Warteschleifen herum, europaweit sieht es erheblich schlimmer aus. Eine 30-Stunden-Woche könnte auch die dringende Umschichtung der Industriearbeit hin auf personennahen Dienste im Bildungs-, Gesundheits- und Kulturbereich erleichtern.

Kann das Steuer umgeworfen werden oder glauben Sie an die Erklärung, dass die Finanzmarktakteure Getriebene sind? Sind sie Getriebene ihrer eigenen Treibjagd?

Josef Ackermann hat dies behauptet: „Wir alle sind irgendwie Getriebene der Märkte“. Es klingt nach Selbstschutz. „Wir sind nicht verantwortlich, wirklich nicht. Sorry for that“, hat sich ein Banker vor dem US-Kongress entschuldigt. „Finanzkrisen sind wie ein Hurrikan, sie folgen einem Rhythmus wie die Jahreszeiten“. Solche lyrischen Floskeln dienen oft als Vorwand. Das Spiel der Finanzmärkte ist kein Naturereignis, sondern Ergebnis kollektiver Entscheidungen. Also unterliegt es der Verantwortung von Menschen. Allerdings ist die Finanzkrise nicht in erster Linie das Ergebnis bloß individueller Fehler. Einzelne Personen sind nur entsprechend dem Handlungsspielraum, über den sie verfügen, für die Folgen ihres Handelns verantwortlich. Allerdings lassen sich unter den Finanzeliten Hauptakteure identifizieren – marktbeherrschende Großbanken, Versicherungskonzerne, Investment-Gesellschaften, Ratingagenturen und die Elite der Analysten, die um ihre Verantwortung wissen und demgemäß handeln können. Allerdings hat das Zusammenspiel solcher Akteure auch systemischen Charakter. Es entsteht aus wechselseitig beobachteten Beobachtungen, aus Erwartungen von Erwartungen, die in die Zukunft gerichtet und extrem subjektiv sind, ein Zirkel von wechselseitigen Interventionen. Einzelne Akteure sind geneigt, ihre Verantwortung zu leugnen. So haben sich einzelne Analysten entschuldigt, sie seien von ehrgeizigen und dummen Managern oder Kleinaktionären getrieben worden, auf kurzfristige Gewinne und nicht auf eine langfristige Optimierung der Vermögensanlage zu setzen. Längst nicht alle Finanzakteure können ihren Teil an Verantwortung auf andere abschieben und erklären: „Sorry for that“.

Das Gespräch führten Doris Stickler und Andrea Pollmeier

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erstellt am 29.4.2013

O-Ton Friedhelm Hengsbach

AUDIOs © Andrea Pollmeier

»Wir müssen den Kapitalismus einer radikalen Wurzelbehandlung unterziehen. Das System ist fehlerhaft, es muss in eine neue Balance gebracht werden.«

Siehe auch:
Hengsbach Porträt von Dennis Kremer