Die Kunstwelt, die die Literatur erschafft, bedarf der Dekodierung durch die Literaturkritik, meinte Adorno. Stefana Sabin versucht, die Beziehung zwischen Literatur und Literaturkritik zu beschreiben.

Glosse

Literatur und (Literatur)Kritik

Von Stefana Sabin

Im Frühjahr 1336 bestieg Francesco Petrarca den Mont Ventoux, den „windigen Berg“ in den französischen Südwestalpen. Mit seiner Beschreibung dieser Bergbesteigung und der Aussicht vom Berggipfel über waldige Hügel und die Rhone bis hin zur Mittelmeerküste ging Natur als Landschaft ins kulturelle Bewusstsein und in die Literatur ein. Denn Petrarca projizierte auf den Fluss, das Meer, die Berge und Täler, die er tatsächlich sah, autobiographische Sehnsüchte, literarische Reflexionen und religiöse Vorstellungen, und indem er die reale Aussicht sprachästhetisch formte, verwandelte er Natur in Literatur. Zwar gab er die Aussicht wieder, aber er bildete sie nicht ab, sondern verlieh ihr gerade in der sprachlichen (Um)Gestaltung eine kulturelle Prägnanz, die die Wirklichkeit transzendierte und traditionsbildend wurde. Petrarcas Naturbeschreibung wirkt wahr, nicht weil sie die geographischen Gegebenheiten widerspiegelt, sondern weil sie sie zum Ausgangspunkt einer neuen, literarischen Wirklichkeit macht.

Denn Literatur erschafft Welt. Um eine Kunst-Welt so darzustellen, dass sie wahr wirkt, muss Literatur sowohl Wirklichkeit als auch dichterisch vermittelte Erfahrung, also literarische Vorläufer integrieren und über sie hinausreichen. Literatur, so Wallace Stevens, soll eine „neue Erkenntnis der Wirklichkeit“ vermitteln. Deshalb muss sie wahr sein.

Die Wahrheit der Literatur hängt von ihrem Wirklichkeitsgehalt ab, so Adorno. Anders als konventionelle Gefälligkeitsliteratur, die eine Ersatzwelt aufbaut und sowohl gesellschaftliche Heilung als auch individuelle Erlösung vortäuscht, geht wahre Literatur von der konflikthaften Wirklichkeit aus und versucht, sie beschreibend und gestaltend zu verstehen. Während Gefälligkeitsliteratur auf einer Ästhetik der Identifizierung beruht und eine trügerische Versöhnung mit der Wirklichkeit vorführt, wendet sich die wahre Literatur, die auf der Ästhetik der Negativität beruht, gegen ein falsches Bewusstsein und folglich gegen eine falsche Versöhnung und wird zu einem Instrument der Wirklichkeitsprüfung. Der affirmativen Beschreibung der Welt durch Gefälligkeitsliteratur setzt wahre Literatur eine negativistische, also kritische Welterfassung entgegen.

Dadurch, dass der Schriftsteller ihr ausgesetzt ist, geht, direkt oder indirekt, Wirklichkeit in die Literatur ein, und so erfolgt die Vermittlung zwischen Welt und Literatur immer unter der Oberfläche der schriftstellerischen Gestaltung. Der Kampf des Autors mit formalen Problemen ist zugleich ein, wenn auch unterschwelliger, Kampf mit gesellschaftlichen Widersprüchen und eine ständige Suche nach Wahrheit.

„Die Kunst,“ so Heidegger, „ist das Ins-Werk-Setzen der Wahrheit … “ Aber die Wahrheit, die in die Literatur eingeht, kann jedoch aus ihrer ästhetischen Verwandlung nicht ohne hermeneutische Dekodierung abgeleitet werden. Indem sie die Strukturen dichterischer Werke sichtbar macht und Wirklichkeitsspuren und Denkreflexe freilegt, dringt die literarische Kritik durch die ästhetische Form zum Wahrheitsgehalt vor. Deshalb hält Adorno Kritik für notwendig: “Indem Kritik aus Konfigurationen in den Kunstwerken deren Geist herausliest und die Momente miteinander und dem in ihnen erscheinenden Geist konfrontiert, geht sie über zu seiner Wahrheit jenseits der ästhetischen Konfiguration. Darum ist Kritik den Werken notwendig.“

Allerdings besteht die Rolle der Kritik nicht darin, unverständliche Werke verständlich zu machen, sondern darin, durch philosophisch-ästhetische Interpretation zu bestimmen, zu entdecken und zu artikulieren, welche Wirklichkeit Literatur absorbiert und wie sie diese Wirklichkeit geformt hat. Die Kritik knüpft jenen „nœud vital mit dem Leben,“ von dem Wallace Stevens behauptete, dass er der Wirklichkeit fehle und den er in der Literatur suchte. So setzt literarische Kritik Literatur zur sozialen und historischen Wirklichkeit in Beziehung und beglaubigt ihre ästhetische Bedeutung.

Literatur will die Art, wie die Gesellschaft sich sieht und über sich nachdenkt, ebenso ändern wie die Art, wie das Individuum seine Rolle in der Welt wahrnimmt – deshalb hat sie immer auch eine aufklärerische Dimension. Diese aufklärerische Dimension der Literatur wird nicht in einem Realismus als mimetischer Beschreibung der Welt-Wirklichkeit vollzogen, sondern in ihrer plausiblen Erfindung. Der Schriftsteller, sagt Orhan Pamuk, „erzählt von Dingen, die alle wissen, aber nicht wissen, dass sie sie wissen. Der Leser erkundet eine Welt, die ihm zugleich vertraut und fremd ist.“ Denn Literatur beruht auf einer Doppelung: Sie schafft eine neue, unrealistische und dennoch plausible Welt, die die Wirklichkeit wieder gibt, aber nicht widerspiegelt, und provoziert den Vergleich mit der realen Welt. Dieser Vergleich wird durch die literarische Kritik explizit gemacht, so dass verborgene Bedeutungsmuster und Mechanismen der Gesellschaft oder psychologische Befindlichkeiten des Individuums aufgedeckt werden. Literatur (re)konstruiert Wirklichkeit, um Wahrheit über die Welt darzustellen, und die Kritik destruiert die Literatur, um diese Wahrheit offen zu legen.

Literaturkritik also ist die Bemühung, Literatur zu verstehen, um die Welt zu verstehen.

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erstellt am 29.4.2013