Im Hospital

von Matthias Göritz

Jetzt: Bettenmachen, Waschen, Wäschewechseln, Frühstücken, Visite. Es herrscht Krankenhauszeit. Du kannst dich dagegen auflehnen, aber solange dein Körper Versorgung braucht, bist du abhängig. Du hängst am Tropf. Du bist angeschlossen, Teil einer Maschine. Du brauchst die Klistiere, die Wundverbände, die Heilungsprozesse. Du brauchst die Schwestern, Ärzte, Köche, den seelischen Beistand. Du brauchst sie alle. Und sie brauchen dich. Jetzt: Essen. Jetzt: Mittagsruhe. Jetzt: Bastelstunde.
Jetzt: Schichtwechsel: Ich muss weg.

Ich muss immer weg. Jeden Tag. Die Oberschwester sieht mich mit ihren Plastikaugen an, seufzt, der Chefarzt schüttelt den Kopf und mein Bettnachbar rülpst.
Er hat Roulade gegessen. Seine Roulade, dann meine Roulade, ich mag keine Roulade. Dann hat er sich mit einem Seufzer umgedreht, sich in die Krankenhausdecke gewickelt für einen Krankenhausmittagsschlaf, Nickerchen sagt er dazu, Bäuerchen macht er, dreimal, wie immer, in absteigender Lautstärke. Krankenhausrülpser.

Ich bin schon ewig hier. Durch die Wand zum Zimmer nebenan dringt ein heiseres Rasseln, wie von schweren Motoren bei großer Kälte. Ich denke, dass früher der Trick noch geholfen hat, wenn ich mich den Ärzten als Arzt vorgestellt habe. Wenigstens konnte man so etwas erfahren. Aber nach der Genprobe haben sie es ausgeschlossen, dass ich jemals Arzt gewesen bin. Ich kann mich immer noch nicht erinnern. Da war ein Knall, dann der Fall, das Schwarzweißglitzern des Asphalts in der Sonne, ein Funkeln, ich höre meinen eigenen Kopf aufschlagen, dumpf, wie ein riesiger Kürbis oder eine Magnumflasche, der plötzlich der Boden wegbricht. Aber ob es ein Unfall war oder ein selbst-, fremd- oder wie auch immer verursachter Sturz aus großer Höhe, konnte ich mir, konnte keiner mir sagen. Nebenan hat das Rasseln schon eine ganze Weile aufgehört. Ich höre ein Piepsen, dann eilige Schritte auf dem Korridor. Es sind die Ärzte eins und zwei, die ich an ihren schweren Lederstiefeln erkenne, und dann kommt auch das leise Trippeln des Chirurgen. Der Chirurg ist der unangefochtene Herrscher im Hospital. Seine kindliche Fratze prüft unser aller Fleisch, schneidet sich bei der Visite bereits die paar Zentimeter durch die oberen Hautschichten, überlappt uns mit Cuticula, Fettschicht, innerer Samthaut, legt den Knochenkasten frei, in dem sich die Organe bewegen wie zarte Kaninchen. Er entscheidet, wer der Nächste ist. Als Letztes eilt die Ordensschwester heran. Ihre Pinguinschöße, die sich im schwarzen Habit um die Beine fortsetzen, so dass sie aussieht wie eine stilisierte Weihnachtstanne auf zwei Beinen, flattern um den Kopf und schleifen am Boden. Als sie eintritt, verstummt das Gemurmel der Ärzte und des Chirurgen im Zimmer. Ich drücke mein Ohr fest gegen die Wand.

Ich denke manchmal: Nebenan macht man vielleicht einen Jesusklon. Irgendwie aus dem Blut am Kreuz oder von der Lanzenspitze gereinigte DNS und schon geht es los. Jesus als Moviestar, Imbissverkäufer, Dilettant. Gelobt sei Jesus Christus, Klon II, für seine ungehemmte Physis, die Küchenhilfe im grünen Kittel soll er überfallen haben, und sie bittet ihn über das krankenhausinterne Netzwerk, sie noch mal zu überfallen. Halleluja und gesegneten Abend.

9 Uhr. Das Licht geht aus. Ich verstecke meinen Palmreader wieder hinter der kaum sichtbaren Lüftungsklappe in der Wand. Ich habe hier außer dem internen Netzwerk sowieso keinen Empfang. Alles gut abgeschirmt. Sie wollen uns die größtmögliche Ruhe zukommen lassen, haben sie gesagt. Die Roulade schnarcht und das Zimmer neben mir ist jetzt leer wie ein Sarg. Ich kann das durch die Mauer hören. Es ist kalt da drinnen. Die Mauer ist kalt, normalerweise zeichnet sich unter meinen Händen sonst ein Schemen von Wärme ab, der dem Körper der Bettlägerigen auf der anderen Seite gehört. Dieses Mal nichts. Kein Geräusch, keine Wärme. Kein Kranker. Nicht mal der Jesusklon. Der ist vielleicht zu einer Missionsreise aufgebrochen, denke ich, der bespielt schon die landes-, bundes-, weltweiten Talkshows, der spricht nicht mehr mit Ärzten, nur noch mit Tausenden. Der bricht das Brot, verwandelt das Wasser, trägt zur Verbesserung des Klimas bei oder was sonst seine zeitgenössische Aufgabe sein mag. Ich seufze und drehe mich um. Die Roulade schläft.

Der Klinikdirektor schleift wieder seinen Müllsack mit Rechnungen durch den Korridor.
„Was machen Sie hier draußen?“, zischt er mich an.
„Nichts“, antworte ich. „Bummeln. Und Sie?“
„Machen Sie, dass Sie auf Ihr Zimmer kommen und schaffen Sie mir den Tropf aus dem Weg.“
Der Direktor wendet mir den Rücken zu und zieht den Müllsack wieder ein paar Zentimeter weiter in Richtung der Fahrstühle. Das Hemd ist ihm dabei aus der Hose gerutscht und der sonst so akkurat gebundene Schlips hängt ihm wie eine wirre Venendrossel um die Schulter.
Ich kann BrendaTech auf einem zerrissenen Briefkopf lesen und Vitalikanbank auf einem andern.
„Kann ich helfen?“, frage ich.
„Mensch, hauen Sie ab, eh ich die Nachtschwester rufe!“
Die Nachtschwester ist ein fürchterlicher Mensch, eine Furie, eine Medusa mit Spritzen und Schläuchen, und da der Direktor die Stimme bei dieser Drohung selbst senkt, glaube ich, dass er vor ihr die gleiche Angst empfindet wie wir alle auf dieser Station.

Draußen wird es heiß. Die kühle Herbstluft, mit dem schon leicht fauligen Duft der Blätter, gehört noch nur dem Morgen an. Ich höre die Tagschwester mit der Nierenschale gegen den Stahlwagen schlagen. Sie bereitet Besteck vor. Die Roulade haben sie gestern schon abgeerntet. Er hat ein paar Tage Ruhe, bis sie ihm wieder wachsen helfen, Hormone füttern für die Milzen, Nieren, Lebern, Herzen, Lungen, die er so gern in sich behalten würde, vielleicht sogar im Austausch gegen ein bisschen Essen. Aber so läuft das Geschäft nicht. Wir werden nicht mehr gefragt. Gestern kam die Ordensschwester und deutete die Möglichkeit an, wenigstens für den Gottesdienst hier aus dem Zimmer zu kommen, schließlich wäre bald Erntedankfest.

Niemand kann sich das Entzücken vorstellen, das Besuch auslöst. Besuch heißt: Es gibt eine Welt draußen. Es gibt Genbänder, ich meine: wirkliche Verwandte, selbst für Züchtklone wie uns, die Ersatzteillager. Ich habe eine Schwester, neben der Nachtschwester. Eine Schwester aus Fleisch und Blut. Sie ist nicht oft da, kommt immer in Begleitung, meistens ist es der Stationsarzt. Sie sehen mich an, drehen mich auf die Seite, betasten das Narbengewebe, die Einschnitte, Vergangenheit meiner Organe, Beete des Neuanfangs, ich werde auf Herz und Nieren geprüft. Ich versuche, etwas zu sagen, etwa: Ich liebe dich, meine Schwester! Aber die Dosis des Betäubungsmittels, das man uns für die Besuchszeiten verabreicht, ist einfach zu stark.

Zum Frühstück gibt es Brei. Ich streue Zucker hinein und etwas Mehl, das ich mir in den letzten Wochen heimlich vom Roggenbrot abgekratzt habe. Ich setze mich auf und greife mit beiden Händen hinein, knete den Teig, forme Menschen nach meinem Bilde. Sie sind zentimetergroß, vielleicht passen ein paar davon durch das Schlüsselloch. Meine Armada von Freunden. Mein eigenes Geschlecht. Ich baue die Truppe auf und hole tief Luft. Dann hauche ich ihnen Leben ein. Venus fällt aus der Schüssel. Mars verliert seinen Kopf. Die anderen bleiben stehn. Ich warte zehn Minuten. Wieder ist nichts geschehen. Als die Schwester mit den großen Brüsten kommt, schüttelt sie den Kopf, ohne etwas zu sagen.

Ich habe mit anderen Patienten geredet. Sie liegen still auf den Stationen, lassen sich füttern, waschen, aus- und anziehen, bekommen Besuch zu den Besuchszeiten, wundern sich nicht, werden endoskopiert, operiert, terminiert. Nichts Auffälliges, finden sie. Wir sind halt IM HOSPITAL. Da nimmt man es nicht so eng. Die Roulade in meinem Zimmer ist nicht der einzige zufriedene Gast. Unten auf Ebene zwei ist die Entbindungsstation. Ich habe lauter Mütter mit ihren Stoffpuppenkindern gesehen. Die heißen Sally, Hanni, Fellby. Die sind inklusive gegen den Wegschneideschmerz. Wo die Babys hingekommen sind, die sie still an der Schlauchmaschine ausbrüten, will ich wissen. Sie lächeln selig, während sie Hanni, Sally und Fellby herzen, die sich in den Dreierzimmern immer wieder wiederholen, ohne das irgendeine Mutter es mitbekommt: „Die kommen in den Himmel.“ Hier gibt es nicht einmal Fenster.

Ich habe den Verdacht, dass die Endoskopieassistentin mir auf die Schliche kommt. „Ihre Milz sollte langsam aber mal wachsen“, sagt sie mir vorwurfsvoll, als sie mir die Sonde aus der Halsschlagader zieht. „Hier, drücken. Auch um ihre Nieren könnte es besser bestellt sein.“ Sie befingert mein Stimulationszentrum, schließt dann die Schädelklappe wieder und macht einen Strich auf das Flipchart. Bestellt und nicht abgeholt. Ich weiß, jemand wartet auf mich, auf mein Ableben, dann kann er die ganze Packung haben, Milz, Nieren, Rückenmark, Ganglien, Gehirn. Ich muss sagen, ich freue mich auf eine neue Heimat, aber noch habe ich nicht aufgegeben. Noch glaube ich, dass ich ohne Verpflanzung hier herauskomme, auf meinen eigenen Beinen.

„Beten Sie auch?“, fragt mich die Seelsorgerin. Ich nicke. Bin ich denn der einzige Normale hier? Ich sehe die Wand neben mir an, hinter der sie seit gestern alles für die Ankunft eines neuen Jesusklons vorbereiten. Hat es der alte doch nicht geschafft? Ich habe die Kreuzsplitter gesehen, die sie weggeschafft haben. Jetzt nehmen sie sich das Tuch vor. Vielleicht gibt es da bessere Proben. Schweiß, Blut, dieser Leichensack hat vielleicht etwas vom HERRN unverschmutzt aufbewahrt. Der Chirurg ist guter Dinge, er pfeift und latscht wie ein Trüffelschwein durch die Gänge, scherzt sogar mit der Roulade über das Essen. Er hat seinen grünen Operationskittel an, der Mundschutz hängt ihm lässig über die Ohren. Ich mache mich ganz klein und beschreibe ihm meine Übelkeit und die Schmerzen beim Urinieren. Er runzelt kurz die Stirn, greift mit dem Handschuh direkt in die Wunde. Ich kann seine Fingerkuppen spüren, wie sie an meiner Niere entlangrobben, zufrieden, wie die zärtliche Hand eines Farmers die goldenen Maiskolben seines besten Feldes streichelt.
„Das wird schon“, sagt der Chirurg. Und er schafft es schon’ wie ‚schön’ auszusprechen.

Schwesternwechsel. Es wird wieder Nacht. Ich will alles, nur nicht mit meinen Teilen im Jesusklon landen. Ich höre ihn drüben schon atmen, die Elektrolunge ist regelmäßiger als das Schnarchen der Roulade. Leise piepsen die Puls-, Herz-, Blutdrucks-, Alphawellenzähler. Ihn selbst hört man nicht. Er befindet sich im Wachstumsschlaf, hat mir die Köchin erklärt, die uns heute selber beehrt hat, weil doch der junge Pfleger krank geworden ist und sie der Tagschwester abends aushelfen musste beim Essenverteilen. Sie trägt immer noch die Plastikhaube, die verhindern soll, dass wir bei ihren Eintöpfen ein Haar in der Suppe finden.

Die Wand zwischen uns ist so dünn. Ich habe mit meinem Palmreader die Möglichkeiten erkundet, in dieser Nacht auf den Gängen entdeckt zu werden. Da der Pfleger krank ist, streift nur die Nachtschwester durch die Gänge. Überwachungsgeräte gibt es keine, bis heute weiß niemand, dass ich mich seit Wochen wieder ausgezeichnet bewegen kann. Ich habe Mars, Venus und die anderen in meine Kitteltasche getan, sie schimmeln schon etwas, aber ich werde sie nicht hier zurücklassen, meine Kinder. Langsam verstehe ich die Mütter unten auf der Entbindungsstation. Es ist so schwer, loszulassen. Ich überbrücke die Batterie des Palmreaders und schließe das ganze Gesums meiner Instrumente an den kleinen Helfer an. Es pulst etwas unregelmäßig, aber für die nächste Stunde wird es schon gehen. Die Roulade schnarcht, als könnte sie sich aus dem Krankenhaus hinaussägen. Ich öffne die Tür leise mit dem Haken, den ich mir aus den Abfallkanülen zusammengedreht habe. Dann hake ich mir damit meine Wunde zu und schleiche mich hinaus in den Gang. Ich zögere einen Augenblick vor der Nachbartür. Ich möchte ihn sehen. Den Jesusklon. Aber dann habe ich Angst. Angst, dass ich davon genauso entzückt sein könnte wie die Roulade, die Mütter, die Seelsorgerin, alle die andern. Ich drücke Mars und Venus ganz fest in meiner Tasche und lasse dann die Klinke los. Wenn die Nachtschwester mich findet, das schwöre ich, wird sie ihr Wunder erleben.

Die Handlung und sämtliche Figuren des Textes sind frei erfunden und weisen keinerlei Ähnlichkeit mit lebenden oder den hier abgebildeten Personen auf.

erstellt am 17.10.2010

Im Hospital

Fotografien von Ramune Pigagaite
Auswahl

OP-Schwester
OP-Schwester
Chirurg
Chirurg
Küchenhilfe
Küchenhilfe
Verwaltungsdirektor
Verwaltungsdirektor
Krankenschwester
Krankenschwester
Endoskopie-Assistentin
Endoskopie-Assistentin
Seelsorgerin
Seelsorgerin
Arzt in Bereitschaft
Arzt in Bereitschaft

Ramune Pigagaite

Courtesy Photonet-Galerie, Wiesbaden
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