Es waren nicht nur Goethe, Schopenhauer und Hölderlin, die ihn nach Deutschland zogen. Aber ihretwegen, nämlich, um sie im Original lesen zu können, hatte er sich die deutsche Sprache beigebracht. Samuel Beckett war indes nicht zum ersten Mal in Deutschland, als er 1936 eine sechsmonatige Reise antrat, die in Hamburg begann und Anfang April 1937 in München endete. Seine Erlebnisse im nationalsozialistischen Deutschland hielt der Schriftsteller in seinen Tagebüchern fest, in seinen Briefen überwiegt sein enormes Interesse an der bildenden Kunst. Die vier ausgewählten Briefe, die Faust-Kultur hier einstellt, stammen aus dem bei Suhrkamp veröffentlichten Band mit Becketts Briefen von 1929 bis 1940 „Weitermachen ist mehr, als ich tun kann“ und dokumentieren seine rastlose Suche nach in Deutschland befindlichen Gemälden und Zeichnungen, ein Pensum, das seine Aufnahmefähigkeit überstieg.

Briefwechsel

Beckett in Deutschland

An Thomas McGreevy
Toppesfield, Essex

9/10/36
bei Hoppe
Schlüterstrasse 44
Hamburg 13

Lieber Tom
Deine Karte habe ich ohne weiteres bei Poste Restante abgeholt. Das obige, was ich so sauber wie möglich geschrieben habe, ist jetzt meine Adresse & wird es wohl für mindestens zwei Wochen bleiben. On n’est pas mal, au sein du chauffage central. Il fait un froid à faire sauter les couilles. Le pain est noir, l’horizon aussi. Was in aller Welt treibst Du unter den Strohdächern? Ist es denn wieder eine Reise weg von was, wie so viele? Ich kann nicht glauben, daß Du aus eigenem Antrieb nach Tappesfield fährst.
Ich kam letzten Freitag hier an, mit 24 Stunden Verspätung. Die Stadt ist prächtig, nichts älter als Mitte 19. Jahrhundert. Ein exquisiter grüner Turm (eine wahre guglia), der der Petrikirche. Und die Alster pièces d’eau sind Meisterwerke. Ich hatte eine hübsche Vision: Das T. C.D. & seine terra infirma dem Festland entzogen, die ruhige Fläche des Liffey über die Nassau Street gebreitet, wie es früher sicher mal gewesen ist, die Ränder von Leinster Lawn umspült, Lecky & the Kook of Bells unter Wasser & Frank mit dem Kanu unterwegs zum Lunch. Das wäre die einzig wahre Stadtplanung – weg mit der Stadt! Manning Robertson würde nicken, da bin ich mir sicher.
Ich habe Klopstock gefunden, begraben mit seinem geschurigelten Weib & Sohn, ganz am Ende von Altonas schönster Promenade, unter der unvermeidlichen Schluchzlinde, im Klammergriff des Efeus. »Und wer da lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben.« Danach ein Bauernfrühstück im Hauptbahnhof.
Die Galerie hier war etwas enttäuschend, aber das könnte sich bessern. Das Gebäude ist grandios und die Bilder bewundernswert präsentiert (in einer Reihe und durchgängig vor mattem Weiß), aber es gibt eine entsetzliche Menge Müll, schlechter als unbedeutende Lokalmaler. Die Meister BERTRAM & FRANKE sagen mir auch nicht viel. Sie haben eine Menge schöne van Goyens, einen van Uden-Teniers, nicht so gut wie der in Dublin, eine sogenannte Brouwer-Landschaft, die eher eine Brotarbeit sein dürfte, ein paar Everdingens und eine typische Landschaft des Deutsch-Römers, den Du nicht magst & dessen Namen ich mir nie merke. Dann Säle voller Tischbein, Menzel & Gott weiß wem. Es gibt ein hübsches Portrait de Femme von Degas, ein anderes kaum mittelmäßiges von Lautrec und eine sentimentale Femme à l’Absinthe von Picasso. Die modernen Deutschen sind viel interessanter, Leibl, Corinth, Nolde etc. Dann auch eine Menge von Munch, & ich habe ein ausgezeichnetes Frauenporträt von einem Jaeckel gefunden, von dem ich nichts wußte. Sonst ist nichts von ihm in der Galerie. Marcs Mandrill ist amüsant, aber wohl nicht so gut wie der Boccioni, den Boss Sinclair in Kassel hatte.
Es ist schön, von zu Hause weg zu sein, aber wenn ich die Bilder gesehen habe und mich in die Sprache hineingewühlt habe, reise ich sicher ohne Bedauern ab. Ich glaube langsam, daß Deutschlands Reiz für mich letztlich vor allem eine Sache der Assoziationen ist. Mir ist reichlich traurig zumute & das ziemlich oft. Da nun Holland & Frankreich aus dem Abkommen ausgestiegen sind, hoffe ich, auf diesem Wege zurückzukehren. Holland am Frühlingsanfang & Paris am Frühlingsende, sofern Europa bis dahin nicht ausradiert ist.
Simon & Schuster haben Murphy abgelehnt, mit den üblichen netten Worten, Brillanz, 5% Einwände & ruisselant avenir. Jetzt haben ihn Houghton & Mifflin. Nott hat sich noch nicht entschieden. Vielleicht muß er Mme. Beeton bemühen, bevor er zu einem Entschluß kommt.
Mein gestutztes Gedicht steht in der neuen Nummer des Dublin Magazine. Nach dem vielen Platz unter dem Gedicht zu urteilen, war die Beschneidung unnötig. In derselben Nummer sehe ich einen belanglosen Absatz zu Dillys Buch in Norah Hoults comtegouttes- Manier.
Ein Brief des von Zuckungen geplagten Charles, der noch in London ist, aber hofft, bald »seinen Abschied zu nehmen«(!!) Richard mit vache ist zurück, »dick, rot & vergnügt«.
Frank hat mich bis Waterford gebracht. Sehr trauriger Abschied von ihm. Es fühlte sich an wie eine Fahnenflucht. Schon Wochen vor meiner Abreise war er in Tränen & fortwährend deprimiert. Überarbeitung, Neuritis, Sexprobleme, häuslicher Kummer etc. Gott schütze Dich, & schreibe hemmungslos. Ich glaube, ich habe schon ewig keinen richtigen Brief mehr von Dir bekommen.

Dein
Sam

Elsheimer heißt der Mann.

An Thomas McGreevy, London
28/11/37 [1936], Hamburg

Lieber Tom
Verzeih mein allzu langes Schweigen. Es fällt mir immer schwerer zu schreiben, selbst Briefe an meine Freunde.
Das Wetter ist scheußlich, ein bleiernes Gelb den ganzen Tag und erste Schneeschauer. In Berlin wird es kälter, aber klarer sein. Am Donnerstag oder Freitag reise ich ab. Ich habe vor, eine Nacht in Lüneburg zu verbringen, vielleicht ein paar Tage in Hannover, & dann für eine Woche in Braunschweig Station zu machen, mit Exkursionen nach Hildesheim, Goslar, Wolfenbüttel, Halberstadt, Quedlinburg, Riddagshausen & Königslutter.
Die ganze nördliche Harzregion ist an früher Romanik die reichste von ganz Deutschland. Wäre ich nur besser in Form, um Sachen zu besichtigen, aber seit vergangener Woche bin ich in mieser Verfassung, grippé, glaube ich, mit dem alten Herpes & einem langsam schwärenden Finger. Ich wollte vor der Abreise aus Hamburg noch nach Bremen, aber das Licht ist so abschreckend, der Zustand der Galerie dort jetzt so zweifelhaft (ich meine, was sie an Bildern hängenließen) & meine Apathie so gewaltig, daß ich die Fahrt nicht gemacht habe. Von Braunschweig will ich direkt nach Berlin, dort eine Woche oder 10 Tage vorWeihnachten ankommen. Dann mindestens einen Monat bleiben.
Ich habe hier eine Menge freundliche Leute getroffen, meist Maler. Kluth, Ballmer, Grimm, Bargheer, Hartmann – vielleicht kommt Dir ein Name bekannt vor. Es ist eine interessante Gruppe, für mich besonders Ballmer (ein Schweizer) und Grimm. Sie werden alle mehr oder weniger unterdrückt, d. h. können nicht öffentlich ausstellen und wagen nur unter Vorsichtsmaßnahmen zu verkaufen. Die Gruppe wurde 1933 zerschlagen, ihre Bibliothek beschlagnahmt usw. Die Einflüsse in jeder denkbaren Dosierung sind Munch, Nolde und die »Brücke« (Schmidt-Rottluff, Kirchner, Heckel usw.). Ich habe mehrere exzellente Privatsammlungen besucht (nur dort ist gegenwärtig in Deutschland aktuelle Kunst zu sehen. Der Kronprinzenpalais in Berlin ist geschlossen, & das ist typisch für das ganze Land, und die Kampagne gegen »Kunstbolschewismus« fängt gerade erst an), die von Fräulein Dr. Rosa Schapire, Kunsthistorikerin, ausschließlich Schmidt-Rottluff; von Frau Sauerlandt, Witwe von Professor Sauerlandt vom Museum für Kunst und Gewerbe hier, dessen verbotenes Buch über die Malerei der letzten 30 Jahre ich mir beschaffen konnte, überwiegend Nolde; und von einem Großkaufmann namens Hudtwalcker, überwiegend Munch. Ich bekam auch die Genehmigung, den Keller der Galerie zu besichtigen oder besser einen der Keller und sah dort im Dämmerlicht ein paar exzellente Bilder der »Brücke«-Gruppe, in einem anderen Keller sind an die 60 Bilder des deutschen Impressionisten Liebermann.9 Mir wurde die Erlaubnis verweigert, im Museum für Kunst und Gewerbe einen Teppich nach einem Entwurf von Schmidt-Rottluff zu besichtigen. Ich habe Empfehlungen für Schmidt-Rottluff, Nolde & Heckel in Berlin. Die grundlegende Antithese & die zwei einflußreichen Pole sind Schmidt- Rottluff und Nolde. Verbrachte einen sehr interessanten Abend mit Grimm & Ballmer, dann mit Grimm allein. Ihre Begeisterung für frühe christliche Miniaturmalerei, besonders die irisch-keltische. So etwas wie Ballmers Malerei habe ich noch nicht gesehen, ausgenommen ein paar Stimmungsbilder des späteren Picasso (erinnerst Du Dich an die Figur am Strand, die mir in der großen Pariser Ausstellung so gut gefiel?), metaphysisch gegenständlich. Grimm zeichnet wie Lautrec & dann zarte lyrische Temperafarben. Bargheer ist sehr gewaltsam & intelligent & anatomisch. Pollaiuolo, den ich erwähnte, analysierte er mit bewundernswerter Fairneß & Sensibilität. Sie sind alle von Grund auf ernsthaft und daher nur sehr wenig verstört von der offiziellen Haltung ihnen gegenüber. Ich kann von Glück reden, wenn ich solchen energiegeladenen Untergrund der Malerei in anderen Teilen Deutschlands finde. Von allen Seiten höre ich, daß Hamburg eine Insel ist. Ich hatte vor, über Paris zurückzukehren, aber gedenke nun, so nach Hause zu fahren, wie ich gekommen bin. Im April bin ich dann wohl auch viel zu müde für Paris. Vielleicht verlasse ich die Fähre in Southampton oder Plymouth oder wo immer sie hält und komme kurz nach London & sehe Dich & Geoffrey. Das wird wohl teils davon abhängen, was mit Murphy passiert. Ich höre von Reavey, daß Nott ihn nehmen würde, wenn sich ein amerikanischer Partner fände, & weiterhin, daß Houghton Mifflin »dran« ist, aber nach einer Kürzung von einem Drittel schreit! Also ist die Sache noch in der Schwebe, nachdem ich mich nicht rundheraus geweigert habe, auch nur eine Silbe zu ändern, sondern mit der höflichen Bitte reagiert habe, mir mitzuteilen, wie ich über das hinaus, was ich schon gestrichen habe, weiter streichen und dann noch einen Rest behalten soll.
Drunken Boat sollte in New Poetry erscheinen; aber ich höre, es wurde verschoben, um Platz für einen Artikel von Ezra Pound zu schaffen.
Ich freue mich, daß Du eine Übersetzung von Heinemann bekommen hast, aber daß Du den Yeats beiseite legen mußtest, tut mir leid. Über Bilder könnte ich wohl überhaupt nicht schreiben. Früher war ich nicht eher glücklich mit einem Bild, bis es Literatur war, aber jetzt ist dieser Drang vorbei.
Ich hörte ein schönes Konzert mit den Berliner Philharmonikern unter Sabata (Toscanini-Schüler) aus Mailand: Strauss’ Don Quixote, der zur selben Periode gehört wie Heldenleben, von dem ich daher Schreckliches erwartete, der aber hervorragend war; Bolero, falsches Timing wie üblich, ejaculatio praecox wie üblich: und Brahms’ 2. Symphonie großartig gespielt, so daß ich Brahms (den Brahms der Symphonien) erstmals ein wenig verstehe & auch, warum ich ihn immer so schwerverständlich fand. Sabata wurde mehr dirigiert, als daß er dirigierte.
An einem Abend war ich zur Hausmusik eingeladen. Wolf, gesungen von einer Kraft-durch-Freude-Jungfer aus Altona. Aber Hindemiths Matthias der Maler auf Grammophon. Ich würde so gern den Isenheimer Altar in Kolmar sehen, weiß nur nicht, wie das zu bewerkstelligen ist. Es gibt auch etwas von ihm in Aschaffenburg & ich glaube in München, aber offenbar trivial im Vergleich zum Isenheimer Altar.
Von zu Hause gute Nachrichten. Frank ist scheint’s in Hochform. Mutter hatte keine Ferien & wird auch keine machen. Auf Jung-Sinclair wartet ein Job in Südafrika (ich glaube, dank Dorothy Elvery), zum Reisen ist er aber nicht gesund genug. Er bleibt ein paar Tage in Cooldrinagh! Boss ist nach Rathdrum verlegt worden & hat sich in eine Nonne verliebt. Cissie bringt es nicht über sich, mir zu schreiben & ich habe diese Neuigkeit von zu Hause.
Wir haben jetzt einen Isländer in der Pension, frisch aus Edinburgh, das er abscheulich findet. Es gibt hier auch einen Iren namens Power, der nie in Irland war, in Gibraltar geboren wurde, in Peru zu Hause ist, sich für Spanien und die Familie in Marburg interessiert, dessen Vorfahren Waterford verließen, als es ihnen gutging, im 18. Jahrhundert. Er spendierte mir Lunch in einem vegetarischen Restaurant.
Ich habe genug von dieser Pension. Und frage mich, ob es noch eine Hure in Braunschweig gibt, die mich nehmen würde. Nur in Hafenstädten duldet das neue Deutschland noch Bordelle.
In der Universität habe ich einen Proust-Fanatiker kennengelernt, einen Flamen namens Brulez, der hier Französischprofessor ist, & gab ihm mein Buch, das ihm Komplimente entlockte. Und über ihn eine richtige kleine deutsche Pedantin, Fräulein Tiedke, deren Doktorarbeit über das Proustsche Symbol ich gerade überfliege. Sie hat mir einen langen Brief in krausem Französisch über die Mängel meines Buchs geschrieben, & ich muß sie am Montag vor einem Blumenladen treffen & Rechenschaft ablegen. Aber es hat etwas Verwegenes, 1936 mit einer Arbeit über einen »Dandy« und dazu noch Nicht-Arier zu promovieren. Brulez zitierte mit Verachtung Huxleys »geistige Masturbation«. Ich sagte, es gebe Schlimmeres, geistigen Aspermatismus zum Beispiel. Mein Proust ist offenbar nicht positiv & intellektuell genug für die Curtius-Schüler – ich meine damit meine Darstellung von Proust. Sie wollen aus seiner »Lösung« einen kleinen moralischen Triumph machen, als Lohn der Mühe & als Krönung eines strebsamen Lebens à la Goethe.
Verzeih diesen trockenen Brief. Das ist alles, was ich heute fertigbringe, und mehr, als ich morgen fertigbrächte.
Vielleicht könntest Du mir in etwa einer Woche Poste Restante nach Braunschweig schreiben. Ich denke, ich bin dort vom 8. bis zum 15. Dezember.
Herzlich Dein
Sam

Ich höre, Fearon wurde in den Zensurausschuß berufen.

An Günter Albrecht
Hamburg

31/12/36 Berlin W 50
bei Kempt
Budapesterstrasse 45

Lieber Herr Albrecht!
Es ist einsam gewesen, seit ich von Hamburg fort bin, aber auf eine so freundliche Weise, dass es mir nicht einmal eingefallen ist, nach dem zu suchen, was man »Anschluss« nennt. Freilich denke ich öfter an diejenigen in Hamburg, die einem Fremden und Unbekannten so viele Freundlichkeit erwiesen haben. Ein anderes Vergnügen ist es, bloss (!) mit Dingen zu verkehren, doch wohl ein Vergnügen, wenn auch endlich ein sehr gefährliches. Weiter ist es auch sehr die Frage, ob man sich jede Abreise und jene letzte vom Lande überhaupt mit erst entstehenden Sympathien immer schwieriger machen sollte. In Deutschland gibt es schon einen Ueberfluss von dem, was ich werde verlassen müssen, ja habe verlassen müssen, ohne es kennenlerner [kennenlernen] zu können. Z. B., den Giorgione in Braunschweig, obgleich ich ihn jeden Tag für eine Woche besucht habe.
Von den verschiedenen Ausflügen, die ich von Braunschweig aus machen wollte, habe ich mich mit den nach Königslutter, Riddagshausen, Wolfenbüttel und Hildesheim begnügen müssen. Hildesheim bleibt Hildesheim. In den 8 oder 9 sehr kurzen, kalten, feuchten und trüben Stunden, die mir ein Hundeswetter gegönnt hat, ist es mir vielleicht gelungen, wenn ich mich nicht schmeichle, das Zwanzigstel, von dem anzusehen, was ich sehen wollte, d. h., das Fünfzigstel von dem, was es zu sehen gibt. In der Heiterkeit von Wolfenbüttel hätte ich nicht gebraucht, das erste Fragment in der August-Bibliothek zu lesen, um mir Lessing gegenwärting zu machen. Es liegt nämlich in der kleinen Stadt jene französische Kühle, die ich so oft bei Lessing selbst zu fühlen geglaubt habe. Ich habe nie verstehen können, wie ein so cartesischer Geist den Geist von Descartes so ganz und gar habe misverstehen können.
Fachwerkhäuser und Sandsteingiebel habe ich in unheimlichem Masse gesehen. Ich freue mich, dass es keine hier gibt. Es herrschte in Hannover eine kulturelle Begeisterung von solcher Allegemeinheit, das man sie bis in dem Café Kröpcke wahrnehmen konnte. Man hatte nämlich gerade die Echtheit des in der Neustädten Kirche liegenden Skeletts von Leibniz durch eine eingehende Untersuchung der rechten grossen Zehl [Zehe] festgestellt.
Der Braunschweiger Dom war geschlossen, einer Wiederherstellung des Inneren wegen. Wir wissen, was das heisst. Während der Mittagspause habe ich mich durch die Baustelle, die die ganze südliche Seite der Kirche verbirgt, bis zu einem Eingang gedrängt, um da einem unerbittlichen Schupi zu begegnen. Der Hauptgiebel des Gewandhauses ist gleichfalls verschwunden, hinter dem schönsten Gerüst, das ich gesehen habe.
Ich wollte natürlich nach Goslar, Halberstadt und Quedlinburg, habe mich aber plötzlich am Notwendigen – Geld, Laune und Energie – so arm gefunden, dass ich nicht konnte. Die bösen Finger habe ich selbst in Braunschweig aufgeschnitten, mit gutem Erfolg.
Berlin kommt mir etwas wie eine geschwätzige Sphinx vor, die ausser der Inkonsequenz ihrer Erscheinung kein Rätsel aufzugeben hat. Eine männliche, ja eine bärtige Sphinx, wie man sie im Tell Halaf Museum bewundern kann. Dem löwen gehört Unter den Linden, dem Menschen Museum Insel, die Flügel aber bildet der Himmel, dessen Todeskämpfe, die freilich vielmehr wie Umarmungen aussehen, beinahe so schön sind, wie jene allerdings mehr schleichende, die man auch nach den finstersten Tagen vonO’Connell Bridge in Dublin anschauen kann. So lassen sich die Eindrükke nicht bestimmen, es sei denn, dass man ihnen das Wesentlichste abzieht. Ich verstehe z. B. schon sehr gut, wie leicht es wäre, sich von Berlin begeistern zu lassen; und weiss doch schon vorher, mit welchem Befriedigungsgefühl, als ob es sich um eine Flucht handelte, ich die Reise nach Dresden in ungefähr 14 Tagen antreten werde.
Der Obergeschoss der Kronprinzen Palais ist »heute geschlossen.« Ein Diener hat es sogar gewagt, mir sein Bedauern darüber mitzuteilen. Es gibt aber eine ausgezeichnete Sammlung von Zeichnungen, wo man die Giftmischer im Intimsten ihres Schaffens geniessen darf. Ich habe weiter die sehr angenehme Ueberraschung erlebt, 6 Bilder von Liebermann in der Nationalgalerie zu finden.
Die 22 Bücher, die Sie als Paket geschickt haben, sind noch nicht da. Ich nehme es an, wenn sie verloren gegangen sind, wie es hier der Fall zu sein scheint, es sei nichts daraus zu machen, da das Paket nicht eingeschrieben war. Es ist natürlich auch möglich, dass es sich bloss um eine zwar unverständliche Verspätung handelt. Dagegen ist das Buch von Keyserling richtig erhalten worden, wie alles, was ich als Briefpaket habe schicken lassen.
Ich lese sehr wenig, vor allen Dingen keine Zeitung. Ich habe den Grünen Heinrich begonnen und werde aus verschieden Gründen an Manzoni erinnert, eine Analogie, die sich ohne Zweifel würde dokumentieren lassen. Die Geschichte des Meretleins, die die mindeste Uebertönung ins Lächerliche hätte ziehen müssen, habe ich erschütternd gefunden.
Grüssen Sie bitte von mir Ihre Familie,Herrn Saucke, den Maler und seinen Freund, deren Namen ich nie richtig vernommen habe, und lassen Sie es Ihnen gut gehen.

Mit besten Wünschen für das neue Jahr,
Ihr
Samuel Beckett

An Thomas McGreevy
London

16/2/37 Dresden
bei Höfer
Bürgerwiese 15

Lieber Tom
Es war eine große Enttäuschung, daß Du die Reise nicht machen konntest, obwohl ich kaum damit gerechnet hatte. Dresden würde Dir gefallen. Sie hatten 70 große Jahre unter August dem Starken & seinem Sohn, und Pöppelmann war ein großer Architekt. Der Zwinger ist sehr stark restauriert, aber gut restauriert. Insgesamt hübsch, dazwischen traurige Passagen (Arkaden), viel watteauesker und doch nur wenig älter als Potsdam. Der Galerieflügel, schwere, dunkle, 19. Jahrhundert-Renaissance, tut sein Bestes, die anderen drei zu verderben, die man hätte lassen sollen, wie sie waren, offen zum Fluß hin.
Ich weiß nicht, was ich zur Galerie sagen soll. Für uns hat wohl selbst die anspruchsvollste königliche Sammlung des 18. Jahrhunderts, die sie im wesentlichen bleibt, zwangsläufig mehr Schwächen als Tugenden. Es gibt eine schreckliche Menge spätitalienischen Müll, keine Primitiven, praktisch keine Flamen der großen Periode, Säle um Säle voller Mengs- und Rosalba-Pastelle und Bellotto- Ansichten von Dresden. Dazu schlecht beleuchtet und gehängt. Mit dem Kaiser Friedrich [-Museum] würde ich sie keine Sekunde vergleichen.
Der Giorgione ist in einem katastrophalen Zustand. Der Putto in der Rüstung und der bunte Vogel zu ihren Füßen (von Giorgione oder Tizian?) wurde im 19. Jahrhundert mit einer sinnlosen Landschaft übermalt und die ganze Linie des linken Beins zerstört. Ich habe nicht so einen Blick für diese Dinge, aber das traf mich sofort ins Auge wie Joyces Parnell-Spucke. Ich meine das Falsche vom Knie abwärts, schon bevor ich die Information besaß, die es erklärt. Der Kopf und der Arm, alles aufsteigend, sind phänomenal, aber lieblich – für mich zumindest, so wie der Schäfer in Hampton Court lieblich ist, obwohl nicht für Dich, wie ich weiß. Ich wollte Dresden mit einer klareren Haltung zu Giorgione verlassen, aber es ist genau umgekehrt. Man muß ihn in Castelfranco sehen, genauso exklusiv wie Grünewald in Kolmar. Und Gott weiß, wann das sein mag, obwohl ich theoretisch die Möglichkeit habe, auf der Heimfahrt von Stuttgart aus einen Abstecher zu letzterem zu machen.
Der Raffael ist wirklich sehr gut, obwohl man sie nicht zweimal sehen möchte. Nach dem von South Ken[sington] der beste Raffael, den ich gesehen habe.
Der Antonello, den ich Dir schickte, ist frappierend – die winzigen Gestalten der Passanten im Hintergrund, die schwatzen und Verabredungen treffen, unter einem idyllischen Himmel. Er war keine Erwerbung des 18. Jahrhunderts.
Die Kupplerin von Vermeer ist auch unbeschreiblich schön und schon ein echter Vermeer. Wenn Giorgiones Venus die Schwester des jungen Manns in Berlin ist, dann ist die dunkle Gestalt auf der Linken hier, mit dem verrückten Lächeln, der Bruder des Mädchens in Braunschweig. Aber fürchterlich gehängt, in einem dunklen Saal mit dunklen schmutziggrün gemusterten Tapeten voller dunkler Rembrandts, zwischen einem Rembrandt-Greis und einem Astronom von Salomon Koninck und geduckt unter einen riesigen, dunklen, schweren Jakob vor Pharao von Ferdinand Bol.
Es hat wirklich nicht viel Sinn, so über Bilder zu schreiben. Aber ich kann nicht aufhören, ohne die Venus von Poussin zu erwähnen. Über jedes Lob & Urteil erhaben. Es gibt keine Postkarte, und der große Kunstdruck, den ich Dir schicken wollte, tut dem Original sehr unrecht. Daneben hängt ein Narziß, nicht von derselben Klasse wie im Louvre, aber mit der in Stein verwandelten Echo!
Ich bearbeitete Direktor Posse (warum tut er’s nicht, wenn er’s kann?) und brachte ihn dazu, mir die Röntgenaufnahmen des Giorgione zu zeigen, die mir nicht viel weiterhalfen. Er fragte, wer jetzt die Dubliner Galerie hat, aber mir fiel nur der Name dessen ein, der sie hätte bekommen sollen. Er wirkte muffig und stumpf, vielleicht ein Bier-débauché wie ich, nur nicht so intelligent oder ehrlich. Die Reise ab Berlin war ein amüsantes und oft reizendes Abenteuer. Halle (schöne moderne Bilder, noch öffentlich zu sehen in der Moritzburg, eine Privatsammlung überwiegend Kirchner und ein charmanter Bühnenbildner & Händel-Experte, verliebt in Mexiko und Freund von Traven & Darius Milhaud, der von einer Freundlichkeit war, die mich noch immer verdutzt), Erfurt, Weimar, Naumburg mit wundervollen Skulpturen aus dem 13. Jahrhundert im Dom, und Leipzig, wo ich fror und mich elend fühlte & ein Gewandhauskonzert erlebte, das eine Beleidigung für Sinne & Verstand war.
Hier habe ich alle möglichen Freunde und interessante Leute kennengelernt, besonders einen Kunsthistoriker namens Grohmann, der alle kennt, von Picasso bis Salkeld, und große Kataloge von Klee, Kandinsky und Baumeister verfaßt hat und dessen Namen Du vielleicht schon in Cahiers d’Art begegnet bist. Er hat Picassos & Klees & Kandinskys & Modrians und eine Menge Deutsche. 1933 wurde er von seinem Posten hier am Realgymnasium der Galerie entfernt, wie alle anderen seiner Art. Über ihn konnte ich eine der besten Privatsammlungen moderner Kunst in Deutschland besichtigen, die Ida-Bienert-Sammlung, die von einem erstaunlichen Cézanne bis zu Léger & Chagall & Archipenko & Marc & Munch & prächtigen Kostproben aller dieser Namen und noch vielen anderen reichte. Darunter auch ein Kokoschka-Porträt von Nancy Cunard!!! gemalt 1924 in Paris. Ich ging zweimal hin, das zweitemal zum Essen, und habe den Katalog für Dich zum Ansehen. Ich hoffe, im Mai in London. Dann eine Menge amüsante Russen (Obolensky), blaublütig und blau vor revolutionären Entbehrungen, mit denen ich mich so angenehm verstrickt habe, daß ich vor Freitag nicht wegkomme, obwohl ich vorhatte, heute abzureisen.
Ich hörte (hier natürlich) eine wundervolle Aufführung der Hochzeit des Figaro, mit einem Cherubino wie die rothaarige Variante des Antonello-Knaben? -Mädchens? in London. Die erste Oper, bei der mir leid tat, daß sie vorüber war.
Ich gedenke, kurz vor Monatsende in München zu sein, auf dem Weg dorthin in Bamberg, Nürnberg, Regensburg und vielleicht Würzburg Station zu machen, obwohl mir vor Nürnberg graust, an das ich die trübsten Erinnerungen habe. Schreib mir in etwa einer Woche poste restante, München.
Es freut mich sehr zu hören, daß es Dir bessergeht, seit Du in London bist, das sich für Dich sehr verändert haben muß, seit Dir Cheyne Gardens verschlossen ist. Richtet Geoffrey in der Harley Street eine ruelle ein? So etwas würde ich ihm zutrauen. Er hat nicht geschrieben. Seine Frau ist zu molle. Wisdom kenne ich. Er ist der Mann, der mich fragte, als er mich in der Harley Street auf dem Weg zu Bion traf, ob ich zu einem Seelenarzt gehe. Er selbst wird von Ernest Jones malträtiert. Meine erste Begegnung mit ihm war in einer Ganztagsschule in Dublin, wo er berühmt war für die Begeisterung, mit der er die Räder für seine Spielzeugmaschinen bastelte. Er ist ein Schulmeister.
Ich habe einen dunklen Brief von Bryan, voll von irgendeinem mysteriösen »Problem« in Dublin und einem »Drama«, das sich Ende dieser Woche ereignen soll. Nach meinen Erfahrungen mit ihm im Dolphin kann ich mir vorstellen, was los ist. Wenn ich recht habe, ist es hoffentlich nicht so ernst, wie es aussieht. Er scheint, auch gesundheitlich, in einer tiefschwarzen Phase zu stekken.
Meinem After geht es besser, über zehn volle Tage in Berlin war es wirklich furchtbar – beängstigend. Ich war auf demWeg der Besserung, als ich Berlin verließ, bzw. verließ ich Berlin, sobald ich auf demWeg der Besserung war, und nun ist es mehr oder weniger vorbei, obwohl nur fraglich ist, wie oft und wie schlimm es wiederkehrt, bevor ich diese Reise zu Ende bringe & nach Hause komme und die Sache behandeln lassen kann. Der verfluchte alte Pruritus ist so schlimm wie eh und je und zweifellos Teil derselben Sache. Aber daran bin ich gewöhnt. Abgesehen davon geht es mir so wie immer.
Ich nehme an, Du hast gehört, daß der Vater von Charles Prentice gestorben ist, als Charles in Florenz war. Ich bekam einen ruhigen Brief aus Greenock und antwortete mit väterlichen Nekrologen der verzweifelten Art, die ich bereue. Man müßte einfach »herzliches Beileid« sagen & einen neuen Satz anfangen.
Ich habe nichts geschrieben und wollte auch nicht, außer für eine kurze Stunde, als sich das schwache Vorgefühl beginnenden Lebens hinter den Augen – das die beste Erfahrung überhaupt ist – zum erstenmal seit Cascando wieder regte und zweieinhalb Zeilen produzierte.
Vielleicht hast Du auch gehört, daß Dent Murphy abgelehnt hat, was ich schon vorher wußte, trotz Churchs Freundlichkeiten. Ebenso danach Cobden Sanderson. Und bald Faber, Secker & Hogarth. Wenn Nott bis dahin nicht widerruft, sollte es mich überraschen. Mir graut davor, nach Hause zu kommen, ohne daß es dort etwas für mich zu tun gibt, was Hand & Fuß hat. Fahnenkorrekturen und eine Veröffentlichung würden mir über die Runden helfen,
bis ich wieder wegkäme. Sie werden von mir erwarten, daß ich diese Reise zu Geld mache, sofort und alles auf einmal, und das kann nicht sein, das wird eine bessere Reise als so eine. Aber Mutter wird einen Morton oder Doyle erwarten.
Herzlich Dein
Sam

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erstellt am 29.4.2013

Samuel Beckett, 1977
Samuel Beckett, 1977

SAMUEL BECKETT
Weitermachen ist mehr, als ich tun kann
BRIEFE 1929-1940
Herausgegeben von George Craig (Editor), Martha Dow Fehsenfeld (Founding Editor), Dan Gunn (Editor) und Lois More Overbeck (General Editor)
Für die deutschsprachige Ausgabe übersetzt und eingerichtet von Chris Hirte
Mit zahlreichen Abbildungen Etwa 800 Seiten. Gebunden
Suhrkamp Verlag, 2013

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